JW:SuSiCMG - Das Reimspiel

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II. DAS SPIEL DER SPRACHELEMENTE

1. Das Reimspiel

Ein freies und, wie es scheinen mag, willkürliches Sprachspiel ist immer
das Ergebnis einer Sprengung von ganz bestimmten Funktionszusammenhängen
der Sprache. Ihre aus der Mitteilungs- und Verständigungsfunktion
gelöste Aussage wird richtungs- und bedeutungslos; sie bestimmt
sich, soweit ihr Aussagecharakter nicht überhaupt vernichtet wird, nur
noch aus einem immanenten Zweck; Sprache nicht mehr um der Dinge
oder Mitmenschen willen, sondern Sprache um der Sprache willen. Eine
Folgeerscheinung ist, daß sich auch einzelne Sprachelemente und Ausdrucksmittel
aus dem Funktionszusammenhang lösen können, den die
Forderung nach Verständlichkeit oder auch die nach Erfüllung einer bestimmten
poetischen Form vorgeben. Das bedeutet: die auf diese Weise
"absolut" gewordenen Sprachelemente verlieren ihren Charakter als
Stilmittel und vermögen sich eigengesetzlich und frei zu entfalten, können
ihr eigenes Spiel beginnen und eine eigene Spielwelt erzeugen, die sich
immer mehr aus dem Geltungsbereich der normalen Bedeutsamkeit und
Verständlichkeit der Sprache entfernen, ihn schließlich überwuchern und
in den schon erwähnten Grenzfällen völlig aufheben kann.

An dem bekannten Galgenlied "Das ästhetische Wiesel" läßt sich ein
solches Spiel sehr deutlich ablesen:

"Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wißt ihr,
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im stillen:

Das raffinier-
te Tier
tats um des Reimes willen" (G S. 42).

Dieses Gedicht ist ein einziges Reimspiel, das sich in einer äußersten
Konsequenz entfaltet: denn auch der "Inhalt" des Gedichtes, seine Aussage,
ist noch Ergebnis des Reims. Der sprachlich dargestellte Vorgang
ergibt sich allein aus der Sprache selbst, aus der Autonomie eines Sprachelementes,
er geschieht ausdrücklich "um des Reimes willen". Hier ist
nicht, wie es für ein Gedicht allgemein angenommen und als normal angesehen
wird, ein Geschehnis in einer sinnhaften und gebundenen Rede
wiedergegeben, sondern primär ist und bleibt der Reim, erst aus ihm

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ergibt sich sekundär das Geschehnis, ergibt sich eine seltsame eigene Welt:
er ist der immanente Zweck des Gedichtes. Ein "autonomes" Sprachelement
entfaltet eine Spielwelt des Als-ob.

Das gleiche findet sich auch in der Welt Palmströms, wenn er mit
"einem Herrn v. Korf" in ein "sogenanntes böhmisches Dorf" reist, wo
ihm alles unverständlich bleibt. Das Gedicht fährt dann fort:

"Auch v. Korf (der nur des Reimes wegen
ihn begleitet) ist um Rat verlegen" (G S. 106).

Der Reim erzwingt die Reisebegleitung v. Korfs, ein Sprachelement
schafft Beziehungszusammenhänge und wird somit weltbildend.

Nicht immer werden diese Zusammenhänge so weit entfaltet wie in
diesen Beispielen, oft beschränken sie sich nur auf einzelne Worte. Aber
auch dann entfalten sich allein aus dem Reim bestimmte neue Sinnzusammenhänge.
So findet sich in dem Gedicht "Der Walfafisch oder das Uberwasser" der Vers:

"Das Wasser rann mit Zasch und Zisch,
die Erde ward zum Wassertisch" (G S. 65).

Das seltsame Wort oder vielmehr die seltsame Wortverbindung "Wassertisch"
ist ein reines Erzeugnis des Reims, außerhalb seiner Reimstellung
ist es einfach sinnlos. Auch hier ist die eine Verständlichkeit und Anschaulichkeit
überwuchernde Reimbildung wort- und weltbildend geworden.

Den gleichen Ursprung hat auch der Ort "Hirschmareieck":

"Drei Winkel klappen ihr Dreieck
zusammen wie ein Gestell
und wandern nach Hirschmareieck" (G S. 261).

Oder es kommt allein um des Reimwortes "Sumpf" zu der Wortbildung
"Wanderstrumpf" (G S. 25). Ebenso frißt der "Meerschoßdachs"
allein aus Gründen des Reimes gerade den "Kaufmann Sachs" und den
"Pudel Pax" (G S. 271).

Noch größer als die Zahl solcher Fälle, in denen das "absolut" gewordene
Sprachelement des Reims eigene Sinnzusammenhänge und Wortverbindungen
schafft, ist die Zahl der Beispiele, in denen es schon bestehende
Wortzusammenhänge und einzelne Worte eigenmächtig zerreißt
und zerstört. Auch eine solche Deformation und Verwandlung vertrauter
und gewohnter Worte geschieht allein "um des Reimes willen".

So wird aus der Zahl elf ein "ilf" in dem Reimpaar:

"Die Mond-Uhr wies auf halber ilf,
da rief ich laut: Gott hilf, Gott hilf!" (G S. 33.)

Auf "verhext" reimt sich so "demnext" (G S. 218), auf "Gaul" "dazumaul"
(G S. 84), das Reimwort "sei" macht aus der Fee eine "Fei" (G

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S. 138). Auf das ungewöhnliche Wort "Sphärenpsalme" reimt sich statt
einer Schalmei nur eine "Hirtenschalme" (G S. 139), die "Idee" verkürzt
das Wort mehr zum "meh" (G S. 221), und die Reimbindung auf "scheel"
macht aus einem Teelöffel die Abkürzung "Teel" (G S. 263). Auf "spiegelt
sich" kann nur ein "dennoch nich" (G S. 61) reimend folgen, dasselbe
geschieht im schon zitierten Vers:

"Wo blieb sein Reich? Wo blieb er selb? —
Sein Bein wird im Museum gelb" (G S. 76).

Die Form "Hemmed" reimt sich auf "verdämmet" (G S. 69), und Reim
und Versmaß zugleich bringen die sprachliche Deformation des folgenden
Verses hervor:

"Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od- Ameriko" (G S. 59).

Schließlich gehören hierher auch sämtliche Fälle, in denen um des Reimes
willen Umlaute unberücksichtigt bleiben wie in "Schaukelstuhl —
kuhl" (G S. 43), "Guten — behuten" (G S. 58), "Natur — dafur"
(G S. 76), "unnervos — los" (G S. 272).

Eine Verabsolutierung des Reims liegt ebenfalls jeweils dort vor, wo
Worteinheiten im Vers auseinandergerissen werden. So zum Beispiel:

"... und fixiert des Würfels Höh auf praeter-
propter 63 Kilometer" (G S. 147).

Oder:

"Zwei Windbeinkleider aus best-
empfohlenem Nordnordwest" (G S. 155).

So wird auch ein Federhalter um des Reimwortes "jeder" willen in
"Feder-halter" zerrissen (G S. 160), ebenso "Fenster-haken" durch den
Reim auf "Gespenster" (G. S. 312) oder "Neben-zimmer" durch "schweben"
(G S. 313).

Darüber hinaus läßt sich in den Galgenliedern auch immer wieder das
Phänomen des reichen Reimes beobachten. Hier liegt zwar weder die
Deformation von Worteinheiten noch die Stiftung von eigenen Sinnzusammenhängen
unmittelbar aus dem Reim heraus vor, aber auch hier
drängt sich eine Spielart des Reimes in einer Weise in den Vordergrund,
daß dadurch nicht selten das Augenmerk von der Aussage eines Verses
abgeleitet und allein auf ein Element der Sprache gelenkt wird, das somit
über seinen normalen Funktionscharakter hinaus einen Eigenwert gewinnt.
So zum Beispiel, wenn sich auf "Eines Mittags las man ..."
"Viktor Emanuel Wasmann" reimt (G S. 70) oder auf "Herrn Kriegar-
Ohs" "Figaros" (G S. 164) oder wenn auf die Verbform "verbannt ward"
das Reimwort "Strandwart" folgt (G S. 304).

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Auch dann gewinnt der Reim einen gewissen Eigenwert, wenn eine
auffallende Reimhäufung auftritt wie beispielsweise in dem Gedicht
"Professor Palmström":

"Irgendwo im Lande gibt es meist
einen Staat, von dem, was sich an Geist
irgendwo befindet und erweist,
doch noch nirgendwo Professor heißt..." (G S. 170).

Die folgende Strophe reimt sich dann ebenso gleichförmig auf "gemacht—
wacht—gedacht—gebracht“, und auch die dritte hat wiederum
nur einen einzigen Reim. Dasselbe ist der Fall in dem Gedicht "Ein böser
Tag", dessen dreizehn Zeilen nur zwei Reime kennen (G S. 241).

Auch die verstärkte Einsetzung des Binnenreimes kann ein eigenständiges
Hervortreten eben dieses Sprachelementes bewirken:

"Es schreit der Kauz: pardauz! pardauz!" (G S. 19.)

Der völlig widernatürliche Ruf des Kauzes ist allein durch den Reim
bedingt, ebenso wie die Formulierung "das Wasser spinnt" in dem Vers:

"Das Wasser rinnt, das Wasser spinnt" (G S. 65).

Schließlich kommt die Eigenständigkeit des Reimes noch verschärft
zur Erscheinung in der Form des Kehrreims. Die dauernde Wiederholung
derselben Reimzeile am Ende oder auch am Anfang jeder einzelnen Gedichtstrophe
akzentuiert, gerade wenn sie keinen ersichtlichen inhaltlichen
Sinn und keine direkte darstellerische Absicht verfolgt, eine reine
funktionslose Sprachbewegung. So beginnen sämtliche Strophen des "Liedes
an Sophie, die Henkersmaid" mit dem Vers "Sophie, mein Henkersmädel"
und enden jeweils mit der Zeile: "Doch du bist gut und edel"
(G S. 20). Die hier anfangs durchaus noch vorhandene inhaltliche Aussage
der Zeilen verliert jedoch durch ihre stereotype Wiederkehr weitgehend
an Aussagewert und wird zunehmend zum inhaltlich bedeutungslosen
Element eines bloßen Reimspieles. Diesen Vorgang findet man auch
in dem Galgenlied "Der Rabe Ralf":

"Der Rabe Ralf
will will hu hu
dem niemand half
still still du du
half sich allein
am Rabenstein
will will still still
hu hu" (G S. 30).

Der Kehrreim findet sich in gleicher Weise in allen drei Gedichtstrophen.
Er besteht sozusagen aus drei für sich selbst genommen sinnvollen

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Worten "will", "still" und "du" und aus dem bloßen Ausrufelaut "hu".
Diese Worte verlieren aber in diesem jeden Bedeutungsgehalt der Sprache
überwuchernden Reimspiel ihren normalen Aussagewert und gewinnen
eine andere, neue Bedeutung, die in diesem Falle allein im Kehrreim
selbst zu suchen ist. Insofern nun dieser Kehrreim deutlich eine klangliche
Wirkung erstrebt, werden eben jene Worte zu reinen Lautwerten, die
jetzt gleichwertig neben dem Ausruf "hu" stehen können. Damit aber
haben bloße Lautwerte die normalen Sinnbezüge der Worte überspielt.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten