JW:SuSiCMG - Das Staunen als Welterfahrung

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
 

 

   S. 17
...

a) Das Staunen als Welterfahrung

Der Leser dieses Galgenliedes gerät in eine seltsame andere Welt: Küsten
lösen sich von ihrem Land und versammeln sich irgendwo im Meer. Dinge
können sprechen und sich gegen ihre Namen auflehnen, sie erscheinen
dort, wo sie nicht hingehören, und fehlen dort, wo sie vermutet werden.
Bisher allein gültige Bezüge zerbrechen und neue werden hergestellt, die
ein eigenartiges Leben gewinnen. Wirkliches und Unwirkliches vermischt
sich, das Unmögliche erscheint plötzlich möglich. Vielleicht wird der Leser
lächeln, vielleicht wird ihn etwas wie ein leichtes Unbehagen überkommen,
mehr als einmal wird er sich aber nach dem Sinn dieses Gedichtes
fragen und irgendeinen Hintergrund zu enträtseln suchen.

Dabei ist der Einsatzpunkt dieses Galgenliedes im Grunde leicht zu
bestimmen: es ist das Staunen. Der Begriff „Westküste“ erregt aus irgendeinem
Anlaß Aufmerksamkeit. Diese entreißt ihn der gewohnten Selbstverständlichkeit,
die sich im alltäglichen gedankenlosen Wortgebrauch
über ihn gelegt hat, und rückt ihn ins Fragwürdige. Unwillkürlich stellt
sich die Frage, was eine Westküste „eigentlich sei“. Ein Rätsel um Sprache
und Ding bricht auf. Ein fast kindhaftes Sich-Wundern läßt auf einmal
unberechenbar etwas Unbekanntes und Fremdes in die scheinbar so vertraute
und gesicherte Umwelt ein. Plötzlich ist eine Oberfläche zerrissen,
und dahinter hat sich ein Bereich aufgetan, in dem das bisher Vertraute
fremd und in einem anderen Lichte erscheint.

Morgenstern hat wiederholt nachdrücklich auf die Erfahrung eines solchen
Staunens verwiesen. So lautet der erste Satz einer Aufzeichnung aus
dem Jahre 1896: „Oft überfällt dich eine heftige Verwunderung über ein
Wort“ (ST S. 68). Und 1905 notiert er sich: "Man sieht oft etwas hundert Mal,
tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht" (ST
S. 199). Keineswegs zufällig dürfte auch in den Galgenliedern selbst ein
Gedicht zu finden sein, das nur dieses Staunen zum Thema hat:

"Geburtsakt der Philosophie

Erschrocken staunt der Heide Schaf mich an,
als sähs in mir den ersten Menschenmann.
Sein Blick steckt an; wir stehen wie im Schlaf;
mir ist, ich säh zum ersten Mal ein Schaf" (G S. 242).

   S. 18
Auch hier ist irgendein Ding der umgebenden Welt in eine besondere
Aufmerksamkeit gerückt. Plötzlich sieht es anders aus: unbekannt, rätselhaft
und fremd. Aber gerade als dieses andere Ding erregt es ein fragendes
Nachdenken des Betrachters, entzündet sich an ihm ein weitergreifender
Denkprozeß.

Im Staunen liegt ein eigentümliches plötzliches Nicht-mehr-Verstehen
der gewohnten Welt, ein gleichsam von allen selbstverständlichen Voraussetzungen
befreites Anstarren. Das Staunen entrückt den Menschen
einer vertrauten Weitsicht, es läßt ihn die Dinge auf einmal anders sehen.
Oder — um es mit den Worten der Einleitung der Galgenlieder zu sagen
— es stellt ihn auf den "Galgenberg". Denn: "Die Galgenpoesie ist
ein Stück Weltanschauung", schreibt Morgenstern. "Man sieht vom Galgenberg
die Welt anders an, und man sieht andere Dinge als Andere"
(G S. 14 f.).

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten