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Die Erlösung

... wir Dichter des jungen neuen Lebens, wir ewigen Träumer neuer
Völkerfrühlinge, wir Nieverzweifler an endlichen Siegen der Schönheit...

Aus Morgensterns Essay Zur neuen Ära
(Monatsschrift für Neue Literatur und Kunst 1898)


Margareta Gosebruch Freiin von Liechtenstern war neunundzwanzig
Jahre alt, als sie mit ihrer baltischen Freundin
Leontine von Hippius ein Berghotel in dem kleinen Bad Dreikirchen
als Erholungsziel wählte. Auf Spaziergängen, beim Schachspiel, beim
Hören ihres Klavierspiels fand der acht
Jahre ältere Morgenstern, was er immer scheu gemieden und
immer ersehnt hatte; diesmal war es die Frau, die ihm mehr
war als alle, auch die besten Freunde. Von der Verwandlung
durch übermächtige Leidenschaft zeugt, was Margareta später
der Öffentlichkeit übergeben hat: Im Brief band lesen wir
achtundvierzig Bekenntnisse und Nachrichten an sie bis zum
Jahresende 1908. Er sei kein Leidbringer, betonte er nach der
ersten Trennung am 31. August; am Tag danach an Kayßler
klang es anders: "Die Welt ist seltsam und tragisch. ... Liebt
mich nie genug, es ist die einzige Rettung meiner Existenz."
Ihr schrieb er an diesem Tag, jetzt komme "Hauslosigkeit"
über sie; wenn sie wieder ein Heim habe, möge sie sich vorstellen,
sie sei im Reich irgendeines einsiedlerischen Waldfürsten
gewesen, der sie die Worte seiner Quelle verstehen gelehrt
habe "und das Singen seiner Vögel und den Tanz seiner
Sterne..." Wie all seine inneren Erfahrungen nahm er auch
diese Bindung als eine Religion: "Denn im ICH und DU liegt
der Welt, liegt GOTTES Sinn beschlossen" (am 4. September
an Margareta). Am 29. Oktober schrieb er an Kayßler, Margareta
sei eine viel festere und stärkere Natur als er. Doch er

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hatte große Sorgen; dieser Herbst war kritischer als die vorher
durchlittene Einsamkeit. Es kam zum Konflikt mit Margaretas
Mutter, einer Generalswitwe, und ihrem Bruder, Offizier,
als er im Oktober nach Freiburg (Breisgau) reiste und die erkrankte
Margareta in einem konfessionellen Krankenhaus
aufsuchte. "Daß ich nichts bin, will ich nicht sagen", schrieb
er ihr am 23. Oktober, "aber daß ich nichts 'habe' weißt Du.
Ich kann eben (mit gelegentlichen Anleihen) gerade so für
mich hin leben... Ich habe vielleicht unverantwortlich gehandelt...
Auch die Gesellschaft in ihrer 'Engherzigkeit' hat so viel, so
viel Recht." Es ist anzunehmen, daß Margaretas Familie
in der Tat ernstere Bedenken hatte als solche der Konvention.
Wiederholt hatte Morgenstern sein Todesjahr vorausbestimmt;
es war ihm nicht mehr viel Zeit gegeben. In jenen
Monaten entstanden die ergreifenden, der Bibel nachgedichteten
Verse: "Laß mich nicht allein, denn es will Abend
werden..." (Wer bin ich, in: Mensch Wanderer). Noch vor
der Eheschließung, als Morgenstern im September 1909 an
schwerer Bronchitis litt, erfuhr Margareta vom Arzt, er habe
bei guter Pflege vielleicht noch einige Jahre zu leben. Wir verstehen
also Morgensterns Zweifel, ob er recht handle, aber
wir erkennen auch die gleich ihm religiös und geistig
begabte Frau, die in Liebe unbeirrbar zu ihm hielt.
Aus Freiburg zog sich Morgenstern zu seinem Freund Beblo
in Straßburg zurück; hier entwarf er Verse zu dem Kinderbuch
Klaus Burrmann, der Tierweltphotograph, das mit Beblos
hübschen Illustrationen erst 1941 erschienen ist. (Ein anderes
von mehreren späteren Kinderbüchern, Klein Irmchen,
kam 1921 heraus.) Um Verlegerisches zu klären, ging er ungeachtet
der Krankheit Mitte November 1908 nach Berlin;
er wohnte in der Gegend des Leipziger und Potsdamer Platzes,
die er liebte. Zum Weihnachtsfest war Margareta bei ihm;

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in diesem Winter führte er sie bei seinen Freunden als Verlobte
ein. Im Januar 1909 nahm Margareta, die sich für die
Theosophie und die damals Aufsehen erregende Lehre Rudolf
Steiners interessierte, ihren Verlobten zu einem Vortrag mit,
den Steiner im Architektenhaus in der Wilhelmstraße hielt.
Dieser Abend leitete die Endphase seines Lebens ein. Er
fühlte sich gebannt und verwandelt.
Über Rudolf Steiner (1861-1925) und seine esoterische Lehre,
die "Anthroposophie" oder "Geisteswissenschaft", finden
unsere Leser in dem ihm gewidmeten Band der Köpfe des XX.
Jahrhunderts nähere Informationen. Für unseren Zusammenhang
ist entscheidend, daß Morgenstern die Notwendigkeit
seiner Wendung zu Rudolf Steiner über jeden Zweifel
hinaus begründet hat: „Man kann von sich selbst immer nur
partiell reden; aber wenn ich das tue, so muß ich wohl sagen,
daß ich nicht weiß, wo ich heute wäre, wenn sich mir das Leben
nicht durch die Erkenntnisse der Theosophie verständlich
und ertragbar gemacht hätte. In der Verzweiflung, im Wahnsinn,
in der Revolution irgendwo, im Philistertum - vielleicht
überhaupt nirgendwo mehr, diesseits des Grabes" (am 20.
Dezember 1913 an Marie Goettling). In einer abweichenden
Fassung seiner Autobiographischen Notiz von 1913, Über
mich selbst, stellte er fest (gedruckt im Piperboten 1924, im
Auszug in Bauers Werk): Der "mystische" Zustand habe ihm
die Pflicht, die Aufgabe für das Leben nicht vermittelt; die
Schöpfung sei eine tragische Unverständlichkeit geblieben,
"einem großen Wollen wenig mehr als Ziele der Verzweiflung
bietend".
Was ihm das Leben versagte, die physische Gesundheit,
wollte er geistig und sittlich bewahren: So hat er die Erlösung
durch Steiners Lehre empfunden. Damit kamen die kosmischen
Träume seiner Jugend ans Ziel. Eine Aufzeichnung

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über Steiner (1912 oder 1913), in posthumer Auswahl gedruckt,
lautet:

Er sprach. Und wie er sprach, erschien in ihm
der Tierkreis, Cherubim und Seraphim,
der Sonnenstern, der Wandel der Planeten
von Ort zu Ort.
Das alles sprang hervor bei seinem Laut,
ward blitzschnell, wie ein Weltentraum, erschaut,
der ganze Himmel schien herabgebeten
bei seinem Wort.


Seit der Jugend hatte ihn die Seelenwanderungslehre angezogen:
Er fand sie wieder. Der Schicksalsglaube von "Karma",
den er am 31. März 1910 der Frau des Vaters in einem Brief
erklärte - "daß wir an unserer ewigen Zukunft durch unsere
gegenwärtigen Handlungen bauen" -, war ihm schon vor der
Steiner-Wendung bekannt. Kayßler hatte ihn auf Buddha gewiesen,
auch hatte ihn die alte, östliche Erkenntnislehre der
"Gnostiker" interessiert. Steiner hatte sich mit den deutschen
Mystikern befaßt, die Christus-Mystik wurde der zentrale
Ort seiner Theologie: All dies war Morgenstern vertraut. Steiner
war von Goethes naturwissenschaftlichen Forschungen
ausgegangen; Morgenstern hatte in Meran im Umgang mit
Heinrich Fricke die Farbenlehre studiert; früher hatte er den
West-östlichen Divan gelesen, der ihm orientalische Religiosität
vermittelte (hierzu die heiteren Verse West-östlich aus
der ersten Palmström-Ausgabe).
Steiners Kosmogonie, ein Dammbauversuch gegen die spätbürgerliche,
dem Mechanismus und Positivismus ausgelieferte
Anarchie, war für Morgenstern der rettende "Sprung",
der "Saltus" (so schrieb er an Bab und Kayßler); diese Religion
zwang Natur und Geist, Bild und Bildloses, Phantasie
und Ratio, zwang das Polare in Morgensterns Existenz zusammen.
Um seine skeptische Anlage zu überwinden, mußte

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er sich im Denken die Schau unsterblicher Hierarchien, die
das All beseelen, erobern. So unterwarf er sich strenger Meditation,
folgte er Steiner, der ihm zum Bürgen der Wahrheit
wurde; in Versen und Aphorismen legte er davon Zeugnis ab.
Unermüdlich warb er um Verständnis für seinen und Margaretas
Weg; er wurde schmerzlich von Verwandten und Freunden
enttäuscht, sah und überwand die Gefahr, sich Kayßler
zu entfremden.
Es war ein Wandern ohne Rücksicht auf sein Leiden und vorerst
noch am Rand der materiellen Not. Im April 1909 hörte
er mit Margareta die Vorträge Steiners in Düsseldorf und Koblenz,
dann wohnte er bei Fritz und Helene Kayßler in
Schlachtensee. Im Mai ermöglichte ihm Cassirer die große
Reise zum Steiner-Zyklus in Kristiania; nur langsam kam er
dem Menschen Steiner näher. Dem vertrauten Norden folgte
der Süden: Er fuhr, auch diesmal ohne die Braut, zum theosophischen
Kongreß in Budapest; das Geld für die Rückreise
mußte er sich telegraphisch senden lassen. Dann hörte er mit
Margareta in Kassel Steiners Vorträge. Nach einem Schwarzwald-
Aufenthalt mit ihr besuchte er den Vater in Wolfshau
im Riesengebirge. In München nahm er mit Margareta an einem
weiteren Steiner-Zyklus teil; vom Herbst ab wohnten
sie in Meran-Obermais. Schwere Krankheit und bürokratische
Hemmnisse, über die im erheiternden Amtsdeutsch Korf
(in Palmström) einiges zum besten gibt, verzögerten die
Hochzeit. Am 7. März 1910 fand in der Villa Kirchlechner,
Obermais, die evangelische Trauung statt. Es scheint, daß
Margareta mit Zuwendungen ihrer Mutter rechnen konnte,
die später wegen der steigenden Krankheitskosten erhöht
wurden; 1911 in Arosa hat Frau von Liechtenstern erstmalig
ihren Schwiegersohn besucht.
1909 hatte Cassirer die Rübezahl-Märchen von Musäus in

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Morgensterns Bearbeitung für die Jugend verlegt. Jetzt, im
Frühjahr 1910, kam die epochemachende Palmström-Sammlung
heraus. Reinhard Piper in München veröffentlichte 1910
den Gedichtband Einkehr, der Druck einer Sammlung Ich
und Du verzögerte sich bis 1911. Piper übernahm (in einem
"Wettlauf" mit dem ebenfalls interessierten Verleger Rowohlt)
mehrere ältere Bücher Morgensterns; Pipers Verlag
wurde allmählich ein Zentrum der Morgenstern-Pflege. Die
Lyrik der neuen Piper-Bücher, überwiegend aus vergangenen
Jahren, war für den Autor nur eine "Station" (an Bab am 11.
Februar 1911). In Einkehr ist wahllos Unterschiedliches vereinigt:
Naturbilder, teils schwerflüssig, gedanklich befrachtet,
teils verschwebende Impression und melodisch Geglücktes,
Gespräche mit Schrank, Schwamm und Koffer, Nietzsche-
Nachklänge und mystische Grübelei, Evangelienlyrik
und Sprüche. Die Liebeslyrik von Ich und Du, großenteils
vom Herbst 1908, ist zärtlichste Aussprache mit Margareta,
einmal auch anmutig verspielt, dann aber ins Religiöse gesteigert.
In Sonetten übt sich Morgenstern im strengen Maß, feierlich,
gewählt. In einigen Ritornellen glüht die Farbensprache
der frühen Zeit. Der Schlußteil zeigt die Wendung zu Steiner.
Als das "größte Lebenswagnis" sah er den gemeinsamen
Weg ins Freie: "Nun wollen wir uns still die Hände geben..."
Im schnelleren Wechsel fiel ihn die Krankheit an. Nach kurzer
Kur bei Brixen wagte er im Sommer 1910 mit Margareta
eine Fahrt in die Dolomiten. Sobald er sich von einem Rückfall
erholt hatte, hörten sie Steiner in Bern, trafen sie alte
Freunde in München. Im Oktober reisten sie über Verona
und Mailand nach Genua, von dort ging es zu Schiff nach
Palermo. Dem neuen Italien-Erlebnis war keine Dauer beschieden:
In Taormina brach der Wanderer im sizilianischen
Winter zusammen, Margareta pflegte ihn, dann nahm ihn

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ein römisches Krankenhaus auf. Im April 1911 trafen sie
zu einer Sanatoriumskur in Arosa ein. Im September zogen
sie in eine möblierte Wohnung, in deren Veranda er die Liegekur
fortsetzen konnte; bis zur Weihnachtszeit entlastete
ein Mädchen den Haushalt. Tapfer, geduldig blieb er am
Werk.
Viel Licht fällt auf die Prosa und die humoristische Produktion
dieser reichen, späten Jahre. Aphorismenbuch und Entwicklungsroman
waren freilich unvollendbar. Das Berliner
Kulturleben, in das er gern hineingewirkt hätte, war ihm nicht
mehr nahe genug. Wer die Wirklichkeit gesehen hat, notierte
er 1910, mag keine Träume mehr spinnen, sein "modus vivendi"
ist der "des entschlossenen Realisten der Liebe" (Stufen).
Seit 1909 verzichtete er auf Fleischgenuß (was ihm leichtfiel).
Um die Linderung des Leidens in der Welt, um die Weigerung
des Tötens im Krieg (eine Idee seit seiner mystischen
Zeit) kreisten seine Gedanken. Leo Tolstois einsamer Tod ergriff
ihn; er las Hauptmanns Roman vom Christus-Narren
Emanuel Quint. Er glaubte an eine allmähliche "Selbstkorrektur
im Sinne einer von Liebe geläuterten Vernunft" (1911,
Stufen). Eines der wichtigsten von vielen Zeugnissen ist ein
Brief an Jacobsohn, erstmalig gedruckt in der Schaubühne
1914, worin Morgenstern um 1911/12 einen Begriff Albert
Schweitzers vorwegnahm: "... wir haben keine Ehrfurcht
mehr vor dem Leben. So, wie wir die Tiere lebendig zerschneiden
und den Massenmord organisieren, so wütet einer
gegen den andern, als wären sie nicht Glieder eines Leibes,
als müsse persönliche Entwicklung zu immer mehr Sonderung
führen und nicht zu immer mehr Vereinigung, Gemeinsamkeit,
Dienst, Opfer..." Überall sah er "Sackgassen"; er
kritisierte die philiströse "Tüchtigkeit" Deutschlands im europäischen
Konzert und das "Polizeihafte", Kategorische

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vieler Wissenschaftler, das Bornierte in aller Politik. Satirische
Varianten dazu finden wir in Pipers Neuausgabe seiner
Sammlung Horatius travestitus, 1911 nach einem Vorabdruck
in der Jugend. In angeblich neu entdeckten „Oden des Horaz"
glossierte er unter anderem das Wettrüsten beim Flottenbau
und in der Luftfahrt mit dem zu erwartenden Bombenkrieg
und den Lärm der Autos, "als Rom mir zur Hölle
ward"; der "Treiber hinkendes Volk" sah er auf stolzer Sonntagsjagd:

Denn einer herrsche, einer, der Mensch allein,
und rotte alles aus, was an Adel ihm
des Antlitzes und der Gesinnung
nachsteht... -


es sei denn, im Zirkus benötige man noch ein "Humorexemplar".
Mit dem Weg zu Steiner hatte Morgensterns humoristische
Kunst nicht nachgelassen. Bis zuletzt sah er Zeit und
Welt als "Groteske", doch die Akzente verschoben sich: Er
wollte gerechter urteilen, mehr das „Werdende" des Kindes
sehen, das Menschheit hieß, mit dem Blick in ferne Zukunft.
Das neue Feld, das er noch oft in jeder Weise bestellen wollte,
hieß Palmström; es sollte die Galgenspäße überwachsen; doch
ist zu beachten, daß sich in jedem der Groteskenbände, auch
im Nachlaß, die alten und die neuen Motivkreise vermischten.
Einiges aus Palmström ging auf die Zeit der Mauthner-Studien
(oder weiter) zurück, doch der Übergang war nahtlos.
Bei Cassirer, den er weiterhin als Lektor beriet, erwirkte Morgenstern
ab 1912 vermehrte Ausgaben, wenn er auch die erhoffte
Aufteilung in zwei Bände nicht erreichte. Mancherlei
blieb vorerst draußen, ähnlich vielen Galgenliedern.
Die frühe, berühmte Lattenzaun-Groteske finden wir in der
neuen Ballade von dem Saal variiert, den ein Juwelendieb
mitten aus einem Häuserblock stahl, nichts zurücklassend als

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"eine wüste Schale". Auch das Papierknäuel, das in einer Prosaskizze
um 1902 geheimnisvoll lebendig wurde, kehrt wieder:
Die Kugeln des Herrn Palmström sind aus Papier, kunstvoll
verteilt er sie in der Stube, und sie treiben ihr nächtliches,
spukhaftes Spiel. Das Butterbrotpapier ist in einer Sprache
von Kleistscher Dynamik dramatisiert, es leidet, es denkt, es
fliegt dahin und wird von einem Vogel gefressen. Die Maus
in Palmströms Rock, der sich zur Nacht schweigend ausruht,
ist ein Enkelkind der ebenso berühmten Mitternachtsmaus
aus der ersten Ausgabe der Galgenlieder. Das erregende Spiel
rhythmischer Variationen, in denen die Maus den Rock
durchtrabt, gibt dem nächtlichen Lied die suggestive Gewalt.
Der uns bekannte Freund des Helden, Korf, wetteifert mit
Palmström, indem er die hochstilisierte Parodie Die Priesterin
beiträgt; der Nachlaß (Palma Kunkel) steuert ein weiteres
Lied Korfs bei, Notturno in Weiß, eine symbolistische Parodie
von Tonfolgen, ein geisterhaftes Fest der Sprache, Lilie
in Weiß in totenstiller Nacht...
Ein Sichwundern über die Umsetzungen unserer Erkenntnis
in die Sprache, ein Eulenspiegel-Spiel, verbindet sich mit der
Schelmenphantasie eines modernen Münchhausen. In der Gedichtgruppe
Die Elster ergibt sich aus dem Zufall, daß dieses
Wortwesen zufällig zugleich einen Vogel und einen Fluß bezeichnet,
eine närrische Verwirrung. Gegen die begrifflich demontierte
Lämmerwolke erhoben wohl wegen des drastischen
Himmelsspiels Morgensterns kluge Helferin Margareta
und sein Verleger Cassirer Einwendungen, aber 1913 finden
wir die Groteske doch in Palmström. Die hübsche Legende
vom St. Expeditus, der seinen Ruhm im Kloster einem Frachtvermerk
"Espedito" auf Geschenkkisten dankt, war von
Mauthner angeregt (Hinweis in Albert Macks Dissertation).
Zum Philosophen wurde Morgenstern in dem Gedicht Die

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Nähe: Die Ärmste kam ihrem Wortsinn entsprechend nie zu
den "Dingen selber" und härmte sich ab; der "kategorische
Komparativ" steigerte sie zum "Näher", ja, "zur Näherin":

Als Näherin jedoch vergaß
sie leider völlig, was sie wollte,
und nähte Putz und hieß Frau Nolte
und hielt all Obiges für Spaß.


Das Begriffliche bleibt den "Dingen" fern, das allzu irdisch
Reale hingegen bleibt ihnen (leider) philiströs verhaftet. Oft
steckt Satirisches im Spiel der Phantasie: Bekannt ist die
Nachlaßgroteske von Palmström, den die Nachtigall nicht
schlafen läßt, so daß er bittet, sie möge sich "in einen Fisch
verwandeln / und gesanglich dementsprechend handeln...";
diese Wendung ist typisches Begriffsdeutsch (Der Gingganz).
Die Groteske wird zur Satire, wenn Professor Palmström
zwar den Gelehrtenrang akzeptiert, nicht aber einen Orden,
"denn er trägt kein solches Kleidungsstück". In Taschenbüchern
und Briefen, in einer der Kunst des Novalis ähnelnden
Aphoristik hat Morgenstern mancherlei gesagt, was auf
spätere Erkenntnisse und Erfindungen hinwies, auf Einstein,
die Kybernetik, die Feldtheorie, den Staubsauger, moderne
Projektionstechnik. Die späten Grotesken liefern die Varianten
und steigern Mögliches ins Surreale. Im Fernklavier ist
die Radio-Übertragung vorweggenommen (Böhmischer
Jahrmarkt). Das Polizeipferd Palmströms gleicht einem
Computer, der rechnend "menschliche Gesittung und Verstand"
sichert (Palma Kunkel). In satirischer Umkehrung bittet
ein Automat "Homunculus", ihn vor dem Menschen zu
schützen (erstmalig in Bauers Werk). Korf hat eine Uhr, in
der die Zeit sich selber aufhebt. Mit kindlichem Sinn gehen
die liebenswerten Herren Palmström und Korf durch unsere
Zivilisation, die zwar technologisch, aber nicht sittlich entwickelt

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ist; Spaß, Ironie und Satire wechseln einander ab. Als
dritte Figur betritt Palma Kunkel die Szene, die ein Exlibris
lediglich als weißes Papier zu schätzen weiß, das Schweigen
liebt und nur spricht und handelt, wenn es um Wesentliches
geht. Palmström und Korf widersetzen sich dem Kriegsdienst
(Palmström wird Staatsbürger, 1912, in: Die Schallmühle)
und sorgen sich um den Umweltschutz; mit Palma halten und
schützen sie Tiere. In Versen, die (wie manches andere) aus
der grotesken in die rein lyrische Form übergreifen, rät der
Autor den Völkern, sie sollten „hintereinander statt widereinander
schlagen" (Die zwei Turmuhren, in: Der Gingganz);
die Glocke kündigt ihren endlichen Sieg über die Kanone an
(Die Schwestern, in: Egon und Emilie). Im Epigrammatischen
zeigt sich Meisterschaft, so in Palmströms Verwandlung:

Häufig auch als Bernhardiner
legt er zottigen Kopf auf tapfere Pfoten,
bellt im Schlaf und träumt gerettete Wanderer.


Morgenstern liebte die sprachliche Verkürzung, wenn er auch
amtliche und kommerzielle Abkürzungen persiflierte. Er
spielte mit Zahlen, nahm Redewendungen heiter wörtlich,
ironisierte das Geschwätz und parodierte Superlativisches.
Vor Jahren hatte er ein "Zollstockspiel" erfunden; jetzt zauberte
Korf für Palmström mit dem Zollstock erstaunliche
Dinge. Das Theater sollte ohne Aufwand "Blitzstrahl-Chiffren"
geben; Morgenstern verspottete die Illusionsbühne seiner
Zeit. Bekannt wurde Korfs Verzauberung durch die Fee
von "Odelidelase". (Victor Klemperer entdeckte, daß die variablen
Namen dieses Zauberortes durch das Produkt einer
Berliner Seifenfirma angeregt wurden!) Aus dem "Kräuterschaum"
bläst Korf die "wunderschönste Sphäre" des Weltalls.
Surrealistische Entwürfe (in Bauers Werk) zeigen, daß
Palmström und Korf die Höllentiefen der Zeit durchwandern;

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Morgenstern dachte an ein Faust-Projekt. Korfs glücklicher
Seifenblasen-Traum enthüllt sich als Spiegelung tödlichen
Verfalls. Immer reicher wollte Morgenstern die Palmström-
Palma-Familie ausstatten, immer stärker die Gesellschaft
"ironisieren". Im letzten Lebensjahr notierte er als ein
Motiv die Vivisektion, gegen die er leidenschaftlich polemisierte,
seit er 1907 Langes Geschichte des Materialismus gelesen
hatte. Auch ließ er Palmström ein Fest der Multimillionäre
besuchen. Mit anderen Texten, auf die unsere Studie hinweist,
fehlt auch dieses Gedicht in jüngeren Auflagen von
Bauers Werk (1933):

Neuyorker Multimillionäre haben
in Rom entfaltet ihre großen Gaben.

Man speist zunächst das obligate Fleisch
im Urwald und bei Papageigekreisch.

Doch erst beim Obst wird von dressierten Affen
der eigentliche Clou des Fests geschaffen.

Die Affen holen aus der Bäume Kronen
Bananen, Kokosnüsse und Melonen

und präsentieren sie (man grault sich fast)
den hochgebornen Römern, die zu Gast.

Doch Jubelrufen weicht der kurze Graus,
denn jede Frucht ist Schale nur und Haus

von goldnen Cigarettendosen,
Manschettenknöpfen, kurz, den schönsten Chosen.

Auch Palmström ist bei diesem Fest und er
empfängt in einer Nuß ein Necessaire.


Bis zuletzt blieb die Spannung im Wesen des grotesken Lyrikers
wirksam, deren Pole Kayßler in den Worten "heiter
schwebende Leichtigkeit und todesschwerer Ernst" kennzeichnete.
Man muß ein Gedicht wie Palmström lobt in der
Sammlung Alle Galgenlieder lesen, diese etwas wehmütige

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Reflexion über Regen, Schirm und Himmel, um zu spüren,
wie weit sich Morgensterns Held aus dem burlesken Ursprungsland
entfernt. Der Autor wußte, daß er sich auf seiner
Wanderung zwischen Heiterkeit und Tragik der Kritik aussetzte.
Das verrät die Groteske Der ernste Herr (Die Schallmühle).
Ein Rezensent naht sich Herrn "Palmus Palmström"
und stellt ihn zur Rede:

Mutig gehn Sie stets auf alles los,
Scherz und Ernst; Sie sind in beidem groß,
und Ihr Freund ist schlechterdings famos.

Doch just eben dies, verstehn Sie recht...
Dieser Zwiespalt! Halb sind Sie - Hanswurst -
halb von Don Quichotischem Geschlecht...

Seien Sie doch eins von beiden ganz!
Oder teilen Sie sich, wenn Sie wollen
mit Herrn Korf in jene beiden Rollen!

Sehn Sie, wir sind da, um kunstzurichten.
Ein Charakter sei so oder so.
Ihren Ernst verkennen wir mitnichten,
doch Sie nehmen hier zu viel auf sich!
Etwas bleibt an Ihnen - lächerlich!
Sehn Sie zu, wie Sie den Zwiespalt schlichten.


Je weniger ihm seine Zeit eine Heimat war, desto strenger
lebte er der Imitatio Christi in der Steiner-Lehre. In der vor
dem Tod redigierten Sammlung Wir fanden einen Pfad (1914)
und im Schlußteil des Buches Mensch Wanderer wirken die
neuromantischen Klänge fort, doch stärker setzt sich in Gebet
und Feier die klassische Form durch. Wesentliches sagt Morgenstern
auch hier in Kürze. Eine Folge von vier im Wechsel
übergreifend gereimten Dreizeilern beginnt:

Ich bin aus Gott wie alles Sein geboren,
ich geh im Gott mit allem Mein zu sterben,
ich kehre heim, o Gott, als Dein zu leben.


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Mit Recht wurde Die Fußwaschung gerühmt. Dankbar sieht
sich der Dichter im Stufengang der Schöpfung. In "ärgster
Not" traf er die Gefährtin: "Wir fanden einen Pfad...". (Die
drei Gedichte im Band dieses Titels.) Morgenstern mahnt zur
höchsten Verantwortung im brüderlichen Bund. Allerdings
zeigt die Struktur dieser Lyrik kein Fortschreiten mehr. Nicht
selten spürt man Goethe-Einfluß und die Neigung zu altertümlichen
Worten; andererseits beschweren gekünstelte,
theologische Fügungen den rhythmischen Gesang. Sehen wir
von einer Reihe schlichter Lieder und Sinngedichte ab, wirkt
der "Weltenbilderwachtraum" eher gedanklich als lyrisch gestaltet.
Und doch ergreift die Innigkeit des Glaubens.
In den letzten beiden Lebensjahren gab es in der Ruhelosigkeit
des Leidens und Wanderns noch immer Freuden und beglückende
Begegnungen. 1912 sandte Frau Salomon-Schüler
für Galgenlied-Kompositionen ihrer Tochter (Pseudonym
Peter Korff) tausend Mark. Einen ebenso stattlichen Betrag
gewährte 1913 die Schillerstiftung. Im Hochsommer 1912
ging Morgenstern wieder nach Davos zu Dr. Turban. Im Oktober
traf er mit Margareta in Zürich Rudolf Steiner; im Winter
wohnten sie in einem Chalet in Inner-Arosa. Im Frühling
1913 reisten sie nach Portorose bei Triest, wo sie ein Haus
mit Garten fanden; das Mädchen und die vertrauten Dinge
wanderten mit. Hier waren sie längere Zeit mit dem Lehrer
und Anthroposophen Michael Bauer zusammen; damals
nahm sich Morgenstern wieder Übersetzungen vor. Im Sommer
trafen sie Kayßlers in Bad Reichenhall, dann suchte Morgenstern
bis Anfang 1914 in Haus und Pflege des Münchener
Arztes Dr. Peipers Linderung. Seit dem Vorjahr quälte ihn
neben dem fortschreitenden Lungenleiden eine Schwäche der
Stimmbänder; im Endstadium der Krankheit litt er auch Nierenschmerzen.
Auf einer kurzen Stuttgarter Reise erfreute ihn

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am 24. November 1913 Marie von Sivers (später Steiners
zweite Frau) mit Rezitationen seiner älteren Lyrik. Ein letztes
Mal war er in Leipzig mit Kayßler und dem Steiner-Kreis zusammen;
hier trug in der Silvesternacht Fräulein von Sivers
seine religiösen Gedichte vor. Im Januar gelang es nach einem
Versuch in dem Kurort Arco nur mit Mühe, ein Sanatorium
in Gries bei Bozen zu finden. Der letzte Ort der Wanderschaft
war Meran. Frau von Ludwigowska, eine Polin, nahm den
Todkranken im März in ihrer Villa Helioburg in Untermais
auf. Fega Frisch wohnte bei ihnen, auch Efraim besuchte den
Freund noch einmal; Michael Bauer kam und blieb bis zum
Ende. Christian Morgenstern starb am Morgen des 31. März
1914. Den Zusammenbruch Europas im Weltkrieg hatte er
kommen sehen; zu erleben, wie die Lichter ausgingen, blieb
ihm erspart.

Morgensterns Bedeutung für unser Jahrhundert läßt sich
nicht allein an seinem Ruhm und seiner Wirkung messen. Gewiß:
Die moderne Poesie erinnert uns an ihn, im Surrealismus,
in der "Nonsense"-Dichtung, bei Schülern und Nachahmern.
In vielen Übersetzungen geistern die Galgenlieder
durch die Welt; als Carmina lunovilia, übertragen von Peter
Wiesmann, tauchten sie 1965 auf Lateinisch auf. Immer neu
werden seine Dichtungen, seine Aphorismen aufgelegt. Doch
wichtiger als die Quantität ist die Tiefe der Wirkung; sie ist
unmeßbar. Er hat den Humor als "die Betrachtungsweise des
Endlichen vom Standpunkte des Unendlichen aus" definiert
(Aphorismen und Sprüche, 1960). Unerläßlich erschien ihm
das "Mitgefühl" mit dem Größten und Kleinsten. Daß er sich
im kindlichsten und im geistigsten Spiel über die Materie erhob,
daß er im "Königsgefühl über allen Dingen" die Welt
anders sah als andere, das ließ ihn in der Begriffsbestimmung

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Schillers zu einem großen Satiriker werden. Palmström, der
den Stutzen bekränzt, damit nicht mehr geschossen wird;
Korf, der seinen Freund, der sich weigert zu töten, aus dem
Gefängnis befreit: Das sind zwei Humoresken, aber sie enthalten
die Wahrheit, daß am Ende der Geist das Schwert besiegt.
In Prosa und Poesie sagte Morgenstern: Unsere der
Technik überantwortete Welt bedarf geistiger Entscheidungen.
Noch einmal wollen wir zum guten Ende Palmström
herbeirufen. Er mußte, als ihm ein nicht eingeplanter Autounfall
zustieß, erfahren, daß etwas sein kann, was eigentlich
nicht sein darf. Sein messerscharfer Schluß, alles sei gesichert,
war falsch. So kann sich das Unerwartete ereignen, wenn wir
allzu blind auf Plan und Regel vertrauen. Da wäre es doch
besser, sich von solch einem Dichter warnen zu lassen, zum
Beispiel.

 

 

Helmut Gumtau: Christian Morgenstern. Colloquium Verlag. 1971
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