JW:SuSiCMG - Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder

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3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder

Gehen wir zuerst einmal dem biographisch faßbaren Ursprung der Galgenlieder
nach, so stoßen wir auf eine Tatsache, die in dieselbe Richtung
weist. Die Entstehung der ersten Galgenlieder erwächst unmittelbar aus
einem Spiel, das alle oben herausgearbeiteten formalen Kennzeichen erfüllt.
Es war eine Spielgemeinde von "Galgenbrüdern", für die Morgenstern
die ersten seiner Galgenlieder verfaßte. "Die ersten, noch den neunziger
Jahren entstammenden Galgenlieder entstanden für einen lustigen
Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam, allwo noch
heute ein sogenannter 'Galgenberg' gezeigt wird, wie das so die Laune
gibt, mit diesem Namen schmücken zu müssen meinte. Aus dem Namen
erwuchs alsdann das Weitere, denn man wollte sich doch, war man nun
einmal eine sogenannte Vereinigung, auch das Gehörige dazu denken und
vorstellen" (B S. 401).

Diese Spielgemeinde gab sich Spielregeln, verfertigte ihr Spielzeug und
schuf sich so ihre eigene Spielwelt. Eine dieser Spielregeln, die auf Pergament
mit Blutspritzern aus roter Tinte verzeichnet waren, war ein düsterfeierliches
Zeremoniell, mit welchem die Zusammenkünfte eingeleitet
wurden32. Das Spielzeug bestand aus "freudig-schrecklichen" Symbolen.
"Inmitten des Raumes, der durch schwarz verschleiertes Lampenlicht
einen gespenstischen Anblick bot, stand ein Tisch, den ein schwarzes Tuch
bedeckte, mit Schauderzeichen reich phosphoresziert. Auf ihm ein einsames
Wachslicht. Daneben die Henkersmahlzeit: ein Brot und ein Becher
Wasser. Dazu der Lebensfaden aus blutroter Wolle samt Schere und
Sanduhr, und das von Rost zerfressene, mit Tintenblut grauslich bespritzte
Schwert, mit welchem Morgenstern die Versammlungen leitete."33 Dann
begann das eigentliche Spiel, die Verwandlung der Spieler, ihre Namensänderung,
ihre Rolle, die Paraphrase des ernsten Lebens in einem "Tun
als ob": "Zuerst reichte Verreckerle das Henkermahl, während Veitstanz,
der Glöckner, den Armsünderstrang zieht und das Armsünderglöcklein
ertönt. Gurgeljochelein schert den Lebensfaden durch, Spinna, das Gespenst,
schlägt zwölf ... Da beginnt der stumme Hannes, zubenannt der
Büchner, sein Lied zu singen: Fisches Nachtgesang."34 "Und es wurde das
Knochenklavier geschaffen und der Gelächtertrab und die Elementar-

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32 Vgl. M. Bauer, Chr. Morgensterns Leben und Werk, München 1933, S. 152.
33 Ebd.
34 Ebd.

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Symphonie und der Huckepack d’Albert und der Eulenviertanz und der Galgenschlenkerer
und Sophie, die Henkersmaid, als Symbild von der
Weisheit unverweslichem Begriff" (G S. 11).

Unmittelbar aus solchem Spiel erwuchsen die ersten Galgenlieder. Sie
waren mehr oder weniger spontane Geschöpfe eines spielerischen Tuns.
Jahre später erst wurden sie veröffentlicht, es "wuchs ihr Leserkreis, ihre
Anzahl, ihr künstlerischer Ernst“ (B S. 404). „Was im Laufe der ersten
Auflagen dann noch hinzutrat, hatte natürlich mit dem Anfangsthema
nicht mehr viel gemein; da aber das 'geistige Band' des Humors nicht
fehlte, so mußte der alte, mehr private Titel denn nun auch vor größerer
Öffentlichkeit all das Neue unter seinen Flügeln aufnehmen und behalten"
(G S. 401). Mögen sich die späteren Galgenlieder bis hin zum
"Palmström" noch so verschiedenartig und mannigfaltig gestalten, es
bleibt ihnen doch etwas Gemeinsames, sie bleiben Zweige einer einzigen
Entwicklungslinie und wurzeln im selben Ursprung: im Spiel. Das Spiel
der Galgenbrüder bleibt ihre "Gesamtgrundlage" (vgl. B S. 403).

So kann Morgenstern auch der ganzen Sammlung die Widmung voranstellen:
"Dem Kinde im Manne", angelehnt an Nietzsches bekanntes Wort.
Und gleichsam "programmatisch" beginnt das Gedicht "Galgenberg":

"Blödem Volke unverständlich
Treiben wir des Lebens Spiel" (G S. 18).

Noch deutlicher aber sagt es die Widmung zur 15. Auflage aus dem
Jahre 1913: "Dem Kinde im Menschen. In jedem Menschen ist ein Kind
verborgen, das heißt Bildnertrieb und will als liebstes Spiel- und Ernst-
Zeug nicht das bis auf den letzten Rest nachgearbeitete Miniatür-
Schiff, sondern die Walnußschale mit der Vogelfeder als Segelmast und dem
Kieselstein als Kapitän. Das will auch in der Kunst mit-spielen, mit-
schaffen dürfen und nicht so sehr bloß bewundernder Zuschauer sein.
Denn dieses 'Kind im Menschen' ist der unsterbliche Schöpfer in ihm ..."[1] (G S. 7)

Das Erlebnis eines solchen unschuldig-phantasievollen Spiels hatte für
Morgenstern zeitlebens eine tragende Bedeutung gerade mit seiner Fülle
von Möglichkeiten, in seiner letzten Zwecklosigkeit und in seiner eigenen
Tiefe.

"Ja, Kinderspiel ist, was da ist,
das sagt dir jede tiefe Nacht."35

Und eine Notiz in den "Stufen" lautet: "Ich könnte heute noch im
Walde wie ein Knabe spielen: aus Steinen und Holzstücken Häuser bauen,
mit dürren Zweiglein Straßen abstecken und Haine bilden, einen
Felsblock zum Rang eines Alpengipfels erheben und einem Hirschkäfer
und seiner Frau die Herrschaft über alles verleihen. Und dieses kleine
Reich würde mich glücklicher machen und meine Phantasie umständlicher

________________
35 Chr. Morgenstern, Ein Kranz, München 21922, S. 14.

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erregen und beschäftigen — als ein noch so großes der Wirklichkeit“ (ST
S. 151).

Vielleicht sind die Galgenlieder wirklich nicht mehr, aber auch nicht
weniger als ein solches Spiel — nicht aus Steinen und Holzstückchen, sondern
aus Worten. Denn dieses Spiel entzündet sich an dem Namen "Galgenberg".
Spielerisch entfaltet sich aus diesem Dingwort eine eigene Wortwelt,
die anders ist als die gewöhnliche. Somit wären Spiel und Sprache
zugleich die Wurzeln der Galgenlieder: als Sprache des Spiels und als
Spiel der Sprache.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten

  1. s. Dem Kinde im Menschen