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Boheme und Theater

Wo ich her bin, in jenem Reich,
Gilt Pathos und Gelächter gleich.

Ibsens Peer Gynt, 5. Akt, übertragen von
Christian Morgenstern



Mit einer Parodie hatte es angefangen. Um die symbolistischen
Neutöner zu übertrumpfen, hatte Morgenstern 1893
eine freirhythmische Phantasie entworfen: Himmel, Erde
und Meer spielten miteinander Hasard, der Himmel riß einen
Eichbaum aus, das Meer, spülte ein totes Mädchen ans Ufer,
die Erde warf Staub und Geröll darüber. Von den Freunden
ermutigt, stellte Morgenstern im Breslauer Krankheitswinter
fest, "daß eine solche Art vergewaltigender Naturbetrachtung
nicht ohne Reiz und Originalität sei". Dann schrieb er ein
paar Mondgedichte. Vielleicht wirkten Erinnerungen an Heines
Nordseebilder und gewiß sein Malererbe mit. (So im Brief
an den jungen Berliner Kritiker Max Osborn vom 8. August
1895[1]). Die nächste Station auf dem Weg zu seinem lyrischen
Erstling war das Badestädtchen Grund am Harz im August
1894. Hier lernte er eine Sängerin aus Ems kennen, Eugenie
Leroi, die er zu einem "Königskind" erhob, zu einer Muse,
die ein Bohemien nur aus der Ferne anbetet. Unter ihren Blicken
trug er in einem großen Saal Verse vor. Das Bild der lieben,
herrlichen Gena und seiner erdichteten Freundin
"Phanta" wurden ihm eins; in dem verwinkelten Ort, unter
stürzenden Gewässern ließ sich gut träumen. Im September
in Charlottenburg und ab Oktober in seinem Dachzimmer
nahe dem Berliner Schloß und den Galerien besiegten neue
Lieder die Lebensnot, die meisten von humoristischer Art.
Mit dem Hauptprojekt hatte er schnellen Erfolg: Für einen
Zuschuß von 300 Mark - Fritz Kayßler half - gab der Verlag

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R. Taendler den Zyklus humoristisch-phantastischer Dichtungen
unter dem Titel In Phantas Schloß heraus: 36 verschiedenartige
Gebilde, locker verbunden, Reflexionen,
Empfindungen, Bilder. In demselben Jahr 1895 druckte der
Pan Richard Dehmels übermütiges Trinklied; wenn wir
Morgensterns Gedichte damit vergleichen, sie im Ganzen der
neuromantischen, impressionistischen und kosmischen Lyrik
sehen und den damals herrschenden französischen Sprachbereich
einbeziehen, so erscheinen sie als eine von vielen Talentproben.
Immerhin empfand der Rezensent der Neuen Deutschen
Rundschau (1895, 2. Hälfte, S. 1032 ff.) in der vokalklingenden,
aus vielen Einflüssen lebenden Reimkunst und
Hymnik die "malerische Kraft"; er würdigte das sprachliche
Spiel, als hätte er den Autor der Galgenlieder geahnt: "Wie
ein Mann denken, wie ein Kind das Gedachte aussprechen -
das ist ein Stück Humor." Für den zwanzigjährigen Prager
Rilke war Morgenstern ein "wundersamer Märchenprinz",
die Schlußzeile "und Mensch sein heißt ihm König sein"
klang in ihm nach, als er unserem Autor ein Gedicht übersandte
(17. September 1896).
Dem gründlichen Leser verraten einzelne Gedanken, Fügungen
und Metaphern das Wesentliche Morgensterns. Es war
kein Spaß mehr, wenn er in einem der Mondbilder den Tag
kommen sah, an dem der herabstürzende Trabant die Erde
zertrümmern werde. In Wolkenspielen zuckt Phosphorgeleucht
über das Fell der "gierzitternden" Himmelskatze.
"Schmiegsam, wiegsam" tanzen die Panstöchter. Pan bläst
Seifenblasen in den Äther - diesem Motiv werden wir wiederbegegnen.
In einer Kosmogonie überfällt der junge Dichter
den Leser mit der erschreckenden Vision eines blinden
Weltgottes: "Und um die glasigen Perlen / des zerkrampften
Auges / ballten sich Bälle kochenden Bluts, / glühende,

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leuchtende Blutsonnen..." Am erstaunlichsten ist die Zeitsatire
Der Nachtwandler. "Schlafstumm" liegt das Land. Ein
armer Fremdling, "besser: Hemdling", bewegt sich als „Opferlamm /
mondlicher Lüsternheit" über die Dächer. Im
Schlaf zählt er die Eigenschaften eines Staatsbürgers her. Er
ist Hausbesitzer, Ehemann, Vereinsvorstand, Reserveleutnant,
Agrarier, christlicher Germane, Antisemit, Deutschbündler,
Sozialmonarchist, Spiritist, Kneippianer und noch
einiges mehr. Der Dichter ruft den Nächtigen an: "... und
nie Mensch?"
Nach dieser schockierenden Frage stürzt der Arme zu Tode.
Für den Phanta-Dichter war die Welt in all ihrer Grenzenlosigkeit
nur Innenraum. Bauers Biographie trug aus dem
Umkreis der Entwürfe ein Gedicht mit der Zeile bei: "Hinter
den Sternen bin wieder ich." Unveröffentlicht blieb damals
auch eine nächtliche Fahrt durch die Großstadt. Phantas Begleiter
sieht "das grauenhafteste Elend ... Ich glaube vergehen
zu müssen. Mein Blut pocht rasend in den Schläfen ... Da bin
ich gestorben in jener Nacht ..." Hier sei an Arno Holz erinnert,
nicht an den Phantasus-Zyklus von 1898/99, der Morgensterns
Jugenddichtung motivisch ähnelt, sondern an die
Urform der Weltdichtung im Buch der Zeit von 1885. Da
hungert ein Dachstubenpoet, während er alle Schönheit der
Welt erobert, zu Tode. Die Realitäten hinter dem Traum hat
Morgenstern kaum weniger gekannt, auch wenn er sie in seinen
Phanta-Zyklus nicht übernehmen mochte.
Diese Realitäten waren schlimm genug. An die große Winterkur
im Süden, die der Spezialist Prof. Senator dem Lungenkranken
empfahl, war nicht zu denken. Obwohl sich Morgenstern
bei günstiger Witterung wohlfühlte, war der Husten
chronisch geworden, und die Freunde machten sich Sorgen.
Im Herbst 1894 beruhigte er Kayßler, er überwache seinen

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Zustand - "Geldpunkt allerdings schwieriger, als Du und ich
denken". Am 8. Oktober gestand er Clara Ostler, ihm fehle
der Taler, sich photographieren zu lassen, doch glaube er, ein
"Glückskind", sich bald mit seinen journalistischen Eroberungen
durchzusetzen.
Mit welchem Eifer er, der selber der Hilfe bedürftig war, sich
um seine Freunde bemühte, erfahren wir aus dem Zuschauer
(Zeichen "m", 1. Dezember 1894) und aus Morgensterns Musikbericht
im Kunstwart (1. Aprilheft 1895): In Konzerten
der Neuen Freien Volksbühne hatten seine Emser Muse Eugenie
Leroi (Mezzosopran) und die Pianistin Marie Gerdes
mitgewirkt. In dem Novemberkonzert 1894 war für einen
fehlenden Sänger der junge Hamburger Alfred Guttmann eingesprungen.
Das Konzert am 24. Februar 1895 fand als Winterfest
der Willeschen Volksbühne vor mehr als 3000 Menschen
in Kellers Sälen in der Koppenstraße statt, Morgenstern
resümierte: "Wo aber Empfänglichkeit ist, da muß Erziehung
einsetzen." Er bedauerte, daß Bruno Wille nicht über die Mittel
zu einer regelmäßigen Konzertpflege verfügte. In diesem
Winter hatten sich die jungen Musiker mit Morgenstern,
Kayßler, Fritz Beblo zu dem Kreis "Der Orden" vereinigt,
später kam auch Georg Hirschfeld dazu. Gena Leroi, die bald
danach Berlin verließ, heiratete 1899 Dr. Guttmann; sie starb
noch vor Morgenstern, Guttmann ging später ins Exil.
Morgensterns Publizistik - Satiren, Dramatisches, unbedenklich
angebotene Lyrik, aber auch mancherlei von Wert und
Dauer, Aphorismen, Essays, Glossen, Referate über Kunst
und Literatur - füllte viel von seinem Leben aus. Ein großer
Teil der verstreut erschienenen dichterischen, parodistischen,
grotesken und aphoristischen Produktion taucht in späteren
Sammlungen wieder auf. Über seine öffentliche Wirksamkeit,
darunter gelegentlich Vortrag oder Lesung, geben die Briefe

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Aufschluß. Notizen und Auszüge finden sich in Bauers Werk,
hier und da in Monographien; viel bleibt noch zu tun. Am
meisten ließ er in der Berliner Frühzeit drucken, bevor Ubersetzeraufträge
etwas festeren Grund gaben; da war die geographische
und thematische Breite der Arbeit des Gefährten
der Berliner Boheme erstaunlich, ökonomisch war auf das
freie Wort nicht zu bauen, um so mehr, als sich Morgenstern
als Feuilletonist selbst im Weg stand. "Alle Zeitungsschreiberei,
auch diese feinere, ist Sünde wider den heiligen Geist",
schrieb er am 31. August 1894 an Kayßler. Am 28. September
1896 lehnte er die "ehrende" Aufforderung des Herausgebers
Bornstein ab, für die Monatsschrift für Neue Literatur und
Kunst einen Überblick über "jetzt" gegenüber "einst" zu
schreiben. Er sei zum "Schriftsteller" verdorben: "Ich sehe
noch sehr wenig Kultur in all dem Treiben..." (1898 hat er
den kulturkritischen Essay Zur neuen Ära für Bornstein geliefert.)
Selten hat Morgenstern die kämpferische Lust verleugnet;
der materielle Ertrag war keineswegs ausreichend.
Der Hamburger Zuschauer, von Otto Ernst und Constantin
Brunner mit Mut und Niveau geleitet, zahlte wenig und hatte
ein kurzes Leben. Die deutsche Dichtung, Franzos' konventionell
gehaltene periodische Anthologie, brachte mancherlei
Lyrik, mutmaßlich ohne Honorierung. Wir finden Morgenstern
in dem festlichen Pan, im Magazin für Literatur, in den
Bremer Neuen Literarischen Blättern, 1896 in Rilkes und
Bodo Wildbergs Wegwarten, kurz danach in der Wiener
Rundschau, Aus Wien ist auch Das deutsche Dichterheim, aus
München Die Gesellschaft zu nennen, die zwar nicht für einen
Rezensenten, wohl aber für eine Reihe von Gedichten zu
zahlen bereit war. Unter den Münchener Blättern war dem
jungen Morgenstern Avenarius' Kunstwart am wichtigsten;
seine Hoffnung, hier "immer" die zweite Hälfte der Berliner

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Beilage bestreiten zu können (so an Marie Goettling, 24. Januar
1895), erfüllte sich nicht, doch kam er öfter als Kritiker
zu Wort. In Morgensterns Wirken fehlte die Frankfurter Zeitung,
die er neben acht anderen Titeln im Brief an Clara Ostler
vom 8. Oktober 1894 nannte, so wenig wie die Vossische Zeitung,
deren Kritiker Schlenther ihn 1897 zu Ibsen führte. Den
ersten Platz unter den Presseorganen nahm für Morgenstern
die Neue Deutsche Rundschau ein, deren Verleger S. Fischer
ihm die Mitarbeit an der autorisierten Ibsen-Ausgabe anvertraute.
Er solle große Vierteljahrsrevuen über die zeitgenössische
Lyrik schreiben, teilte er Marie am 13. Oktober 1894
mit; in diesem Ausmaß "ständiger Mitarbeiter" wurde er freilich
nicht, doch rückte er mit seinen gelegentlichen Beiträgen
in die erste Reihe der Schriftsteller ein, und im Sommer 1895
konnte er einige Wochen den Redakteur Dr. Oskar Bie vertreten.

Wenn Morgenstern das zeitgenössische lyrische Schaffen bewertet,
ist er überwiegend nachsichtig, verhält sich fördernd
gegen junge, ritterlich gegen weibliche Talente. Mitunter reizen
ihn schiefe Bilder, verkrampfter Ausdruck zum ironischen
Verriß. Wenn er bewußten Verzicht auf das Schöne bemerkt,
tadelt er; wenn er erschlaffende Melancholie findet,
ärgert er sich. Revolutionäre Haltung „im trägen, servilen
Deutschland" lobt er, auch wenn die Verse schwach sind
(Neue Deutsche Rundschau 1896, 2. Hälfte, S. 1240 ff.). In
der Rezension eines Diakoniebuches schlägt er ein Jahr der
Krankenpflege für junge Mädchen vor; diese gesellschaftliche
Aufgabe würde als "Dienst der Liebe den Dienst der tötenden
Waffe beschämen" (a. a. O. 1895, 1. Hälfte, S. 102 ff.). Daß
sich unter Morgensterns Gedichten in dieser Zeit entschieden
antiklerikale Verse finden, ist nicht erstaunlich; eher schon,
daß eine seiner Glossen, in der er unbegrenzte Gedankenfreiheit

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fordert, gegen jede "herdenmäßige" Nachfolge gerichtet
ist, möge es sich um Loyola, Luther, Stirner oder sein eigenes
Idol Nietzsche handeln! (Zwei Welten, a. a. O. 1894, 2.
Hälfte, S. 745 f.). Dennoch ist Friedrich Nietzsche, ist das
Tanzlied Zarathustras der optimistische Bezugsort in Kritik
und Dichtung des jüngeren Morgenstern seit Ende 1893. Abweichungen
ergeben sich teils aus Widersprüchen in Nietzsches
Wesen (hierzu ein Morgenstern-Aphorismus 1905, in
Stufen), teils aus der Überschneidung dieser Bindung mit anderen
Impulsen. Georg Hirschfeld hat in seinem Morgenstern-
Porträt von 1928 den "Lebensglauben" des Freundes
behutsam kritisiert: Von der Gefahr der Verführung durfte
man nicht sprechen, "denn es tat weh, ihm weh zu tun". Morgenstern
widmete seine Phanta dem unglücklichen Kranken,
er schrieb Nietzsches Mutter einen Brief. Seine Verehrung für
Nietzsche dauerte fünfzehn Jahre an, wandelte sich aber von
der Faszination zur hellsichtigen Kritik. Mancher der Zeitgenossen
hat früher als Morgenstern die gefährliche Mode des
sich auf Nietzsche berufenden Machtdenkens durchschaut;
andere liebten den kosmischen Höhenflug, erträumten die
Sprengung nationalistischer Schranken. Ihnen war Nietzsche
der Feind der Philister, Abgott der Boheme. Intellektuelle
und Künstler der Jahrzehnte um 1900 suchten eine Synthese
zwischen den Zielen der Arbeiterbewegung und Nietzsches
Aristokratismus, zwischen Ratio und Mystik; dem entsprach
in der Dichtung die Doppelmelodie von Realismus und Neuromantik.
In den auf Phanta folgenden Versbänden Auf vielen
Wegen (1897) und Ich und die Welt (1898) und in verstreut
erschienenen und nachgelassenen Gedichten des Jahrfünfts
ab 1894 zeigt sich Morgenstern am entschiedensten als
Mitläufer der Neuromantik, oft allerdings folgt er klassischen
und romantischen Einflüssen. Wie wenig damit, auch mit dem

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Hinweis auf seine bildnerischen Ideale Böcklin und Klinger,
über ihn ausgesagt ist, verrät ein Brief zum Thema Phanta
vom 26. Januar 1896 an Oskar Bie. Er fragt: "Kennen Sie Rabelais,
Sterne, Vischers Auch Einer? 'Da liegen meine Reiche.'"
Bevor er 1897 Stefan Georges Blätter für die Kunst und
Hofmannsthal entdeckte, hatte er Swift gelesen, mit Erbitterung
die Niederlage des Florian Geyer vor dem Berliner Publikum
erlebt, hatte ihn Gogol beeindruckt. In seinen Versbänden
und in Entwürfen finden sich mitten in dem Schönheitszauber
tiefernste, balladeske und groteske Stimmen. Als
er sich im Spätsommer 1895 auf Sylt erholen konnte (zehn
Jahre später wurde er mit dem nicht weniger geliebten Föhr
vertraut), klagte er, die lyrische Symphonie, in der er widerstreitende
Kräfte gestalten wollte, käme nicht voran. Am
Meer empfand er die Einsamkeit, ihm fehlte eine verstehende
Gefährtin. Und doch waren die Jahre voller Leben. 1894 hatte
er sich mit einem Freund der Breslauer Studienzeit, dem 1896
gestorbenen Fritz Münster, wieder für Horaz begeistert. Mit
der Jahresangabe 1897 erschien anonym, kurz danach mit
Morgensterns Namen in seinem neuen Verlag Schuster und
Loeffler der Horatius travestitus. Ein Studentenscherz. (Vorabdrucke
in der Jugend 1896 zeichnete Morgenstern mit Namen.)
Neben achtzehn römischen Oden las man die mutwillig
"nachgedichteten" deutschen Texte, beziehungsreich berlinisch,
münchnerisch trinkfreudig, verliebt, auch einmal satirisch
- etwa so:

Sieh den Kaufmann! Er schimpft auf Kolonialpolitik,
wird Lokalpatriot, gründet Bazars und Klubs,

aber bald wieder doch rüstet mit Schnaps und Blei
neue Schiffe er nach Togo und Kamerun...


Schon vorher waren im Kreis der Bohemiens die ersten (mindestens
siebzehn) Galgenlieder entstanden. Im Sommer 1896

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Handschrift für Gumtau.png

Diese Handschrift des
Fünfundzwanzigjährigen
schenkte
Margareta Morgenstern
dem Autor.

(Druck in:
Ich und die Welt, 1898)



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hatte sich Morgenstern in Friedrichshagen einquartiert, auch
im folgenden Sommer wohnte er draußen, gemeinsam mit
Kayßler. Er segelte auf dem Müggelsee; diesen Sport hat er
auch andernorts und zu anderen Zeiten mit Freude getrieben.
Die Münchener Jugend hatte im Sommer 1896 ein anständiges
Honorar geschickt; er leistete sich zwölf Goethebände,
einen Band Heine und gemeinsam mit einem Schulfreund eine
kurze Alpenkur im Salzburgischen; von dort ging es noch bis
zum Gardasee. Im Herbst 1896 stellte er sich in der Luisenstraße
64, drei Treppen hoch, ein Zimmer mit eigenen Breslauer
Möbeln voll. Als ihn während der Nachtarbeit der Lärm
beim Bau der Pferdebahn störte, schrieb er an Marie: "Wo
ich mich gewöhne, werde ich unglücklich" (5. Juni 1897).
Wanderjahre ab Mai 1898 leiteten ein neues Kapitel ein: die
Begegnung mit Ibsen. Am Felsabhang am Fjord in Nordstrand
ließ er sich durch die Natur, auf Sommerwegen durch
die junge Schwedin Dagny Fett aus dem nahen Kristiania
(Oslo) verzaubern. Doch noch vor Jahresende löste er sich
von ihr, er fürchtete die feste Bindung. Briefe und Aufzeichnungen,
die Bauers Werk überliefert, hielten die Gespräche
mit Ibsen fest; am 20. Januar 1899 berichtete er Marie Goettling,
"ein leidenschaftlicher Beobachter", aus der fremden
Stadt, dem fremden Land. Er sah in dem norwegischen Dichter,
ungeachtet der gegenseitigen Wertschätzung, den Dogmatiker,
"der mir zu viel Begriffe und zu wenig Weisheit
hat"; auch fernerhin blieb sein Eindruck zwiespältig, ähnlich
dem des Kritikers Fontane. Im Mai fuhr er über Drontheim
nach Molde, im Hochsommer lebte er bei Bergen, von da aus
besuchte er Grieg. Im Herbst 1899 war er, deprimiert über
einen Bergener ärztlichen Befund, wieder in Berlin.
Der Übersetzerauftrag von 1897 befreite ihn zeitweilig aus
wachsenden Sorgen, auch korrigierte das neue Werk den

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sprachlichen Bann durch Nietzsche. Denn nicht der Philosoph
war für Morgenstern gefährlich, sondern der Sprachkünstler.
Unter den Versen, den Aphorismen begegnet man
lange Zeit Nietzsche-Kopien, deren Schwäche Morgenstern
nicht erkannte. Schon die Übertragung von Strindbergs Inferno
aus dem Französischen (1898 bei Bondi in Berlin, zugleich
in Stockholm) hatte ihn zu sprachlicher Zucht geführt.
Als er fieberhaft schnell das Norwegische erlernt hatte, sah
er, wie schwer die Aufgabe war: Er wolle eine "möglichst wenig
schlechte" Übersetzung von Versdramen und Gedichten
Ibsens für die große deutsche Gesamtausgabe liefern, schrieb
er 1898 an die Kopenhagener Zeitung Politiken. Das Fest auf
Solhaug und Komödie der Liebe erschienen 1898, Brand und
Peer Gynt 1901, Catilina, Ibsens Erstling, 1903. Schwer belastete
ihn die Übersetzung der Gedichte (1903). Auf Ibsens
Wunsch übertrug er auch den dramatischen Epilog Wenn wir
Toten erwachen (gemeinsam mit einem der Herausgeber, Julius
Elias, 1899). Dazu kamen in Unterbrechungen über Jahre
hinweg Textrevisionen anderer Dramen Ibsens. Im Oktober
1907 entzog er sich in einem energischen Brief an Elias weiteren
Verpflichtungen. Er empfand Ibsen als "anspruchsvollen
Riesengast" - "es geht, es geht, es geht nicht".
Der 1906 gestorbene Ibsen hat Morgensterns Fassung als Meisterwerk
geschätzt. Der Norweger war dem deutschen Kulturkreis
lange und eng verbunden, er beherrschte unsere Sprache,
konnte also urteilen. Zwar hat sich Peer Gynt in unserem
Land auf der Bühne erst spät durchgesetzt, blieb dafür aber
bis heute lebendig. Nach einem längeren Zwischenspiel mit
Dietrich Eckarts mystifizierender Verfremdung (ab 1914) hat
Morgensterns Nachdichtung führenden Rang behalten, wenn
auch mehrfach in dramaturgischer Bearbeitung (u. a. durch
Heinrich Koch). Der Norwegenkenner Ernst Brausewetter

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wies wiederholt, so in den Internationalen Litteraturberichten
vom 3. April 1902, auf die sprachliche Kunst Morgensterns
hin. Zwei Schauspielerurteile: Der Dresdener Paul
Wiecke, durch den die Pfarrertragödie Brand zum "Zugstück"
wurde und der sich auch für Peer Gynt einsetzte,
dankte Morgenstern am 22. Dezember 1905: Obwohl ihm die
Reime zuerst hinderlich gewesen seien, erschienen sie ihm
nach tieferem Eindringen "für eine feine und stilisierte
Sprechbehandlung ungeheuer einfach". Eduard von Winterstein
hielt es, so in seinen Memoiren, für bedenklich, daß
Morgenstern sich nach eigener Aussage streng an Ibsens
Rhythmus gehalten und die männlichen und weiblichen Reime
gewahrt habe. Wie er hätten auch seine Zuhörer beim
vergleichenden Lesen einer Kernstelle des Peer Gynt der älteren
Übersetzung von Ludwig Passarge den Vorzug gegeben.
Ein differenziertes Bild ergibt ein Vergleich, den der Prager
Germanist Josef Wihan an Proben aus Catilina, Komödie
der Liebe und Brand zwischen Original, wörtlicher Übertragung
und Morgensterns Fassung zog: Ungeachtet gedanklicher
Freiheiten im Detail bleibt die Nachdichtung eine imponierende
Leistung. Das Wesentliche dürfte Bauers Biographie
treffen, wenn der knappe, schlagende Dialog, die an dieser
Arbeit reifende Sprache des Epigrammatikers Morgenstern
gerühmt wird. In den Versbänden der Jahrhundertwende
überwiegen epigonische Formen. Der großen Reise dankte
Morgenstern die Sammlung Ein Sommer (bei S. Fischer
1900), die er Dagny Fett mit den Worten "Der's gehört" widmete.
Ekstatik und Groteske treten zurück, leicht schwingen
freier Rhythmus oder Reimspiel, Farben spiegeln sich in
Klängen. Eng schließt sich die Sammlung Und aber ründet
sich ein Kranz (1902) an, sie mischt liedhafte Stimmung und
Impression mit skeptischen, wohl auch resignierten Reflexionen

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Am Schluß finden wir das Gebilde Erster Schnee, das
vieles Schwache aufwiegt:

Aus silbergrauen Gründen tritt
ein schlankes Reh
im winterlichen Wald
und prüft vorsichtig, Schritt für Schritt,
den reinen, kühlen, frischgefallnen Schnee.

Und Deiner denk' ich, zierlichste Gestalt.


Nach seiner großen Reise lebte Morgenstern in Charlottenburg;
zu der erhofften Konsolidierung kam es nicht. Ein
schwerer Anfall des Leidens zwang ihn im Sommer 1900, ein
Sanatorium in Schlachtensee aufzusuchen. Im Herbst kam es
zur großen Kur bei dem bedeutenden Lungenarzt Turban in
Davos; er litt unter der Bettruhe, den Liegestunden, den
Mahlzeiten (er war ein sehr mäßiger Esser). Bedenklicher war
der Geldmangel, aus dem ihn die Berliner Boheme rettete.
Damit begann ein neues Kapitel.
Der Schriftsteller Ernst von Wolzogen hatte sich vom Pariser
Cabaret, von dem dänischen Poeten Holger Drachmann und
Otto Julius Bierbaums Roman Stilpe (1897) anregen lassen:
Ein Buntes Theater oder Überbrettl sollte die Berliner über
das zeitübliche Massen-Varieté hinausführen. Nun konnte
Wolzogens hochberühmtes Kabarett gegen die politische
Zensur und den Nachtlebenbedarf zahlungskräftiger Besucher
nichts Bedeutendes aufbauen. Doch man sagte dem vielbegabten
Freiherrn nach, daß er für den kleinsten lyrischen
Beitrag laufend Tantiemen zahle.
Vor 1900 hatten jüngere Schauspieler aus Brahms Ensemble
neue Wege gesucht: Kayßler, Max Reinhardt, Richard Valientin
und andere. Ein Künstlerklub Die Brille, ursprünglich
eine Stammtischrunde im Cafe Monopol am Bahnhof Friedrichstraße,
probierte zu Silvester 1900 ein literarisches Kabarett,

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das man als Narrenschlitten erweitert herausbringen
wollte, bis man befand, daß Name Schall und Rauch sei - damit
war der neue Titel gefunden.
Als "Robespierre" begegnet uns Max Reinhardt erstmalig am
21. März 1897 in Morgensterns Briefwechsel: Voller Übermut
schrieb er seinem "Danton", auf die Runde im Monopol
anspielend. Begeistert gratulierte er Morgenstern im Januar
1898 zu dem Zigeunergedicht Der einsame Turm, worin der
Dichter "das tiefe Leid der Einsamkeit, / das Königslied der
großen Ungekrönten, / das Klagelied der würdelosen Zeit"
gesungen hatte (Auf vielen Wegen). Zu Weihnachten 1900
schenkten Kayßler und Reinhardt dem Freund in Davos einen
Winterpelz. Die Schall-und-Rauch-Premiere des Reinhardt-
Kayßler-Kreises mit Dr. Martin Zickel (der übrigens in der
„Sezessionsbühne" Ibsens Komödie der Liebe in Morgensterns
Fassung aufgeführt hatte) fand am 23. Januar 1901 im
Künstlerhaus in der Bellevuestraße statt: Es war ein Benefiz
für den kranken Morgenstern. Als Schall und Rauch am 9.
Oktober 1901 erstmalig in Arnims Hotel, Unter den Linden
44, spielte, war Morgenstern mit dem Beitrag Die Jongleuse
im Programm (Musik: Bogumil Zepler). Wolzogen hatte in
seiner Überbrettl-Premiere im Sezessionstheater am Alexanderplatz
am 18. Januar 1901 Morgensterns Parodie auf
d'Annunzio Das Mahl gespielt, die als wesentlich, aber über
Kabarettmaß hinausgehend empfunden wurde (spater: Die
Schallmühle). Leider scheint das Publikum nicht gemerkt zu
haben, daß auch eine Parodie auf Alfred Kerr von Morgenstern
verfaßt war; viele hielten den Starkritiker, der im
Saal saß, für den Autor. Auf beiden Bühnen kam noch mehr heraus;
so las Kayßler Galgenlieder. Aber es gab auch eine Reihe
Enttäuschungen. Eine personenreiche Satire, angeregt durch
Hauptmanns Schluck und Jau, konnten die Schall-und-

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Rauch-Freunde nicht aufführen. Morgenstern war nicht der
Mann, auf Bestellung zu arbeiten. Gegen bloßen Bühnenulk
hatte er Bedenken. Bei Wolzogen fiel seine Parodie Die Dame
von Minime der Zensur zum Opfer, die kein Bett auf der
Bühne duldete; nicht anders erging es Reinhardt mit Morgensterns
Lauffgraf, einer einaktigen Parodie auf den Hohenzollerndichter
Josef Lauff (Die Schallmühle).
Von dieser Zeit ab tritt in Morgensterns Briefen die nächst
der Kayßlerschen wichtigste Freundesbeziehung ins Licht. Er
hatte 1896 bei Georg Hirschfeld den späteren Erzähler, Kritiker
und Übersetzer Efraim Frisch (1873-1942) kennengelernt,
der aus Galizien über Wien nach Berlin gekommen war.
Frischs Biograph Guy Stern nennt diese Freundschaft vorbehaltlos;
sie schloß auch Frischs Studienkollegin und spätere
Frau Fega (= Fedscha) Lifschitz (1878-1964) ein, die ebenfalls
aus orthodox-jüdischem Hause kam und durch Übersetzungen
aus dem Russischen und Jiddischen bekannt wurde.
Mit Frisch war Morgenstern im Sommer 1901 in der Gegend
des Vierwaldstättersees zusammen. Im Winter lebte er wieder
im Bergklima, in Arosa. In der Einsamkeit packte ihn, ungeachtet
der Übersetzerfron, die Reiselust. Über Rapallo fuhr
er nach Portofino in den italienischen Frühling; er lernte die
junge Dänin Eva P. kennen, sah sie in Florenz wieder - es
blieb beim Schwärmen. Wie gründlich er die florentinischen
Kulturstätten studierte, bezeugt ein Brief aus späterer Zeit an
eine Berliner Bekannte, Luise Dernburg (16. April 1905). Er
sah Mailand; im Sommer 1902 trieb er in Zürich neben der
Arbeit an Ibsen Renaissance-Studien, er plante eine Renaissance-
Trilogie. Kayßler besuchte ihn, dann fuhr er nach Heidelberg
und an den Rhein. Nach der Rückkehr war er in Zürich
und in dem ihm vertrauten Gebirgsort Wolfenschießen
mit Frisch und Fega zusammen. Zwei Ärzte stellten fest, es

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stehe gut mit seiner Lunge. Im November war er in Zürich
Trauzeuge für Efraim und Fega Frisch; am 1. Dezember
schlug er Kayßler in einem Brief Frisch als Dramaturgen für
das Kleine Theater vor, das der Schall-und-Rauch-Kreis gegründet
hatte: "Gebt mir nach tausend Mißerfolgen diesen
einen Erfolg!" (Frisch war 1904/09 Dramaturg und Regisseur
bei Reinhardt.) Wieder zog es Morgenstern nach Italien; es
war ein Wagnis. Im Herbst hatte sein Ibsen-Guthaben 15
Mark betragen; die Feuilletonschreiberei empfand er als lästig,
so notwendig sie war.
Über Mailand und Florenz erreichte er Rom; am Abend des
Tages der Ankunft Mitte Dezember stand er vor Sankt Peter.
In hymnischer und reflektierender Prosa hielt er in Tagebuch
und Briefen die Impressionen aus dreitausend Jahren fest.
Dem Gesellschaftsleben blieb er, soweit er es vermochte, fern,
doch es bedrückte ihn, daß er all dies nicht mit einem Freund
teilen konnte. Die erhoffte freie Existenz im Süden ließ sich
nicht verwirklichen, obwohl ihm Albert Langen auftrug,
Hamsun zu übersetzen (1903 übertrug er das Stück Abendröte,
bis 1910 ein weiteres). Deprimiert rüstete er im März
1903 zur Heimfahrt. Noch einmal kehrte er in Florenz ein,
dessen künstlerische Harmonie sein Bild von Rom noch überbot.
Der Musiker Ludwig Landshoff und seine Frau, junge
Freunde Morgensterns, nahmen ihn in Fiesole über dem Arnotal
gastlich auf. Damals ergab sich ein Auftrag, für Langen
Lyrik von Björnson zu übersetzen.
Ab Mai wohnte er in Berlin-Halensee, Ringbahnstraße, bei
Kayßler. Im Oktober konnte er sich im Gartenhaus zwei
Zimmer einrichten; später hat er zeitweise für Kayßlers Jungen
Christian Friedrich gesorgt, wenn der Freund auf Tournee
war. (Kayßlers erste Ehe war gescheitert; 1905 heiratete
er die Schauspielerin Helene Fehdmer.)

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Inzwischen hatte sich Wichtiges ereignet. Ab 1. August 1903
war er einige Wochen lang Dramaturg bei Bloch Erben, fünf
Bürostunden pro Tag. Am 15. Juli hatte er dem notleidenden
Frisch leihweise auf kurze Zeit "bis zu 15 M" angeboten und
ihm mitgeteilt, er habe in der Stadtbahn Reinhardt getroffen:
Eine Zeitschrift sei geplant (Brief in Sterns Frisch-Anthologie).
Ab 1. Oktober 1903 kam bei Bruno Cassirer in Morgensterns
Redaktion Das Theater. Illustrierte Halbmonatsschrift
heraus, zwei Jahrgänge mit vierzehn und elf Heften in unregelmäßiger
Folge. Morgenstern wollte geschmackbildend für
das Neue wirken, ohne die Klassik zu vergessen. Über die
Reichsgrenzen hinaus gewann er Mitarbeiter. Frisch rezensierte
bis zum März 1904 viele Berliner Inszenierungen; das
Hoftheater, das Morgenstern in Versen glossierte, wurde mit
einer Ausnahme ausgespart: Auf Anregung des Freundes kritisierte
Frisch ein triviales "Volksstück" als "Heimatkunst"
in der Kroll-Oper (hierzu Morgensterns Brief vom 10. September
1903, den Stern abdruckt). Otto Stoeßl (Wien) wagte
eine soziologisch fundierte Kritik an der deutschen Schaubühne.
Der Komödienautor Josef Ruederer ging mit Zensur
und "geistiger Versumpfung" der Münchener Behörden ins
Gericht. Julius Bab, Beer-Hofmann, Louise Dumont, Felix
Hollaender, Kayßler, Johannes Schlaf, Wilhelm von Scholz
und andere Namen der Zeit sind vertreten; der bedeutendste
Wortbeiträger ist Hofmannsthal. Sein Essay Die Bühne als
Traumbild, dem Moritz Heimann in einem durchdachten
Aufsatz widerspricht, ist ein farbentrunkenes Fest: "Denn die
Welt ist nur Wirklichkeit, ihr Abglanz aber ist unendliche
Möglichkeit..." Morgensterns sprachliche Kraft zeigt sich,
sieht man von Nietzschetönen ab, in einer Elektra-Kritik, einer
Würdigung der Düse und einer Strindberg-Notiz: lyrische
Perioden, klares Denken. Voller Verständnis würdigt er

   S. 46

Fontanes Theater-Causerien. Wir finden Fotos von Szenen,
Akteuren und Autoren, Entwürfe, Zeichnungen und Zierstücke
von Beardsley, Corinth, Ludwig von Hofmann, Menzel,
Slevogt, Somoff, Toulouse-Lautrec, Karl Walser und anderen.

Die Hefte von sechzehn, ab Mai 1904 zwölf und zuweilen
vierzehn Seiten wurden bei Reinhardt im Kleinen Theater und
im Neuen Theater am Schiffbauerdamm mit dem Programmzettel
verkauft. Aber Morgenstern war kein Presseagent in
Reinhardts Diensten. Er hatte ein strengeres Theaterideal, urteilte
zwar wohlwollend, aber distanziert und kritisierte mitunter
die Wahl der Stücke. Beide waren von der Zusammenarbeit
enttäuscht. Bei derartig beschnittenem Umfang und
Programm müsse er versagen, schrieb Morgenstern dem
Freund; er sei nicht ausschließlich "Theatermensch, Fachmensch"
(im Briefband falsch datiert auf Dezember 1904 statt
auf Februar oder März 1905). Im Frühjahr 1905 erlosch das
Projekt. Für ein freieres, großes Unternehmen, das Morgenstern
plante, fehlten Geldgeber.
Am 14. Februar 1905 hatte er in einem Brief an Julius Bab
konkretisiert, was ihn vom zeitgenössischen Theater trennte:
"Es gibt nur einen Stil für das große Drama: Fester, unverrücklicher
Schauplatz (wie im Altertum, womöglich noch
strenger), sodann ein Spiel, das mehr Vortrag ist, als das, was
wir heute 'Spiel' nennen; nur Vermittelung des Dichters,
nicht irgendwelches Verkörpern-Wollen im naturalistischen
Sinne.
Daneben will ich noch eine Art von ,intimem Theater' gelten
lassen, wo der Mensch nackt vor dem Menschen steht, wo
das Problem des Schauspielers sich ausleben soll, wo ohne jedes
oder doch nur in ganz schattenhaftem Milieu die Beziehungen
von Menschen untereinander dargestellt werden.

   S. 47

Was bleibt, mag Volkstheater heißen: es ist - den oder jenen
Glücksfall dieses oder jenes Theaters ausgenommen - so
ziemlich alles, was heute Theater heißt."
In der Strindberg-Notiz (später in Stufen) hatte er den Dichter
"ein gehetztes Wild, eine laufende Flammensäule"[2] genannt:
"... in der Gespensterstunde von zwölf bis eins, da
horcht hinaus auf die wilde Jagd der vom Genius Gezeichneten,
da läßt den Menschen zu Euch hinein..."[3]

Für Morgenstern war die Gespensterstunde längst angebrochen.
1905 erschienen die Galgenlieder.

 

 

Helmut Gumtau: Christian Morgenstern. Colloquium Verlag. 1971
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Quellen und Literatur | Zeittafel


Fußnoten

  1. Brief Nr. 0331
  2. Gelegentliches, S. 244, ab Z. 18
  3. gelegentliches, S. 244, ab Z. 34