Gott der Träume! Gott der Kindheit! (o. T.)

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Gott der Träume! Gott der Kindheit!
Gott der innigen Gebete!
Sage mir, ob ich in Blindheit
irrte, da ich dich verschmähte!

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Sage mir: Du bist gefallen,
ferne stehst du meinem Herzen!
Und mein Leben lang will wallen
ich zu dir in süssen Schmerzen.

Sage, dass du treu herabsiehst

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wie ein Vater zu den Kindern,
dass du liebeheiß hinabfliehst,
unsres Elends Nacht zu lindern.
Sage nur ein Wort! Entzünde
tief in mir die heil'gen Gluten,

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dass des Denkens starre Gründe
die Gefühle überfluten!

Ach, umsonst verhallt das Flehen:
Alles harrt in düstrem Schweigen.
Über meinem Haupte wehen

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Wolkenschleier wirre Reigen.
In der Brust erwacht kein Glaube,
keine Gottheit regt sich drinnen.
Und den Blick gewandt vom Staube,
ruf ich mit verstörten Sinnen:

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Kündet mir, ob solch ein Gott ist,
blitzesschwangre Wolkenzüge,
oder ob Gebet nur Spott ist
und Unsterblichkeit nur Lüge,
ob der Mensch in seiner Kleinheit

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nur verdammt ist zu vermodern,
oder ob in ew'ger Reinheit
seine Seele einst wird lodern!...

Auseinander reißt der Schleier,
und ein Blitz entzuckt ihm blendend,

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weithin seine fahlen Feuer
auf dem dunklen Himmel sendend.
Wolken schließen jäh die Pforte,
der der Flammenstrahl entquollen -
und mein Ohr vernimmt die Worte

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in des Donners dumpfem Rollen:

"Frage nicht, o Mensch, doch handle!
Klage nicht, o Mensch, doch schaffe!
Nach der Pflicht Geboten wandle,
reiner Sinn sei deine Waffe!

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Lass die Götter einsam wohnen,
und bebaue deine Erde,
dass dein Blick zu ihren Thronen
dir kein Grund zum Falle werde.

Lass das Knien vor Altären,

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flieh der Priester falsches Wesen,
lass von der Natur dich lehren,
nur in ihr den Gott zu lesen:
Den Gott, den du nicht begreifen
kannst, nicht fürchten, lieben, hassen,

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weil des Geistes kühnstes Schweifen
nie sein Wesen kann erfassen.

Aber zieht allmächt'ge Liebe
dennoch dich zu beten nieder,
wehre nicht dem schönen Triebe,

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werde keusch zum Kinde wieder.
Und in unbegriffnen Schauern
wirst Gewissheit du empfinden,
dass du nach des Lebens Trauern
eine Antwort werdest finden."

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Wie vom Traum dem Sein entzogen,
hatte ich des Orts vergessen,
durch des Busens heißes Wogen
klang die Antwort, die vermessen
ich gefordert. War sie tönend

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aus der Wolken Schoß gesprochen?
War geklungen sie versöhnend
aus des eignen Herzens Pochen?

Still bin ich des Wegs gegangen.
Durch die Nebel brach die Sonne.

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Über mir die Vögel sangen
jubelnd in des Daseins Wonne.
Tor ich! stumm mich zu verzehren
in so weltvergessnen Träumen,
statt der Freude Kelch zu leeren,

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statt von Jugendlust zu schäumen.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 517ff.