JW:SuSiCMG - Der Dadaismus und Hans Arp

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...

d) Der Dadaismus und Hans Arp

In der Moderne und damit den Galgenliedern zeitlich sehr nahestehend
ist das Spiel mit dem Zufall zum Zentrum einer ganzen Kunstrichtung
geworden. Im Kriegsjahr 1916 konstituierte sich in Zürich der Dadaismus
zuerst als eine kabarettistische Unternehmung. In dem von Hugo

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Ball gegründeten "Cabaret Voltaire" wurden auch Morgensterns Galgenlieder
vorgetragen77, jedoch ohne daß sich dadurch ein unmittelbarer
innerer Bezug zu Morgenstern ergeben hätte. Dieser Zusammenhang
bleibt äußerlich, und nichts wäre verfehlter, in Morgenstern schon deswegen
sozusagen einen Urvater des Dadaismus sehen zu wollen. Trotzdem
aber ist gerade der Dadaismus, wo er sich auf dem Felde des Dichterischen
abspielte, zu sprachlichen Erscheinungen und Konsequenzen gelangt,
die den Morgensternschen zumindest sehr ähnlich erscheinen.

Der Dadaismus gab sich als eine revolutionäre Bewegung. Protest,
Aggression und das Programmatische sind wesentliche Kennzeichen. Das
stellt ihn in eine Linie mit der etwas früher in Italien einsetzenden Bewegung
des Futurismus. Im Unterschied dazu fehlt ihm jedoch jedes
zukunftsfreudige, optimistische Pathos, im Gegenteil: er ist eher eine verzweifelte
Gegenäußerung zur Angststimmung des ersten Weltkrieges und
zur Zertrümmerung aller überkommenen Ordnungen, die in Hohn, Zynismus
und bitterer Ironie irgendeine Befreiung suchte. "Der Dadaismus
ist ein Erlebnis unserer Zeit, ein Protest, aber auch eine Unterwerfung"78,
schreibt sein Mitbegründer Richard Huelsenbeck. Er ist "die Einsicht in
das Schicksal des Menschen und das Verständnis der Falle, in der sich der
Mensch befindet"79.

Aber das ist nur eine Seite des äußerst vielschichtigen Phänomens. Auf
der anderen rückt gewissermaßen als Gegenbewegung das Element des
Spielerischen stärker in den Vordergrund, das Experiment mit dem Zufall,
das kindisch-kindliche Spiel mit dem Sinnlosen, hinter dem aber
plötzlich ein tieferer Sinn und eine unerwartete Bedeutung auftauchen
können. In diese Richtung und damit in die Nähe zu Morgenstern weist
Hugo Balls Definition: "Fürs deutsche Wörterbuch. Dadaist: kindlicher,
donquichottischer Mensch, der in Wortspiele und grammatikalische Figuren
verstrickt ist."80

Auch am Anfang eines dadaistischen Kunstverfahrens steht die Destruktion
der gewohnten Welt, die die Einzeldinge aus ihren gewohnten
Zusammenhängen herausrückt und freisetzt. Das vollzog sich sowohl auf
dem Felde des Bildnerischen als auch im Raum der Sprache. Das Verrücken
der realen Dinge und das Durcheinanderschütteln einzelner Dingteile
und Dingfragmente, aus dem sich dann überraschend neue "Dinge"
ergaben, wie es Arp und Schwitters in ihren Montagen und Collagen
trieben, hat im sprachlichen Bereich seine Entsprechung im Wortverrücken
und im Spiel mit dem Wortfragment. Das Gesetz dieses Verfahrens ist
das Gesetz des Zufalls. Ihm entspringt schon die Bezeichnung Dada. "Ein
Federmesser wurde in ein deutsch-französisches Lexikon gesteckt und auf
der so bezeichneten Seite fiel der Blick auf 'dada' = kindliche Bezeichnung
für ein Holzpferdchen. Diese 'Stilbezeichnung' wurde widerspruchslos

____________
77 Vgl. Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit, Luzern 1946, S. 72.
78 Richard Huelsenbeck, Mit Witz, Licht und Grütze. Auf den Spuren des Dadaismus,
Wiesbaden 1957, S. 55.
79 Ebd. S. 66.
80 Ball, a. a. O. S. 149.

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akzeptiert."81 Und auch die Bezeichnung MERZ, mit der Kurt
Schwitters seine eigene Abart des Dadaismus benannte, entstand zufällig,
als bei einer Collage vom Wort "Commerzbank" nur die mittlere Silbe
stehenblieb. Parallelen zu Morgensterns Schöpfung des "Gingganz"
mögen sich aufdrängen, nur bleibt als wesentlicher Unterschied, daß
Morgenstern damit jeder programmatische Anspruch fernliegt.

In seiner dadaistischen Periode hat Hugo Ball eigenartige Lautgedichte
geschrieben und im "Cabaret Voltaire" vorgetragen, die mit dem Morgensternschen
"Lalulā" gänzlich übereinzustimmen scheinen:

"Gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori
gadjama gramma berida bimbala glandri galassassa laulitalomini
gadji beri bin blassa glassala laula lonni cadorsu sassala bim ...
o katalominai rhinozerossola hopsamen laulitalomini hoooo ..."82

Ebenso wie bei Morgenstern ist hier der Sprachklang autonom geworden,
die Wortbedeutung, ja das Wort selbst ist zugunsten einer reinen
Musikalität aufgegeben. Was bleibt, sind eine Art Reim, assonantische
Korrespondenz und Wiederholung einzelner Lautfelder, die Gedichtstrophe,
und dazu schimmern einzelne fragmentarische Wortentstellungen
oder Fragmente der italienischen Sprache durch. Das alles mutet wie eine
äußerste Konsequenz dessen an, was auch schon bei Fischart und Brentano
zu finden war.

Dem steht jedoch die programmatische Vorgeschichte dieser Ballschen
Lautgedichte entgegen. Ihr Ursprung läßt sich auf Marinettis futuristisches
Manifest vom 11. Mai 1913 zurückverfolgen, in dem er mit den
Schlagworten "parole in libertà" und "parole deformate" die Zerstörung
der Syntax, die ungebundene Einbildungskraft und das freigesetzte Wort
forderte. Marinetti sah darin die Voraussetzung zu einer wirklich modernen
Poesie. Ball greift diese Gedanken auf und führt sie weiter:

"Mit der Preisgabe des Satzes dem Wort zuliebe begann resolut
der Kreis um Marinetti... Sie nahmen das Wort aus dem gedankenlos
und automatisch ihm zuerteilten Satzrahmen (dem Weltbild)
heraus, und nährten die ausgezehrte Großstadtvokabel mit
Licht und Luft, gaben ihre Wärme, Bewegung und ihre ursprünglich
unbekümmerte Freiheit wieder. Wir anderen gingen noch einen
Schritt weiter. Wir suchten der isolierten Vokabel die Fülle einer
Beschwörung, die Glut eines Gestirns zu verleihen. Und seltsam:
die magisch erfüllte Vokabel besdiwor und gebar einen neuen Satz,
der von keinerlei konventionellem Sinn bedingt und gebunden
war ... Unsere Versuche streiften Gebiete der Philosophie und des
Lebens, von denen sich unsere ach so vernünftige, altkluge Umgebung
kaum etwas träumen ließ."83

_____________
81 Werner Haftmann, Malerei im 20. Jahrhundert, München 21957, S. 247.
82 Arp, Huelsenbeck und Tzara: Dada. Die Geburt des Dada. Dichtung und
Chronik der Gründer, Zürich 1957, S. 52.
83 Ball, a. a. O. S. 95 f.

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Von einem zweckfreien Spiel der Sprache kann hier also kaum die
Rede sein, eher von einem bewußten Sprachexperiment. Ball erhebt mit
seinen Lautgedichten einen Anspruch, der Morgenstern völlig fern liegt
und den er für seine Galgenlieder abgewiesen und aufs sdiärfste karikiert
und parodiert hat84. Einem Vortrag des "Lalulā" gingen keine programmatischen
Worte über eine Erneuerung der Poesie voraus wie bei
Hugo Ball:

"Man verzichte mit dieser Art Klanggedichte in Bausch und Bogen
auf die durch den Journalismus verdorbene und unmöglich gewordene
Sprache. Man ziehe sich in die innerste Alchimie des
Wortes zurück, man gebe auch das Wort noch preis, und bewahre
so der Dichtung ihren letzten, heiligsten Bezirk."85

Balls Lautgedichte haben keinen eigentlichen Spielcharakter, wenn er
sie so dem Zweck einer Erneuerung der Poesie durch die Überwindung
der vernutzten Alltagssprache unterstellt.

Trotz des fundamentalen Unterschiedes von nur in sich selbst zweckvollem
Sprachspiel und programmatischem Sprachexperiment begegnen
sich Morgenstern und Ball jedoch in einem wesentlichen Punkte: für beide
liegt das Wesen der Sprache nicht in einer Mitteilungsfunktion. Auch Ball
und mit ihm der übrigen Dichtung des Dadaismus liegt jede bloße Beschreibung
und Abbildung äußerer Sensationen fern. Aber aus dieser von
einem nützlichen Zweckdenken befreiten Sprachhaltung ergibt sich nicht
eine echte Spielhaltung zur Sprache, sondern der Dadaismus kommt letzten
Endes nur zu einem Sprechen, das sich außerhalb des Logischen und
Beschreibenden vollzieht. In weiterer Konsequenz führt das zu einem
Automatismus des Sprechens und Schreibens, der das Unbewußte freigibt
und in das dichterische Verfahren des Surrealismus mündet.

Obwohl der Dadaismus immer wieder Spielphänomene aufgreift und
sich gewollt kindlich gebärdet, steht er einem eigentlichen Sprachspiel
doch sehr fern. Sein spielerisches Tun bleibt letztlich immer Ausdruck
eines Glaubens, und sei es auch nur des Glaubens an einen Unglauben.
Hans Arp nennt ihn den "dadaistischen Glauben Ohne-Sinn"80. Der
Dadaismus verharrt damit in einer bloßen Gegenposition zum allgemeinen
Sinndenken der rationalistischen bürgerlichen Welt. Spiel ist ihm
Mittel zum Zweck: zur Revolte des Unglaubens, die zugleich Ausdruck
einer Sehnsucht nach Glauben ist87.

Dieser Weg führte geradewegs in die Sprachvernichtung. Denn schon
bei Ball stellt sich die Frage, ob er mit der Aufgabe von Wort und Sinn
das Wesen der Sprache, so wie er es wollte, überhaupt traf. Morgenstern
jedenfalls konnte von seiner Spracherfahrung her die Einheit von Laut
und Bedeutung eines Wortes nicht aufgeben, er tat es auch gerade dann

________________
84 Vgl. dazu Christian Morgenstern, Das aufgeklärte Mondschaf, a. a. O.
85 Ball, a. a. O. S. 100.
86 Arp, Huelsenbeck, Tzara: Dada, a. a. O. S. 8.
87 Vgl. ebd. S. 9.

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nicht, wenn er beides gegeneinander ausspielte. Sein "Lalulā" bleibt eine
extreme Erscheinung in der Dimension des Spiels, es wird weder zum
System noch zu einer neuen Poesie erhoben. Der Dadaismus aber spaltete
die Sprache radikal in Sprachform und Inhalt. Mit anderen Worten:
während Morgenstern die Sprache wesentlich als "Heißt", d. i. Geist, erfuhr,
gebrauchen die Dadaisten sie letzten Endes als Material, das jenseits
der Mitteilungsfunktion als Sprache tot bleibt. Reiner Sprachklang
mag als Ausdruck eines Ohne-Sinns verstanden werden können, nähert
sich aber dem (von den Dadaisten auch geübten) Lallen und Krähen oder
sonstigem durch die Sprechwerkzeuge erzeugtem Lärm, in dem die Sprache
als Sprache aufgegeben ist. Sprachliche Weltbildung ist so wesentlich unmöglich
geworden. Dadaistische Dichtung verendet hier in der Destruktion.

Als Beispiel mag auch das "dichterische Verfahren" Tristan Tzaras angeführt
sein, zu dem ihn das zur alleinigen Wahrheit erhobene Gesetz
des Zufalls führte: Tzara schrieb Worte auf einzelne Zettel, ließ diese
aus einem Hut ziehen, fixierte das zufällige Zusammentreten der Worte
und erklärte es zum Gedicht88. Das mag sich zwar aus einer bestimmten
Gesellschaftsspielform herleiten, mit einem spielerischen Sich-Einlassen
auf den Zufall der Sprache selbst aber hat das in dieser Form nichts mehr
gemein. Tzara setzt ein Wortmaterial dem Zufall aus, und er provoziert
ihn, so daß sich etwas ergibt, was mit Sprache und auch mit Zufall, so
wie ihn das echte Spiel aufgreift, nichts mehr zu tun hat. Es verliert auch
gerade dann seinen Spielcharakter, wenn es als Negation und Destruktion
der Kunst und des künstlerischen Schaffens überhaupt begriffen werden will.

Eine Sonderstellung innerhalb der dadaistischen Literatur nehmen jedoch
einige Gedichte von Hans Arp ein. Arp gibt nämlich die Wortbedeutung
und auch die Syntax keineswegs immer auf. Der "dadaistische
Glaube Ohne-Sinn" drückt sich bei ihm nicht nur in sinnleeren Klangspielereien
aus, sondern mehr noch in einem Aufgreifen von Wortbedeutungen,
aus denen sich dann, gewollt oder ungewollt, sprachlicher Unsinn
ergibt. Die Sprache wird auf ihren Gehalt an Sinn oder Unsinn verhört.
Das Ergebnis erscheint auf den ersten Blick wie eine Weiterführung und
Radikalisierung des Morgensternschen Sprachwitzes.

So werden auch bei Arp Redensarten und Sprichwörter wörtlich verstanden
und als anschauliche Situationen entfaltet, so daß sich aus der
Sprache selbst eine verrückte Welt ergibt:

"Häuser geraten aus dem Häuschen",

sie verlieren ihren Verstand, so daß sie

"an ihren eigenen Wänden
unaufhörlich hinauf und hinunterlaufen."89

_______________
88 Vgl. dazu Hans Sedlmayr, Die Revolution der modernen Kunst, Hamburg
1955, S. 56.
89 Hans Arp, Worte mit und ohne Anker, Wiesbaden 1957, S. 69.

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Der Doppelsinn einzelner Worte und Wendungen wird sprachspielerisch
und sprachschöpferisch aufgegriffen:

"in acht und bann und neun und zehn"90
"klavier, klasechs, klaacht, klazehn"91
"weißt du schwarzt du"92

Das Zerlegen der Wörter, das Beim-Wort-Nehmen ihrer Teile und das
Auffinden eigentümlicher Analogien ist ein Spiel, das Arp immer wieder
zu faszinieren scheint:

"er kommt abhanden mit der hand
er kommt abfußen mit dem fuß ...
so übermannt und überfraut"93

Auf diese Weise ergibt sich zum Kakadu eine "Kakasie"94, zu Katafalken
ergeben sich "Kataspatzen"95, entzwei evoziert ein "entdrei"96,
handgemein ein "fußvornehm"97. Oder es rücken auch bei Arp völlig
verschiedenartige Dinge allein auf sprachlichem Wege in eine Beziehung.
Beziehungsstifter ist dabei jeweils ein bestimmtes Ausgangswort, zum Beispiel
"Ente" in der "Entenkonfiguration".

"Ein Clown fängt eine Ente nach der anderen
Agenten versuchen es mit Tangenten ...
Ententeten Enten wird eine Entente vorgeschlagen
Gebären sich die Regenten von selbst."98

Übereinstimmungen im Sprachklang und nicht eine reale Ordnung bestimmen
die Wortfolge:

"einzahl, mehrzahl, rübezahl."99

Ein Gedicht wie das folgende ergibt sich allein aus der Entfaltung des Wortes
"fallen":

"Das Schnee- und Hagelwittdien fällt
Wie Fallsucht und von Fall zu Fall.
Es fällt weil es gefällig ist
Und jedesmal mit lautem Knall.
Es fällt in seinen Todesfall
Das Haar mit Fallobst dekoriert.
Den Fallschirm hat es aufgespannt...100

_______________
90 Hans Arp, Wortträume und schwarze Sterne, Wiesbaden 1953, S. 69.
91 Ebd. S. 28.
92 Ebd. S. 33.
93 Ebd. S. 27 f.
94 Ebd.S. 23.
95 Ebd. S. 44.
96 Ebd. S. 22.
97 Ebd. S. 35.
98 Arp, Worte mit und ohne Anker, a. a. O. S. 23 f.
99 Arp, Wortträume, a. a. O. S. 28.
100 Ebd. S. 24.

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Aus einem Verrücken der Dinge ergeben sich eigenartige Weltzusammenhänge,
die verblüffend an die Galgenlieder erinnern: "Der gestiefelte
Stern"101 oder: "Ein Hirsch fährt Gondel"102. Oder es ergibt sich etwas,
was dem "Problem" des Zwölf-Elfs, der sich Dreiundzwanzig nennt
(vgl. G S. 34), auffallend gleicht:

"er heißt mit vornamen zwölf
und mit familiennamen zwölf
das macht in summa vierundzwanzig."103

Dazu kommt, daß auch hinter diesen Gedichten nach Arps eigener Aussage
eine unmittelbare und ursprüngliche Spracherfahrung steht:

„Schon in jener Zeit bezauberte midi das Wort. Ich füllte Seiten
um Seiten mit ungewöhnlichen Wortverbindungen und bildete ungebräuchliche
Verben aus Substantiven. Ich gestaltete bekannte
Verse um und deklamierte sie mit Hingebung und gehobenem
Herzen ohne Unterlaß, fort und fort, als sollte es kein Ende nehmen:
Sterne Sterne manchen Stern, daß zum Zwecke Sterne sternen,
walde walde manchen Wald, daß zum Zwecke Wälder walden ...
Erst viel später erkannte ich das tiefe Wesen solcher 'sinnleeren
Späße' und gestaltete dann bewußt solche Erlebnisse. Ich
wanderte durch viele Dinge, Geschöpfe, Welten, und die Welt der
Erscheinung begann zu gleiten, zu ziehen und sich zu verwandeln
wie in den Märchen... Die Dinge begannen zu mir zu sprechen
mit der lautlosen Stimme der Tiefe und Höhe."104

Und doch sind Arps "Arpiaden" etwas anderes als Morgensterns Galgenlieder.
Unter der scheinbar so ähnlichen Oberfläche bleiben Unterschiede.
Auch Wolfgang Kayser, der Arp von der Sprachgroteske her zu
fassen sucht, weist darauf hin, daß seine Sprachspiele letztlich "etwas
schale Späße“ sind: „Im Grunde wird mit Worten und Wendungen, aber
nicht mit der Sprache insgesamt gespielt."105 Uns bleibt der Eindruck, daß
Arp sich nicht so sehr auf Möglichkeiten und Bewegungen, die von der
Sprache selbst vorgegeben sind, einläßt, sondern daß er solche Möglichkeiten
erst schafft, bewußt sucht, konstruiert und provoziert. Damit aber
schiebt sich bei ihm in einem ganz anderen Maße und Sinne ein dichterisches
Subjekt in den Vordergrund. Die Sprache wird Spielzeug und
Objekt. Sie gerät nicht selbst ins Spiel, beginnt nicht im Wortspiel mit sich
und in sich selbst zu spielen. "Die Erlaubnis der Wortspiele gilt aber nur
unter zwei Bedingungen: Das Wort des Spiels muß ich finden, nicht
machen", schrieb schon Jean Paul106. Arps Wortwitze sind so gesehen
keine echten Wortspiele, auf die sich der Dichter nur entsprechend einlassen
kann, sondern Erzeugnisse eines mehr oder weniger selbstherrlich

________________
101 Ebd. S. 39.
102 Arp, Worte mit und ohne Anker, a. a. O. S. 73.
103 Arp, Wortträume, a. a. O. S. 36.
104 Ebd. S. 5f.
105 Kayser, Das Groteske, a. a. O., S. 121.
106 Jean Paul, a. a. O. Bd. I, 11, S. 179.

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und oft geradezu gegen die Sprache sprechenden Subjektes. So gesehen
hat Arp letzten Endes keine edite Spielhaltung zur Sprache, sie bleibt
ihm in irgendeiner Weise immer Mittel zum Zweck, Ausdrucksmittel des
"dadaistischen Glaubens Ohne-Sinn". Es bleibt die Frage, wieweit hier
nur eine sinnlose Wirklichkeit adäquat mit einer sinnlosen Sprache abgebildet
werden soll.

Daß bei Arp im Gegensatz zu Morgenstern kein echtes Spiel vorliegt,
ist schon äußerlich sichtbar an der fehlenden Spielstimmung einer lösenden
und entspannenden Heiterkeit. Wenn seine Gedichte eine Stimmung
durchzieht, so ist es eine dunkle, "schwarze", aber auch sie ist nicht einheitlich
durchgehalten. Sowohl eine letzte Tiefendimension des Sprachspieles
als auch spielerische Weltbildung in dem Sinne, wie sie in den
Galgenliedern vorliegt, wird nicht sichtbar. Arps Gedichte haben keine in
sich geschlossene, in sich sinnvolle Welt, irgendwo bleibt auch hier die
Sprache totes Material. An dem schon zitierten Gedicht vom "Schnee-
und Hagelwittchen" wird es sehr deutlich, wie sich die einzelnen Dinge
und Gegebenheiten, die sich aus dem Wort "fallen" ergeben, nicht zu
einer neuen Welt zusammenfügen, es bleiben virtuose sprachliche Kapriolen,
destruierte Teile unserer vertrauten Welt und Sprache, die im
Grunde sinnlos gegeneinander stehen.

Sinnlosigkeit bestimmt dann auch schließlich ganz im Gegensatz zu
Morgenstern Arps letzte Haltung: "Die Eitelkeit des Menschen wurde
mir unerträglich, und die Kunst und die 'Wirklichkeit' sinnlos."107 Er
sucht Zuflucht im Spiel:

"Wir fliehen gemeinsam nackt und bloß.
Wir retten uns in tiefere Spiele."108

Nicht eine elementare Lust am Spiel spricht sich hier aus, sondern Suche
nach Rettung. Das Subjekt einer sinnleer gewordenen Welt versucht, sich
in den Zufall der Sprache zu retten:

"Wer den Zufall mitspielen läßt,
wird lebendiges Gewebe wirken.
Der Zufall befreit aus dem Netze der
Sinnlosigkeit."109

Das aber weist in die Richtung des Absurden und des Grotesken und
trifft sich nicht mit der Grundsituation der Galgenlieder.

Trotz aller Einwände aber liegt in Arps Gedichten wie im Dadaismus
überhaupt der Versuch eines Rückgangs auf wesentliche Ursprünge der
Poesie vor, und in diesem Rückgang auf elementare sprachspielerische Erscheinungen
liegt eine tiefe Verwandtschaft zu Morgensterns Galgenliedern,
mögen sich Grundintentionen und Konsequenzen auch noch so
sehr unterscheiden.

_______________
107 Arp, Wortträume, a.a.O. S. 11.
108 Ebd. S. 93.
109 Ebd.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten