JW:SuSiCMG - Abgrenzung

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2. Abgrenzung

Eine umfassende Einzelinterpretation der Galgenlieder wird hier zum
erstenmal vorgelegt. Die bisherige wissenschaftliche Literatur über die
Galgenlieder, die von Leo Spitzers frühem Aufsatz aus dem Jahre 1918
bis zu Wolfgang Kaysers Herausarbeitung der Sprachgroteske reicht, ist
in Ansatzpunkten und Ergebnissen wesentlich anders orientiert. Im Überblick
läßt sie sich in drei große Gruppen ordnen:

Eine erste Gruppe bespricht die Galgenlieder jeweils im Rahmen einer
Untersuchung des Morgensternschen Gesamtwerkes meistens mit dem
ausdrücklichen Versuch, diese „herausfallenden“ Dichtungen in irgendeine
Übereinstimmung mit dem "eigentlichen" Schaffen des Dichters zu bringen.
Hierher gehören die für jede Beschäftigung mit Morgenstern grundlegenden
Arbeiten:

      Michael Bauer, Christian Morgenstern. Leben und Werk. München
           1933.
      Paula Dietrich, Weltanschauungsentwicklung in der Lyrik Christian
           Morgensterns. Diss., Köln 1925.
      Bernhard F. Martin, Christian Morgensterns Dichtungen nach
           ihren mystischen Elementen, Weimar 1931.
       Albert Mack, Christian Morgenstern, Welt und Werk. Diss., Zürich
           1930.
       Friedrich Hiebel, Christian Morgenstern. Wende und Aufbruch
           unseres Jahrhunderts, Bern 1957.

Eine zweite Gruppe setzt sich aus verschiedenen kleineren Aufsätzen
zusammen, die jeweils eine Seite dieser Gedichte aus einem ganz bestimmten
Blickwinkel und an einzelnen herausgegriffenen Beispielen beleuchten:

         Friedrich Stählin, Morgensterns Spiel mit der Sprache, 19506.
         H. A. Fiechtner, Palmströms Kehrseite, 1953.
         C. F. von Weizsäcker, Entepente und die abstrakte Kunst, 1952.
         W. Bökenkamp, Christian Morgenstern, poète d’humour surréaliste,
            1954.
         Viktor Klemperer, Christian Morgenstern und der Symbolismus,
            1928.
         B. Q. Morgan, The superior nonsense of Christian Morgenstern,
            1938.
         Paul Forchheimer, Zu Morgensterns "Steinochs", 1939.
         Th. C. van Stockum, Christian Morgenstern en zijn Galgenlieder,
            1950.
         Albrecht Goes, Der Gaul, Eine Interpretation, 1952.

Und eine dritte Gruppe bilden schließlich Untersuchungen, die die
Galgenlieder ausschließlich aus der übergreifenden Sicht des Grotesken
zu bestimmen suchen:

_______________
6 Ausführliche Angaben siehe Literaturverzeichnis.

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          Leo Spitzer, Die groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Christian
             Morgensterns, 1918.
          Mally Untermann, Das Groteske bei Wedekind, Thomas Mann, Heinrich Mann,
             Morgenstern und Wilhelm Busch, 1929.
          Ludger Vieth, Beobachtungen zur Wortgroteske, 1931.
          Herbert Schönfeld, Uber Christian Morgensterns Grotesken, 1932.
          Wolfgang Kayser, Das Groteske. Seine Gestaltung in Malerei und
            Dichtung, 1960.

Alle diese Arbeiten sind sich untereinander und auch mit der vorliegenden
Untersuchung im Grunde über eine Sache einig: daß in den Galgenliedern
in irgendeiner Form der Sprache selbst eine bestimmte, entscheidende
Rolle zukommt. In welcher Weise sie diese Rolle sehen, was sie als
Absicht, Zweck oder Anliegen des Dichters dahinter vermuten, macht die
Unterschiedlichkeit ihrer Ergebnisse aus. Sie reichen — um einige wesentliche
herauszugreifen — vom höheren Blödsinn (Morgan) über die Parodie,
Satire, Karikatur (Klemperer, innerhalb des Grotesken auch Spitzer)
bis zur Mythosersatzbildung (Martin), zum seelischen Therapeutikum
eines Mystikers (Hiebel), zur surrealistischen Dichtung (Bökenkamp) und
zur Sprachgroteske (Kayser).

Keine dieser Arbeiten aber hat es bisher versucht, die eigentümliche
Spracherfahrung, die sich offensichtlich in den Galgenliedern ausspricht,
herauszuarbeiten. Keine hat es auch versucht, deren eigene, wie Morgenstern
selbst sagt, "in sich nirgends unlogische, nirgends unkonkrete Welt"
(B S. 405) darzustellen. Es gibt keinen wirklich umfassenden Interpretationsversuch,
der diese „Wortkunst“ sozusagen als solche ernst genommen
und sie nicht von vornherein aus dem Horizont eines größeren,
außerhalb ihrer selbst liegenden Zusammenhangs gesehen und zu verstehen
versucht hat — sei es nun aus dem der Morgensternschen Mystik, des
Surrealismus, des Grotesken o. ä. Es drängt sich mit allen Vorbehalten
und Einschränkungen der Schluß auf, daß alle diese Arbeiten im Grunde
irgendwie der Fragestellung verhafltet sind, die Morgenstern mit seinen
Deutungen des Dr. Jeremias Mueller so scharf parodiert und abgewiesen
hat, das heißt: sie fragen nach verborgenen Motiven, Hintergründen,
Zwecken und Absichten des Dichters. Wolfgang Kayser hat in seiner Studie
über die Sprachgroteske, der diese Arbeit vor allen anderen am weitesten
verpflichtet ist, schon ausdrücklich festgestellt, daß den Galgenliedern
alle Parodie und jeder Stilzug des Karikaturistischen fehlt7, in seinen
weiteren Ausführungen deutet aber auch er sie auf eine dichterische Absicht
hin: "Wenn ihn (den Leser) die Beunruhigung überkäme, daß man
der Sprache nicht ohne weiteres trauen dürfte, so wäre wohl eine Absicht
Morgensterns erreicht."8 Und: "Morgenstern will mit seinen Galgenliedern
das naive Vertrauen in die Sprache... erschüttern."9 Es ist aber

_____________
7 Wolfgang Kayser, Das Groteske in Malerei und Dichtung, Hamburg 1960,
S. 109.
8 Ebd. S. 111.
9 Ebd.

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gerade das Eigenartige, daß sich weder in den Galgenliedern selbst noch
in Morgensterns Äußerungen über sie Anhaltspunkte für eine solche Absicht
und ein solches Wollen finden lassen. Jeder Bezugspunkt, auf den
die Galgenlieder in dieser Weise bezogen und gedeutet werden könnten,
fehlt.

Wenn die Untersuchung sich so entschieden von allen Versuchen abzugrenzen
und abzuheben versucht, die Galgenlieder von außerhalb ihrer
selbst liegenden Bedeutsamkeiten und Absichten her zu verstehen, so tut
sie das, weil sie glaubt, daß durch eine solche Fragestellung von vornherein
der Zugang zu einem wesentlichen Verständnis dieser Gedichte genommen
ist: dem Verständnis der Galgenlieder als echtes poetisches
Sprachspiel, das nichts über sich hinaus bedeuten kann und will, sondern
sich eigengesetzlich und mit einem allein immanenten Spielzweck entfaltet.
Die Galgenlieder in dieser Weise von sich selbst her sichtbar zu machen,
ist das Ziel, das die Untersuchung anstrebt. Die Möglichkeit zu einer solchen
Auslegung wird durch jede Art der Deutung und Erklärung versperrt,
sie öffnet sich aber dem beschreibenden Nachvollzug der wesentlichen
Grundlagen dieser Gedichte.

Nur so kann sich die Interpretation vor zwei entscheidenden Fehlern
hüten: entweder die Galgenlieder zu leicht zu nehmen, indem sie sie als
Unsinn oder Ulk ab tut, oder sie zu schwer zu nehmen, indem sie ihnen
philosophisch-weltanschauliche Hintergründe und Absichten unterlegt.
Nur so können die Galgenlieder als das sichtbar gemacht werden, was sie
sind: eine im ganz wörtlichen Sinne zu verstehende Spiel-Art der Poesie:
Sprache und Spiel.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten