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Mystik und Satire

Das Ganze ist's, das Ganze, was heut schmerzt.
(Schule, in: Melancholie, 1906)


Alles Vereinfachen tötet (denn es führt zum Buchstaben, zur Rune,
zur Starrheit), der Schmetterling Welt steckt ausgespannt im Glaskasten;
was lebendig macht, ist allein der Geist des Allumfassens, Alldurchdringens,
des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich
an restlos nichts und an restlos alles.
(Brief an Luise Dernburg, 23. Februar 1906)


Das Galgenlieder-Jahr 1905 brachte eine erste Wende, das
Jahr der erweiterten Ausgabe 1908 eine zweite in Morgensterns
Leben. Zwischen 1905 und 1908 kämpfte er sich durch
eine "mystische" Krise hindurch, verband sich seine satirische
Grundneigung mit der Weltsatire. Nicht zufällig war
diese Zeitspanne ökonomisch die bedenklichste; Not kannte
er lange, nun aber zerbrach die Hoffnung auf eine endliche
bürgerliche Existenz. Entscheidend wurde ein neuer schwerer
Anfall des Lungenleidens, das ihn im Sommer 1905 zu einer
längeren Kur auf Föhr zwang und ihn seit 1906 nur noch selten
freigab. Nach einem Sanatoriumswinter in Birkenwerder
verlagerte sich das Zentrum seines rastlosen Lebens ab Mitte
1906 aus der Berliner Umwelt nach Tirol.
Die einzige Basis blieb ein freies Lektorenamt für Cassirer.
Auf Föhr korrespondierte er mit dem Berliner Kunstkritiker
Karl Scheffler über "vorkämpferische Hefte für Berlin", in
denen er unter dem originellen Titel Der Dürfer die Gesellschafts-
und Zeitsatire mit einer Reformdiskussion verbinden
wollte; das Projekt kam so wenig zum Zuge wie die geplante
große Theaterzeitschrift.
Satirische Haltung begegnet uns seit Morgensterns Anfängen.
In Bauers Biographie lesen wir von einer Figur Weltkobold,
die er 1895 konzipierte. Im Sternbild des Bären entdeckt der
kosmische Wanderer das Volk der Philistäer:

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Wie Böcke stolz, doch sanft auch wie die Lämmer,
die treu zu allem Mäh und Amen sagen,
was ihnen die Behaglichkeit nicht stört...


In dem zeitsatirischen Einakter Das Orakel (unveröffentlicht)
wird aus dem Kobold eine weissagende Göttin, aus des
Kobolds Begleiter der Schutzmann Polke, der sich in ein Veilchen
verwandelt. 1896/97 plante Morgenstern einen "lustigen
Krieg" in Epigrammen; er wollte über das moderne Berliner
Leben, diesen großen Jahrmarkt, den er in (ebenfalls unveröffentlichten)
Briefen an einen Botokuden satirisiert hatte,
"eine Stunde ohne Kompromiß reden" (an Alfred Guttmann,
1. April, an Georg Bondi, 2. April, an Marie Goettling, August
1896). 1898 regte er in dem erwähnten Essay Zur neuen
Ära Künstlerkollektive an, die die Gebrauchs- und Luxuswaren
weniger überladen und bizarr gestalten sollten. Der
Lauffgraf, der 1901 von der Zensur verbotene Einakter, parodierte
Formulierungen Wilhelms des Zweiten - nachzulesen
in Die Schallmühle und Böhmischer Jahrmarkt. Selten griff
Morgenstern in früher und mittlerer Zeit auch einzelne Personen
satirisch an, so den Journalisten Friedrich Lange, einen
gefährlichen Antisemiten, wegen Deutschtümelei (Neue
Deutsche Rundschau, 1896, 2. Hälfte, S. 1240 ff.) und Gabriele
d'Annunzio in einem scharfen Vierzeiler um 1902/3
(Epigramme und Sprüche, posthum). In Arosa plante er Dunkelmännerbriefe
mit Frisch und Kayßler. 1904 arbeitete er
zusammen mit seinem Freund Oskar Anwand an einer schon
früher entworfenen Posse um einen raffinierten Kurpfuscher,
Oswald Hahnenkamm; die Hoffnung, durch diesen Kompromiß
mit der Kunst zu Geld zu kommen, erfüllte sich nicht
(den Text, Verfasser "Morwand", übernahm Desch, München).
Am 30. Januar 1904 spottete er in seiner Theater-Zeitschrift
über den offiziellen Kitsch: "... Man muß dem Volk

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die Dichtung / erhalten allezeit"; am 19. März: "Rose Bernd
/ wird entfernt, / nicht allein von Haus und Vater, / nein, auch
von dem Hoftheater..." Ironisch schlug er einen gigantischen
Theaterbau vor, für den sich das Brandenburger Tor mit der
neuen Denkmalsanlage eigne. 1907, als eine Reihe phantastisch-
satirischer Szenen entstand, notierte er unter Lehrer-
Komödie: "Die Armut der Lehrer, während die Staaten Unsummen
für die Wehrmacht hinauswerfen. Da sie nur Lehrer
für 600 Mark sich leisten können, bleiben die Völker so
dumm, daß sie sich Kriege für 60 Milliarden leisten müssen"
(Stufen). Neben der Schaubühne 1907 und 1908 bietet die
Neue Rundschau 1906 bemerkenswerte Morgensterniana: In
die Grotesken seit dem Palma-Kunkel-Band ist die Satire
Mägde am Sonnabend eingegangen. Im infernalischen Takt
hämmern die Domestiken auf "die Läufer, die Perserkissen
/ und die dicken deutschen Plumeaux" ein, um ihren Zorn
auf die vorderhäusliche Herrschaft abzureagieren, die davon
freilich "nicht Akt" nimmt. Auch nahm sich Morgenstern
den Bourgeois als Theaterbesucher und die "Archiklepten"
vor, die Warmwasserklosetts, aber keine Stadt bauen können.
Die öfter verspottete Siegesallee des Kaisers griff er in dem
Gedicht Steine statt Brot an:

Gib Kunst, o Fürst, die nährt und speist!
Gib Brot, o Fürst, nicht Steine!


Diese Verse erschienen später in der Sammlung Die Schallmühle,
die der Leser mit ihren Folgebänden neben den anderen
Einzel- und Werkausgaben beachten sollte. In einem der
Prosatexte ersucht ein Herr Kalkschmidt seinen Architekten,
ihm eine sakrale Restauration zu errichten: Die Bierkirche.
Ein Mann nennt seine Kinder Schimpff und Schande, um jederzeit
ohne Gefahr polizeilichen Zugriffs diese Worte ausrufen
zu können. Ein berühmter Komponist wehrt den Angriff

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auf seine Intimsphäre ab, indem er seinerseits die Journalistin
Betty Ohnescham intim interviewt: Bei Jacques
Merk, eine Szene noch aus Morgensterns Brettl-Zeit. 1907
entstand die öfter aufgeführte Szene Egon und Emilie: Eine
Ehetragödie findet nicht statt, weil einer der Partner strikt
schweigt. Viel ist aus den Stufen abzulesen, so die Empörung
über schlechte Reklame, verdummenden Konsum, literarischen
Schund. 1907 zürnte Morgenstern, daß ein großes Volk
seine Talente verkümmern ließ, und verlangte Solidarität. Andererseits
geißelte er 1905/06 eine falsche Art Gemeinsamkeit,
die der um Ruhe und Besitz bangende Bürger erst entdecke,
wenn er den armen Verwandten nötig habe: "Schulter an
Schulter! Ein Volk, Ein Herz, Ein Schwert..." In einem
grundlegenden Brief an Maximilian Harden kennzeichnete er
den Charakter der überwiegenden Majorität des neuen Reiches
mit den Worten "Servilismus und Grobheit"; er warnte
vor der Schule und Geißel eines neuen Krieges (28. Oktober
1905).
Mystische Elemente in Morgensterns Wesen, in dialektischer
Spannung zu seiner satirischen Haltung, sind ebenfalls früh
nachzuweisen. Schon als Schüler erfuhr er tiefes Erschrecken
vor dem "Unendlichen", experimentierte er mit kosmischen
Vorstellungen. In einer Prosaskizze Sansara meditierte er
1893 über die Identität von Ich und All. 1896 notierte er das
oft zitierte Wort: "Der Mensch ist ein in einem Spiegelkerker
Gefangener" (Stufen). Mit dem Einheitsgefühl wechselten
Symptome der Ichspaltung, die später in den Grotesken erschienen
(Der Zwie, ab Palma Kunkel). In den Symphonie-
Entwürfen von 1895, die Bauers Werk abdruckt, lesen wir:
"All der wahnsinnige Schmerz unserer Zeit tönt mir tausendfach
aus der schwarzen Wogennacht wider." Ein Chaos von
Vorstellungen steigt aus traumhaftem Bewußtsein auf und

