JW:SuSiCMG - Das Spiel der Homonyme

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2. Das Spiel der Homonyme

Im Galgenlied "Die Fledermaus" geschieht ein "Kurhausbierterrassenereignis":
eine Fledermaus

"stürzt, wirr — worr —
’nem Gast ins Pschorr.

Der Pikkolo
entfernt sie: — : so:.." (G S. 237).

Die Ursache dieses Ereignisses aber ergibt sich aus der "Tatsache":

"Die Fledermaus
hört 'sich' von Strauß."

Auch hier tritt primär ein Spiel der Sprache mit sich selbst in Erscheinung,
das dann sekundär ein "Ereignis" hervorruft, allerdings geschieht
das in einer etwas abgewandelten Form, als es in den bisher aufgeführten
Beispielen der Fall war.

Das Wort "Fledermaus" ist, seitdem es die allgemein bekannte gleichnamige
Straußsche Operette gibt, zu einem doppelsinnigen Wort geworden.
Der eigenmächtig sich entfaltenden Sprache ergibt sich hier die Möglichkeit,
die verschiedenen Bedeutungen des Wortes auszutauschen und
gegeneinander auszuspielen und damit ohne Rücksicht auf die Realität
zwei Bedeutungsbereiche in eine direkte Beziehung zu setzen, die nichts
miteinander gemeinsam haben außer einer mehr oder minder zufälligen
Übereinstimmung im Wortklang. Die Sprache als kreative Phantasie aber
öffnet sich gerade diesem Zufall und schafft sich einen eigenen Spielraum,
in dem beide Bedeutungen nebeneinander stehen können. In diesem
spracheigenen Spielraum legt sich dann über die beiden namensgleichen
Dinge eine eigentümliche Irrealität: Spielwelt des Als-ob.

Auch für dieses sich aus dem Hintergrund der Wortbedeutungen entfaltende
Spiel läßt sich eine Reihe von Beispielen anführen1. Es sei hier
aber nur noch einmal an einem besonders markanten Beispiel demonstriert,
das sich über mehrere Galgenlieder erstreckt.

"Die Elster

Ein Bach mit Namen Elster, rinnt
durch Nacht und Nebel und besinnt
inmitten dieser stillen Handlung
sich seiner einstigen Verwandlung,
die ihm vor mehr als tausend Jahren
von einem Magier widerfahren.

________________
1 So u. a. die Gedichte: "Die wiederhergestellte Ruhe", S. 199, "Das Einhorn",
S. 202, "Der Zwölf-Elf", S. 24.

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Und wie so Nacht und Nebel weben,
erwacht in ihm das alte Leben.
Er fährt in eine in der Nähe
zufällig eingeschlafne Krähe
und fliegt, dieweil sein Bett verdorrt,
wie dermaleinst als Vogel fort" (G S. 205).

Im Zentrum des Gedichtes steht eine durchaus phantastische, ja fast
magische Handlung. Aber auch hier bildet die Sprache nicht einfach eine
phantastische Wirklichkeit als einen imaginären Vorgang ab, sondern sie
erzeugt ihn unmittelbar aus sich selbst, denn der Ursprung der phantastischen
Welt dieses Gedichtes liegt in der scheinbar so selbstverständlichen
und darum unauffälligen "Seltsamkeit" der Sprache, daß ein Fluß
denselben Namen trägt wie ein Vogel. Zwei völlig verschiedene Dinge
werden mit dem gleichen Wort benannt: im Eigenraum der Sprache, der
sich außerhalb des Zweckes einer Verständigung über Welt und Dinge als
ein reiner sprachlicher Möglichkeitsraum entfaltet, müssen sie in eine sehr
enge Beziehung rücken. Wieder öffnet sich zwischen den verschiedenen
Bedeutungsmöglichkeiten eines Homonyms ein Spielraum, in dem sich
vor dem Hintergrund der Frage nach dem Verhältnis von Ding und
benennendem Wort ein Sprachspiel ergibt. Spielerisch werden zwei Dinge
in ihrem Dingsein in Frage gestellt, wenn die Sprache in der Scheinwelt
des Gedichtes die Einheit von Ding und Wort zerbricht und das Wort als
etwas ganz anderes losgelöst vom Ding "davonfliegen" läßt. So muß ein
"Un-Ding" Zurückbleiben, etwas, das mit dem Verlust seiner Wortbedeutung
auch sein eigentliches Dingsein verloren hat. Demjenigen, der
dieses hintergründige Spiel der Sprache mitspielt, muß sich hier ebenso
spielerisch die Frage auftun nach dem, was denn nun "wirklich" nach dem
Abflug des Wortes "Elster" vom ursprünglichen Ding, dem Bach, übriggeblieben
sei. Und genau in diese Richtung entfaltet sich die einmal aufgerissene
Spielwelt weiter, wenn das folgende Galgenlied eine Anfrage
stellt:

"Der Ichthyologe Berthold Schrauben
will Umiges dem Autor glauben.
Er kennt dergleichen aus Oviden,
doch Eines raubt ihm seinen Frieden:

'Wo nämlich', fragt er, 'bleibt die Stelle
der Fischwelt obbenannter Quelle?
Verkörpert sie sich mit zum Raben —
oder verbleibt sie tot im Graben?'" (G S. 206).

Der Unwirklichkeitscharakter der eigengesetzlichen Sprachwelt tritt
jetzt verschärft in Erscheinung, wenn sie so auf ihren Realitätscharakter
hin geprüft werden soll. Die Vermischung der Ebenen des Seienden und
des Nichtseienden, des Möglichen und des Unmöglichen wird immer unentwirrbarer:
das Spiel ist vollkommen. Und so führt auch das sprachliche
Weiterspielen des einmal angeschlagenen Themas nicht in die Wirklichkeit

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zurück, sondern nur noch tiefer in diese Scheinwelt hinein. Die
nachfolgende "Antwort (I. A.)" der Gattin des Ichthyologen läßt die
Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt des Falles dann auch auf sich beruhen
und macht statt dessen konsequenterweise einen neuen Vorschlag:

"Folgender 'Entwurf zu einem
bürgerlichen Trauerspiele'

gibt dem Ganzen eine Wende,
die uns, wie Sie (und wohl viele)
nicht ganz ungleichmütig fühlen

werden, lehrt, wie doch noch alles
recht in Blindheit lebt" (G S. 208).

Diese Wende führt nun endgültig und ausdrücklich ins Spiel hinein und
erzeugt immer noch aus dem gleichen sprachlichen Ursprung heraus den
bis ins einzelne aufgerissenen und verblüffend in sich logisch-konsequenten
Handlungsentwurf des folgenden "Trauerspiels":

"Ein Fluß, namens Elster,
besinnt sich auf seine wahre Gestalt
und fliegt eines Abends
einfach weg.

Ein Mann, namens Anton,
erblickt ihn auf einem Acker und schießt
ihn mit seiner Flinte
einfach tot.

Das Tier, namens Elster,
bereut zu spät seine selbstische Tat
(denn — Wassersnot tritt einfach ein).

Der Mann, namens Anton,
(und das ist leider kein Wunder) weiß
von seiner Mitschuld
einfach nichts.

Der Mann, namens Anton,
(und das versöhnt in einigem Maß)
verdurstet gleichwohl
einfach auch" (G S. 210).

Hier werden sprachlich-phantastische Vorgänge ausgesponnen und mit
scheinbar sich daraus ergebenden realen Konsequenzen konfrontiert. Ein
sprachlicher Möglichkeitsraum wird gegen den dinglichen Möglichkeitsraum
ausgespielt, und der Konflikt, der daraus entsteht, ist seltsam imaginär
und tragikomisch. Ursprung dieser Spielwelt bleibt aber immer
noch der sprachspielerische Austausch der Doppelbedeutung eines Homonyms,
weiter entfaltet wird die Spielwelt durch die Einführung einer

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Gegenfigur, des Mannes namens Anton, der den als bloße sprachliche
Möglichkeit erschaffenen Vogel nun "wirklich" erschießt. Die dann genau
in der Mitte des Gedichtes erfolgende Kippbewegung aus dieser scheinhaften
Szenerie auf den Boden der Realität, in der nun Wassersnot eintritt,
bleibt jedoch ebenfalls nur scheinbar und schlägt in den folgenden
Strophen wieder zurück, so daß die Einheit des doppelbödigen Spielraumes
letztlich gewahrt bleibt.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten