JW:SuSiCMG - Der Einbruch des gewohnten Raumes

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d) Der Einbruch des gewohnten Raumes

Wolfgang Kayser beschreibt in seiner Studie über "Morgenstern und die
Sprachgroteske" die Wirkung des Gedichtes "Das Knie": "Den aufmerksamen
Leser überkommt wohl ein Stutzen oder ein Gefühl des Wegsackens."1
In diesem Gefühl des Wegsackens drückt sich eine räumliche
Empfindung aus.

Es wurde gesagt, daß die durch Deformation von gewohnten Dingbezügen
destruierte Welt ver-rückt erscheine. Die Dinge sind ihren gewohnten
Zusammenhängen entrückt und in fremde hineingerückt, sie fehlen
da, wo sie hingehören, und erscheinen dort, wo sie nicht am Platze
sind. Dieses "Verrücken" sowie das "Hingehören" und der "Platz" sind
räumliche Phänomene.

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1 Kayser, Das Groteske, a. a. O. S. 110.

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Greifen wir auf das Beispiel "Westküste" zurück: die Küsten haben ihr
Land verlassen und erscheinen mitten im Meer, an einem Ort, wo sie
nicht hingehören — das ist eine räumliche Bewegung. Daß diese Bewegung
in der Realität unmöglich ist, verweist nur wieder um so nachdrücklicher
auf das im Hintergrund stehende Beziehungsgeflecht der Dingwelt:
nur der Übergang von Land und Meer ist der Platz einer Küste. Abgelöst
von seinem Platz gibt es das "Ding" Küste nicht. Ganz allgemein bedeutet
dies, daß jedes Ding aus seiner Beziehungsganzheit nicht nur seine
eigentliche Bedeutung, sein So-und-nicht-anders-Sein empfängt, sondern
auch eine ganz bestimmte Stelle im Raum, die es nicht wieder verlassen
kann, solange es sein Dingsein und seine Identität behalten soll. Eine
Küste mitten im Meer oder innerhalb des Festlandes gibt es nicht, ebensowenig
wie es einen Saal außerhalb eines Gebäudes oder ein Knie an einer
anderen Stelle als der des Zusammentreffens zweier Gliederteile gibt.
Jedes Ding ist in seinem Bezogensein auf eine Ganzheit räumlich fest verankert,
selbst ein sogenanntes bewegliches Ding kann sich aus einem ganz
bestimmten Umkreis nicht entfernen, falls es nicht fremd und verändert
erscheinen soll. Ein Huhn an dem ihm nicht zugehörigen Platz einer
Bahnhofshalle "stört". Es stört die geläufige Weltorientierung, die sich
letzten Endes auf dieses Hingehören der Dinge verläßt und die nur so die
Dinge in irgendeiner Form berechnen und einer bestimmten Gesetzmäßigkeit
unterstellen kann — nicht zuletzt dem Gesetz der Kausalität.

Die Beziehungsganzheiten konstituieren den gewohnten Dingraum.
Wenn die Dinge außerhalb dieses ihnen vorgezeichneten Raumes erscheinen,
so ist das, wie schon erwähnt wurde, eine Unmöglichkeit. Somit
stellt sich der einem Ding aus seiner Beziehungsganzheit vorgegebene
Platz primär als ein Möglichkeitsraum dar. Nur innerhalb dieses Möglichkeitsraumes
der Dingwelt bewegt sich das gewohnte und normale Denken
und Vorstellen. Wenn nun die Galgenlieder durch eine Deformation der
Beziehungsganzheiten der Dinge eine unmögliche "andere" Welt entfalten,
so muß das notwendigerweise auch eine Destruktion des gewohnten
Raumes nach sich ziehen. Der Raum, den diese Gedichte eröffnen, ist nicht
der Raum der gewohnten Welt. Es kommt zu einem Raumverlust, was
sich im besagten Gefühl des Wegsackens bemerkbar macht. Die aus übergreifenden
Ganzheiten jeweils vorgezeichneten Möglichkeitsräume der
Dinge werden durchbrochen: das, gemessen an der empirischen Realität,
Unmögliche wird damit zu einem konstitutionalen Faktor der anderen
Welt der Galgenlieder. In diesem anderen Raum des Unmöglichen versagt
die gewohnte Weltorientierung, versagt auch jede Gesetzmäßigkeit,
die nur mit den gewohnten Möglichkeiten rechnet. Insbesondere ist
das Gesetz der Kausalität aufgehoben. Die Verkettung von Ursache und Wirkung
löst sich, wenn die normalen Dingbezüge keine Geltung mehr haben.

Alles das aber geschieht im Gedicht, das heißt: das Unmögliche, die sich
in der Destruktion der empirischen Realität entfaltende andere Welt erscheint
als Sprache. Alle diese Gedichte verweisen letzten Endes in irgendeiner
Form immer auf die Sprache selbst, in der offensichtlich die Ermöglichung

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dieser Unmöglichkeiten liegen muß. In den Galgenliedern tut sich
eine seltsame Diskrepanz zwischen der realen Dingwelt und der benennenden
Sprache auf: die Sprache gibt nicht das Reale und Mögliche wieder,
sie stellt hier vielmehr gerade das Unmögliche und Irreale dar. Fragen wir
nach der Grundsituation dieser Gedichte, so stellt sich hier die Forderung,
das den Galgenliedern zugrunde liegende Verhältnis von Dingwelt und
Sprache in den Blick zu bekommen. Es wird zu zeigen sein, daß ihre seltsame
andere Welt allein aus einer ganz bestimmten Erfahrung der
Sprache heraus möglich wird.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten