Ger Trud: Malererbe. Studie zum Lebenswek Christian Morgensterns. 1919

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Titel
Malererbe. Studie zum Lebenswerk Christian Morgensterns.
Pfeil-Verlag G.m.b.H., Wittenberger Platz 4, Berlin, 1919
Paperback, 48 S.
von Ger Trud (Gertrud Isolani)
Inhalt

Malererbe. Studie zum Lebenswerk Christian Morgensterns.

(Anmerkung des Archivs:
Dieses Werk ist noch nicht gemeinfrei. Es wird nicht mehr verlegt, ein Rechtsnachfolger war nicht zu ermitteln. So habe ich mir die Freiheit genommen es hier zu veröffentlichen. Einwände von Rechteinhabern werde ich natürlich sofort berücksichtigen.
Im Original gibt es keine Kapitelnummerierung, diese sind durch drei Sternchen abgeteilt. Ich habe eine Nummerierung anstelle der Sternchen lediglich der besseren Handhabbarkeit eingefügt.
Sämtliche Links innerhalb des Textes sind durch mich eingefügt wurden.)

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Verteidigung

Ein Vorwort

Das vorliegende Buch "Malererbe", das den Versuch einer aufklärenden Studie zum Lebenswerk Christian Morgensterns darstellt, bedarf von vornherein meiner eindringlichsten Verteidigung gegen mehr oder weniger berechtigte Vorwürfe des toten Dichters einerseits, dessen stillen Einspruch ich ebenso kräftig wie den eines Lebenden fühle, des gestrengen Lesers andererseits, dessen sachliche Einwendungen ich ahnen kann und, ehe sie noch ausgesprochen, widerlegen möchte. Zunächst will und muss ich mich vor Christian Morgenstern selbst rechtfertigen, dessen leidend-liebes Gesicht mich gütig-vorwurfsvoll beim Schreiben anschaut; eine Rechtfertigung, die mir schwer werden wird. - Denn auch der Leser wird es mit mir mindestens als Kühnheit - dass sie verzeihlich, will ich hier dartun - ansehen, dass ich es überhaupt wage, an dem Menschen und Dichter Christian Morgenstern herumzudeuteln, äußere Lebensumstände mit innerer Entwicklung forschend zu verknüpfen, dass ich es überhaupt wage, zu biographeln angesichts der Biographengesindel verachtenden Art meines verehrten Dichters. Wusste ich doch, wie gründlich zuwider dem Dichter jegliches Biographentum im Allgemeinen und an sich selbst im Besonderen war.

"Wenn ich aber tot sein werde," fleht er 1908, "so tut mir die Liebe und kratzt nicht alles hervor, was ich je gesagt, geschrieben oder getan. Glaubet nicht, dass in der Breite meines Lebens das liegt, was Euch wahrhaft dienlich sein kann. - Isst man denn an einem Apfel auch alles mit: die Kerne, das Kerngehäuse, die Schale, den Stengel. Also lernt auch mich essen und schlingt mich nicht hinunter mit allem, was nun zwar zu mir ge-

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hört und gehörte, aber von dem ich selbst so wenig wissen will, wie Ihr davon sollt wissen wollen. Lasst mein allzuvergänglich Teil ruhen und zerfallen: dann erst liebt Ihr mich wirklich, habt Ihr mich wirklich verstanden."

Sind diese bittenden Worte noch nicht deutlich genug, um alle Biographengelüste zu ersticken? wird man mir vorwerfen. Und wirken auch jene überlegen spottenden Worte Morgensterns nicht entmutigend: "Hüte dich, heute zu sterben! Sonst wirst du unvermeidlich Gegenstand einer Trauerfeier. Du bist vielleicht dein ganzes Leben dem feiernden Volke aus dem Wege gegangen; stirbst du zur Unzeit, das heißt heute, so hilft dir kein Todesgott vor dem endlichen 'Theater über dir', an dem der Philister sich sättigen muss, soll er von dir überhaupt etwas haben." Auch dieser Ausspruch des Dichters konnte meinen Willen zum Zeugnisablegen nicht lähmen.

Wohl sah ich ein, dass jene Abneigung Morgensterns gegen ein Analysieren seiner eigenen Person nicht nur der bekannten Bescheidenheit.des Dichters und einer erklärlichen Scham vor der Preisgabe seines Wesens entsprang, sondern auch aus einer gründlichen Selbstkenntnis erwuchs, die gut zu wissen glaubte, dass es eben an ihm nichts zu deuteln und spüren gab. Geht dies ja auch klar aus der sachlichen Feststellung in den Stufen hervor: "Bei Hunderten mag es fesselnder und lohnender sein, den Bedürfnissen nachzuspüren, woraus ihre Werke entsprungen sind, als diesen Werken selber. Bei mir mag man sich mehr an das halten, was ich schreibe." Ein Rat übrigens, den ich in der Analysierung selbst befolgte, habe ich mich doch bei meinem Nachweis des Malererbes in Christian Morgenstern mehr noch mit dem Ausströmen dieses Malertums im Werke des Dichters beschäftigt, als mit Lebens- und Werdensbeziehungen des Menschen.

Aber freilich, schon die Tatsache einer Analyse überhaupt, schon den Willen zum biographischen Kombinieren verdammt Morgenstern. "Was wird einem geistigen Wanderer nicht alles angesonnen, über Kopf, Hals und Schulter gesonnen!" beklagt er sich in den Stufen." "Wieviel Mühe gibt man sich nicht,

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ihn und das Seinige abzuleiten! Als ob ein geistiger Weg nicht aus sich selbst verstanden werden könnte, müsste!" Diese letzte Forderung Morgensterns nun diene mir als Entschuldigung. Der Versuch, jenen geistigen Weg Morgensterns aus sich selbst heraus zu verstehen, war das Ziel dieses Buches, und der verehrte Dichter wie der gestrenge Leser mögen mir verzeihen, wenn meine Ausführungen noch nicht Erfüllung sind, nur erst Versuch blieben. Und mögen mir weiter verzeihen, wenn ich vielleicht noch darüber hinaus - freilich nicht aus dem vom Dichter so verachteten Motiv der journalistischen Ausschlachtung - manches meinem geistigen Wanderer angesonnen, über Kopf, Hals und Schulter gesonnen habe. In der Hauptsache jedoch hielt ich mich, des Dichters Worten folgend, an das, was er selbst auszusprechen für würdig hielt, an die Biographie, die sein Werk mir gab. Musste mich schon notwendig nur daran halten, weil kaum anderes, kaum Tatsachenmaterial, keine Daten über sein Leben vorliegen. Um zu beziehen, zu verknüpfen, zu kombinieren, abzuleiten, muss man mindestens Ausgangs- und Anhaltspunkte haben. Sie fehlen fast völlig im Leben Morgensterns. All das vom Leben des Dichters, was ja vor aller eindringenden Leser Augen bloßliegt, zusammenzufügen zu dem Bild eines Maler-Dichters, nur dies war meine Aufgabe. Den Menschen Morgenstern darzustellen, soweit er nicht nur MalerDichter ist - eine gar zu umfassende Aufgabe, dessen Zeit wohl noch nicht gekommen ist - möchte ich mich im Rahmen dieses kleinen Büchleins noch nicht unterfangen. Jegliche Enträtselung nichtssagender Jahreszahlen, äußerer Lebensumstände, natürlichster Tatsachen und gleichgültigster Verhältnisse lag mir fern. Ich glaube gewissenhaft die Kunst des Verschweigens geübt und kleinlicher Autoreneitelkeit kein Teilchen vom Wesen des Dichters geopfert zu haben.

Eine Lebensbeschreibung Christian Morgensterns ist nicht vorhanden. Ich wollte sie erstens nicht geben, da ich - voll sein Schicksal kennend — ihm nur zustimmen kann, dass in, der Breite seines Lebens das nicht liegt, was mir oder dem Leser wahrhaft dienlich sein kann. Und zweitens auch hätte ich

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sie nicht geben können , wollte ich mir doch sachliche Unvollständigkeit - in Ermangelung notwendigsten Tatsachenmaterials unvermeidlich - keineswegs vorwerfen dürfen.

Einen Ausweg doch fand ich, dir, Meister, nicht weh zu tun und dich zu befriedigen, Leser. Keine Biographie zwar gab ich mit Zahlen und Worten und Gründen und Schlüssen, doch die Darlegung einer einzigen Wesensart Morgensterns, seines Malertums, benutzte ich dazu, den Lebensweg dieses Dichters als unauffälligen Rahmen dem leuchtenden Malerporträt zu geben - ein Rahmen, der nur Beiwerk, nur Zierde ist und nicht Anspruch erhebt, für das Bild unentbehrlich zu sein. So habe ich, Meister Morgenstern, wenigstens den Willen gehabt, dich köstlichen Apfel nicht mit Stumpf und Stil hinunterzuschlingen, sondern hübsch die Kerne, den Stengel, die Schale zu meiden.

Nun noch ein Wort dem Leser, dessen Nachsicht vor allem für die Form meiner Ausführungen ich erbitten muss. Die große herrliche Einseitigkeit Morgensterns habe ich in meinem Buche darzustellen versucht, jene Einseitigkeit des Malerschaffens in all seinen Schöpfungen, die so zahlreiche Vielseitigkeiten in sich birgt. Ich wollte und konnte, wie schon gesagt, diese Malernatur nicht allein aus Umwelt und Lebenslauf herleiten; ich sah sie vor allem in jedem Wort seiner Werke. So kam es, dass meine Beweise für Morgensterns Malertum vielfach Zitate sein mussten , dass ich in allzu großer Scheu vor dem Ausdeuteln und dem Selbsthinzudichten nur ihn allein durch sein Werk sprechen ließ. Man soll es mir drum nicht als philologische Trockenheit vorwerfen, dass ich selbst nur den verbindenden Text zu Morgensterns Werken schrieb; es war durchaus einmal notwendig, den roten Faden im Leben und Wirken Morgensterns bloßzulegen, den nur wenige bisher hervorschimmern sahen. Man soll mir auch nicht die Einseitigkeit dieser biographischkritischen Beleuchtung vorhalten. Ich rühme mich ja gar nicht, mit diesem Büchlein, das doch nur "Studie zum Lebenswerk " Christian Morgensterns, nicht lückenlose Biographie und umfassende kritische Würdigung sein will, den ganzen vielseitigen

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Christian Morgenstern erfasst zu haben. Ich wollte nur durch eindringlichen Hinweis auf eine Seite im Menschen und Dichterphilosophen Morgenstern, durch Aufzeigung seines Malertums , zum tieferen Allgemeinverständnis des Dichters, zum Verständnis mancher Züge in seinem Wesen und Werk, die eben nur durch dieses Malertum zu erklären sind, ein wenig beitragen. Nochmals: dies Buch sei keine Biographie, sondern nur ein Führer durch das Werk Christian Morgensterns unter dem einen bestimmten Gesichtspunkt.

Zu wünschen nur bleibt mir, dass mein guter Führerwille und meine ehrliche Führerbegeisterung den Leser gewinnt zu eigenen Streifzügen durch das Dichterland Christian Morgensterns.

Berlin, Dezember 1919.

Gertrud Isolani.

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ist leer

S. 11

I

Nicht nur die Dramatiker von heute sollten in naturalistischem Wahrheitsdrang, Ibsenwege wandelnd, das Drama der Vererbung schreiben, das wohl stets, nur immer neu variiert, die Tragödie der Erbkrankheit sein wird; nicht allein diese freien Gestalter phantasiegeborener Lebewesen, nein auch die mehr oder weniger trockenen Chronisten tatsächlicher Lebensschicksale, die Biographen berühmter Menschen - ob sachlich registrierende oder nacherlebende Biographen - sollten immer mehr das Lebensdrama der Vererbung zeichnen, sollten an allen ihren Erwählten nachweisen können, wie sich Ahnenblut in ihnen zeigte, mischte, wessen leibliches Erbe - des Geistes oder des Körpers - sie wissend oder unbewusst antraten. Es wird sich dann erweisen, wie es sich feinfühlenden Biographen wohl schon längst offenbarte, dass man viele Dichter, manchen Menschheitsbeglücker nur wie den unglücklichen Oswald, nur stark belichtet vom Schein der Vorfahren, sehen darf, um Leben, Wesensart, Leidensgang erst völlig verstehen, ganz erfühlen zu können. Das Ureigenste eines Menschen kann erst dann plastisch gesehen und gestaltet werden, wird er nicht zuerst als diese Individualität, sondern als Glied einer Kette, als Spross seiner Eltern betrachtet.

Man kann nun allerdings bei jedem Großen oberflächlich irgend so ein Erbteil nachweisen oder es als gegeben nachleiern - wie ja doch jeder noch so beschränkte Lehrer von Goethes ererbter Statur und Frohnatur nachzuplappern weiß -; worauf es ankommt jedoch, ist ein ernsteres Ziel: ist der Wille, streng und logisch zu erforschen und zu empfinden, wie sich Ererbtes mit

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Ureigenstem mischt oder von ihm löst, mit ihm kämpft, siegt oder unterliegt.

Vom körperlichen Erbteil z. B. sagt ja dem Biographen Tatsachenmaterial meist genug, und die Kombinationsgabe des Forschers bleibt daher ausgeschaltet. Es sagt z. B. trocken vom Dichter Christian Morgenstern, dass seine Mutter, die lungenkrank, an diesem Leiden starb, als der Knabe 9 Jahre alt war, dass sich bei ihm selbst das gleiche Leiden schon in früher Jugend zeigte und im Alter von 23 Jahren zum Ausbruch kam, dass er dann jahrelang von einem Sanatorium ins andere ging, zuerst das Studium bei Dahn unterbrechend, in Rheinerz, später dann abwechselnd in Meran, Davos und Arosa Besserung suchte und schließlich in Meran an diesem ererbten Lungenleiden 43 Jahre alt starb. Schwieriger schon zu erforschen, wie weit diese Krankheit sein seelisches und geistiges Leben beeinflusste. Ich glaube z. B. schließen zu dürfen, dass ihn nicht nur die Krankheit an sich bedrückte, was ja aus vielen seiner tief melancholischen Gedichte, die sein Einsamkeitsgefühl spiegeln, klar ersichtlich, sondern auch, dass es ihn, der den Norden, seine herben Menschen, seine großen Dichter und ihre Sprache so innig liebte und so stark mitlebte, viel, allzuviel gekostet hat, seines Leidens wegen nie dort, nur immer im Süden leben zu dürfen. Diese ererbte Krankheit auch scheint mir starkes Licht zu werfen auf seine innerlichste Beschäftigung mit theosophischen Problemen. Je mehr sein Leiden ihn von der großen Welt abschloss - ich kann dies alles hier leider nur streifen und muss tieferes Eindringen dem Leser überlassen - desto inbrünstiger zog sich der einsame Gottsucher in sich selbst zurück, desto mehr lebte er nur noch in dem einen Menschen, dessen Führerschaft er voll vertrauend anerkannte, in Rudolph Steiner, dem Theosophen, mit dem er einen gemeinsamen Pfad zur Höhe wandeln wollte. Im vorgeschrittensten Stadium der Krankheit und kurz vor seinem Tode sehen wir den Dichter völlig im Banne der Theosophie. Seine letzten Bücher, besonders Wir fanden einen Pfad (das Steiner zugeeignet) und auch Einkehr, erweisen dies zur Genüge. Und dem Biographen nicht unwichtig ist die eigentümliche, doch auf ärztlichen Erfahrungen beruhende Tatsache, dass gerade Lungen-

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kranke sich oft und eindringend der Theosophie zuwenden, ja dass gerade aus der großen Menge der Lungenkranken die meisten Theosophen hervorgingen. Dies nur ein kurz skizziertes Beispiel, als Hilfsmittel des forschenden Biographen, zur physischen Vererbungsfrage.

Weit anregender, aber auch weit schwieriger ist das Biographenthema der seelischen und der geistigen Vererbung, das gerade in Christian Morgensterns Leben einer eingehenden Behandlung wert erscheint. Übrigens hat das große Unsterblichkeitsproblem, um das schon so mancher Philosoph und Laie erbittert rang, auch der Dichter-Philosoph Morgenstern oft und unermüdlich zu lösen gesucht. Wir finden da die für ihn bezeichnende Auffassung des Fortlebens nach dem Tode an einer Stelle seines aufschlussreichen Tagebuches, wo er von seiner festen Hoffnung spricht, dass er immer da sein werde: "Und wenn ich heute meinem Leibe nach sterbe, wer will wissen, ob ich dann nicht mein Freund bin?" Und dann wieder: "Wer will wissen, ob er nicht aus seinem Freunde (wenn auch ganz und gar als dieser und mit allen physischen Prämissen) in die Welt blickt, in demselben Moment, wo er sein Bewusstsein verliert. Solange ich in meiner Form befangen bin, kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite." Und noch an mancher anderen Stelle dieser oft nicht leicht nachzusteigenden Stufen wird jenes Thema von der geistigen Erbschaft, von der Unsterblichkeit des Geistes gestreift.

Dies die Anschauung des Lyriker-Philosophen, und gleichsam als lebendiger Beweis seiner Anschauung steht er selbst, der Mensch Christian Morgenstern, vor uns, er, dem Großvater und Urahnen mit ihr geistiges Fortleben, ihr Unsterblichsein verdanken. Was Morgenstern von dem Fortleben in irgendeinem Freunde sagte, trifft mehr noch auf das leibliche Kind und Kindeskind zu, denn hier gesellt sich dem geistigen, dem Ideenerbe, meist auch das körperliche Erbe, oder besser: das geistige ist hier ein Teil des körperlichen Erbes.

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II

Ein Malererbe, das köstlichste Vermächtnis einer langen Ahnenreihe von Künstlern und zum Teil Meistern des Stiftes, trat Christian Morgenstern an. In welcher Art der Maler-Dichter - nur ihm gebührt der Name - dieses kostbare Erbgut verwaltete, wie er es hegte und pflegte, es zum Eigenbesitz machte, wie es seine ganze dichterische Eigenart beeinflusste, dies nachzuweisen ist des Biographen Mühe wert, ist der Zweck dieser Ausführungen. Gesprochen hat Morgenstern allerdings nur ein einziges Mal, und zwar in dem Gedichtband: Und aber ründet sich ein Kranz, von diesem väterlichen Erbe, das, so oft es auch mit seiner Dichtereigenart herrlich harmonierte, zuweilen doch stark der Natur seines Dichterschaffens Hindernis war. Das Uebernommene ist ihm nicht nur Gabe, auch Bürde, mit der im Zwiespalt zwischen Maler und Dichter er hart zuweilen ringt. Von solchem Kampf zeugt jenes Gedicht:

"O Schicksal, Schicksal, Schicksal, warum gabst du mir
Den Griffel statt des angestammten Stiftes, ließest
Mich darben mitten im verschwenderischsten Überfluss!
O Schicksal, nimm den Kelch der Bilder von mir, nimm
Der Väter Schöpfersinn, mit neuer Phantasie vermählt
Aus diesem Herzen, allzu großer Träume voll,
Als dass es in Ergebung schweigen könnte. Nimm
Die Qual mir, unter einer schaffensohnmächtigen Welt
Ein Seher ungeborner Welten, stammelnd einherzugehen!"

III

Christian Morgenstern, geboren 1871 in München, der Stadt der bildenden Künste, stammte väterlicher- wie mütterlicherseits von Malern ab. Sein Malerstammbaum väterlicherseits reicht bis vor 1800 zurück. Um dieses Jahr lebte der Miniatur- und Porträtmaler Johann Heinrich Morgenstern, dessen Vater in Dresden 1754 geboren wurde. Am 29. September 1805 ward dem Johann Heinrich Morgenstern, der in Hamburg lebte, ein Sohn namens Christian geboren. Von dem wechselvollen, schicksalsschweren Leben jenes später großen Malers Christian Morgenstern, des Großvaters unseres Dichters, erzählt recht ausführlich ein dem

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Kunstkenner längst liebes Werk: Andreas Andresen: Die Maler und Radirer des 19. Jahrhunderts. Fast märchenhaft kühn und unwahrscheinlich klingt die Jugendgeschichte jenes Malers, der, noch ein Kind, die grausame Schreckensherrschaft des Davoust in Hamburg am eigenen Leibe erfahren musste, dem noch dazu gerade in jener Zeit der Vater und Ernährer der ganzen Familie durch den Tod entrissen worden, und der sich schon als Knabe mit seinem heiß geliebten Malkasten sein Brot verdienen musste. Von strengen Lehrjahren bei zwei angesehenen Dekorationsmalern, den Brüdern Suhr, von weiten und künstlerisch anregenden Reisen, die er mit ihnen machte, von noch höherer Kunstunterweisung bei dem Landschafter Bendixen, erzählt unterhaltend jene Biographie. 1827 ging Christian Morgenstern nach dem Norden (Kopenhagen), der ihm - ähnlich wie seinem berühmten Enkel - bald zur zweiten Heimat wurde, den er aber schon 1829 wieder verließ, um für immer nach München überzusiedeln, wo er bald Mittelpunkt eines großen Kreises von Malern wurde und ihn besondere lebenslängliche Freundschaft mit dem Maler C. Rottmann verband. Nach vielem ruhelosen Herumreisen gründete er 1844 endlich einen eigenen Herd, indem er Fräulein Luise von Lüneschloss, die Pflegetochter des Miniaturmalers C. Restallino, ehelichte. 1846 wurde ihnen ein Sohn geboren, der spätere Landschaftsmaler Karl Ernst Morgenstern, der jetzt noch lebende Vater unseres Dichters. Am 26. Februar 1867 starb Christian Morgenstern in München. Sein Name ist noch heute - und nicht nur in Malerkreisen - lebendig, er selbst besonders bekannt und beliebt als Maler der Lüneburger Heide. Nicht ohne Grund erwähne ich diesen Großvater des Dichters hier so ausführlich und empfehle jedem, der den Dichter kennen lernen will, sich auch, und vor allem, mit dem Maler, seinem Großvater zu beschäftigen. Das großväterliche Erbe, das Morgenstern antrat, ist größer, als man ahnt und von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wie eigenwüchsig auch Christian Morgenstern gewesen sein mag, er war doch völlig das Produkt seiner Ahnen, seines Vaters weniger noch als seines Großvaters, den er nicht mehr gekannt hat.

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Nicht verwunderlich drum, wenn man im Leben und Wesen des Großvaters und des Enkels manche gleichen, viele ähnlichen Züge findet, wenn man beispielsweise im Leben beider den sehnsüchtig ruhelosen Wandertrieb beobachtet oder die Liebe zur malerischen Herbheit des Nordens trotz des Wohnens im Süden feststellen kann. - Jenes leiblich-geistige Band zwischen ihnen scheint auch der Dichter bewusst und unbewusst oft gefühlt zu haben; ist es doch wie ein ehrfürchtiger Dank für das köstliche Malererbe, wenn er sein nachdenkliches Buch Melancholie, dem Andenken seines Großvaters weiht.

Des Dichters Eltern nun waren der jetzt in Krummhübel lebende Landschaftsmaler Karl Ernst Morgenstern, bekannt vor allem auch als der Entdecker aller malerischen Schönheit des Riesengebirges, und Charlotte Morgenstern, die Tochter des Malers Schertel, eines Schülers und späteren Freundes Großvater Morgensterns. Von der Mutter, die Christian Morgenstern schon als lOjähriger Knabe verlor, mag er - in der malerischen Seite seiner Entwicklung zum Dichter kaum gefördert worden sein. Nur die Lungenkrankheit, an der auch sie starb, war sein mütterliches Erbe. Die Frauen, die sein Vater später heiratete, konnten ihm nie zu Müttern werden, und so mag er wohl oft vor dem Bild der ihm so früh Entrissenen geklagt haben wie in Melancholie:

"Kehrst du nie zurück, auch nicht im Geiste?
Bist du mir gestorben ewiglich?
Und doch gab es eine Zeit; da kreiste
Deines Herzens Blut durch dich und mich!"

IV

In München, wo Christian Morgenstern am 6. Mai 1871 geboren wurde und die ersten noch ungetrübten Jugendjahre verlebte, wurde der Keim zum Maler-Dichter in ihm gelegt. In der wenig malerischen Theresienstraße zwar steht sein Geburtshaus; bald aber zog der Vater nach der herrlich natur- und kunstschönen Nymphenburger Straße, wo der kleine Christian eindrucksvolle Jugendjahre durchlebte. Das vornehme und wiederum

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liebliche Häusel Nr. 99 der Nymphenburger Straße scheint ais Wohnsitz gerade auf Maler immer besondere Anziehungskraft ausgeübt zu haben. Nach Professor Karl Ernst Morgenstern erwarb es Maler Neubert, und von diesem ging es im Jahre 1885 in den Besitz des bekannten nordischen Malers Grönvold über, der es noch heute bewohnt. Wer einmal die stolze und zugleich liebliche Allee, die nach Nymphenburg führt, hinuntergegangen und an dem freundlichen Giebelhaus mit parkartigem Garten vorbeigekommen ist, wer einmal die architektonisch so imposante und doch so freundlich dreinschauende Kunststadt München einerseits und die stille Naturlieblichkeit Nymphenburgs anderseits in sich aufgenommen hat, der wird verstehen, wenn Morgenstern von den hier verlebten Kindheitsjahren sagt, dass sie "grundlegend waren für ein Verhältnis zur Natur, das ihm später die Möglichkeit gab, zeitweise völlig in ihr aufzugehen." Hier in dem "aller Kunst und heiteren Geselligkeit geöffneten Hause" seines Vaters mag der Knabe die ersten und, was meist gleichbedeutend, tiefsten malerischen Eindrücke empfangen haben.

Auch die trüben, unwillig geduldeten Jahre des Schulzwangs zuerst in Breslau, dann in Sorau konnten das malerische Sehen des Knaben und Eindringen in Kunst und Natur nur vertiefen. In Breslau der Kunst wohl näher stehend - sein Vater wirkte an der dortigen Akademie der Künste - kam er in Sorau wiederum, wo er sich viel im Freien tummelte, dem Herzen der Natur näher, stammen doch aus jener Zeit ein paar herrlich naturfreudige Tagebuchergüsse. - Und betrachten wir einmal vom Standpunkt des Malers aus den Anlass zum ersten Gedicht des zwanzigjährigen Primaners Christian Morgenstern, zum Gedichte Der Melderbaum, das ich erstmalig 1917 im Zeitgeist veröffentlichte, so werden wir feststellen, dass zu diesem dichterischen Jünglingserguss vor allem Einwirkungen auf das Auge, malerische Eindrücke den Anstoß gaben. Ist es nicht ganz natürlich, dass gerade dem Malerspross Christian Morgenstern jenes seit alten Zeiten in Sorau übliche Schülerbergfest zum künstlerischen Erlebnis werden musste! Mag es nicht auch ein großer Anblick gewesen sein, Auge und Hand eines Malers wert, wie

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die Schüler des Sorauer Gymnasiums gegen Abend mit Fackeln auf einen Berg zogen, wo eine einsame Fichte thronte, wie sie in weitem Kreise aufgestellt, die brennenden Fackeln in den aufleuchtenden Baum schleuderten? Und dem erwachenden, werdenden Dichter Morgenstern ward diese schlichte Schülerfeier, von Studenten- und Vaterlandsliedern umrahmt, zum großen künstlerischen Erlebnis, dessen Aussprache, dessen endliche Form zwar ein Gedicht, dessen bester Gehalt jedoch ein Gemälde wurde. Der junge Morgenstern sah mehr mit Maler- denn mit Dichteraugen; nicht der Sinn, wohl kaum die erhabene Bedeutung einer solchen Feier war ihm das starke Erlebnis, weit mehr das in hellem Feuerschein Erglänzen des fernen Waldessaums, der in dichten Wolken gerötet aufsteigende Rauch, das Flammenmeer, das aus der Erde brach, die durch die dunkle Landschaft rollende Feuerschlange und endlich die Flammengarbe, als die der Riesenstamm ins dunkle Aethermeer starrt. "Ein Anblick eigenartig schön!" ruft er hingerissen aus und "übermächtig fühlt er sich ergriffen" durch das Erschauen des dunklen, sterndurchwobnen, unermessnen Weltalls.

Solcher Eindrücke mögen es viele gewesen sein, die auf den Primaner und jungen Dichter in der Sorauer Zeit einwirkten. Ist es nicht auch eine vielsagende, durch sich selbst sprechende Tatsache, dass seine Sorauer Herzensfreundin, zugleich die gütige Muse seiner ersten Gedichte, eine spätere Malerin war, für ihn damals die liebliche und geistvolle Tochter des Sorauer Pfarrers Göttling, in dessen gemütlichem Heim der junge Dichter reiche künstlerische Anregung fand. Jener Muse seiner ersten Gedichte, der Morgenstern sein ganzes Leben lang warme Freundschaft schenkte, ist u. a. auch das Gedicht Der Urton gewidmet, eine formschöne, musikalisches Erlebnis spiegelnde Phantasie, die man im "Spiel der Formen, Farben und Töne" als fein harmoniesierenden Dreiklang des Maler-Musiker-Dichters Morgenstern lieben muss.

Auch Morgensterns liebster Freund und wahrer Geistesbruder in dieser Sorauer und jeder späteren Zeit, schon von Breslau her sein Spiel- und Schulkamerad, der jetzige Schauspieler Friedrich

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Kayssler, mag jenen Funken zum Maler-Dichter in ihm vielleicht noch geschürt haben. War und ist doch die Welt Friedrich Kaysslers, die Traumwelt seiner schauspielerischen Kunst und die phantastische Märchenwelt der Eiben und Trolle seines Dichterreichs, zugleich auch die Intuition eines Malers und sorgfältigen Zeichners, oft ein farbenfrohes nordisches Bild, oft auch wieder naiver deutscher Märchen-Schwind.

Als dann nach beendeter Schulzeit Morgenstern in Breslau, München und Berlin Jura und Nationalökonomie studierte, zog ihn doch machtvoll, noch neben der starken Anziehung von Philosophie und Literatur, das Malererbe in seiner Brust zur Kunstgeschichte hin.

V

In den nun folgenden Jahren reift schon die Frucht des Malersamens, den Vorfahren, Erziehung, Umwelt und innerste Sehnsucht erst im Knaben, dann im werdenden Dichter gepflanzt hatten. An Hand seiner Werke können wir Morgensterns Entwickelung zum Maler-Dichter ausreichend verfolgen und benötigen keine Daten und Tatsachen seines äußeren Lebens, um den Schicksalslauf gerade des Maler -Dichters kennenzulernen; ist ja doch die Biographie des Maler-Dichter-Philosophen Morgenstern (wenigstens die seelische, und die äußere sagt uns kaum etwas) in seinen Gedichten und bisher schon vorliegenden Tagebuchnotizen fast überdeutlich gezeichnet bei dem demutvoll-heiligen Künstlerstreben Morgensterns, strenge Rechenschaft abzulegen.

Einem Jahre lang anhaltenden Nietzsche-Rausch, der schon den 20jährigen Jüngling überkam, verdanken wir die erste poetische Gabe Christian Morgensterns, den kleinen phantastisch-humoristischen Gedichtband: In Phantas Schloss, der dann 1897 erschien. Angekränkelt zwar von Nietzsches Denk- und Forscherweise, bewusst durchsetzt freilich von Nietzsches Gedankenflug, philosophischen Resultaten und Ausdrucksart, ganz im Sinne dieses von Morgenstern so verehrten Weisen geschrieben, dessen Geist er auch dieses Buch zueignet, zeigt es doch schon stark ausgeprägt - da es ein Erstlingswerk, um so erstaunlicher - den

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Eigenwuchs seines phantastischen, jungen Verfassers, den ganz besonders eigenwilligen Zug all seines dichterischen Schaffens in späterer Zeit. Und ein Christian Morgenstern ist es vor allem, der uns in diesem Buche wieder und wieder bannt, der unser inneres Auge an phantasiegeborene Bilder fesselt: der Maler im Dichter Morgenstern, der in diesem Werke, wie überhaupt am stärksten in seinen ersten Büchern, strotzende, warme Farben aus seiner leuchtenden Palette schenkt, der hier überschwängliche Farbengebung und breiteste Ausmalung noch nicht verschmäht, und der zu jener Zeit noch nicht im Kampfe mit dem grübelnden, ganz gedanklichen, oft daher fast unsinnlichen Philosophen Morgenstern liegt. An diesem Erstlingswerk In Phantas Schloss erlebt man ganz besonders stark das herrliche Übermaß seiner schrankenlosen Malerphantasie, das, kaum von eines Gedankens Blässe angekränkelt, an satten Farben, glühenden Farbentupfen und feinstem Empfinden für zarteste Farbensetzung so überreich ist. Könnte ein Maler von Beruf wohl noch leuchtender, noch frischer die Auffahrt zu Phantas Schloss gestalten als Christian Morgenstern, der Dichter:

 
"Vor euch Farben verzuckenden Lebens,
Auf grünlichem Grau
Verrötender Schaum,
Hinter euch Schwarz und Silber,
Die Farben des Todes."

Und wie herrlich eindrucksvoll ist seine Maltechnik bei der Schilderung des Schlossanblicks:

"Vor meiner Schau
Erwölbt azurn sich ein Palast,
Es bleicht der Felsenfliesen Grau
Und lädt den Purpur sich zu Gast,
Des Quellgeäders dumpfes Blau
Verblitzt in heit'rem Silberglast,
Und langsam taucht aus fahler Nacht
Der Ebnen bunte Teppichpracht."

Am glücklichsten komponiert in diesem Buche, hingesetzt in feinen, lieblichen Farbentönen, sind Morgensterns Wolken-

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spiele, zarte, leicht humoristische Gebilde, in denen sich frohe, ungebundene Dichterphantasie mit greifbar anschaulicher Bildnerkraft des Malers vermählt und plastische, reliefartig anmutende Kunstwerke erzeugt. Die Freude des Lesers am Schauen dieser Gedichte überwiegt fast noch die Freude am Hören, am Denken, am Mitphantasieren, am Lächeln und Lachen über köstlichsten Humor jener Kleinkunstwerke. Ein Beispiel nur:

"Es ist, als hätte die Köchin des großen Pan,
Und warum sollte der große Pan
keine Köchin haben,
eine Leibnymphe,
die ihm in Kratern und Gletschertöpfen
köstliche Bissen brät
und ihm des Winters
Geisyrpünsche
sorglich kredenzt? -
Als hätte diese Köchin
eine Schüssel mit Rotkohl
an die Messingwand
des Abendhimmels
geschleudert,
vielleicht im Zorn,
weil ihn der große Pan
nicht essen wollte."

Eine innere Glaubwürdigkeit ist Morgensterns Bildern, Skizzen, Farbenstudien und Plastiken eigen, eine Glaubwürdigkeit, die auf der Echtheit seiner Malerempfindungen und der Wahrheitstreue, mit der er sie abschildert, beruht. Es geht einem übrigens bei Morgenstern-Gedichten oft so eigentümlich, wie umgekehrt bei der Betrachtung von manchen Bildern. Wie man beim Anschauen eines Bildes dieses selbst oft ganz vergisst, sich in irgendeine große Empfindung verliert oder wie selbstverständlich an irgendein Gedicht dabei denken muss, kurz, das Bild eigentlich nur mit dem inneren Auge erschaut, so hört oder liest man umgekehrt bei Morgenstern kaum mehr die Worte, bleibt taub oft für ihren herrlichen Klang angesichts der eindrücklichen Kraft

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seiner lieblichen oder gewaltigen Bilderschöpfungen. Man liest kein Gedicht mehr, sieht nur, erlebt mit geweitetem Blick die Macht einer Farbe oder lässt sein Auge irgendeine Feinheit der Linienführung streicheln. Wie eine Halluzination steht beim Lesen plötzlich das Bild vor einem und bannt zaubermächtig das bereitwillige Auge. Und mit dieser göttlichen Zaubermacht gibt es dem gelesenen Wort erst den rechten Sinn, erst Lebensmöglichkeit, erst Kraft. Kann man bildkräftiger und zugleich gemeinverständlicher, sinnfälliger schaffen als Morgenstern, wenn er von dem "tiefen, satten Ton blauschwarzer Seide" spricht beim Schildern des Nachthimmels oder ein andermal das ewige Firmament mit den bildzaubernden Worten anredet:

"Du blauer Samt,
welch fleißige Göttin
hat sich auf dir
mit goldnen und silbernen
Kreuzstichmustern verewigt?"

und wieder an anderer Stelle dieses Malerbuches die Abenddämmerung einer durchs Gefild schleichenden runzeligen Alten vergleicht.

Die Betrachtungen über dieses erste Morgenstern-Bilderbuch möchte ich noch mit einem ganz und gar malermäßig empfundenen, vom Malerstandpunkt aus gesehenen Gedichte beschließen. Es ist eines der Mondbilder, die in phantastisch gestaltender Bildnerkraft der Dichter und mit ihm der Leser lebhaft vor Augen sieht:

"Der Mond steht da
wie ein alter van Dyck.
Ein rundes gutmütiges
Holländergesicht
mit einer mächtigen,
mühlsteinartigen
cremefarbenen
Halskrause.
Ich möchte ihn
wohl kaufen,
den alten van Dyck!

S. 23

Aber ich fürchte,
er ist im Privatbesitz
des Herrn Zebaoth,
ich müsste den Ablass
wieder in Schwang bringen!
Vielleicht ließ er ihn dafür mir ab.
Hm, hm."

VI

Die Bücher der folgenden produktiven Schaffensperiode des jungen Morgenstern spiegeln dagegen durchaus nicht vorwiegend malerisches Empfinden und Erleben, sondern lassen vielmehr den lyrischen Dichter, den feinen Spötter, vereinzelt auch schon den Philosophen Morgenstern zu Wort kommen. - Der vom Dichter allzu bescheiden als Studentenscherz bezeichnete Horatius Travestitus (1897) und der im selben Jahre erschienene Gedichtband Auf vielen Wegen bringen weniger Erschautes, als Gefühltes und Erdachtes. Nur wenige Farbentupfen leuchten aus dem Druckerschwarz tiefernster Lyrik und sonniger Philosophieergüsse hervor. Die Kleine Geschichte ist so ein zufälliger Farbenfleck, die von einem Fähnlein erzählt, das große Not litt:

"Halb war es gelb, halb war es rot
und wollte gern zusammen
zu einer lichten Flammen."

Was ihm trotz Winden, Wellen, Knittern und Schellen nicht gelingt:

 
"Da kam ein Wolkenbruch daher
und wusch das Fähnlein kreuz und quer,
dass Rot und Gelb zerflossen
voll Inbrunst sich ergossen."

Ein Vorgang, dessen Freudigkeit den Herren des Fähnleins freilich nicht klar wird. - Und noch ein farbensattes, stilles Bildchen gibt's in dem Buche Auf vielen Wegen, ein Bildchen, das den Abend porträtiert, wie er auf braunen Samtschuhen in weitem, wallendem Mantel durch das müde Land geht und Schlummer von seiner Hand fällt, wie er endlich mit stiller Fackel der Sterne treue Kerzen ansteckt. — In jenem Gedicht-

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band findet sich auch eine dem Maler-Vater gewidmete naturfrische Tierstudie Krähen bei Sonnenaufgang, in der voll inniger Zuneigung der Dichter den Maler befruchtet. Übrigens war es wohl nicht zum wenigsten das Malerelement in beiden, dem Vater und dem Sohn, das sie zuweilen in ähnlich gearteter Freude an Kunst und Natur vereinigen mochte, ja sie vielleicht sogar da zusammenführte, wo ungleiche Veranlagung, Hemmungen, unharmonische Familienverhältnisse sie oft trennten. Den wenigen gleichgültigen, fast frostigen Briefen Morgensterns an seinen Vater, die mir bekannt, geben nur hin und wieder mal Worte, die Maler an Maler richtet, einen wärmeren Hauch, so wenn er einmal auf einer Karte aus Taormina das malerische Aussehen einer Urne schildert, die mit großen Olivenzweigen gefüllt, ihm dort als Weihnachtstannenersatz gedient hatte.

VII

Die Jahre 1898 - 1903 ungefähr, die Jahre der manchen Wünschen Erfüllung werdenden Reisen nach dem Norden und des halb unfreiwilligen Verweilens im Süden, diese Jahre brachten in der Fülle ihres Natur- und Kunsterlebens erst ganz den MalerDichter zur Reife, und so sind denn die Bücher aus jener und späterer Zeit voll des farben- und linienfreudigsten Malererlebens, leuchtende Farbenreflexe seiner Malerstimmungen. Wie er einen Lampenschirm mit künstlichen Rosen zum Geschenk erhält, gibt es z. B. einen Anlass, mit Malerempfinden diese stummen Rosen zu besingen, "die auf durchhelltem Grund sich dunkel ranken". Ein andermal hat er Malerfreude an einer russischen, mit Blumen sonderbar bemalten Truhe, in die er Jahr für Jahr seine Werke legt. Oder wenn er im Süden von den Werken Michelangelos gewaltig ergriffen wird, vor dem Grabdenkmal des Lorenzo von Medici lange sinnend verweilt, so ist dem Dichter dieses Malererlebnis wiederum Anstoß, seine Stimmungen vor Werken Michelangelos poetisch aufzuzeichnen. Wie sich ihm ja überhaupt oft bei der Kunstbetrachtung, im Erlebnis des Malers, die Dichterzunge erst löst.

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In Ich und die Welt (1898) finden wir manche solcher Maler-Dichter-Erlebnisse festgehalten. Zu einem Bilde des Malers H. Hendrichs gehört ein Gedicht Singende Flammen, vor einem Bilde Feldmanns ist die Stimmung zum Moor empfangen.

Interessant und zugleich aufschlussreich für den Biographen ist die Psychologie der schmückenden Beiworte in Morgenstern-Gedichten jener Schaffensperiode, die uns den Maler-Dichter zeigte. Sie sind überhaupt zahlreich und vielfarbig in allen Gedichten Morgensterns, jene kleinen schmückenden und malenden Beiwörtlein, die ein stummes, gleichgültiges Hauptwort so beredt und so glitzernd machen können, jene "weißen Tauben" und "blauen Morgenlüfte" und "trüben Tage" mit "grauen Farben" und "dämmrigen Wiesen" und "schwärzlichen Eilande" und die schon fast sprichwörtlichen "silbergrauen Gründe", aus denen ein schlankes Reh tritt. Zeichnet Morgenstern nicht das sprechendste Bild, wenn er von der "Wimpern seidenem Silberwurf" oder von dem "rötlichen Blau mächtig entloderter Luft" dichtet. Ein einziges seiner bildhaften Beiworte ersetzt oft ein ganzes breites Wortgemälde.

Morgensterns zarte Büchlein Ein Sommer (1900) sowie Und aber ründet sich ein Kranz (1902) sind ganz besonders reich an feinen Stilleben, leuchtenden Landschaften, sorgfältig heiteren Farben- und Linienstudien. Nur der Maler-Dichter Morgenstern konnte so stark, so freudetrunken ein "Farbenglück" empfinden, wie es jene Verse in Ein Sommer spiegeln:

"Ist dies nicht das höchste Farbenglück:
Birkenlaub in Himmelblau gewirkt?
Doch schon winkt ein graublau Felsenstück
Dunklen Efeus sprunghaft überzirkt.
Und schon sinkt mein Blick in grüne Wiesen
Und in Wasser und in weißen Dunst.
Und ich weiß nicht, wem von allen diesen
Schenk ich meine Gunst und meine Kunst."

Und ein anderes Bildchen, betrachtet in der reichen Bildergalerie Morgensternscher Lyrik:

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"Ein Stückchen Wald
Im Vormittagssonnenglanz -
rötlich flimmerndes. Zittergras
auf schlanken durchsichtigen Stielen
im harzigen Winde fächernd -
über seiner unendlichen Anmut
ein Zirkel Azur mit zwei weißen Wölkchen
ein Eichhorn
von Tanne zu Tanne springend -
und einmal den Schatten
eines ziehenden großen Vogels ..."

"So etwas wünscht ich noch einmal zu sehen, wenn ich einst tot bin," nickt dann der Dichter Morgenstern dem Bilde in seiner Pinakothek, seinem zweiten Maler-Ich, zu. In der Landschaftsbilderabteilung Ein Sommer jener großen Morgenstern-Galerie finden wir noch manche stille Farbenstudie, manche scharfumrissene Zeichnung. Der Katalog weist Nummern auf wie: Hochsommerstille, Weiter Horizont, Schwalben, Der Hügel oder jene kleine, scharfe Wasserstudie:

„Dieses Blitzen auf der Bläue -
daß ich's bildlich näherbringe -
ist wie weißer Schmetterlinge
unentwirrbares Gebräue."

Gerade jenes Büchlein Ein Sommer ist überreich an Malerstimmungen und Malererlebnissen. Wüsste man nichts vom Dichter Christian Morgenstern, so würde man es für das Tagebuch eines Malers halten, der gleichsam darin eine poetische Inhaltsangabe seiner Bilder gibt. Grund genug für diese Annahme fände sich schon beim Betrachten des darin enthaltenen Vormittag-Skizzenbuches, einer sechsgliedrigen Gedichtfolge oder des Abend-Skizzenbuches, einen so vollkommenen Ersatz für Erschautes durch das Wort finden wir kaum bei irgendeinem anderen modernen Dichter, höchstens bei dem durch Pechstein beeinflussten Dichter Walther Heymann. Man liest eigentlich kaum, man sieht nur in einem fort. Kann sich einem jenes im

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Geiste gesehene Bild nicht unauslöschlich einprägen, tiefer als manches sorgsam porträtierte?

"Ein Pferd auf einer großen Wiese
in der Morgensonne stehend, -
nur die Ohren
an dem langen, vollen Schweif bewegend -
drunter ein breiter, schwarzer Strich,
sein Schatten"

oder jene farbenprächtige Studie:

"O du glückselig zitternd Espengrün
vor'm wasserblauen Firmament -
Und ihr daneben, feierliche Fichten,
der Zweige schwere, dunkle Zotteln
kaum bewegend!"

Und noch ein liebliches, leuchtendes Farbenspiel aus jenen Skizzen.

"Zwei Farben nur:
Der stählern-blaue Fjord,
die nachtviolen-blauen Höhen um ihn
und drüber
wolkenloser, rosenblasser
Abendhimmel."

Mehr noch das intensive malerische Erlebnis, als. das stärkste poetische Gesicht, so scheint es, gibt dem Dichter Anstoß und Kraft zur poetischen Schilderung. Das innere und äußere Malerauge nimmt jedes kleinste Bild heftig in sich auf und steigert es noch zu phantastischerer Bedeutung, macht es sich zum persönlichsten Schicksal. In solchen Augenblicken spricht dann Morgenstern wie in dem Gedicht Mächtige Landschaft von dem ungeheuren Bild der Landschaft, wie sie den Flügel ihrer Wolken in die Nacht vorausragt, oder von einer tosenden Sturmnacht, oder von der herrlich schäumenden Salzflut des Meeres am Morgen. "Im Morgenlicht die tiefen Bläuen in weißen Stürzen auskämmend, und rötlich-milchige Wolken strecken sich lang in den zartesten Himmel darüber" usw.

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Wunderbar fein umrissen und von künstlerischer Prägnanz, eben jenem starken Malerempfinden des Dichters entsprungen, sind die Vergleiche und Gleichnisse Morgensternscher Lyrik, deren Gegenstand zumeist auch natürlich Malerstimmung und Malererlebnis ist. Der Dichter erzählt oder beschreibt irgend etwas und wählt der Anschaulichkeit und Verständlichkeit wegen als Vergleich irgendein Bild oder eine Maltechnik, und siehe, sofort ist der geistige Kontakt zwischen Leser und malendem Dichter hergestellt. Die Buchseite wird zur Lichtbildwand, auf der es urplötzlich aufleuchtet, und das lebende Bild wird Erklärer und Begleiter des Wortes. Hier ein Beispiel solch eines nagelaufdenkopftreffenden Morgenstern-Vergleiches:

"Der Fjord mit seinen Inseln liegt
wie eine Kreidezeichnung da"

oder er preist einmal in dem Gedichtband Und aber ründet sich ein Kranz die "Hellen Gedanken, die in den Morgenstunden oder wann die Sonne sich neigt, wie lichte Schwäne durch den blauen Wellenplan der Seele ziehn". Oder er zeichnet das Glück, dessen Flüchtigkeit er mit dem Spinnenweb' im Morgensonnenglanz vergleicht:

Wie es im Tau noch voll kristall'ner Tropfen hängt!
Im leichten Winde wiegt es seiner Perlen Pracht,
die in den silbergrauen Maschen hier und dort
so flüchtig sich wie sanft und zierlich eingeschmiegt."

In dem späteren Buche Ich und Du gebraucht er einmal in der Schilderung einer Mondnacht über Meran den wunderfeinen Märchenbildvergleich:

"Die Geisterstadt .. . Als wie ein Teppichbild,
daran ein Träumer jahrelang gewebt"

und ein andermal wieder in dem Buche Melancholie baut sich ein ganzes Gedicht, es heißt: Evas Haar, auf solch einem malerichen Vergleiche auf.

"Als wie ein Feld, das erstes Licht ereilt,
sind deines Hauptes wunderblonde Wellen:
Ein sanfter Morgen scheint ihr Gold zu schwellen,
darauf der Sonne Auge zögernd weilt.

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Nun flammt es auf, als kam' es Purpur malen -
Ist es der Mohn, der heimlich in ihm wohnt?
Doch wenn der Abend naht mit kühlem Strahlen,
so ruht es wieder blaß wie keuscher Mond."

Jenes warme innige Buch Melancholie übrigens ist, obgleich dem Andenken seines Großvaters, des Malers, gewidmet, weniger ein Werk des malenden, als des dichtenden und sinnenden Morgenstern. Selten mal zuckt auch hier ein plötzliches Lichtbild beim Lesen auf, so einmal in dem Gedicht Der Gärtner:

"Ich seh' ihn täglich schalten
von meiner Trambanfahrt,
den irren Tolstoi-Alten,
mit weißem Haar und Bart."

Dieser einzige Vergleich, der nicht mal ein malerischer, sondern mehr ein gedanklicher Vergleich ist, zaubert uns da wunderkräftig ein Bild vor Augen, das an eindringlichster Macht auf den Betrachter keinem wirklichen Bilde nachsteht. - Aber nach dieser Abschweifung in die spätere Zeit Morgensterns möchte ich wieder zu dem Gedichtband Und aber ründet sich ein Kranz zurückkehren, der mit Ein Sommer zu dem Malerechtesten seiner Lyrik gehört. Betrachten wir noch einige seiner lieblichen Farbensymphonien:

"Lerchenwald im Wintermorgenstrahl
Duftig Goldgezweig im jungen Blau usw."

oder:

"O diese Vormittage, trunken von Glanz und Glück!
O dieser Meeres-, Berges-, Himmelsbläuen seliges Spiel!"

oder:

"Butterblumengelbe Wiesen
sauerampferrot getönt,
O du überreiches Sprießen,
wie das Aug' dich nie gewöhnt!"

In diesem Buche übrigens Und aber rundet sich ein Kranz findet sich ein Gedicht, Segantini genannt, das gleich den Michelangelo-Hymnen aus Ich und die Welt von Morgensterns

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verständnisvoller Zuneigung zur geliebten Schwesterkunst zeugt. Die starre harte Malkunst Segantinis zieht ihn an:

"Dein in den Alpen, denk' ich oft, verwandtes Aug',
Wenn die granit'nen Wand' mich überwältigen ...
Vor einer aber stand ich immer wieder still
und taufte ihr erhab'nes, strenges Bild auf dich"

usw..

Typisch auch dieses Gedicht für die Art, in der Morgenstern alle äußeren Eindrücke empfindet. Wer kein Malerauge hat, kann wohl beim Betrachten eines Bildes einer ähnlichen Landschaft gedenken, oder es kann ihn unwillkürlich an einen Menschen, vielleicht eine Begegnung, einen Typ in seinem Leben erinnern; umgekehrt wird aber nie ein großes äußeres oder inneres Erlebnis, der Anblick einer Naturschöpfung oder irgendeiner natürlichen Herrlichkeit das Gedenken an ein Bild, das ähnlichkeitsempfindende Erinnern an ein Kunstwerk wachrufen. Nur einer, der mit Maleraugen oder mit Dichteraugen durch Malergläser in die Welt schaut, kann so mit selbstverständlicher Natürlichkeit feststellen und dabei die kleine Unnatürlichkeit des Vergleichs, die künstlerisch doch deshalb einwandfrei und sogar anziehend ist, nicht empfinden, wenn er schreibt: "Der Mond sieht aus wie ein alter van Dyck", oder wie hier den Anblick der Alpen dem Segantini vergleichen. Es ist eben dies das typische Brillenglas, durch das jeder Künstler das Leben sieht, und eben dieselbe Schöpferhand, mit der er sich Leben und Erleben nach seinem Maßstabe formt. Ein Dichter wird noch in dem unwesentlichsten Vorgang einen Stoff zu sehen wissen, ein Musiker noch aus dem Vogelgezwitscher die Dissonanz heraushören und ein Maler keinen lachenden Tiroler sehen können, ohne Defregger[1] dabei zu denken.

VIII

Betrachten wir noch die Morgenstern-Bücher der nächsten Jahre unter dem Gesichtspunkte des Malererbes. In ihnen tritt freilich bis auf die grotesk-humoristischen Gedichte des Palmström und der Galgenlieder, die ich ganz gesondert behandeln möchte, das malerische und oft sogar auch das poetische Element weit

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hinter dem gedanklichen zurück. Da ist zunächst nach den Galgenliedern, die zuerst 1905 erschienen, Melancholie (1906), ein Buch, das zwar überströmt von poetischem und philosophischem Gehalt, aber jeglicher Skizzierung, Farbenmischung und Tönung bis auf die wenigen schon erwähnten Gedichte fast ganz entbehrt. 1910 folgt dann das fast wie eine Abrechnung und Beichte wirkende Buch Einkehr, in dem sich neben Betrachtungen und Erkenntnissen auch ein paar sehr frische Oelbildchen und recht lebendige Reliefs finden. Rührend in ihrer anhänglichen Liebe sind die Lobpreisungen, die darin Morgenstern der Natur zollt. Einem Berge gilt eines dieser Gedichte, An eine Landschaft überschreibt sich ein anderes. Welch anschauliches Bild, wenn er zum Berge sagt: "Die Sonne liegt auf deiner breiten Brust". Die geliebte Landschaft bittet er inbrünstig, ihr Geheimnis, ihre Reize vor ihm zu verbergen:

"Erkennen heißt, ich hab' es längst erkannt,
- Die Welt in seine armen Grenzen pferchen;
Du lehre mich, aus deinen hundert Lerchen,
Dass deine Schönheit kein Verstand umspannt."

Ebenso glühende Naturtrunkenheit strömt ein anderes Bild dieser Sammlung, die übrigens dem Andenken seiner Mutter gewidmet ist, aus. An der schattenlosen goldigen Helle eines Ährenwaldes berauscht er sich: "Wie dicht und doch zugleich wie licht!" jubelt er beim Anblick des weiten Feldes. Alle diese Gedichte aus Einkehr sind Rausch, Trunkenheit, Hingabe an irgendein Bild, eine Vision, ein erträumtes Porträt. Oft auch nur an eine köstliche Farbe, eine zarte Linie. "Du siehst jetzt auch vielleicht auf deine Decke, darunter sich dein schlanker Körper zeichnet", beginnt er ein warmes Gedicht an eine unbekannte Schauspielerin nach einem Operettenabend. Und den Gedanken an diese feinen Konturen der edlen schmalen Glieder im Linnen spinnt er am Schluss des Gedichtes mit zartem Malersinn noch einmal liebevoll aus, sich gleichsam an dieser Linie berauschend. Mannigfach sind die Mittel, mit denen der Dichter Morgenstern sich zum Maler schuf; von den bei Morgenstern mehr malenden als schmückenden Beiworten, von seinen plastischen

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Vergleichen mit Bild- und Malermäßigem wurde hier gesprochen. Ein anderes Mittel seiner Maltechnik, auch sonst von vielen Dichtern zwar angewandt, aber oft unverständlich und geschmacklos, ist das Mittel der Personifizierung abstrakter Vorstellungen, vor allem der Naturerscheinungen - was bei ihm wirklich Verlebendigung. Das l911 folgende, seiner lieben Frau zugedachte Buch: Ich und Du beginnt mit solch einem lyrischen Symbolbildchen:

"Der Morgen drängt sich scheu mir in die Arme,
der blasse, dem noch fröstelt im Gelände,
und schmiegt den kühlen Rücken seiner Hände
ans Herz mir, dass mein Herz sich sein erbarme"

usw.. Auch wieder vom fein zu behandelnden Instrument des malenden Vergleichs macht Morgenstern gerade in jenem Buche mehr als vorher Gebrauch. Außer der schon früher erwähnten Mondnacht in Meran findet man dort ein Ritornell, das den köstlichen scharf und klar gesehenen Vergleich enthält: "Den Abendhimmel verfinstern Raben gleich geschwungenen Brauen des Unheils". An anderer Stelle dieses Buches spricht er feinseherisch von dem "Eulenantlitz" einer Nonne. Manche gut malenden Beiwörter findet er übrigens auch in jenem Buche; nennt er doch einmal den Mond den "Milchigbleichen" und findet sogar oftmals, um neue Dinge zu malen, neue sprühende Farben, bei anderen Dichtern würde man sagen: er wird sprachschöpferisch. Auch darin, wie Morgenstern seine zarte wohlklingende Sprache meistert, liegt ein malermäßiges Formen, ein Bilden, ein behutsames Modellieren, das dem Letzten immer noch einen allerletzten, feinsten Schliff gibt. Kaum neu erscheinen einem oft die Worte, die Morgenstern doch neu schafft und prägt, weil eben ihr inneres Bild so natürlich, so voll selbstverständlicher echter Wahrheit ist, dass man es längst und gut zu kennen meint:

"Gespenstische Wolken, schwer und feucht,
Zerschatten den noch ungesternten Raum."

Wie prägnant und beachtenswert ungesucht (eine seltene Eigenschaft der meisten Sprachschöpfer) ist dieses sofort verständliche "Zerschatten".

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Das letzte Erlebnisbuch Morgensterns: Wir fanden einen Pfad enthält keine Farbentupfen mehr, nichts mehr von all dem Hellen und Bunten der Malerpalette, das dem Gedanken- und Stimmungsschweren all seiner ernsten Bücher jenen frohfarbigen Zug gibt, der alle schweren Gedanken und schweren Stimmungen so herrlich belebt und so frisch leuchten lässt. Dieses Buch, das ein Sterbender schrieb, ist zu voll der Selbstabrechnung und Dankabtragung, zu voll des tiefernsten Aufgehens in Gott und dem Jenseits, zu voll des leuchtenden Inhalts, um an leuchtender Form noch Gefallen zu finden.

IX

Ganz anders seine früheren, allbekannten grotesk-humoristischen Werke, jene kleinen heiteren Federzeichnungen, lachenden Klecksfiguren, sinnvollen Karikaturen, lustigen Busch-Gestalten und heiteren Gulbransson[2]-Marionetten, die ich den Rembrandts, Schwinds, Michelangelos seiner melancholisch-ernsten Bilderproduktionen mindestens gleichsetzen möchte; das Urteil der großen Masse - oft Gottesurteil - hat sich Morgensterns humoristische Bücher in den paar Jahren nach seinem Tode merkwürdig schnell zu eigen gemacht, ja schätzt sogar diese Gedichte künstlerisch höher ein als seine anderen. Hat diese Masse doch instinktiv das kunstfeine Empfinden, dass jene Bildchen nur scheinbar mit leichtem, flüchtigem Stifte hingeworfen sind. Dass sie in Wahrheit die endlichen und dadurch vollendeten Produkte einer stilwägenden, feilenden, ja wortfeilschenden Künstlernatur sind, der in Fragen der Wort- und Farbenwahl genug, nie und nimmermehr genug ist.

Horatius Travestitus (1897), vom Verfasser zwar nur ein Studentenscherz genannt, aber doch mehr als das, war die kleine Farben und Linien kaum erst enthüllende Vorstudie zu den 1905 und 1910 geschaffenen farbenprächtigen und hodlerscharf umrissenen Gemälden und Bildchen der Galgenlieder, des Palmström. Es ist bezeichnend für den Inhalt dieser schon sehr populär gewordenen Bücher, dass ihnen sowie dem Nachlasswerk Morgensterns Palma Kunkel Karl Walser die Umschlagzeichnung

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gab, jene allbekannten Bilder vom komisch-nachdenklichen Palmström, vom Liebespaar belauschenden Horaz und den mehr grotesk als tragisch am Galgen hängenden Galgenbrüdern. Es ist bezeichnend für den Schöpfer jener Bücher und für seine Schaffensart, dass da ein Maler wie Walser sofort den Bruder spürte und also nur abzeichnen brauchte, was dieser ihm vorgeformt hatte. Ähnliches, wenn auch nicht so stark, mag einmal Friedrich Beblo empfunden haben, als er die anspruchslose Umschlagzeichnung zu Ich und die Welt schuf.

Ob uns wohl in Walser der Morgenstern-Deuter erwächst, der jene bunte krause Märchentierwelt und die grotesk-verzerrten, satyrisch grinsenden Gesichter oder die schallend lachenden, verstehend lächelnden Feinschmecker-Physiognomien oder all die verschiedenen Märchenspielmasken Morgensterns in Strichen und Farben festhält. Freilich auch in Farben, ein Vorzug, den dieses Morgenstern-Album vor dem Wilhelm-Busch-Album, dessen Form es wohl ähneln könnte, voraushaben müsste. Vielleicht ist es Walser, vielleicht auch der noch phantasieglühendere Gulbransson, der schon oft Gestalten geschaffen hat, die man Morgenstern-Figuren nennen möchte, ebenso wie Morgenstern wissend-unbewusst Gulbransson-Bilder schuf. Wer es auch sei, der uns einmal den bebilderten Morgenstern schenkt, ein dem Dichter innig verwandter Künstler müsste es schon sein, der trotz Eigenschöpfertums doch immer ganz im Sinne des Dichters malt, der nicht selbst dichtend und phantasierend malt, sondern nur fleißig und peinlich genau das Bild kopiert, das deutlich aus jedem Morgenstern-Gedicht hervorleuchtet. Freilich, kein gewöhnlicher Maler dürfte es sein. Müsste den goldenen, großen Humor haben, der aus tiefernstem Erleben wächst und ein kindlich reines Lachen, das noch die verzweifelnde Melancholie Morgensterns unter Tränen erglänzen lässt. Ein schillernd buntes und doch geschmackvoll getöntes Buch könnte das werden, Auge erfreuend und Phantasie befruchtend. Warum gab es uns nicht Morgenstern selbst, möchte man mit dem toten Dichter hadern? Gerade der harmonische Zusammenklang des Dichters und Malers in ihm hätte einen satten herrlichen Akkord entzaubert. Ein kleiner Ansatz dazu

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findet sich freilich schon in dem kürzlich herausgekommenen Nachlasswerk Morgensterns Der Gingganz, das sehr drollige, maler-dichterisch ersonnene Ulkvignetten von des Dichters Hand enthält, die allerdings keine Illustrationen zu den Gedichten selbst darstellen, sondern als anspruchslose Scherzkunstwerklein neben ihnen für sich zu betrachten und gleichsam als ebensolche dichterischen Wort- und Sinnspielereien, ins Zeichnerische nur übersetzt, zu bewerten sind. Auch diese spaßig hingetupften Vignetten Morgensterns üben zeichnerisch das beim Dichter so beliebte, oft angewandte Spiel des Wörtlichnehmens einer Phrase, eines Ausdrucks. Solch ein Morgenstern-Gedicht ohne Text ist z. B. die Zeichnung der Stilblüte. Überall in jenen grotesk-humoristischen Werken Morgensterns, in den Galgenliedern, in Palmström, Palma Kunkel und im neuesten Buch Der Gingganz ist es mehr die Freude des Malers, als des Dichters, die Morgenstern an allen Dingen hat. Das Märchen äuge empfängt alle Eindrücke einer phantastisch-unwirklichen Welt, ehe noch das Märchenherz sie hineinlässt. So ist auch sein grübelnder Palmström oft ein verkappter Maler und Bildner:

"Palmström haut aus seinen Seidenbetten
sozusagen Marmor-Impressionen:
Götter, Menschen, Bestien und Dämonen.
Aus dem Stegreif fasst er in die Daunen
des Plumeaus und springt zurück, zu prüfen
leuchterschwingend seine Schöpferlaunen.
Und im Spiel der Lichter und der Schatten
schaut er Zeuße, Ritter und Mulatten,
Tigerköpfe, Putten und Madonnen ....
Träumt: Wenn Bildner all dies wirklich schüfen,
würden sie den Ruhm des Alters retten,
würden Rom und Hellas übersonnen.

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Ein andermal ersinnt der unbegrenzt phantasierende Palmström ein quadratisches Bühnenhaus, mit (v. Korf begreift es kaum) drehbarem Zuschauerraum, das einem nun malermäßig korrekt vorgezeichnet wird, und wieder an anderer Stelle in dem Gedicht Im Tierkostüm wird uns von Palmströms Liebhaberei, Tiere nachzuahmen, erzählt, wie er zwei junge Schneider lediglich zu diesem Zweck auf Tierkostüme erzieht.

"So z. B. hockt er gern als Rabe
auf dem ob'ren Aste einer Eiche
und beobachtet den Himmel.

Häufig auch als Bernhardiner
Legt er zottigen Kopf auf tapfere Pfoten,
bellt im Schlaf und träumt gerettete Wanderer"

usw. . Vom Maler mehr denn Dichter fein ersonnen ist auch das allbekannte Butterbrotpapier, das nach längeren inneren und äußeren Erlebnissen zum Schluss aus Angst Naturgestalt gewinnt, oder auch das moderne Märchen, in dem uns von zur Geisterstunde wandelnden Fräcken, Hosen, Kleidern und der dabei hängengebliebenen Spitzenbluse erzählt wird. Feine kleine Malund Zeichenstudien und liebliche Strichmalereien enthalten ebenso die Galgenlieder. Die Freude an der äußeren Formschönheit eines Gedichtes erstreckt sich bei Morgenstern sogar schon so weit, dass er beispielsweise ein Gedicht Die Trichter im Anklang an alte Reimspielereien in Form eines Trichters schreibt. Außerordentlich bildkräftige Gedichte - den Schrei nach Illustration, und sei sie auch nur Inhaltsangabe kaum unterdrückend - sind Galgenlieder wie das vom einsamen Schaukelstuhl, der auf der Terrasse im Winde wackelt, oder das von der seltsamen Probe eines Reichen, der, an Gottes Wort fest glaubend, ein äußerst kühnes Dromedar durch ein Nadelöhr gehen heißt. Man sieht das seltsam-köstliche Bildchen ordentlich vor sich, wie das Vieh da hindurchgeht, "obzwar sich quetschend wie ein Lurch", und erfreut sich ebenso an dem graziös-lieblichen Stilleben, auf dem ein blonder Korken sich in einem Lacktablett spiegelt, sich aber dennoch nicht sehen kann, dieweil er senkrecht steigt.

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Wie eindrücklich und bildkräftig die Sprache Morgensterns doch sein muss, erhellt schon daraus, dass all die abstrakten Begriffe und phantasiegeborenen Dinge, die der Dichter mit Vorliebe verlebendigt und meist vermenschlicht, mit so starken, unzweideutigen Strichen und Farben porträtiert sind, dass man den etwas sentimentalen Seufzer leibhaftig auf nächtlichem Eis Schlittschuh laufen sieht, oder der wehmütig dreinschauende Purzelbaum einem nicht nur im inneren, auch im äußeren Gesicht völlig haften bleibt, und die zwei sich nie schneidenden Parallelen unheimlich greifbar werden.

Im Nachlasswerk Christian Morgensterns, vor allem in Palma Kunkel, das Bruno Cassirer 1916 herausgab, und das auch ein wenig an dem allgemeinen Nachlasswerkfehler des Nichtfortlassenkönnens krankt, ist viel maleräugig Gesehenes und viel malerhändig Geformtes. Der in einen Folianten eingebundene Korf, der dann gleichsam flügelbelastet mit hinter den Armen flatternden Seiten hinwandelt, ist eine köstlich gesehene Paul-Simmel-Ulkgestalt[3], das Notturno in Weiß, in dem das verschiedene Weiß des Steines der Lilie des Mondenscheins feierlich-komisch besungen wird, eine lustige Kreidezeichnung, und die feine Tapetenblume, die ohne Ende wiederkehrt, ein zartes Kunstgewerblerstückchen. In diesem Buche Palma Kunkel setzt Morgenstern übrigens auch der geliebten Unterhose ausdrücklich als Maler ein drolliges Denkmal. Er preist sie als wirksame Staffage am Seil, wenn sie wie ein Segel leicht gebläht, und behauptet:

"Keinen Tropus ihr zum Ruhme
spart des Malers Kompetenz,
preist sie seine treuste Blume
Sommer, Winter, Herbst und Lenz."

Auch der letzte Groteskband Morgensterns, das neueste, schon erwähnte Nachlasswerk Der Gingganz, birgt köstliche kleine Bildchen, scharfe Mal- und Zeichenstudien. Neben den drei unternehmungslustigen Winkeln, die, in Menschengestalt umgewandelt, drei Winkeladvokaten werden, und, zusammengezählt, auch nur zwei rechte sind - welch scharf gesehene und poetisch

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nachgezogene mathematische Zeichnung! - neben der ganzen, hier wiederkehrenden und noch um manches Unwesen erweiterten Fabeltier- und malerischen Märchenwelt der Mondschafe, Flügelflagel, Löwenrehe, Zirbelkiefer usw., gibt es auch hier wieder zahlreiche Worte, Begriffe, Abstraktionen, die plastisch dinggestaltet und malermäßig, färben- und formentechnisch gar personifiziert sind, so der greifbar dargestellte [[Der Schnupfen

Fußnoten

  1. Wikipedia:Franz Defregger
  2. Wikipedia:Olaf Gulbransson
  3. Wikipedia:Paul Simmel