Herbst

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Version vom 2. Juli 2012, 00:29 Uhr von Antropositiv (Diskussion | Beiträge)

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I

Hörst du die Bäume im Windstoß zischen?
Siehst du, wie sie sich drehen und winden
unter des Regens tausendsträhniger Geißel?
Gekrümmten Rückens, erstarrten Blutes,

5

flüstern sie unaufhörlich heisere Flüche
in den kalten, grausamen Herbst hinaus.
Blühten sie nicht in dankender Schönheit
Göttern und Menschen auf?
Bargen der Vöglein süßes Geschwätz nicht treu?

10

Schildeten nicht vor Schlossen das zarte Beet?
Und der Sonne furchtbare Feuer -
wer empfing sie, sich lautlos opfernd?...
Sieh, wie die Armen im Sturm erschauern -:
Wie langzottige frierende Hunde,

15

denen das nasse gesträubte Fell
überwirbelt nach vorne weht,
trotzen gesträubt die trostberaubten,
und ihr herzzerbrechendes Seufzen
rauscht umsonst

20

an's graue Gewölb der Wolken.


II

Ihr Götter der Frühe,
schenket mir gute Gedanken!
Küsst mir die helle Stirne
mit lächelnden Lippen!

5

Aufatmend tret ich hinaus
auf die Altane...
Von leichten Winden gerührt,
schwanken die Büsche,
und, holdanwogend,

10

grüßt der glitzernde See
die treuen Ufer.
Fernher kommen
fleißige Segel gezogen, -
ihr Unsichtbaren,

15

tragen sie eure Geschenke?
Aber was frag ich!
Von euerer Nähe
Odem schauern
Himmel und Erde...

20

Euren Odem selber im Busen,
tret ich,
überbegnadet,
fromm,
zurück ins Zimmer...


III

Der graue Herbst
lädt mich zu sich hinaus,
übern grauen See,
übern grauen Wald,

5

in die graue, graue Himmelsferne...
Bin ich der einzige Mensch der Erde?...
Tiefe Verlassenheit fällt mich an.

 

 

Lyrik | Ich und die Welt
Einleitung: Fritz und Liese K.
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Stimmungen vor Werken Michelangelos: Der Abend | Ein Sklave
Frühlingsregen | Abend am See | So möcht ich sterben... | Schicksale der Liebe | Casta Regina! | Prometheus | Hymnus des Hasses | Wenn du nur wolltest | Der Spieler | Im Eilzug | An Friedrich Nietzsche | Odi profanum... | An Sirmio | Auf der Piazza Benacense | Fliegendes Blatt | Übermut | Bahn frei! | Per Exemplum | ΅Ασβεστος γελως | Botschaft des Kaisers Julian an sein Volk | Auf mich selber | Übern Schreibtisch | Vor alle meine Gedichte | Wir Lyriker | Pöblesse obligée | Einigen Kritikern | Kriegerspruch | Herbst | Ein fünfzehnter Geburtstag | Und so hebe dich denn... | Die Kinder des Glücks | Gefühl | Bei einer Sonate Beethovens | Vor die vier Sätze einer Symphonie | Kinderliebe | "Aber die Dichter lügen zu viel" | Glück | Macht-Rausch | Präludium | Wo bist du... | Gleich einer versunkenen Melodie... | Gesellschaft | Lieder! | Ewige Frühlingsbotschaft | An Mutter Erde
Aus einer Liedergruppe: Feierabend | Volkslied | Geheime Verabredung | Erntelied | Der Abend | Nachtwächterspruch | O Friede!
Erden-Wünsche | Eins und Alles | Ob sie mir je Erfüllung wird | Künstler-Ideal | An meine Seele | Mondstimmung | An die Wolken | Vor Strindbergs "Inferno" | Ne quid nimis | Quos ego! | Natura abundans | Du trüber Tag... | Konzert am Meer | Der freie Geist | Nur wer... | Die Luft ward rein... | Aus Religion | Ja trutze nur... | Morgenstimmung | Weiße Tauben | Allein im Gebirg | Abendpromenade | Görlitzer Brief | An die Moral-Liberalen | An N. | An ** | An denselben | Lebensluft | Stilles Reifen | Mensch Enkel | Abendläuten | Oh zittre mir nicht so... | Lebens-Sprüche | Was mir so viel vom Tage stiehlt... | Wohl kreist verdunkelt oft der Ball... | Singende Flammen | Moor | Nächtliche Bahnfahrt im Winter | Dunkle Gäste | Begegnung | Dunst | Ohne Geige | Venus Aschthoreth | Reine Freude | An die Messias-Süchtigen | Ersehnte Verwandlung | Mitmenschen | Die russische Truhe | Vorfrühling | Thalatta! | Zum II. Satz (Andante con moto) von Beethovens Appassionata | Eine junge Witwe singt vor sich hin | Mir kommt ein altes Bergmannslied zu Sinn | Du dunkler Frühlingsgarten...


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 249f.
Vertont von
Willy Burkhard | Heinz Holliger