JW:SuSiCMG - Das Ding-Wort

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b) Das Ding-Wort

Das Verhältnis der Dinge zum menschlichen Dasein wird evident in der
Sprache, und zwar am auffallendsten in dem Wort, das die Dinge unmittelbar
zur Sprache bringt und benennt: im Dingwort. Es war der
Name, das Dingwort "Westküste", wogegen sich der Aufstand der Dinge
richtete. Im Jahre 1895 notiert sich Morgenstern: "Ein 'Wort' ist etwas
unendlich Rohes: es faßt Millionen Beziehungen mit einem Griff zusammen
und ballt sie wie einen Klumpen Erde. Bald wird die Erde trocken
und hart — die Kugel bleibt als rotes drastisches Ganzes, aber die Millionen
Teilchen, daraus sie besteht, sind als solche so gut wie vergessen"
(ST S. 68). Ein Wort benennt nicht nur ein Ding der umgebenden Welt,
es impliziert zugleich auch das ganze Beziehungsgeflecht, in dem das Ding
steht. Im alltäglichen Wortgebrauch bleibt das jedoch zumeist in der
Selbsverständlichkeit verhüllt und entzieht sich der ausdrücklichen Kenntnisnahme.
Erst das Staunen kann über den Weg des plötzlichen Fremdwerdens
diesen Beziehungsreichtum wieder sichtbar werden lassen.

Es dürfte keineswegs ein Zufall sein, daß in fast allen Fällen4 jeweils
ein Dingwort den bestimmbaren Anstoß zu einem Galgenlied gibt. Das
geschah schon in allen bisher angeführten Beispielen: die Westküste, das
Knie, der Saal, der Stiefel, der Lattenzaun, der Purzelbaum usw. Die
Reihe ließe sich beliebig vermehren. Auch Morgensterns Wortneuschöpfungen
sind in einem ganz überwiegenden Maße gerade Dingworte: das
Nasobem, der Zwölfelf (G S. 24), der Nachtschelm und das Siebenschwein
(G S. 52), die Hystrix (G S. 78), der Unver (G S. 254), der Zwi
(G S. 232) usw.5. In vielen Fällen verwendet Morgenstern ausdrücklich
die substantivierte Form eines Verbums oder eines Adjektivums, um dann
mit diesem Dingwort sein Spiel treiben zu können: der Seufzer (G S. 39),
die Pfiffe (G S. 70), die Nähe (G S. 203), das Wetter-Wendische (G
S. 123). Auch alle sprachlichen Neuschöpfungen, die aus der Verkoppelung
zweier verschiedener Beziehungsganzheiten entstehen, sind notwendigerweise
Dingworte: als Beispiele wurden schon zitiert: der Ochsenspatz
das Löwenreh usw. Das Dingwort erscheint als der tragende Pfeiler im
Aufbau der Galgenlieder, weil es die Dingwelt in ihren verschiedenen
Sichtmöglichkeiten direkt evident werden läßt. Am Dingwort erscheint
die Deformation der gewohnten Welt, und es trägt auch zugleich die daraus

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4 In den gesamten Galgenliedern gibt es nur vier Ausnahmen, und zwar jeweils
die adjektivisch verwendete Partizipform eines Verbs: „Der vorgeschlafene
Heilschlaf“ (S. 109), "Der eingebundene Korf" (S. 149), "Der durchgesetzte
Baum" (S. 152), "Die wiederhergestellte Ruhe" (S. 199).
5 Daneben gibt es nur ganz vereinzelt Neuschöpfungen von Verben: "hurteln"
(S. 92), "gaustern", "plaustern", "gutzen" (S. 309).

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aus entstehende andere Welt. Im Dingwort begegnet am unmittelbarsten
das Verhältnis von Welt und Sprache.

Aus dem Jahre 1896 stammt eine Notiz Morgensterns: "Oft überfällt
dich plötzlich eine heftige Verwunderung über ein Wort: Blitzartig erhellt
sich dir die völlige Willkür der Sprache, in welcher unsere Welt begriffen
liegt, und somit die Willkür dieses unseres Weltbegriffes überhaupt"
(ST S. 68). Wenn in der Sprache die Welt begriffen liegt, so bedeutet
dies, daß das nennende Wort und das benannte Ding nicht
voneinander ablösbar sind. Ebensowenig wie in der Morgensternschen
Weltsicht ein Ding als Ding schon vorhanden ist, um dann nachträglich
noch in irgendeine Beziehungsganzheit vom Menschen eingesetzt
zu werden, ebensowenig liegt das Wesen eines Wortes darin, ein schon
außerhalb der Sprache längst vorhandenes Ding durch irgendein Lautzeichen
nachträglich noch zu benennen. Beide Vorgänge würden das
In-Beziehung-Treten des Subjektes Mensch zu einer von ihm abgetrennten,
an und für sich seienden Objektwelt bedeuten. Die Einheit von Ding
und Mensch aber ist zugleich auch die Einheit von Ding und Wort.
Weil ein Wort ein Ding nicht einfach wiedergibt, kann die Sprache überhaupt
"willkürlich" sein.

Im Wort offenbart sich erst das Ding. Die Sprache findet ein Ding
nicht vor, um ihm einen Ausdruck zu geben. Vielmehr gibt es außerhalb
der menschlichen Sprache weder Welt noch Dinge. Diese wesentliche Erfahrung
steht im Hintergrund einer Aufzeichnung Morgensterns über das
Schweigen, wenn es dort heißt: „Zerbrich alle Sprache und damit alle Begriffe
und Dinge“ (ST S. 249). Dinge und Vorgänge der Welt sind im
Grunde erst und nur dann, wenn sie Sprache werden. In einem Brief sagt
Morgenstern das sehr deutlich: "Wo das Geschehen nicht ins Wort tritt,
geschieht auch wirklich nichts in der Sinnenwerkstatt des Autors. Es geschieht
nur immer gerade soviel, als er geschehen läßt, mit seinen Mitteln
geschehen lassen kann. Ein Geschehen außer dem und über dem gibt es
nicht. Geschieht etwas 'dramatisch' in dir mit aller Macht, so geschieht es
auch in deinem Wort. Man kann nicht teilen, hie Geschehen und hie Wort.
Ein Wort ist nur die Oberfläche deines Geschehens, so wie das Wasser
nicht über den Fels stürzt und außerdem irgendwo rauscht, sondern unteilbar
so stürzt und so rauscht, oder anders stürzt und anders rauscht.
Man muß außerdem dem Wort Geschehen zu Leibe gehen. Was 'geschieht'
denn überhaupt. Der menschliche Geist verwandelt alles in ein Hintereinander
und in Ursache und Wirkung. Nur in ihr geschieht. Es dürfte ewige
Veränderungen geben, aber zum Geschehen schaffe erst ich es um. Deshalb
gibt es kein Geschehen an sich. Sondern immer nur mein, dein, sein Geschehen"
(B S. 122).

Sowenig es ein Geschehen an sich gibt, das nachträglich ins Wort tritt,
so wenig gibt es auch Dinge an sich, die erst nachträglich durch ein Wort
benannt werden, sondern wie ein Wort die unablösbare Oberfläche eines
Geschehens ist, so ist es auch die unabtrennbare Oberfläche eines Dinges.

Das nennende Wort ist in einer solchen Weise mit dem Sein der Dinge

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eins, daß diese erst in der Sprache wirklich als Dinge erscheinen können.
Die Sprache bezeichnet nicht nur die Dingwelt, sondern hebt sie sozusagen
erst in ihr Sein. In den "Epigrammen und Sprüchen" Morgensterns findet
sich der Vers:

"Es gibt ein ganzes Heer von Dingen,
die alle singen wollen, singen.
Was Wunder — daß solch heil’ger Sache
ich mich als Mensch zum Anwalt mache."6

Hier wird der Mensch als Sprechender zum Anwalt der Dinge. Die
Dinge drängen zum Wort, weil es im eigentlichen Sinne die Be-dingung
ihres Seins ist. Nur im Wort sind sie als Dinge gegenwärtig, nur in der
Sprache stellt sich die Welt dar.

So begegnet der Hörer oder Leser eines Wortes immer der Welt: "Man
nehme ein paar beliebige Wörter: Fest, Ebene, Landschaft, Musik. Ganze
Welten von Schöpfungen erheben sich, wenn wir sie lesen" (ST S. 75). Es
sind bezeichnenderweise wieder allein Dingworte, die Morgenstern hier
nennt. Die Dingworte implizieren unmittelbar das Beziehungsgefüge, als
welches die Dingwelt erscheint. Diese Welt erfährt der Leser oder Hörer
eines Wortes in der Weise der Assoziation der verschiedensten Wortbezüge,
so daß Morgenstern folgerichtig sagen muß: "Assoziation ist zuletzt
das eine welterklärende Wort" (ST S. 239).

Die Einheit von Ding und Mensch, die Sprache als das Offenbarwerden
der Welt, das Dingwort als die Be-dingung des Erscheinens der Dinge in
ihren Beziehungsganzheiten — auf dem Grunde einer solchen Erfahrung
der Welt und der Sprache entfaltet sich die andere Welt der Galgenlieder.
Diese Entfaltung jedoch geschieht nun gerade in einer eigentümlichen Loslösung
der "willkürlichen" Sprache von den Dingen und ihren realen
Möglichkeiten. Gerade das in der Dingwelt Unmögliche, das Zusammentreffen
mehrerer Küsten im Meer, und das in der Dingwelt gar nicht Vorhandene,
wie das Nasobem, werden hier sprachlich möglich und sprachlich
fixiert. Die Sprache wird hier also noch in einer ganz bestimmten
schöpferischen Eigenständigkeit erfahren. Diese Erfahrung gilt es im einzelnen
und in ihrer ganzen Tragweite deutlich zu machen.

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6 Chr. Morgenstern, Epigramme und Sprüche, München 1920, S. 93.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten