Ich zeichne nicht (o. T.)

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Ich zeichne nicht um Ruhm mein Leben auf,
nicht um einfältige Begier nach Macht,
noch aus verkehrtem Selbstausstellungstrieb.

Ich zeichn' es auf, daß es ein Beispiel sei,

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daß jeglicher sich als Einmaligkeit
erforschen, wissen und bekennen mag.

Das Wort Normalmensch schändete genug.
Genug nun, hör's, heillos betrognes Volk,
den Gott, der neu in jedem Auge nblick,

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in jedem Fingerdruck, in jedem Hauch,
in jedem zitterndsten Gedänklein, -: NEU!
den Gott, der, ohne daß du's weißt, Du bist.

Was wagst du Ihn zu bändigen, Ihn in Form, -
in das, was du Form nennst, zu zwängen, Ihn,

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der taufrisch, stets aus Ewigkeit auftaucht?

Der Sich mitbringt in jedem Erdensohn
und jeder Erdentochter, Sich: das heißt:
den Reichtum selbst, die Fülle der Gott-heit selbst?

Du glaubst zu blind an alles, was man dir

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und was man von dir sagt mit jenem Maul,
das Feigheit von Jahrhunderten geformt.

Da hieß es immer nur, sei der und der
und so und so, und bist du anders, nun,
behalt's für dich, sag's höchstens deinem Gott

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Was konnte - tapfer sein und war's auch oft,
doch als die feile Mittelmäßigkeit
es festhielt als die Botschaft ihres Reichs,

〈nur daß ihr selbst nie Abbruch ward getan
in ihrem unfruchtbaren Regiment,

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ward Tugend Trägheit und aus tapfer feig.〉

Was ist der Mensch? Das, was er aus sich macht.
Euch aber machte "man ". Begriffe warf
man über ihn wie ein Gesetz und Netz.

Wen würgte nicht von uns Herzeinsamkeit:

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O so wie ich , so ist wohl sonst kein Mensch!
O eine Seele, die mich liebte, mich !

Indessen draußen "die Gesellschaft" troff
von Tugendfett und eklem Dutzendwort,
und schriebst du: Gebt mir Blut! dir Speichel gab.

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Dies aber, Mensch, will ich dir geben: Blut.
So wie's dir jeder gab, der dich geliebt,
der dich in sich, und sich in dir erkannt.

Mich acht' ich wenig. Was bin ich? Ein Mensch
mehr oder weniger. Und dann: mir ist:

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ein Kunstwerk wie der Mensch bricht niemals ab.

Dich acht' ich mehr, legionenfältig Herz,
das du um mich herumschlägst - und mir einst
legionenfältig Antwort geben wirst.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 2, S. 309f.