Görlitzer Brief

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

Oh, das war schön, Herzbruder, lieber Freund,
als wir die kalte, klare Weihenacht
ausfuhren übers eingeschneite Land!
Durchs Astgewirr der Pappelbäume brach

5

der stillen Felder meilenweites Weiß;
die Erde ward uns wieder einmal rund,
und unser Geist ein Vogel über ihr.
Die Pferde dampften, und mit ihrem Trab
im Takte scholl das traute Schellenzeug;

10

des Kutschers Riesenmantel flatterte,
und holte seine Sensen-Geißel aus,
so war es Kronos selber, der uns fuhr.
So saßen wir nachdenklich Seit' an Seit',
mit seiner jungen Hoffnung jeder still,

15

und jeder still mit seiner jungen Not.
Da plötzlich, als der Blick sich grenzenlos
auf Äcker öffnete - ein weißer Blitz -
ein blendend Meteor! - und wieder Nacht.
(Mir hat einmal ein Weib aus meiner Hand

20

den Lebenslauf des Meteors gesagt.)
Die Kälte schnitt, und knirschend sang der Schnee.
Wir wandten um, und als die alte Stadt
nun wieder näher kam, da glänzte hier
und glänzte dort ein baum-erhelltes Haus:

25

Es war mir wie ein tiefes, fernes Lied
von Erdenkinder Hoffen und Geduld -:
Ein bisschen Lieb' und Licht, - und schon ein Fest! -
Doch freilich, wieviel Häuser lagen schwarz! -
Nun schlief die Ebne wieder hinter uns

30

mit ihrem ungeheuren Firmament, -
noch seh ich, wie die Sterne funkelten!
Oh, das war schön, Herzbruder, lieber Freund!

 

 

Lyrik | Ich und die Welt
Einleitung: Fritz und Liese K.
Jünglings Absage | Caritas, cartatum caritas | O - Raison d'Esclave | Gebt mir ein Ross... | Frühling | Das Königskind | Leise Lieder... | Frohsinn und Jubel... | Was rufst du... | Nun hast auch du... | Winternacht | Ein Wunsch | Als ich einen Lampenschirm mit künstlichen Rosen zum Geschenk erhielt | Entwicklungs-Schmerzen | Schicksals-Spruch | Frage ohne Antwort | Wohin? | Inmitten der großen Stadt | Am Meer | Vaterländische Ode | Der einsame Christus | Der Blick | Der Wissende | Das Auge Gottes
Stimmungen vor Werken Michelangelos: Der Abend | Ein Sklave
Frühlingsregen | Abend am See | So möcht ich sterben... | Schicksale der Liebe | Casta Regina! | Prometheus | Hymnus des Hasses | Wenn du nur wolltest | Der Spieler | Im Eilzug | An Friedrich Nietzsche | Odi profanum... | An Sirmio | Auf der Piazza Benacense | Fliegendes Blatt | Übermut | Bahn frei! | Per Exemplum | ΅Ασβεστος γελως | Botschaft des Kaisers Julian an sein Volk | Auf mich selber | Übern Schreibtisch | Vor alle meine Gedichte | Wir Lyriker | Pöblesse obligée | Einigen Kritikern | Kriegerspruch | Herbst | Ein fünfzehnter Geburtstag | Und so hebe dich denn... | Die Kinder des Glücks | Gefühl | Bei einer Sonate Beethovens | Vor die vier Sätze einer Symphonie | Kinderliebe | "Aber die Dichter lügen zu viel" | Glück | Macht-Rausch | Präludium | Wo bist du... | Gleich einer versunkenen Melodie... | Gesellschaft | Lieder! | Ewige Frühlingsbotschaft | An Mutter Erde
Aus einer Liedergruppe: Feierabend | Volkslied | Geheime Verabredung | Erntelied | Der Abend | Nachtwächterspruch | O Friede!
Erden-Wünsche | Eins und Alles | Ob sie mir je Erfüllung wird | Künstler-Ideal | An meine Seele | Mondstimmung | An die Wolken | Vor Strindbergs "Inferno" | Ne quid nimis | Quos ego! | Natura abundans | Du trüber Tag... | Konzert am Meer | Der freie Geist | Nur wer... | Die Luft ward rein... | Aus Religion | Ja trutze nur... | Morgenstimmung | Weiße Tauben | Allein im Gebirg | Abendpromenade | Görlitzer Brief | An die Moral-Liberalen | An N. | An ** | An denselben | Lebensluft | Stilles Reifen | Mensch Enkel | Abendläuten | Oh zittre mir nicht so... | Lebens-Sprüche | Was mir so viel vom Tage stiehlt... | Wohl kreist verdunkelt oft der Ball... | Singende Flammen | Moor | Nächtliche Bahnfahrt im Winter | Dunkle Gäste | Begegnung | Dunst | Ohne Geige | Venus Aschthoreth | Reine Freude | An die Messias-Süchtigen | Ersehnte Verwandlung | Mitmenschen | Die russische Truhe | Vorfrühling | Thalatta! | Zum II. Satz (Andante con moto) von Beethovens Appassionata | Eine junge Witwe singt vor sich hin | Mir kommt ein altes Bergmannslied zu Sinn | Du dunkler Frühlingsgarten...


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 282f.