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   S. 14
Das verlorene Paradies

Wahrhaft glücklich geboren
In der Jugend halb Leben verloren
Später den Rest mühsam beschworen.
Ich selber (um 1898, Epigramme und Sprüche)
[1]

Mit dem durch die Dreizahl bewußt gemachten Akzent
"Landschaft" setzt Morgensterns Autobiographische Notiz
ein (1913, später Einleitung in Stufen): "Ich wurde am 6. Mai
1871 als einziges Kind des Landschaftsmalers Carl Ernst Morgenstern
(Sohnes des Landschaftsmalers Christian Morgenstern)
und seiner Ehefrau Charlotte Schertel (Tochter des
Landschaftsmalers Josef Schertel) in München geboren..."
Die Romantik der Nacht, die Phantastik der Wolken, das
Moor, das Meer, die Alpen sah der Erbe in Werken, die den
Großvater berühmt gemacht hatten, einen Künstler, der
ebenso hieß und ein Malerkind war wie er. Dieser ältere Christian
Morgenstern war aus dem Norden nach München gekommen.
In der süddeutschen Kunststadt wirkte auch der
Vater der Mutter, über den der Enkel 1898 im Tagebuch
urteilte:"Ein starkes Talent..." Schertel sei begabter als mancher
berühmtere Maler gewesen, aber fast krankhaft gewissenhaft
und selbstkritisch. Beide Großväter hatten zur malerischen
Ausbildung des Vaters Carl Ernst beigetragen, der
zum Kunsterzieher wurde und den einzigen Sohn überlebte
(1847-1928). Michael Bauer berichtet von einem Dankbrief
des siebenjährigen Christian, in dem sich der spätere Dichter
einen zukünftigen Landschaftsmaler nannte. Neunzehn Jahre
später konnte man in seiner Sammlung Auf vielen Wegen in
dem Gedicht Malererbe lesen, wie ihn Bildvorstellungen verzauberten:

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Der Geist, erregt, aus Chaos Welt zu machen,
gebiert ein Heer von landschaftlichen Sichten.
[2]

Das Bild, das zum Wort wird, ist an den Laut gebunden, der
es in Rhythmus und Melodie zu "malen" versucht, es vielleicht
dabei verfremdet oder von ihm überwältigt wird: Zwischen
diesen Möglichkeiten lebt lyrische Kunst, Morgenstern
hat es erfahren. Wiederholt beklagte er, daß er, begabt mit
den feinsten Maleraugen, nicht zum Maler geschaffen sei. Neben
vielerlei bildnerischem Spiel, einfallreich und voller Phantasie,
war ihm seit der Kindheit die Musik ein nicht geringerer
Wert. Er war nicht darin ausgebildet, um so mehr liebte er
sie in Konzerten und bei Freunden. Auf das "musikalische
Moment" in dem lyrischen Erstling In Phantas Schloß wies
er in eingehender brieflicher Interpretation am 10. November
1896 den Sorauer Schüler Gauss hin. Das Galgenberg-Album
der frühen Berliner Jahre sollte zu Bildern des Breslauer Jugendfreundes
Fritz Beblo Kompositionen des jung gestorbenen
Julius Hirschfeld bringen, die leider verlorengingen. Oft
ist Morgensterns Verskunst vertont worden. Unter seinen
Leitbildern nannte er Beethoven; seine künstlerisch begabte
Mutter hatte vor allem Mozart geliebt. Ihr Klavierspiel in dem
geselligen und großzügigen Münchener Haus klang aus seiner
Kinderzeit in der Erinnerung nach, als er in späten Jahren seiner
Frau Margareta zuhörte, die im Berliner Sternschen Konservatorium
das Klavier- und Geigenspiel erlernt hatte.
Als er geboren wurde, lebten seine jungen Eltern in der Münchener
Theresienstraße. Bald danach zogen sie nach dem Westen
hinaus, in die Äußere Nymphenburger Straße. In einem
Haus mit parkartigem Garten wuchs der Junge auf, verwöhnt,
oft einsam spielend; viele Monate dieser Jahre reiste
er mit den Eltern in die nahen Berge, auch nach Tirol hinüber,
in die Schweiz und ins Elsaß. Aber das Lungenleiden der Mutter

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machte alle Kindheitsfreuden zunichte; sie starb 1881 in
Bad Aibling. Ihr Bildnis zeigt den Augenausdruck einer ursprünglichen
Güte, den wir auch in den Porträts des Sohnes
finden. In einem Brief an Margareta vom 20. September 1908
schrieb er, es habe sich kein Bildner mehr gefunden, nachdem
die Mutter, "das Beste" in ihm, den kaum Zehnjährigen verlassen
habe. Sein angeborenes Kindernaturell habe er vom Vater,
dadurch habe er wenigstens "balancieren" gelernt:
"Meine 'Harmonie' ist nur Balance."
Es folgten Jahre der Unrast. Der Vater zog nach Starnberg,
der Junge kam nach Hamburg zu einem Paten, dem Kunsthändler
A. O. Meyer; Eindrücke der weltoffenen Stadt wirkten
nach, doch die pädagogische Umwelt belastete das Kind.
Weit schlimmer wirkten sich die zwei Jahre einer Gefangenschaft
im Internat in Landshut an der Isar aus, die auf das
Hamburger Jahr folgten: Er wurde körperlich und seelisch
gedemütigt. Was hier begann und sich auf dem Gymnasium
fortsetzte, reflektierte er später in Versen und Prosa: Gefährdung
der Sittlichkeit, absolute Mißachtung der Individualität,
religiöse Heuchelei, tödliche Langeweile... Im Frühjahr 1884
finden wir Christian in Breslau, wo Carl Ernst Morgenstern
jetzt als Lehrer an der Kgl. Kunstschule wirkte (deren Schüler
kurz zuvor Gerhart Hauptmann gewesen war). Die zweite
Frau des Vaters, Amélie geb. von Dall'Armi, bemühte
sich wohl um die Liebe des Jungen, ließ den Suchenden und Fragenden
aber oft allein; doch blieb er ihr immer zugetan - noch
zwei Tage vor seinem Tod hat er einen liebevollen Brief an
sie gerichtet.
Breslau: Diese Stadt in jener Zeit ist der erste wesentliche Ort
seiner geistigen Existenz geworden. Von nun an fließen die
Quellen reich und reicher. Rückblickend sah er in der Autobiographischen
Notiz früh und in wachsendem Maße das

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"Leidenserbe der Mutter" wirksam, dumpfe Hemmungen,
aber auch Gegenkräfte, die ihn vorwärts wiesen. Im Niederschreiben
von Eindrücken hatte er sich schon als Kind geübt;
immer vielseitiger hielt er's jetzt, abseits vom Unterricht am
Marien-Magdalenen-Gymnasium, mit seinen Einfällen und
Liebhabereien. Bauers Biographie berichtet von Travestien
aus dem Lateinischen; eine tiefere Neigung für diese Sprache
und ein Interesse für das Griechische läßt sich allezeit bei
Morgenstern nachweisen. Er liebte Tiere, die er gelegentlich
züchtete; damals schon erprobte er sich im Schachspiel, das
ihn durch das Leben begleitete. Sechzehnjährig las er einer
befreundeten Familie ein Trauerspiel vor, mit dem er "so
ziemlich" durchfiel (Tagebuch); weit mehr schätzten seine
Zuhörer heitere Verse. Die Klassenkameraden, die er damit
begeisterte, sollten ihn nur nicht für dumm, eher für faul halten;
er notierte: "Schande über mich!" Damals etwa studierte
er Schopenhauer. Die Lehre von der Wiedergeburt, die ihn
fortan fesselte, verband sich ihm mit den Ideen der Steigerung.
Daraus sollte ein Faust-Projekt erwachsen, wie ein Tagebucheintrag
1888/89 verrät; zu dem ganzen Umkreis muß man
auch die frühen Gedichte aus dem Nachlaß lesen. Die Mutter
war katholisch gewesen, der Vater und Christian gehörten der
evangelischen Kirche an, doch die Religiosität, die aus allen
frühen Äußerungen spricht, war der ambivalenten Herkunft
entsprechend und dem Zeitgeist folgend durchaus frei. Im
Mai 1889 sah Christian Morgenstern auf der Holteihöhe über
der Oder einen armseligen Laternenanzünder: "... am liebsten
möchten wir die ganze Welt in Flammen setzen und können
schließlich froh sein, wenn wir hier und dort ein Herz
finden, das wir anfachen dürfen, ganz so, wie dieser Mann
sein Lämpchen." Die Betrachtung klingt wertherisch weich
und ganymedisch schwärmend aus, wie oft in Stimmungen

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des Jugendalters; aufschlußreicher ist ein Gedicht des Achtzehnjährigen,
das gleich vielem, was er schrieb, nicht in seine
frühen Sammlungen einging. Es endet mit den Zeilen:

Wenn du von allem Schmerz den deinen
nur kennst, so bist du seelisch tot.
[3]

1913 skizzierte Morgenstern für Reinhard Pipers Verlagsalmanach
widerstrebend einige "Lebenswendepunkte", woraus
dann die Autobiographische Notiz wurde: "Die wichtigsten
Daten meines Lebens: Geburt, Tod der Mutter, Friedrich
Kayßler, Nietzsche, meine Frau, Rudolf Steiner." Der Name
Kayßlers in dieser Reihe zeigt den Rang einer Freundschaft
an, die von 1889 bis zum Ende jede Wandlung überdauerte,
jeder Belastung standhielt. Der früh verwaiste schlesische
Arztsohn, Schriftsteller und Schauspieler Kayßler (1874 bis
1945) war als jüngerer Mitschüler zuerst der Bewunderer,
später oft der Nothelfer Morgensterns; der hingegen half ihm
als Pate des Sohnes aus erster Ehe ("Fritze") über Krisen hinweg.
In einem wiederholt überlieferten Bericht hat Kayßler
von den frühen Begegnungen seit einem Sommernachmittag
1889 im Gartenhof eines behaglichen Breslauer Pensionshauses
erzählt: "Er ist sehr schlank und groß, hat einen fast kleinen
Kopf mit einer sehr hohen, reinen Stirn und trägt einen
gut sitzenden Anzug mit englischen Karos, um die ich ihn sofort
sehnsüchtig beneide... Er gilt als ausgemachter Dichter
und unberechenbarer Kopf, im bürgerlichen Schulsinne als
Freigeist..." In dieser Porträtskizze wird die kindliche Lebensfreude
deutlich, die Morgensterns Freunde auch später
begeisterte, obwohl sie wußten, wie krank er war. Kayßler
schreibt, die Mitschüler hätten in Morgenstern einen Anführer
gesehen, nach einem Feldherrn nannten sie ihn "Bessos".[4]
Wir lesen von einer Wasserschlacht in den Räumen der Pension,
in der mit Kayßler der achtzehnjährige Morgenstern

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wohnte, weil die Eltern mit der Malklasse in den Bergen waren
- nur in den Ferien konnte er ja mitfahren. Kayßler berichtet,
wieviel Ernst und Idealismus neben den Streichen und
Späßen lebte. Daß "eine Stunde der Begeisterung mehr gilt
als ein Jahr gleichmäßig und einförmig dahinziehenden Lebens":
Mit diesem Satz vom 16. Dezember 1889 an Fritz
Kayßler hat Margareta Morgenstern 1952 ihre umfangreiche
Auswahl der Briefe ihres Mannes eingeleitet. "Vertiefung!
Vertiefung!"[5] Auf diesen Wunsch, sein "einziges Gebet"
(1891, Stufen) war viel von dem gestimmt, was er Kayßler in
Briefen mitteilte.
In dem genannten Bericht Kayßlers erfahren wir von einem
geistigen Spiel. 1880 hatte der badische Pfarrer Schleyer eine
Universalsprache, das Volapük[6], veröffentlicht. Morgenstern
hatte sich mehr noch als andere mit diesem neuartigen, internationalen
Idiom beschäftigt. Doch dabei blieb es nicht, die
Phantasie ging mit ihm durch. In jenem Gartenhof der Schülerpension,
die Kayßler in seinem Erinnerungsbild schildert,
demonstrierte der Achtzehnjährige "unter unauslöschlichem
Gelächter" eine selbsterfundene Sprache: Sie war das Urbild
des Großen Lalula in den späteren Galgenliedern. Die Volapük-
Neigung aus der Schulzeit hat Morgenstern schon vier
Jahre später mit Selbstironie glossiert. In dem satirischen Interview
mit einem * erklärt der Held, ein Floh, warum er die
Schleyersche Weltsprache spreche: "... wir sind Anarchisten...
Jeder Floh spricht neben der Sprache des Landes, in
dem er geboren, noch diese sinnreiche Kunstsprache. Eine
große Zeitersparnis..." (Veröffentlicht in Der Zuschauer
vom 1. April 1894.)
Was Kayßler über die Sprachexperimente Morgensterns mitteilt,
gewinnt durch einen Bericht eines ehemaligen Mitschülers,
des Reichsgerichtsrates a. D. Dr. Sontag, Lugano, in der

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Neuen Schweizer Rundschau 1953/54 eine weitere Dimension.
Danach hat Morgenstern zu Beginn seiner Studienzeit
eine groteske Kunst der Versetzung von Wortsinn und Wortbild
geübt, die also sein ursprüngliches Talent war. Sontag
nahm im Breslauer St.-Vinzenz-Haus an einem Kommers teil,
Morgenstern dichtete ein Bierdrama, und Sontag erhielt ein
vervielfältigtes Exemplar des Textes. Da ruft ein Zauberer
Alexander den Großen aus den Kulissen - eine Verspottung
des modischen Spiritismus. Der Sketch ist hübsch dramatisiert,
die Reimerei so perfekt wie in den späteren Galgenliedern.
Es erscheint der "gordische Knoten" in persona: Ein
Primaner tritt "im Kostüm eines Zuhälters auf, rotes Halstuch
statt eines Kragens..." Alexander hat Lust, diesen
"Knoten" durchzuhauen - er verprügelt ihn. Mit dem Schlag
Dreizehn verschwindet die Gespensterschar.
Morgensterns Bildungsgang ist allezeit ein Umweg gewesen;
das gilt auch für die Jahre, die dem Breslauer Studienbeginn
vorausgingen. Im Herbst 1889 vertraute ihn der Vater einer
militärischen Vorbildungsanstalt an; Carl Ernst Morgenstern
folgte einer Familientradition, denn seine Mutter, Luise geb.
v. Lüneschloß, war die Tochter eines badischen Offiziers. Dabei
hätte ihn die Note "wenig genügend" in Fleiß und Aufmerksamkeit
warnen können, mit der Christian am 28. September
1889 das Breslauer Gymnasium verließ: Für den
späteren Dichter war der Zwang, und nun gar die Uniformierung,
unerträglich. Christian gestand denn auch bald in einem
Brief seiner Münchener Großmutter Schertel und deren
Schwester, er habe "nach wochenlangen Herzenskämpfen"
seine Eltern gebeten, ihn wieder aufs Gymnasium zu schicken,
damit er studieren könne. So kam er im Frühjahr 1890
nach Sorau, und die schlesische Kleinstadt sagte ihm zu. In
einer Pension bei einem Lehrer fand er Freunde, die wie er

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Breslauer waren. Bedeutsam wurde 1891 das Elternhaus eines
Mitschülers, die Familie des Pfarrers Goettling (Onkel
Moor). Mit der neun Jahre älteren Marie Goettling, die Malerin
wurde und später in Nordamerika und Berlin lebte, verband
ihn fortan eine geschwisterliche Freundschaft. Aufschlußreich
sind wieder die Briefe an Kayßler. Auf Ausflügen
sehen wir ihn am zeitüblichen Studentenulk beteiligt, andererseits
fand er sich isoliert, wenn ihn die Grausamkeit der
Mitschüler gegen einen der periodischen Trunksucht verfallenen
Lehrer peinigte. Grübelnd dachte er alles Lebende,
Eichbaum, Käfer, Menschen und schließlich alle Materie als
beseelt. Er schrieb philosophische Polemiken und Essays und
nahm sich Schillers Theosophie des Julius vor. Wenn er im
Geschichtsunterricht tatenlos zuhören mußte, glaubte er, daß
er nicht zum Büchermenschen geschaffen sei. Ja, hätte er in
revolutionärer Zeit leben und sich opfern können! Heute sah
er nirgends einen Kampfplatz.
Nicht auf alles, was ihn bewegte, blieb die Schule die Antwort
schuldig. Man gab ihm den ehrenvollen Auftrag, den Ajax
des Sophokles zu übersetzen, und er begann die Arbeit. Vor
den Schülern durfte er eine Festrede über Theodor Körner
halten. Mancherlei mag seine Prüfer im Abitur günstig gestimmt
haben. Das gilt vor allem, wie Gertrud Isolani in einem
Bericht über diese Jahre mitteilt, für das erste gedruckte
Morgenstern-Gedicht Der Melderbaum (Einzeldruck 1891).
Er hatte diesen feurig-patriotischen Hymnus auf eine nächtliche
Bergfeier zu Weihnachten 1890 öffentlich vorgetragen;
später lehnte er das Werklein ironisch ab.
Der Sorauer Abiturient, dem sein Turnlehrer A. H. Franke
vornehme Gesinnung, Liebe zur Natur und Selbstbeherrschung
nachrühmte, gewann schließlich Einsichten, die gegen
alle widrigen Zeitmächte weiterwirken sollten: die "Empfindung

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der ungeheuren Pflicht der Liebe, die jeder einzelne von
uns gegen seine Nächsten und zumeist gegen die für uns arbeitende,
leidende Klasse hat". Hier käme es, schrieb er am
7. Oktober 1891 an Kayßler, auf die Tat an - gebe es doch
unsagbares Elend in jeder Stunde. Im "Erwachen des Menschenbewußtseins"
liege der sittliche Kern der Sozialdemokratie;
eine der großen Aufgaben sei die Schulreform. Das
Christentum sei reiner zu begreifen. Mit diesen Gedanken
kam er 1892 auf die Breslauer Universität, wo er in Werner
Sombart einen Lehrer in dem Fach fand, auf das es ihm jenseits
materieller Überlegungen ankam - in der Nationalökonomie;
auch hörte er die Professoren Elster und Dahn. Der
Brotberuf, von dem er sich eineinhalb Jahre später lossagte,
sollte der des Juristen sein. Der Rechtshistoriker und Romanautor
Felix Dahn, der Christians Vater gut kannte, hatte sich
aus einem bayerischen Konservativen zu einem leidenschaftlich
reichstreuen Mann gewandelt; politische Wirkungen auf
Morgenstern blieben aus. Dahn war großzügig genug, die
hektographierte Zeitschrift Deutscher Geist zu abonnieren,
die sein progressiver Schüler mit Freunden herausgab. Darin
warnte Morgenstern in Versen vor dem "Tag des Zorns". Die
Herrschenden sollten sich selbst verklagen, "wenn heute
dumpf das Volksgemüt verdorrt". Immer an diese Not zu
denken, ermahnte er sich in einer Tagebuchnotiz. Einer seiner
Freunde, der junge Arbeiter A. Ph. Kluge, der eine "Johanneische
Zeit" heraufkommen sah, propagierte mit Morgenstern
eine größere Zeitschrift. Lange Zeit hindurch war Morgensterns
politische Haltung widersprüchlich; das gilt auch
für diese Jahre des Werdens. Damals schrieb er Marie Goettling
von einer Exkursion mit Sombart ins Waldenburger
Bergland, erteilte philanthropischen Webereiherren überströmendes
Lob und plauderte von einem "opulenten Abendbrot"

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zu "dem edlen Bierstoff" (21.-23. Juli 1892). Anfang
1893 wurde er zweiter Schriftführer der Ortsgruppe der Gesellschaft
für ethische Kultur, warb eifrig, zog sich aberschnell wieder zurück. Eineinhalb Jahre später, schon im
Bann Nietzsches, hat er im Zuschauer darüber berichtet (15.
August 1894). Aufschlußreich ist der Satz: "So wenig ich die
Demokratie liebe, so sehr ist ihr rauher Schritt dem geschichtlich
Schauenden imposanter als jene moralischen Attitüden..."
Deutlich ist ein Gedicht von 1894, das elegisch die
"schöne, pathetische Zeit" des frühen Engagements rühmt.
Es beginnt (in Bauers Biographie):

Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar
und schwärmte für Marx und Lassalle.
Ein Priester im roten Rebellen-Talar,
so eiferte ich am Musenaltar
und schwärmte für Marx und Lassalle...
[7]

Im Sommersemester 1893 - er war mit Kayßler nach München
gegangen - schrieb Morgenstern am 27. Juni an Marie
Goettling, Hauptmanns Weber hätten ihn erschüttert. Das
sei nicht "Tendenz", sondern Wahrheit. Wie sei die Welt
doch unsäglich elend, beklagenswert, leidvoll, andererseits
ganz erbärmlich, schlecht, selbstsüchtig! Doch alles werde
besser werden, denn "aus Blut und Leichen wird eine gereinigte
Kultur erstehen, die für alle sein wird, die ihrer wert
sein werden..." Der Optimismus dieser Wendung trügt, er
war verzweifelt. Seine Pflegemutter Amelie hatte sich von seinem
Vater trennen müssen und lebte in München; die Ehe
mit dem sanguinischen Kunstlehrer war nicht zu retten. Christian
litt unter dem Konflikt. In dieser Krise brach das Lungenleiden
aus; er war ans Zimmer gefesselt, dann kam er nach
Bad Reinerz in Schlesien, wo sich sein Zustand schnell besserte.
Hier und in den folgenden Hochsommerwochen in
Nieder-Adelsbach bei Salzbrunn las er angeregt Sternes Tristram

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Shandy und war glücklich, wie leicht ihm der Dialog
in einer Anzahl Satiren gelang. Es gibt Briefe aus jener Zeit,
die zum aphoristisch Schönsten gehören. In München hatte
er im Haus des Bergrats Ostler verkehrt, dessen Tochter Clara
später seinen Freund Oskar Anwand heiratete. An diese Cousine
schrieb er noch vor Ausbruch der Krankheit, am 5. Juni
1893: "Das Menschenherz ist ein Saitenspiel, in den Wind gehängt,
ein Brennspiegel, unter die Sonnenstrahlen gehalten;
nimm Harfe und Glas fort, so existiert kein Klang und keine
Glut mehr, und was wir die 'Welt' nennen mit ihrer Schönheit
und Mannigfaltigkeit, hört auf zu sein ..." Aus Bad Reinerz
schrieb er der Cousine am 17. Juli 1893: "Gehen doch die
Menschen unserer Zeit nicht wie souveräne Herrscher durch
ihr Reich, die Welt, sondern wie Sklaven, unter unzählige Joche
gebückt, die sie sich selbst oder die ihnen die Verhältnisse
schaffen. So wird durch eigene Schuld und Druck von außen
die herrliche Menschengestalt zusammengeschnürt mit dem
Strick des Vorurteils, der Indifferenz, der Selbstgefälligkeit,
der Unwissenheit, und andrerseits des Kampfes ums tägliche
Brot, bis die Brust kurzatmig wird und trüb das Auge, daß
ihr die Wälder vergeblich duften und ihr umsonst Sonne und
Sterne strahlen."
Im Widerstreit von Selbstbeherrschung und Leidenschaft
wurde Morgenstern einer Belastung ausgesetzt, der er nicht
gewachsen war. Versuchen wir es mit einer Analogie, um die
Ereignisse von 1893/94 aufzuschließen. Georg Hirschfeld
stellt in dem erwähnten Roman Das grüne Band eine junge
Sängerin in den Mittelpunkt eines hektisch und tragisch bewegten
Kreises; das war etwas später, in Morgensterns frühen
Berliner Jahren. Dem lungenkranken Dichter Helmut Baumbach
(mit Vorbehalt: Morgenstern) bricht die Welt zusammen,
weil die vergötterte Schöne eine großbürgerliche Ehe

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schließt. Der Roman enthält sicherlich viel Fiktion, zeigt aber
doch eine typische Reaktionsweise des jungen Morgenstern.
Was in seinem Breslauer Elternhaus geschah, war weit ernster
als alles Spätere. Es war nicht einmal eine Liebesgeschichte,
aber Christians Leben wurde von Grund auf verändert.
Erstmalig lesen wir in einem Sorauer Brief an Kayßler vom
22. Februar 1891 von einer gemeinsamen Bekannten, Elisabeth
Reche. Er freue sich "unendlich", daß "Liese" in die
Malklasse des Vaters eingetreten sei. Am 1. Mai 1891 dankte
er Fritz für das Mitsenden einer Widmung, die Kayßler von
Liese mit einem Lenau-Band erhalten hatte. Am 9. Juli 1891
berichtete er Kayßler von den Abenden in Ströbel am Zobten-
Berg, einem beliebten Malziel des Vaters. Dort las man den
Tasso mit verteilten Rollen. Christian fürchtete, er werde in
der Titelrolle des unglücklichen Dichters seine Empfindung
nur dürftig darstellen können und gegen Liese und den Vater
abfallen; Carl Ernst werde "natürlich" den Antonio lesen!
Hier ist eine Konstellation vorgezeichnet, die Christian später
als schicksalhaft begriff. 1894 war es so weit, daß der Vater
die dritte Ehe schloß, der Kunstlehrer mit seiner Malschülerin,
"Antonio" mit der Prinzessin ... Über die Traumwelt der
Jugend hatte die Wirklichkeit gesiegt. Trotz guten Willens
konnte Christian mit der jungen "Stiefmutter" keinen Frieden
schließen. Er weigerte sich, mit seiner unglücklichen Pflegemutter
Amèlie zu brechen, was Liese und der Vater gern
gesehen hätten. Monatelang war er im Breslauer Winterhalbjahr
1893/94 durch sein Lungenleiden zur Zimmerhaft (mit
einem ärgerlichen Rauchverbot) verurteilt. Eine Gebirgskur
konnte Carl Ernst, den der langwierige Scheidungsprozeß belastete,
offensichtlich nicht erübrigen; "Almosen" eines ungenannten
Freundes für den Sohn lehnte er ab. Felix Dahn
bot an, das Studium bis zum ersten juristischen Examen zu

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finanzieren; Christian dankte ihm am 17. November 1893,
wollte die Hilfe aber nicht annehmen. Er hatte erkannt, daß
sein Lebensberuf der des Schriftstellers war. Lehrer und
Freunde besuchten ihn; er las Hebbels Briefe und Tagebücher,
trieb Sprachstudien und plante einen humoristischen
Roman. Aus seiner Not rettete er sich in die Euphorie des
Nietzsche-Traums. Soziale Interessen wirkten fort, Anfang
1894 konnte er mit Sombart Fabriken besichtigen.
Der Vater vermittelte bei dem Geheimrat Jordan in der Berliner
Nationalgalerie eine Hilfstätigkeit; ein kleiner Zuschuß
von Hause, dazu weitere Nebeneinkünfte konnten ein Weiterstudium
erhoffen lassen. Christian plante eine philosophische
Promotion; als Hauptfächer boten sich Kunstgeschichte
und Archäologie an. Im Frühjahr 1894 ging er nach Berlin;
zum Studienabschluß ist es nicht mehr gekommen. Die Misere
blieb; gelegentlich halfen und borgten Freunde. Er sei
"als der einzige Enkel eines reichen Großvaters und als der
einzige Sohn eines hochbesoldeten Beamten als armer Teufel
auf die Straße gesetzt worden ...", klagte Christian im Herbst
1894 im Brief an Kayßler. Ende 1895 hörte die mit 75 Mark
monatlich honorierte Arbeit in der Galerie auf; mit dem Vater
war es schon vorher zum vollständigen Bruch gekommen.
Nach etwa vierzehnjährigem Schweigen bekannte sich Christian
zur Unreife seines Jugendalters; der Vater habe damals
geglaubt, "eine vermeintliche Unbedachtheit ritterlich parieren
zu müssen". Liese habe ihn einmal im Leben verkannt...
(an den Vater und Liese, 19. Januar 1908). Carl Ernst habe
sein Wesen nicht verstanden. Die Tür habe sich damals für
ihn geschlossen "wie hinter einem Toten"; hätte er nicht einen
Freund gehabt (Kayßler), wäre er denn auch wohl verdorben
und gestorben. Wäre er dem Vater gefolgt, hätte er
das Beste, Größte seines Lebens nicht erreicht. (An Kayßler,

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27. Januar, an Liese, 24. Februar, an den Vater, 26. März
1908.)
War es "das Beste, Größte", daß ihn das Leben so ungesichert
nach Berlin verschlagen hatte? Die Kaiserstadt, die zum zentralen
Ort seiner Existenz wurde, hat er bald kritisch gesehen,
und doch liebte er sie, das Kastanienwäldchen an der Universität
kaum weniger als die Seen und Wälder. Es spricht viel
dafür, daß er hier heimisch geworden wäre, wenn ihn nicht
die tödliche Krankheit vertrieben hätte.
In Friedrichshagen nahmen sich die immer hilfsbereiten Brüder
Heinrich und Julius Hart seiner an. Draußen am Müggelsee
und in einer Berliner Freitagsrunde lernte er die Literaten-
Boheme kennen, Poeten und Vaganten, Exzentriker und
Schwärmer. Der Volksbühnenmann Bruno Wille war mit den
Sozialdemokraten zerstritten; Morgenstern notierte: "Völkerträumender
Utopist". Wenig später hat Arno Holz in den
Sozialaristokraten den Kreis um Wille schonungslos satirisiert.
Der Edelanarchist Mackay, mit dem Morgenstern bald
sympathisierte, propagierte Max Stirner. Paul Scheerbart zauberte
surreale Phantasien. Hans von Gumppenberg parodierte
mancherlei, ein ironischer Grübler mit spiritistischen
Neigungen. Man traf Flaischlen und Dehmel, Hartleben
und den Maler Finus. Die tollsten Visionen malte in nervöser
Symbolistensprache der genialische Przybyszewski, ein Verächter
des "Fleisches".
Morgenstern reagierte mit einer satirischen Parodie: Epigo
und Decadentia (in Der Zuschauer, 1. November 1894). Ihm
mißfielen die Reime und Jamben der Epigonen, aber er verabscheute
auch den Pessimismus und Subjektivismus vieler
Modernen. Im Streitgespräch begegnen sich ein leiernder
Barde und eine verschminkte Neutönerin, es kommt zur Prügelei.
Die Dame Decadentia zeigt in einem naturalistischen

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Spiel die Bühne als Ort des Lasters und der Verwesung. Aber
dieselbe Decadentia propagiert auch die kaum weniger schockierende
Mode der Nervenkunst. "Liebe" - was ist das?
"Narrenganglien / Entkreißt! / Sinnengewinsel- / Augenschwips- /
Fleischdusel!" Decadentia erzählt eine Dreiecksgeschichte.

Ich,
Du.
Er!
Sie...?
Es - - -
Wir?
Ihr?
Sie!...


Diese Kürzungstechnik, zu der ihn vielleicht Peter Hille
oder Przybyszewski anregten, finden wir in Morgensterns Galgengrotesken
wieder; im Expressionismus begegnet sie uns bei
August Stramm. Das Duell in der Satire endet im Sinne Nietzsches.
Morgenstern hatte sich "der Schönheit Sonnenreligion
geweiht" (so in Versen von 1894, Mensch Wanderer). Kraft
und Güte sollten alles heilen. Er träumte sich, aus dem Paradies
der Kindheit entlassen, in Phantasien hinein. In einer
Dachstube mitten in Alt-Berlin vollendete er sein erstes Buch.
Er war In Phantas Schloß.

 

 

Helmut Gumtau: Christian Morgenstern. Colloquium Verlag. 1971
Rätsel und Widerspruch | Das verlorene Paradies | Boheme und Theater | Auf dem Galgenberg | Mystik und Satire | Die Erlösung
Quellen und Literatur | Zeittafel


Fußnoten

  1. s. Epigramme, Sprüche und ähnliche lyrische Formen
  2. s. Malererbe
  3. s. Worte des Trostes
  4. Wikipedia:Bessos
  5. s. Aphorismen - In me ipsum - 1891
  6. s. Wikipedia:Volapük
  7. Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar (o. T.)