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Rätsel und Widerspruch

Wir träumen von Sternen und dann wars einfach
ein Licht hinter einem Fenster...
Morgenstern an Friedrich Kayßler (1908)


Wenn wir den Namen Morgenstern hören, erwachen sonderbare
Bilder zum Leben. Da wandert "von Knickebühl gen
Entenbrecht" mit dem Stiefel ein "Knecht" mit, der Nachtwindhund
weint, weil ihm vom Regen das Fell trieft, und ein
Vierviertelschwein tanzt selig mit der Auftakteule. Ein Architekt
flüchtet, weil keiner sein Bauen versteht, und am Meeresstrand
zeigt sich, daß die Möwen aussehen, als ob sie
"Emma" heißen.
Wenn wir die Galgenlieder von Christian Morgenstern hören
oder lesen, spüren wir, daß in dem Unsinn ein verborgener
Sinn stecken muß; das hat sich nie deutlicher gezeigt als in
den Jahren der seelischen Mißgestalt, des Krieges und der
Not. In einer fernen Geisteszone spielende Worte trugen über
den Abgrund. So hatte es ihr Autor, "des Lebens Spiel" treibend,
von seinen Galgenkindern erhofft:

Gerade das, was unabwendlich,
fruchtet unserm Spott als Ziel.
[1]

Einer der Übersetzer ins Englische, Albert Roy, führt die
Freude, die diese Verse bei dem deutschen Leser hervorgerufen
hätten, auf die Lebensdaten Morgensterns zurück: In den
43 Jahren zwischen dessen Geburtsjahr 1871 und dem Jahr
des Todes 1914 habe (das westliche und mittlere) Europa eine
der längsten Friedenszeiten genossen. Dieser Zeitzusammenhang
trägt dazu bei, die vielseitigen Produktionen Morgensterns
zu verstehen, doch Roy geht zu weit, wenn er auch die
Wirkungsgeschichte einbezieht. Solange Morgenstern lebte,
erreichte er die Masse der Leser nicht, wenn auch seine groteske

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Poesie, was ihn ein wenig bedrückte, erheblich mehr
Aufsehen erregte als alles, was er sonst veröffentlichte. Die
Bürgerzeit vor 1914, ein Juste-milieu ohne Selbsterkenntnis,
war freien Geistern nicht wohlgesinnt. Der Humor, der die
Spiegelung der Tragik der Welt war, gehörte zur Boheme, war
beinahe unerlaubt und verdächtig, und die Intelligenz zog
ihre eigenen, um so weltoffeneren Kreise. So kam es, daß viele
Leser und Kritiker den Wortgaukler Morgenstern mißverstanden,
so daß er Apologie üben und einerseits die Harmlosigkeit,
andererseits den Wert oder die Geistigkeit der Grotesken
betonen mußte. Erst nach seinem Tod, im Verlauf des
ersten Weltkrieges und danach, kam seine große Zeit. Hans
Reimann erinnerte sich in Mein blaues Wunder (1959), daß
viel Zitatenfreude im Zeichen der Galgenbrüder und der Herren
Palmström und Korf von einer Zone mörderischer Abenteuer
ausgegangen sei - von dem Fliegergeschwader Richthofen
im Krieg. Der Expressionismus weitete aus, die Dada-Bewegung
führte fort, was Morgenstern und ein paar seiner
Zeitgenossen, vor allem Paul Scheerbart, begonnen hatten.
Allmählich kam durch Margareta Morgenstern und ihre Mitarbeiter
viel von der ehemals verstreut gedruckten oder nachgelassenen
Lyrik und Kleinprosa ans Licht, damit auch
zahlreiche Grotesken. Das Buch des ursprünglichen Titels
Galgenlieder, inzwischen in veränderter Ausgabe, erreichte
1919 das fünfzigste, 1929 das hundertste Tausend. Auf Palmström
(seit 1910) waren 1916 Palma Kunkel, 1919 Der Gingganz
gefolgt. Die erste Sammlung der Aphorismen aus Taschenbüchern,
Briefen und Essays, Stufen, lag 1918, ein Buch
Epigramme und Sprüche 1920 vor. Zahlreiche Kindergedichte,
für die Morgenstern Talent hatte, blieben unveröffentlicht,
solange er lebte. 1928 wurde das fünfzigste Tausend der
Stufen gedruckt. In demselben Jahr lernten Morgensterns Leser

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längst vergessene Kabarettbeiträge aus Wolzogens und
Reinhardts Frühzeit neben weiteren Humoresken und Grotesken
in der Auswahl Die Schallmühle kennen. Wie sich sein
kurzes Leben entwickelt hatte, erfuhren die meisten Leser detailliert
erst 1933, als aus Vorarbeiten und unter dem Verfassernamen
des Anthroposophen Michael Bauer (1871-1929)
die von Rudolf Meyer und Margareta Morgenstern vollendete
Biographie veröffentlicht wurde. Im Vorfeld des zweiten
Weltkrieges und unmittelbar danach erreichte der intellektuelle
Ruhm Morgensterns weit über das deutsche Sprachgebiet
hinaus den Höhepunkt; sein Platz in der modernen Literatur
war gesichert. Je mehr sich für den Bürger unseres Jahrhunderts
das Leben zur Groteske verkehrte, um so stärker wurde
die Weltsatire der poetischen Groteske als Mittel einer befreienden
Auflösung empfunden.
Allerdings ist das Unbehagen an Morgenstern bis heute nicht
verstummt. Merkwürdigerweise gehen die meisten Biographen
und Kritiker mit den Schwächen seiner Produktion allzu
behutsam um, womit einem Schriftsteller, der sich selbst hart
beurteilte und für Kritik immer empfänglich war, nicht gedient
ist. Eine Untersuchung wie die von André Jolles in dem
niederländischen Gids, schon 1926, über Wilhelm Busch und
Christian Morgenstern gehörte zu den erfreulichen Ausnahmen.
Jolles stellte den neuromantischen Singsang in zwei
Morgensternschen Liebes- und Naturgedichten neben zwei
Grotesken, Der Zwölf-Elf und Der Werwolf, und bewies
durch die antithetische Wahl der Beispiele, daß aus der Erfahrung
eines (zeitbedingten) Versagens am Stil eine kritische
Kunst des Stils erwachsen ist - wobei daran zu denken ist,
daß die Feierlichkeit des Hochstils bei Morgenstern bis zuletzt
mit der satirischen Gegenmelodie parallel läuft. Wieweit
das Unkünstlerische vieler ernster Gedichte und das Durchschnittliche

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mancher Humoreske sich aus ökonomischem
Druck ergaben, wird deutlich werden; vorerst sei bedacht,
wie sehr die Zeit, in der er jung war, ihm die kritischen Maßstäbe
versagte, an denen er strenger hätte reifen können.
Das Unbehagen, das sich in seiner Zeit schockierend äußerte
und noch heute in der lesenden Öffentlichkeit spürbar ist,
geht nicht von dem Mißratenen aus, es zielt auf das Wesentlichste
von dem, was bleiben wird, auf die Groteske. Da nahm
einer „Kinder-Rache" an „des Daseins tiefem Ernst", ein
Schriftsteller, der sich die Märchenseligkeit der Kindheit bewahrt
hatte und die schweifende Phantasie des spielenden
Kindes an der sich unerbittlich ernst nehmenden, pragmatischen
Welt der Erwachsenen ausprobierte. Wer auf dem Galgenberg
hoher Intelligenz und reichen Wissens die banale
Wirklichkeit zu „Flugsand" zerdenkt und die allwaltenden
Antagonismen in närrischer Verfremdung des mitmenschlichen
Verständigungsmittels, der Sprache, aufdeckt, muß das
Kopfschütteln vieler Leser, heute und morgen wie damals, in
Kauf nehmen. Wie alt die Traditionen der Sprache als "Spiel"
sind, hat 1966 Jürgen Walter in einem größeren Versuch aufgezeigt.
Unsere Studie wird Walters Bemühen, die Grotesken
ohne den Zeit- und Weltbezug der Satire und ohne das Engagement,
das sich bei Morgenstern nicht wegdenken läßt, zu
interpretieren, nicht gutheißen können; trotzdem scheint es
uns dankenswert, daß Walter den Autor der Galgenlieder in
weite Zusammenhänge einordnet - von Johannes Fischart
über die barocke Dichtung, über die Romantiker Novalis und
Brentano bis zu Hans Arp und Paul Klee. Auch die Verbindung
zum Volksmärchen stellt Walter her.
Das deutsche Bürgertum erlebte die Zeit von 1871 bis 1914
als eine Epoche, in der die Geschichte zu einem nie gekannten
dynamischen Vorgang wurde. Niemals zuvor hatten sich

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Technik und Industrie, Bevölkerung und Großstadt, Zivilisation
und Einzelwissenschaft so stürmisch, so optimistisch
stimmend in planetarischer Perspektive entwickelt. Aber niemals
zuvor hatten sich dem Nachdenkenden so quälende Probleme
eröffnet, wenn er hinter der schimmernden Wehr die
Not des Volkes, hinter dem Machtstreben des weißen Mannes
die sterbende Schönheit ursprünglicher Kontinente sah und
wenn er hinter der Selbstgewißheit des Positivismus die ungelösten
Rätsel der irdischen Misere fühlte. Zu diesen Wissenden,
zum Kern einer von den Eruptionen der Zeit getroffenen,
zwischen Himmel und Hölle lebenden Intelligenz gehörte
Morgenstern. Wie wenige erkannte er, welche Gefahren
mit der Lawine der „Mechanisierung" (in seiner Wortwahl:
"Materialismus") auf die Welt, die er liebte, zukamen. Es war
ihm nicht gegeben, sich mit der Hilfe einer soziologischen
Grundlagenkritik gegen das kommende Weltunheil zu waffnen;
sein Kampfmittel war die befreiende Utopie des Wortes.
Ob uns dieser Widerstand Morgensterns gegen seine Zeit in
der heiteren oder tragischen Groteske oder in Sinnspruch und
Aphorismus begegnet, ist einerlei: Beide Sageweisen kamen
aus einer Wurzel. Als Erbe feingebildeter Künstlergeschlechter
hat er sich inmitten verwirrender Einflüsse das Beste jener
Zeit erobert: das Wissen vom Zerfall und den Willen zu einer
geistigen Neugeburt der sich krisenhaft wandelnden Welt. Er
wurde Weltbürger, Verächter des Krieges, immer auf der Suche
nach Religiosierung und Bruderschaft, nach Schönheit,
Reinheit, Erlösung.
Wenn wir uns einer so gütigen und verletzlichen Natur wie
Morgenstern nähern, müssen wir die Vorstellung der Harmonie
aufgeben, die wir zunächst hatten, wenn uns die luft- und
schaumgeborenen Galgenlieder fröhlich stimmten. Im Gegenteil:
Der Mensch, der mit diesen Gebilden intellektuellen

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Übermuts "ein bißchen von der im Posthorn gefrorenen Musik
der Seele wieder auftauen" wollte (1910 an einen Redakteur),
war kein ausgeglichener Charakter. Seine Existenz war
voller Rätsel und Widersprüche. Auch wer die übrige Produktion,
die Selbst- und Briefzeugnisse beiseite ließe, könnte
an einigen Grotesken nicht vorübergehen, die posthum bekannt
wurden und eine nahezu nihilistische Gegenposition
zu der Jugendlust der frühen Galgenlieder verraten. Eine
Gingganz-Strophe lautet:

Alles ist vielleicht nicht klar,
nichts vielleicht erklärlich,
und somit, was ist, wird, war,
schlimmstenfalls entbehrlich.
[2]

Eine leider ungedruckte Tübinger Dissertation des Mediziners
Gottfried Büttner über Physis, Psyche und tödliche Lungentuberkulose
bei Morgenstern und Novalis (195 3) gibt eine
Charakterologie des "schizothymen" und genialen Typus,
dem Morgenstern angehörte. Ein wahrscheinlich durch frühe
Infektion von der Mutter erworbenes Leiden brach heftig aus,
als der sensible junge Mann durch den Zusammenbruch des
Elternhauses schweren Spannungen ausgesetzt wurde.
Ökonomische Not machte Chancen der Heilung oder wenigstens
erheblicher Besserung zunichte, andererseits hinderte
die Krankheit den begabten Publizisten, sich zu etablieren.
Niemals ist Morgenstern zu stetigem Schaffen gelangt, alles
Größere, Geschlossene blieb Plan oder Fragment. Einem oft
leichthändigen Schreiben und der Fülle der Phantasien wirkten
radikale Skepsis, unermüdliche Selbstkorrektur, sinnsuchendes
Grübeln entgegen. Der (zeittypische) Konflikt zwischen
Gefühls- und Verstandeskräften löste ein heftiges Verlangen
nach Synthese, nach Steigerung aus. Ein - allerdings
weit überwiegendes - subjektives Wohlbefinden oder leicht

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fiebernde Euphorie und entschiedenes Leugnen der Krankheit
wechselten mit Depressionen, mit Todesgedanken, mit
unproduktiven Zeiten. Dem Verlangen nach Stille und Einkehr
begegnete ein willensbetontes, kraftvolles Verhältnis zur
realen und geistigen Umwelt. Sein Krankheitsverhalten war
bei aller Labilität durch Selbstbeherrschung und Rücksicht
auf die Mitmenschen bestimmt.
Nun war, als Morgenstern lebte, die feinste Seelendeutung
und damit der „Autismus", den Büttner als eine Wesensseite
Morgensterns darstellt, eine weit verbreitete Neigung. Niels
Lyhne war ein Bestseller, und die Leiden des jungen Tonio
Kröger, die Visionen des Malte Laurids Brigge erschütterten
die Leser. Trotzdem ist es erstaunlich, welchen beherrschenden
Raum in dem nicht sehr umfangreichen Werk Morgensterns
die Selbstdeutungen des Briefschriftstellers, Aphoristikers
und Lyrikers einnehmen. Von dem Ich aus, das sich in
Frage stellt, müssen wir die Brücke zu der objektivierten
Form finden, die vor allem im Humor und als Groteske gestaltet
ist. Humor war für Morgenstern "Weltumfasser", aber
auch "Weltverächter", bis er in den Jahren der Reife nichts
Lebendiges mehr verachtete. Freunde und Zeitgenossen haben
von seiner Begeisterungsfähigkeit, seinem Optimismus
berichtet. Aber erst die Gegenzeugnisse aus den Schriften geben
den ganzen Morgenstern. 1902 beklagte er in einem Spiegelgleichnis
das "bittre Widerspiel / von Bild und Wirklichkeit"
und gestand ein: "Vorgezeichnet ist dein Riß" (Mensch
Wanderer, Gedichte aus dem Nachlaß, seit 1927). Auf diesen
Zwiespalt im "mystischen" Wesenskern Morgensterns hat
Bernhard Friedrich Martin einer Münchener Dissertation
hingewiesen, die 1931 als Buch erschien. In den Aphorismen
sah sich Morgenstern als „Nomade", aber auch auf der Suche
nach Heimat; ein Epigramm um 1899 lautete: "Von Herzen

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Schollenmensch, / von Geist Nomade". 1908, an einem kritischen
Wendepunkt, hielt er im Tagebuch eines Mystikers
fest: "Ein Mensch also, gemacht aus Edelmetall und taubem
Erz, zerspalten in Reichtum und Armut, Vermögen und
Ohnmacht! Emporfahrend aus seiner Niedrigkeit, den Himmel
des Seherischen und Schöpferischen in seine Arme herabzureißen,
ihn erblickend in all seiner Herrlichkeit, und seiner
flüchtigen Hoheit wieder entschlummernd in den Schlaf
des Alltäglichen, von neuem erwachend nach kurzem Traum
im Tal des unfruchtbaren Todes. Das wäre ich? Das bin ich?"
(Stufen.)
Der Dramatiker Georg Hirschfeld hat 1906 in dem sehr frei
ausgestalteten Roman Das grüne Band und am 4. Mai 1928
in der Vossischen Zeitung[3] ein liebevolles Porträt des "absoluten"
Dichters, des Dichters "an sich" in einem Dachstuben-
Idyll im Zentrum Berlins gezeichnet. Die Freunde, erinnerte
sich Hirschfeld 1928, hätten empfunden, daß dieser junge
Christian Morgenstern nicht mit dem Leben fertig wurde und
„viel besser als dieses Dasein" war. Leidenschaftliche Hingabe
an alles, was ihm wesentlich erschien, war ein bleibender
Zug seines Charakters. Der freidenkende Europäer war widerstreitenden
Tendenzen ausgesetzt: Hegel und Darwin,
Schopenhauer und Marx, Kierkegaard und Nietzsche, Baudelaire
und Whitman - wer diese Namen liest und alles bedenkt,
was sich ihnen assoziiert, kann das Glück, aber auch die Gefährdung
jener Suchenden nachfühlen. Morgenstern hat die
"Unsumme von Dilettantismus, von Halbheit und Kulturlosigkeit"
im Bildungsmilieu seiner bewegten Jugend beklagt
(1906, Stufen). Da konnte von einer Logik der Entwicklung
nicht die Rede sein; die Gefahr auf dem Weg zu sich selbst
war größer als die Beglückung. Die Zeit war so gespalten, daß
der Humor eine Rettung war. Bei Nietzsche, der lange Zeit

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sein Leitbild war, konnte er in Jenseits von Gut und Böse
Worte finden, die 1920 als Motto den Dada-Almanach begleiten
sollten. Nietzsche sah seine Zeit "zum Karneval großen
Stils" vorbereitet, "zum geistigsten Fasching-Gelächter und
Übermut". Vielleicht sei das ein Reich, in dem man noch "original"
sein könne - "vielleicht, daß, wenn auch nichts von
heute sonst Zukunft hat, doch gerade unser Lachen noch Zukunft
hat!"

 

 

Helmut Gumtau: Christian Morgenstern. Colloquium Verlag. 1971
Rätsel und Widerspruch | Das verlorene Paradies | Boheme und Theater | Auf dem Galgenberg | Mystik und Satire | Die Erlösung
Quellen und Literatur | Zeittafel


Fußnoten

  1. Galgenberg
  2. Menschen stehn vor einem Haus (o. T.)
  3. Vossische Zeitung 4. Mai 1928