JW:SuSiCMG - Das Gefüge der Dingwelt

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...

b) Das Gefüge der Dingwelt

Es stellt sich eine erste Aufgabe: dieses Stück "Weltanschauung", womit
im Wortverstand eine ganz bestimmte Sichtweise der Welt gemeint ist,
dieses eigentümliche Anderssehen der Welt und der Dinge gilt es genauer
zu umreißen. In welcher Weise erscheinen in den Galgenliedern die Dinge
verändert und worin gründet dieses auffallende Anderssein?

Wenn Westküsten eines Tages zusammentreten, sprechen können, eine
Resolution verfassen und dann wieder heimschwimmen "eine jede nach
ihrem Land", so liegt nicht allein die Personifizierung eines Begriffes vor,
sondern dahinter steht noch etwas anderes: die In-Frage-Stellung des
"Dinges" Küste. Eine Küste verläßt ihr Land — dem aufmerksamen
Leser wird plötzlich klar werden, daß so etwas "nicht geht". Eine Küste
ohne ein dazugehöriges Land ist eine Unmöglichkeit. Diese Unmöglichkeit
besteht offensichtlich darin, daß ein Ding ausdrücklich aus einem
bestimmten Zusammenhang gelöst wird. Ein so gewöhnliches und selbstverständlich
erscheinendes Ding wie eine Küste, das die Sprache wie jedes
andere mit einem Dingwort benennt, entzieht sich plötzlich, wenn es so für
sich allein und isoliert gesehen wird, dem Zugriff und enthüllt sich als eine
bloße Relation, als der relative, nicht abmeßbare und darum unabgrenzbare
Übergang von Land und Meer. Plötzlich zerbricht ein gewohntes
und vertrautes Denken, das jedes Ding einzeln, in gleicher Weise neben
anderen Dingen und von diesen unabhängig und deutlich geschieden vorstellt.
Es zeigt sich dagegen, daß es auch Dinge gibt, die nur aus einem
Bezogensein auf andere Dinge verständlich werden. Das Hinausstellen
einer Westküste ins Beziehungslose, wie es in diesem Galgenlied geschieht,
verweist, gerade weil es eine Unmöglichkeit darstellt, ausdrücklich auf
ein zwischen den einzelnen Dingen liegendes Beziehungsgeflecht, das
offenbar für das Gesamtgefüge der Dingwelt von entscheidender Bedeutung
ist. In die Sammlung „Palma Kunkel“ ist ein Gedicht aufgenommen
worden, das dieses Beziehungsgeflecht noch ausdrücklicher in Erscheinung
treten läßt:

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"Plötzlich...

Plötzlich staunt er vor seinem Zwicker,
daß er nicht 'gehe'; gleich als ob das Glas,
wie eine Uhr, nun eben: 'gehen' müßte.
Wie? war er — stehen geblieben? —
Lebenswitz.
Auf zwei Sekunden Wahrheit, hier für drei
zuviel schon. Gleichwohl. Plötzlich .. Schluß“ (G S. 243).

Auch am Anfang dieses Gedichtes, das in einem Bande "humoristischer"
Dichtungen zuerst etwas befremden dürfte, steht ein Staunen, das eine
Nachdenklichkeit erregt. Das Staunen enthüllt sich jedoch als Trugschluß,
der auf Grund der äußerlichen Gemeinsamkeit des Glases auf rätselhafte
Weise eine Beziehung zwischen zwei verschiedenen Dingen, einem Zwicker
und einer Uhr, herstellt. Diese Beziehung erweist sich nun in dem Augenblick
als falsch, in dem eine weitere Eigentümlichkeit des einen Dinges,
das "Gehen", auf das andere übertragen wird. Aber gerade hier, im Trugschluß
und seiner Auflösung, zeigt sich "auf zwei Sekunden Wahrheit".
Worin liegt diese Wahrheit? Ganz einfach darin, daß beide Dinge ihren
spezifischen Dingcharakter enthüllen, der nicht nur in ihrem bloßen Vorhandensein
als Dinge aus Glas und Metall besteht (als solche sind sie verwechselbar!),
sondern darin, daß sich gleichsam über das einzelne Ding
hinaus ein Bereich eröffnet, aus dem es seine Eigenart, sein So-und-nicht
anders-Sein empfängt. Dabei verweist das Glas der Uhr in einen anderen
Bereich als das Glas des Zwickers, es steht in einem ganz anderen Beziehungsgeflecht,
eben in dem von "Gehen" und "Stehenbleiben", von Uhrwerk,
Zeitablauf usw., das für den Zwicker keinerlei Relevanz besitzt.

Das bedeutet aber, daß nicht nur ein Relationsbegriff wie "Westküste",
sondern auch jedes andere vorhandene und täglich benutzbare Ding in
einem Beziehungsgeflecht steht, das ihm offenbar sein eigentliches Dingsein
erst zuträgt. Im Trugschluß meldet sich hier über das einfache Vorhandensein
eines Dinges hinaus ein weiteres konstitutives Moment der
Dingwelt an, das ein scheinbar unerschütterliches Vertrautsein mit den
Dingen gewöhnlich dem Bewußtsein verbirgt.

Betrachtet man unter diesem Aspekt die Galgenlieder genauer, so erweist
sich, daß die Mehrzahl von ihnen immer wieder in irgendeiner
Form dieses eigentümliche Beziehungsgeflecht, das sich gewissermaßen
hinter den einzelnen Dingen eröffnet, in eine besondere Auffälligkeit
rückt. So zum Beispiel das Gedicht „Der Saal“, dessen zweite Strophe
lautet:

"Eines Tages aber stahl
er (man wirds nicht glauben wollen)
einen ganzen wundervollen
grade nicht benutzten Saal" (G S. 304).

Sofort springt die bis ins Unsinnige gesteigerte Diskrepanz im Größenverhältnis
von Dieb und gestohlenem Objekt ins Auge. Aber nicht allein

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darin liegt das Wesentliche dieses Gedichtes, dahinter erhebt sich wiederum
die Fragwürdigkeit des Dinges "Saal". Ein Diebstahl entfernt den
Saal ausdrücklich aus seinem Beziehungsgeflecht. Dabei zeigt sich aber,
daß das Ding "Saal" aus sich allein, abgetrennt von seinen Begrenzungen,
herausgelöst aus dem Beziehungsgeflecht Wand, Decke, Boden, Haus, gar
nicht verständlich wird, ja ein solches Herauslösen bedeutet nicht nur eine
völlige Veränderung des Dinges, sondern es kommt der Vernichtung seines
eigentlichen Dingseins gleich. Die Unmöglichkeit eines Saaldiebstahles
macht deutlich, daß das gestohlene Objekt als Ding nur in einem Bezogensein
auf andere Dinge vorhanden ist. Umgekehrt sind aber auch diese
Dinge wieder auf den Saal bezogen, so daß auch sie mit seiner Entfernung
ihr eigentliches Dingsein verlieren, denn die letzte Strophe des Gedichtes
heißt:

"Nichts mehr ist zurück vom Saale.
Das nur, was dahinter war,
beut, wie eine wüste Schale,
sich dem Bürgerauge dar" (G S. 305).

Daß das Gedicht trotzdem einen Saaldiebstahl in allen Einzelheiten
und Konsequenzen darstellen kann — diese auffallende und für die Galgenlieder
wesentliche Tatsache wird Gegenstand einer späteren Erörterung
sein. Vorerst muß nur im Hinblick auf das Gefüge der sich in den Galgenliedern
darstellenden Dingwelt festgehalten werden: zu jedem erscheinenden
Ding gehört hier wesensmäßig ein Bezogensein auf etwas anderes.

Das tritt in einem weiteren Galgenlied noch klarer hervor. Es ist das
bekannte Gedicht "Der Gingganz", in dem ein Stiefel und sein Knecht
"von Knickebühl gen Entenbrecht" wandern:

"Urplötzlich auf dem Felde drauß
begehrt der Stiefel: 'Zieh mich aus!'

Der Knecht drauf: 'Es ist nicht an dem;
doch sagt mir, lieber Herre, —!: wem?'" (G S. 251)

Wieder das urplötzliche Erstaunen. (Man beachte die eigenwillige
Interpunktion!) Dieses Staunen betrifft einen Stiefel, der, ähnlich wie im
vorigen Gedicht der Saal, isoliert gesehen wird. Aber gerade diese Isolierung
verweist nur wieder um so nachdrücklicher auf ein übergeordnetes
Ganzes und zeigt ein eigentümliches Beschaffensein dieses Stiefels: er verlangt
als Fußbekleidung den dazugehörigen Fuß, dem er an- und ausgezogen
werden kann, dieser verweist auf einen Menschen, der geht und sich
dazu des Stiefels bedient. Mit anderen Worten: das ganz bestimmte
Beschaffensein des Stiefels ist aus einer ihm übergeordneten Beziehungsganzheit,
die in diesem Falle der menschliche Körper ist, vorgezeichnet.
Ohne sie gäbe es keinen Stiefel. Ein Ding, das zwar genau so aussähe wie
ein Stiefel, aber ohne jede Beziehung auf einen Fuß und außerhalb des
menschlichen Bereiches vorhanden wäre, könnte niemals als Stiefel angesprochen
werden. Erst in einem Bezogensein auf eine Beziehungsganzheit

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wird dieses "Ding" ausdrücklich zum Stiefel, erhält es sein So-und-
nicht-anders-Sein.

Allgemein gesprochen bedeutet das: jedes Ding empfängt sein eigentliches
Dingsein aus einer über es selbst hinausgreifenden Beziehungs- und
Bedeutungsganzheit, auf die es immer bezogen bleiben muß, solange es
als dieses ganz bestimmte und vertraute Ding erscheinen soll. Wird es aus
dieser Ganzheit herausgelöst, so verändert sich auch sein Dingsein. Es ist
nicht mehr dasselbe, seine Identität gerät ins Wanken. Wenn eine Küste
ausdrücklich ohne Land erscheint, ein Saal ohne das dazugehörige Haus,
ein Stiefel ohne Beziehung auf einen Menschen — so sind diese Dinge von
Grund auf verändert. Ihr So-und-nicht-anders-Sein hat sich aufgelöst: sie
sind andere geworden, sie erscheinen "als Andere". Der "Galgenberg" ist
ein Punkt, von dem aus das normale Beziehungsgeflecht der Dinge verrückt
erscheint. Im Staunen kündigt sich dieses Anderssein der Dinge an,
indem es plötzlich ein Ding frei von allen vertrauten und in der Selbstverständlichkeit
dem Bewußtsein zumeist verborgenen Bezügen vor das
Auge rückt. Damit ergibt sich als wesentlicher Hintergrund der Galgenlieder
eine Weitsicht, die die Dingwelt als ein Gefüge von Beziehungsganzheiten
begreift. Ein erstes Wesensmerkmal dieser Gedichte aber liegt
darin, daß in ihnen dieses Beziehungsgefüge offenbar nicht intakt ist: es
ist in irgendeiner Form durchbrochen und deformiert. In dieser Deformation
gründet das eigentümliche Anderssein ihrer Dingwelt. Durch die
Deformation der Beziehungsganzheiten der Dinge wird die gewohnte Welt
destruiert, und es entfaltet sich eine ungewöhnliche andere Welt.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten