IV. Die Nacht ist tief geworden (o. T.)

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IV.

Die Nacht ist tief geworden.
Trunken raunt und rauscht das Korn,
so viel Liebe barg's noch nie.
Doch unter der lebend'gen Vogelscheuche

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noch immer hocherhobnem Arm
erhebt sich nun,
in inniger Umschmiegung,
das Liebespaar
und wandert aus den Ähren

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langsam dem Walde zu.
Ist es der Nachtwind?
Ist es der Trennung dunkles Vorgefühl,
das einen Schauder durch das Mädchen jagt?
Der Mann an ihrer Seite fühlt's,

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und mit der flachen Hand
die Stirn sich schlagend,
ruft er:
"Vergaß ich ganz,
dass ich allmächtig bin?

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Wir wandeln hier,
als hieß ich Müllers Jochen,
der seinen Schatz
vorm Tor spazieren führt.
Nein, kleine Braut,

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sag, sag mir, was Du willst!
Gib den verschwiegensten,
den kühnsten Wunsch
mir preis, Geliebte,
dass ich wahr ihn mache."

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Da legt ihr Köpfchen sie
in seinen Arm
und stammelt:
"Küss mich!"
Und er küsst sie, küsst -

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dass alles um sie her
ins Nichts versinkt.
Weltkobolds Geist
vergaß sich gleich dem ihren
und denkt nicht mehr an Allmacht

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noch an Gottheit.
Der beiden Sinn
ist so in Eins gefügt,
dass beider Traum
die gleichen Bilder wählt.

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Und solche Träume
haben Zauberkraft,
dass höhere Wirklichkeit
aus ihnen sprießt.
Sie träumen sich in einen Rosenkelch

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in tiefer purpurner Verborgenheit.
Ihr Atem glüht vom schweren Duft berauscht,
und fiebernd tobt des Blutes heiße Brandung
im Netz der Adern wie in Kerkergängen.
Es dürstet ineinander und es hasst

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die starre Form, die nicht zerbrechen will
und doch zerbrechen soll. Gemeinsam steigt
der Wunsch in ihnen auf. Und weicht nicht mehr,
bis er zur Wahrheit wird.
Ein süß Ermatten löst

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der Glieder Spannung auf.
Das Körperliche schwindet,
hinüber in der Rose weichen Leib,
indes des Blutes
langverhaltne Flut

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zusammen schäumt
wie Wogen glühenden Erzes.
Es schwankt
in ihrer heißen Last die Rose,
erschließt den Kelch,

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aus dem wie eine Wolke
des Blutes warmer Duft
berückend steigt,
und schwankt
und neigt sich endlich

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zitternd nieder,
des Purpurs Fülle
wie ein dampfend Meer
ausschüttend
auf die froherschrockne Erde.
..........................

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Der Traum ist aus.
Denn ach! der Kuss ist aus.
Verwundert schaut
sich Aug in Aug
und dann hinaus,

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wo stumm der Horizont
in feierlichen Morgenflammen brennt.
Das also sprach
in ihren Traum hinein.
Und lächelnd neigen sie

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die goldnen Stirnen
zum Gruß -
der Göttin sie,
der Sklavin er.

 

 

Lyrik | Zyklus: Der Weltkobold
Motto | Im Mund die Abendzigarette | Aller Ort' | Weltkobold ist verliebt | Maria, eines Tischlers Töchterlein | Durch die Gassen geht der Abend | Die Nacht ist tief geworden | Vertrau mir, Kind | In jagendem Wolkenboot | Weltkobold im Land der Bärenhäuter, Fassung I | Weltkobold im Land der Bärenhäuter, Fassung II | In seiner Hängematte liegt der Gott


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 429ff.