Harald Stümpke: Bau und Leben der Rhinogradentia

Aus DCMA
Version vom 17. Dezember 2012, 16:43 Uhr von Antropositiv (Diskussion | Beiträge)

(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche
 

 

Cover

Erschien im Gustav Fischer Verlag, Stuttgart. Erste Auflage wahrscheinlich 1957, zweite Auflage 1961. Eine kleine Kostprobe sind Einleitung und Nachwort.

Diese Buch nimmt Bezug auf das Gedicht Das Nasobēm.


Der Verband VBIO veröffentlichte unter der Überschrift Abschied vom Erstbeschreiber der Rhinogradentia einen Nachruf auf sein Mitglied Gerolf Steiner, welcher 2009 101jährig verstarb.

Bei Wikipedia sind Artikel zu: Gerolf Steiner , die Gattung der Rhinogradentia und zum Buch selbst vorhanden

Ebenso veröffentlichte das Naturkundliche Museum in Braunschweig als Tipp des Monats im November 2002 auf seiner Webseite einen Artikel mit dem Titel Naturwissenschaftliche Betrachtung des Nasobēms.

Abbildungen

Verschiedene Gattungen und Arten der Naslinge:

Einleitung

   S. 1
Unter den Säugetieren nimmt die Ordnung der Naslinge eine
besondere Stellung ein, die sich einmal daraus erklärt, daß diese
überaus seltsam gebauten Tiere erst in allerjüngster Zeit entdeckt
worden sind. Daß sie der Wissenschaft bislang unbekannt geblie­-
ben waren, rührt daher, daß ihre Heimat, die Südsee-Inselgruppe
Heieiei (in angelsächsischer Schreibweise Hi-Iay), bis zum Jahre
1941 unentdeckt war und auch dann nur durch einen seltsamen
Zufall, welcher in Beziehung zum pazifischen Krieg steht, zum
erstenmal von zivilisierten Europäern betreten worden ist. Wei­-
ter aber hat diese Tiergruppe noch deswegen besondere Bedeu­-
tung, weil bei ihr Bauprinzipien, Verhaltensweisen und ökologi­-
sche Typen auftreten, die wir sonst nicht nur von Säugetieren,
sondern überhaupt von Wirbeltieren nicht kennen.
Als Entdecker der Inselgruppe hat der Schwede Einar Petters-
son-Skämtkvist zu gelten, der - aus japanischer Gefangenschaft
fliehend — auf die Insel Heidadaifi (Hi-Duddify) verschlagen
wurde. Diese Insel, die im Gegensatz zu vielen Südseeinseln nicht
vulkanischen Ursprungs ist, wenn auch ein tätiger Vulkan (Kozo-
bausi = Kotsobowsy) von beträchtlicher Höhe (1752 m) nicht
fehlt, erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung etwa 32 km und in
Ost-West-Richtung 16 km, besteht im wesentlichen aus Kalken
und metamorphen Schiefern und hat als höchste Erhebung den
Schauanunda (Showunnoonda), einen doppelgipfligen Berg von
2230 m. Das Klima der Insel ist äußerst gleichmäßig, wie man
solches von mittel- und ostpazifischen Inseln kennt. Die tropische
Vegetation, deren floristische Erfassung noch kaum angebahnt
ist, zeigt neben weltweit verbreiteten Gattungen viele endemi­-
sche Formen archaischer Prägung (so die den Psilotales nahe­
stehenden Maierales sowie die zu den Lepidodendrales zu rech-
   S. 2
nende Gattung Neolepidodendron,ebenso die in die Nähe der
Ranunculaceen zu stellenden Schultzeales, die eine Reihe statt­-
licher Urwaldbäume stellen, u.a.m.). Die Inselgruppe Heieiei,
zu der Heidadaifi gehört, muß daher ein hohes Alter haben, wie
auch die geologisch-palaeontologischen Befunde (fast durchweg
paläozoische Sedimente; vgl. auch: Die Einordnung der Milioli-
densande des oberen Horizontes D 16 von Mairtivili von Ezio
Sputalave). Spätestens in der oberen Kreide muß die Gruppe
von den übrigen Kontinenten völlig isoliert worden sein; indes­-
sen ist anzunehmen, daß das Archipel seinerseits der Rest eines
nicht unbedeutenden Kontinentes ist, da - im Gegensatz etwa zu
Neuseeland - der Reichtum eigener und eigenartiger Organis­-
mengruppen auf den insgesamt nur etwas mehr als 1690 Quadrat­-
kilometern der Inseln ungleich größer ist als dort.
Die Bewohner, die Skämtkvist bei seiner Ankunft 1941 vor- ­
fand, nannten sich Huacha-Hatschi (Hooakha Huchy). Sie sind
inzwischen ausgestorben, scheinen ab er nach Skämtkvist polyne-
sisch-europide Menschen gewesen zu sein. Ihre Sprache konnte
nicht mehr erforscht werden, da der durch den Entdecker einge­-
schleppte Schnupfen die Naturkinder innerhalb weniger Monate
dahin raffte. Von Kulturgütern konnten nur wenige hölzerne
Gegenstände geborgen werden (vgl. auch Deuterich [1944] und
C0MBINAT0RE [1943])- Waffen kannten die Huacha-Hatschi
nicht. Das friedliche Völkchen nährte sich von dem Reichtum der
es umgebenden Natur. Geburtenüberschuß gab es nicht; vielmehr
hatten die 22 Häuptlinge «seit ältesten Zeiten» den Volksstand
auf etwa 700 Seelen gehalten. Soviel konnte Skämtkvist noch
feststellen. Diese sinnvolle Maßnahme hatte das für die Wissen­-
schaft erfreuliche Nebenergebnis, daß die so eigenartige Organis­-
menwelt des Archipels trotz der Gegenwart des Menschen erhal­-
ten blieb, was um so erstaunlicher ist, als die Landtiere fast alle
intensiveren Nachstellungen schnell erlegen wären.
Trotz der Unbekanntheit ihrer Heimat sind indessen die Nas-
linge schon einmal erwähnt worden. Kein Geringerer als der
Dichter Christian Morgenstern hat vor rund 50 Jahren schon
einmal die Existenz der Naslinge durch sein bekanntes Gedicht
klar belegt:
   S. 3

Rhinogradentia T01.jpg



   S. 4
Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobem 1,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.
Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum erstenmal ans Licht.
Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobem.

Diese knappe und doch klare Schilderung, die sogar im Rhyth- ­
mus der Verse die Eigenart der Bewegungsweise dieses Naslings
ausdrückt, stimmt nun haargenau auf Nasobema lyricum 2. Des­-
halb ist es nicht anders denkbar, als daß Morgenstern ein Exem- ­
plar dieses Naslings in Händen gehabt oder doch von ihm ein­-
gehende Kunde gehabt haben muß. Bleedkoop (Das Nasobem-
problem 1945) läßt zwei Möglichkeiten als wahrscheinlich gelten:
Entweder ist Morgenstern in den Jahren 1893 bis 1897 kurz- ­
fristig in Heieiei gewesen, oder er hat einen Balg des Nasobema
lyricum (des Honatata der Eingeborenen) durch irgendwelche
Zufälle erhalten. Von einer Tropenreise Morgensterns ist in­-
dessen nichts bekannt; und wie soll er zu dem Balg gekommen
sein? — Nach mündlicher Mitteilung der inzwischen verstorbenen
Frau Käthe Züller, welche Morgenstern gut kannte, soll
dieser im Jahre 1894 eines Abends in höchster Erregung nach
Hause gekommen sein und immer vor sich hingemurmelt haben:
«Heieiei-Heieiei!» Bald habe er dann das fragliche Gedicht ver­-
faßt, das er ihrem Bruder auch zeigte. Bleedkoop schließt hier­
aus, daß Morgenstern durch einen Bekannten Kunde von Hei­-
eiei erhalten habe. Ob er allerdings das Honatata in Händen
hatte, oder ob er nur aus der Schilderung des Bekannten mit dich­-
terischer Intuition das Bild dieses eigenartigen Tieres entwarf,

1 nasus l. = Nase; Bēma gr. = Schreiten.
2 lyricus gr. = zum Leierspiele gehörig.
   S. 5
bleibe dahingestellt. Die Zeilen: «Es trat aus meiner Leyer zum
erstenmal ans Licht» ließen darauf schließen, daß er es nicht sah,
sondern nur aus Erzählungen kannte. Vielleicht hat er aber auch
die Inseln mit ihren urtümlichen Lebewesen vor dem raffgierigen
Europäertum verheimlichen wollen und hat deshalb — als Tar- ­
nung gewissermaßen - diese Zeilen in sein Gedicht eingefügt?
Wir wissen es nicht, zumal wir auch nicht wissen, von wem Mor- ­
genstern Kunde von Heieiei und seiner Tierwelt hatte. Es käme
hierfür eigentlich nur der früh verstorbene Handelskapitän Al-
brecht Jens Miespott in Frage, mit dem Morgenstern längere
Zeit briefwechselte. Miespott ist 1894 nach Rückkehr von einer
längeren und außergewöhnlichen Reise in geistiger Umnachtung
in Hamburg gestorben. Vielleicht war er es, der das Geheimnis
von Heieiei kannte und mit ins Grab nahm. Soweit die Forschun­-
gen Bleedkoops .
In einer verdienstvollen Studie hat sich mit dem gleichen Pro- ­
blem I. I. Schutliwitzkij beschäftigt. Er kommt etwa zu den
gleichen Schlußfolgerungen wie Bleedkoop, nur mit dem Unter­-
schied, daß er es für möglich hält, daß Morgenstern in den Jah- ­
ren zwischen 1894 und 1896 aus dem Nachlaß von Miespott ein
lebendes Hónatata erhalten hat, das er in einer Zigarrenkiste
etliche Wochen hielt. Doch sind auch hier die Nachrichten wider­-
sprechend. Außerdem könnte es sich nur um ein Beuteljunges ge­-
handelt haben, da die Hónatatas eine erhebliche Größe (vgl.
S. 62) erreichen. Sicher ist lediglich, daß es sich um eine ziemlich
hohe Zigarrenkiste gehandelt habe mit der Aufschrift «Los selec­-
tos hediondos de desecho».

Nachwort

Das Manuskript Harald Stümpkes lag druckfertig vor, als
bekannt wurde, daß bei geheimgehaltenen atomaren Sprengver-
suchen (von denen sogar die Presse nicht einmal etwas erfahren
hatte) durch das Versehen einer untergeordneten Stelle das ge­-
samte Heieiei-Archipel vernichtet worden ist. In folge tektonischer
Spannungen, die man nicht verm utet hatte, versank die ganze
Inselgruppe unter den Meeresspiegel, als in etwa 200 km Entfer­-
nung der Sprengsatz zur Explosion gebracht wurde.
Auf Mairúwili weilte zur fraglichen Zeit eine internationale
Studienkommission zur Erforschung des Archipels. Ihr gehörte
die Mehrzahl der in diesem Werk genannten Forscher an. Mit
ihnen ging auch das an der lieblichen Ostbucht der Insel gelegene
Darwin-Institute of Hi- Iay unter, in dem sich das unersetzliche
photographische Material, die Präparate und Beobachtungs- und
Versuchsprotokolle befanden, die einer großen und umfassenden
Monographie über das Archipel und seine geologische, botanische
und zoologische sowie völkerkundliche Eigenart als Unterlage
dienen sollten.
So war es ein Glückszufall, daß Stümpke noch kurz vor seiner
letzten Reise es unternommen hatte, eine kurze Darstellung des
Baues und des Lebens der Rhinogradentier zu schreiben. Zum
Zweck der Herstellung gezeichneter Illustrationen überließ er mir
auch einiges Material, das er — man muß nun sagen: leider — zur
weiteren Bearbeitung nach Heieiei zurücknahm. Immerhin blieb
so die Möglichkeit, daß der Wissenschaft und einer breiteren Öf­-
fentlichkeit wenigstens ein Teil der Lebensarbeit dieses beschei­-
denen und verdienstvollen Forschers als abgerundetes Ganzes
erhalten bleibt, und hiermit auch die Kunde von einer nunmehr
versunkenen Welt.

Heidelberg, im Oktober 1957

Gerolf Steiner