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durchwirbelt den Kosmos. Zwei Jahre später notierte Morgenstern:
"Der Tod in der Stadt. Auf dem Rücken eines jeden
der zahllosen Menge sitzt ein Todesgespenst..." Die Elementarphantasie
Die Flamme (Auf vielen Wegen) endet apokalyptisch:
Fische kochen in den Flüssen, auf kältesten Bergen
wird das Leben zur Todesfackel - „und dann wird alles still
sein - / und dann -"
1901 wies ihn Efraim Frisch auf Paul de Lagarde hin, ohne
zu ahnen, daß sich der Freund fortan (in der Spätzeit mit Einschränkung)
für den widerspruchsvollen Eiferer begeistern
würde. Die Faszination durch den Autor der Deutschen
Schriften ist das größte Rätsel, das Morgenstern aufgibt. Die
Spießerideologie, das unwirkliche Königsidol, die damals
nicht in grausamer Konsequenz durchdachte, aber zur tödlichen
Zukunft beitragende Dreiheit von Judenhaß, Pangermanismus
und Imperialismus (vor allem nach Osten und Südosten):
Das hätte Morgenstern verwunden und ihn zur Satire
reizen müssen. Wünschte er doch zuweilen, ein Schweizer
oder ein Pole zu sein! Er wußte, daß ihm außer Kayßler fast
ausnahmslos deutsche Juden das nackte Leben erhalten hatten
(so an Kayßler am 18. Dezember 1906).
Um den Widerspruch aufzulösen, sei eine Notiz von 1908
herangezogen: Nie sei er Eklektiker gewesen, nie habe er etwas
aufgezeichnet, wozu er nicht durch seine Natur und Entwicklung
gekommen sei (Stufen). Morgenstern formte sich
die Leitbilder nach seinem Bilde, seinem mystisch-suchenden
Wesen. Als er 1896 im Zarathustra-Rausch einer Sommernacht
für die Neue Deutsche Rundschau die Besprechung
Nietzsche, der Erzieher niederschrieb (2. Jahreshälfte, S. 709
ff.), notierte er Zitate, die dem eigenen volkserzieherischen
Ideal entsprachen. Bei Lagarde muß er all das, was uns das
Lesen der Deutschen Schriften zur Qual macht, übersehen

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oder „verdrängt" haben. Anderes wieder nahm er bundesgenössisch
ohne den Kontext: den Kampf gegen Bourgeoisie und
Hochfinanz, die Wendung gegen die Staatsmacht seiner Zeit.
Um 1903 notierte er (später in Epigramme und Sprüche):

O Staat! Wie tief dir alle Besten fluchen!
Du bist kein Ziel. Der Mensch muß weiter suchen.


Ähnlich hatte er sich schon 1897 gegenüber Marie Goettling
geäußert. "Es ist ein schreckliches Gefühl: Es ist zu spät für
uns zu einer neuen einheitlichen Kultur" (12. Februar). Der
Negativbestimmung für die Erklärung seiner Lagarde-
Schwärmerei entspricht positiv ein Suchen nach religiöser
Einheit und sozial verbindlichem Glauben. So widmete er in
Italien und der Schweiz der Tragödie Savonarolas gründliche
Studien und Versuche. So sah er in Lagarde den Rufer nach
einer den Pluralismus überwindenden Religion.
1905 ordnete er Gedichte, die 1906 leicht ergänzt in dem Band
Melancholie (Titel nach Dürers Kupferstich) bei Cassirer erschienen:
Reminiszenzen, darunter Fiesolaner Ritornelle, in
einem Berlin-Zyklus das bekannte Loblied auf die im "mystischen"
Dunkel liegende Stadt, Beiläufiges und bemerkenswerte
Spruchdichtung. In einem Brief an Luise Dernburg, in
deren Berliner Elternhaus er verkehrte, äußerte er berechtigte
Zweifel, ob eine solche Zufallssammlung genüge: "Jedenfalls
warte ich noch auf mich, erkenne mein Jetzt noch als kein
Ziel an" (11. Juli 1905). In der Stille von Birkenwerder glaubte
er Anfang 1906, daß ihm der Durchbruch zu Offenbarungen
des Lebensrätsels gelungen sei; wiederholt wies er auf diese
Erfahrung hin. Zur näheren Beschäftigung mit Oscar Wilde
kam ein vertieftes Dostojewski-Studium. Leidenschaftlich
empfand er mit den russischen Revolutionären und ihrem
Märtyrertum (vgl. Mensch Wanderer). Ein Höhepunkt
wurde das Erlebnis russischer Religiosität in dem Berliner

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Tschechow-Gastspiel des Moskauer Künstlertheaters unter
Stanislawski. Ihn ergriff die schlichte Frömmigkeit, wie sie
Rilke Jahre zuvor in Rußland ähnlich erfahren hatte. Wichtige
Stationen auf Morgensterns Weg waren das Johannes-
Evangelium, Kierkegaard, die deutschen Mystiker; er begann
einen Christus-Zyklus. Die Schuld der Gesellschaft gegenüber
den Menschen, die in Gefängnissen litten, wurde ihm bewußt.
Intensiv wirkte Hegel auf ihn ein. Sein Einheitsgefühl
umspannte die gestufte Natur und den unvorstellbar geweiteten
Kosmos; bevorzugt finden wir immer wieder die Tierwelt
in Morgensterns Denken und Dichten. Sein Gefühl des
All-Einen ist auch für sein humoristisches Lebenswerk bestimmend
geworden: Souveräne Kunst verbindet sich mit
Liebe, mit vornehmer Gesinnung. In seinen Bekenntnissen,
Poesie und Prosa, wirkt die religiöse, "mystische" Grundhaltung
direkt oder mittelbar im Leser nach. Ein Beispiel ist die
Legende Das Vermächtnis von der Menschwerdung des Affen,
eine märchenhafte Elegie in Prosa (Die Schallmühle).
Immer, und am stärksten in der Zeit zwischen 1905 und 1908,
bewegte sich sein Leben zwischen den Polen der Weltbejahung
und Weltbezweiflung. Wahrscheinlich gegen Ende der
Berliner Jahre entstand eine Skizze, die er erst im Dezemberheft
1911 der Zeitschrift Kunst und Künstler in einem Kleinen
Skizzenbuch veröffentlichte. Er gab Impressionen der Stadtlandschaft
wieder. "... Dieses Irisieren der Flußoberfläche
in den letzten Krisen des Lichts, diese zuckenden Schwerter
im Strom, von roten oder gelben Brückenlaternen ins Wasser
geschlängelt, diese bleichen Monde der Bogenlampen in
schwarzglänzend spiegelnder Feuchte - es gibt kein Aufhören
der Bewunderung für liebende Augen." Hingegen spricht aus
dem kurzen Gedicht Im Wattenmeer Morgensterns Leiden
unter den Antagonismen des Lebens: Ein Fisch sitzt im Labyrinth

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der Reusen fest und geht zugrunde, doch "das Meer
glänzt voller Glück" (1905, Mensch Wanderer).
Zwischen den Fieberperioden, Depressionen und Selbstanklagen
dieser Jahre war Morgenstern durchaus nicht untätig.
1906 gab er (statt einer begonnenen eigenen Nachdichtung)
Simrocks Übertragung der Gedichte Walthers von der Vogelweide
in Auswahl heraus. Er schrieb in diesen Jahren zahlreiche
Kinderlieder, darunter Verse für K. F. von Freyholds
bebildertes Hasenbuch, das Cassirer 1908 verlegte. Nach einem
Krankenaufenthalt bei den Freunden Landshoff nahe
München sah er sich im Sommer 1906 in den Tiroler Bergen
um. Im September fand er einen Ruhepunkt, zu dem es ihn
auf rastloser Wanderschaft immer wieder zurückzog: ein kleines
Balkonzimmer der Villa Kirchlechner in Meran-Obermais.
Er beurteilte viele Buchpläne für Cassirer und bildete
sich trotz schwieriger Büchereiverhältnisse weiter. Seine satirische
Produktion wurde erwähnt. Mühevoll und teils unter
Zeitdruck bearbeitete er mehrere Ibsen-Dramen für Reinhardt.
Ein Brief Frischs, der ihn von der "Hypochondrie"
befreien wollte, verrät, wie ihn die Unsicherheit seiner materiellen
Lage quälte (19. April 1907, Abdruck in Sterns Frisch-
Ausgabe). In der ihm vertrauten Schweizer Landschaft übertrug
er im frühen Sommer 1907 mit dem Bühnenautor Friedrich
Freksa eine Komödie Goldonis aus dem Italienischen.
(Er hatte Freksa jüngst auf einer Osterreise am Gardasee kennengelernt.)
In dem Schweizer Kurort Tenigerbad entwickelte
er Kayßler im August brieflich die Idee eines touristischen
Weltinstituts; immer war seine Phantasie tätig. Hart
traf es ihn, daß es nicht zur Aufführung seiner Bearbeitung
von Ibsens Brand bei Reinhardt kam. Zur schwersten Belastung
in seiner ehelosen Einsamkeit wurde der Versuch seines
Vaters, eine Aussöhnung herbeizuführen. Der Konflikt zwischen

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seiner Pflegemutter Amélie und der leidenschaftlich erregbaren
Frau seines Vaters erwies sich als unlösbar. Er traf
den Vater in Berlin, als er im Sommer 1908 das ihm bekannte
Sanatorium in Schlachtensee aufsuchte.
Zwischen 1906 und 1908 füllten sich viele Blätter mit Aufzeichnungen,
darunter einem Tagebuch eines Mystikers; es
ist das Hauptkapitel der später von Margareta Morgenstern
herausgegebenen Stufen. Es war als Zentrum eines autobiographischen
Romanentwurfs gedacht, dessen Held nach dem
Bach-Sohn Wilhelm Friedemann hieß. Wer die Aphorismen
mehrerer Stufen-Kapitel aus diesen Jahren liest, stellt fest: Die
unerbittliche Reflexion verschärfte die Widersprüche und löste
nichts. 1906: "Alles erkenntnistheoretische Denken ist ein
Spielen mit dem Feuer. Wenn der Alltag nicht wäre mit seinen
vierundzwanzig breiten Körperstunden, wenn wir nicht als
Tiere so fest und ökonomisch gebaut wären, so würde unser
armes Gehirn zehnmal statt einmal verbrennen..." - Die Geschichte
ist ein "bürgerliches Schauspiel, eines unter unzähligen,
Verfasser unbekannt, Wert indifferent". - "Gott ist in
der Natur gefangen..." - Der im Biedermeier lebende Bürger
will sich in der "Burg" seines Alltags bergen. Wenn er sie verläßt,
droht dem friedlosen Geschlecht der Untergang. 1907:
"Die planetarischen Kulturen geistiger Wesen sind die großen
Grotesken Gottes. Gottes materielle Erscheinungsform ist
notwendig grotesk." - Die Welt "selbst ist das Tragische".
- "Je älter ich werde, desto mehr wird ein Wort mein Wort
vor allen: Grotesk."
Lange bevor er Ende 1906 das Studium des Erkenntniskritikers
Fritz Mauthner begann, wußte Morgenstern, wie schwer
es ist, mit der Sprache Wirklichkeit zu treffen. Mauthners radikale
Skepsis beeindruckte ihn, aber er fand sich nicht damit
ab. Darüber gibt sein epigrammatisches Gedicht Der Sprachkritiker

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Aufschluß (1907, Mensch Wanderer). Immer bleibt
der Denkende "Narr an der Sprache Hof". Auch die im
Schweigen geahnte Wahrheit ist "Wort", sobald sie formuliert
wird. Andererseits darf sich der Mensch als Herr über
das von ihm gezeugte Wort und damit als König der Könige
fühlen. Diese Euphorie wird jedoch durch eine "Stimme aus
der Stille" am Schluß widerlegt:
"Du zeugtest nicht das Wort; das Wort - es zeugte dich."
In dem Doppelsinn "Wort" gleich „Logos" sucht unser Bewußtsein
einen Ausbruch aus dem "Spiegelkerker"; von hier
aus führte Morgensterns Weg weiter.
In wenigen lyrischen Grotesken sprach Morgenstern sein Ahnen
des tragischen Grundes der Welt so unvermittelt aus wie
in Schiff Erde (Gingganz-Sammlung): Niemals sieht man den
"Kapitän", der dieses Schiff unseres Planeten steuert. Gewiß
übernehmen die Grotesken die Problematik, doch meist halten
sie eine schwebende, spielende Distanz. Aus der Zahl seiner
erkenntnis- und sprachphilosophischen Humoresken ist
das Gedicht Die Westküsten bekanntgeworden. Die Küsten
wollen ihr Namensjoch, nenne man sie nach West oder Ost,
abschütteln. Sie vereinigen sich und rufen Tiere und Wolken
um Hilfe herbei - vergeblich. Denn dabei müssen sie deren
Namen nennen; alles ist der Willkür des "Heißens" unterworfen.
Die Küsten begreifen, wie sinnlos ein Protest wäre.
Berühmter wurde die Groteske Der Werwolf, die in reifer
Fassung gleichfalls in der Galgenlieder-Ausgabe 1908 erschien.
Dieses Fabelwesen bat den Dorfschulmeister, seine
Vorsilbe zu "beugen". Doch die Silbe "Wer" hat keine Mehrzahl;
der Wolf war darüber sehr traurig - "er hatte ja doch
Weib und Kind!!" Die Natur gefällt sich in allerlei grotesken
Bildungen; soll der Poet zurückstehen? Also schuf Morgenstern
das Nasobēm, ein Tier, das mit einem Kind auf "seinen

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Nasen schreitet". 1908 versicherte er in den Galgenliedern,
es stünde in keinem Nachschlagewerk; später gelangte es
doch ins Lexikon. Andere Grotesken entstanden, weil ihr Autor
über die Art erzürnt war, wie der Mensch die Natur manipuliert.
Man merkt es dem anmutigen Lied vom Vierviertelschwein,
das er am 22. November 1907 an Julius Bab
schickte, nicht an, daß er über die kommerziell betriebenen
Tierkreuzungen des "Herrn Roux in Angoulême" empört
war; um so deutlicher wird die Satire in der Groteske vom
Dreiachtelhasen (Text in Bauers Werk). Physikalischen Studien
ist die Groteske Der Mondberg-Uhu zu danken. Diese
astronomische Kreatur, eine Spielart der Mondgrotesken,
schenkte er Ende 1907 in einem Brief dem Schriftsteller Ruederer,
der ihn in Obermais besucht hatte. Einen ähnlichen Typus
der Grotesken zeigt das vollendete Traumbild Drei Hasen
(Die Schallmühle):

Drei Hasen tanzen im Mondsche:
im Wiesenwinkel am See:
Der eine ist ein Löwe,
der andre eine Möwe,
der dritte ist ein Reh.

Wer fragt, der ist gerichtet,
hier wird nicht kommentiert,
hier wird an sich gedichtet;
doch fühlst du dich verpflichtet,
erheb sie ins Geviert
und füge dazu den Purzel
von einem Purzelbaum,
und zieh aus dem Ganzen die Wurzel
und träum den Extrakt als Traum.

Dann wirst du die Hasen sehen,
im Wiesenwinkel am See,
wie sie auf silbernen Zehen
im Mond sich wunderlich drehen
als Löwe, Möwe und Reh.


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Zur heitersten Spielform gehört das Gedicht Palmström. Dieser
Herr stellte sich schon 1908 in den Galgenliedern vor, bevor
die nächste Grotesken-Sammlung nach ihm benannt
wurde. Er sieht auf seinem Taschentuch ein Bild, wobei ihn
"unvermittelt-nackt / Ehrfurcht vor dem Schönen packt", so
daß er "ungeschneuzt entschreitet". Ernüchternd unmelodisch
geschrieben ist die Satire vom Professor Stein, Der Gaul
(in demselben Band). Das surrealistische Tier erscheint an der
Tür und redet, alle glauben zu träumen; vielleicht weiß der
würdige Gelehrte eine Erklärung? Der bemerkt abschließend,
dies sei „ein unerhörtes Erlebnis" gewesen...
Zur Zahl und zur Mathematik hatte Morgenstern eine widerspruchsvolle
Beziehung. Im Umgang mit dem Architekten
Heinrich Fricke in Meran kam er dieser Wissenschaft näher.
Das ist der Hintergrund der Groteske Die zwei Parallelen:

Es gingen zwei Parallelen
ins Endlose hinaus,
zwei kerzengerade Seelen
und aus solidem Haus.

Sie wollten sich nicht schneiden
bis an ihr seliges Grab,
das war nun einmal der beiden
geheimer Stolz und Stab.

Doch als sie zehn Lichtjahre
gewandert neben sich hin,
da wars dem einsamen Paare
nicht irdisch mehr zu Sinn.

War'n sie noch Parallelen?
Sie wußten's selber nicht, -
sie flossen nur wie zwei Seelen
zusammen durch ewiges Licht.

Das ewige Licht durchdrang sie,
da wurden sie eins in ihm,
die Ewigkeit verschlang sie
gleich als zwei Seraphim.

    (Fassung der Briefausgabe.)


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Dieses Gedicht der Hoffnung legte er am 23. September 1908
einem Brief an eine Dame bei, die er im Hochsommer in Dreikirchen
(Südtirol) kennengelernt hatte. Mit dieser Zufallsbegegnung
begann das letzte, erlösende Kapitel seines von
Krankheit und Not verdunkelten Lebens.

 

 

Helmut Gumtau: Christian Morgenstern. Colloquium Verlag. 1971
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