Georg Hirschfeld (Artikel in Der Kunstwart)

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65. Georg Hirschfeld

Ich erinnere mich eines Gespräches, das ich mit Georg Hirschfeld
im Winter 94/95 auf dem Berliner Opernplatze hatte, und in dem
er mir von seinem werdenden Stück erzählte, das kürzlich als das

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vieraktige Drama "Die Mütter" auf den Brettern des Deutschen
Theaters einen durchschlagenden Erfolg errang. Er präzisierte
mir damals den jungen Musiker Robert als den Typus jener unglücklichen
Halbnaturen, welche engem jüdischen Milieu ent-
stammend durch den berauschenden, üppigen Zauber der Wagneroper

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zuerst den Kontrast zwischen der schmuck- und illusionslosen
Welt zuhause und einer schönheitsüberschwenglichen
Idealwelt in seiner ganzen Bitterkeit kennen und empfinden gelernt
haben. "Was wollt' ich denn?" fragt der Heimgekehrte -:
"Ein bißchen Schönheit, ein bißchen Hellas!" Freilich wollt' er

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einst mehr, als er das Elternhaus verließ, aber wenn dies Sonnenblickchen
da gewesen wäre, es hätte ihn doch gehalten. Er wollte
ja ein großer Komponist werden, - aber auch in diesem höchsten
Wollen liegt wieder eine Tragik, die als eine spezielle empfunden
sein will, weil sie sich gerade an den tonbegabten Kindern der

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jüdischen Rasse mit fast ausnahmsloser Regelmäßigkeit bis jetzt
wiederholt hat. Und zu dem noch eines: "Wagner ist ein Vampyr:
er gibt die Wollust, aber er saugt einem dafür alles Eigene aus."
"Beethoven hätte uns retten können..." sagt Lydia in der Novelle
"Bei Beiden", und Beethoven hat sicher auch seinen Teil an der

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Rettung des jungen Dichters aus der vernichtenden Schwermut
unter dem Zeichen Dämon Kleists. Ich muß immer an das Wort
denken, das ihm Gerhard Hauptmann nach der Aufführung der
"Mütter" sagte: "Von der Musik am Anfang geht ein reiner Akkord
in das ganze Stück über." Das ist ja eben das Große, das

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Größte an diesem ersten Wurf, daß er von einem so reinen, edlen
Geiste getragen ist. Ein Durst nach Schönheit redet aus dieser
jungen Dichterseele, wie unsere ganze Zeit ihn unwiderstehlich
empfindet. Nicht, daß wir wieder die Welt in Rosa sehen wollen,
bedeutet dies, sondern daß wir mit vornehmen Augen nun wieder

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auf die Dinge schauen wollen, »da nun die niederen Mächte
überwunden, die gröberen Elemente sich gefüget."

        "Die Schönheit ist's, die nicht zum Ammenmärchen
        Die Welt uns wandelt und das Menschenschicksal,

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        Zaghaft der Wahrheit heiligem Ernst entfliehend -
        Nein! die das Leben tief im Kern ergreift
        Und in ein Feuer taucht, draus es geläutert
        In unbeirrter Freude Glanz hervorgeht,
        Befreit vom Zufall, einig mit sich selbst -

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        Und klar hinwandelnd wie des Himmels Sterne!"

So hat unser Gottfried Keller geschrieben und der hat gewußt was
Schönheit ist.
Um sie weiß auch Georg Hirschfeld. Selbst in einem so herben
Stoff wie die "Steinträger Luise" vermisse ich sie nicht. So unscheinbar

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das Problem, so sehr empfinde ich gerade diese kleine
Dichtung als eine der unzähligen Variationen des Schicksalslied-
Motivs, wie sie im letzten Grunde jedes ernste Kunstwerk ist. Was
nun überhaupt die Frauengestalten Georg Hirschfelds betrifft, so
scheint mir in deren Zeichnung seine Hauptstärke zu liegen. Ich

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denke dabei nicht zum wenigsten an die Hauptfigur der demnächst
erscheinenden Novelle "Der Bergsee"; und es ist interessant,
daß die nächste Aufgabe, die der Verfasser der "Mütter"
sich stellt, die Vertiefung in das Problem einer Mädchenseele ist,
die in den Kampf der modernen Anschauungen und Forderungen

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tief verwickelt, zu eigenen Wegen sich durchringt.
Und was ist neben der Mutter und der Schwester Boberts die einfache
Marie Weil für ein "Kerl"! Sie ist nicht nur die Proletarierin
schlechthin, sie ist - wie die andern - als Mutter im höchsten, im
faustischen Sinne gedacht, als die Ahnin eines heraufkommenden

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Geschlechts, in dem das, was im Proletariat Großes und
Keimfähiges steckt, in die Bourgeoisie heraufwachsen, sie umgestalten,
sie mit neuem Leben erfüllen wird! Ich höre, daß der
Schluß dahin geändert werden wird, daß Marie die Villa verläßt
und ihr weiteres Schicksal unbestimmt bleibt. Das ist gut - ganz

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abgesehen von der Bühnenwirkung -; denn unsere Gedanken
können nun über das Stück hinaus gehen — zu dem Kinde der
Proletarierin.
Der Naturalismus tritt mit Georg Hirschfeld in seine Friedensperiode

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ein. Große Geister haben die Bahn bereitet: wer nun
kommt, darf mit dem Friedenszweige kommen: denn er ist für
das Volk und dieses ist für ihn - erzogen.          Chr. M.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 147ff.