JW:SuSiCMG - Der Nonsense

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c) Der Nonsense

Ihre andersartige, völlig in sich geschlossene Welt aber stellt die Galgenlieder
auch in die Nähe einer Nonsense-Dichtung, wie sie besonders in
England beheimatet ist und in Edward Lear (1812—1888) wohl ihren
bekanntesten Vertreter gefunden hat24. Er schrieb seine Nonsense-Verse
zuerst für Kinder, und vornehmlich als Kinderliteratur sind sie in England
bis heute beliebt und volkstümlich geblieben. Auch diese Gedichte
entfalten sich in einer sachungebundenen Erzähllogik, die keine Gegebenheiten
und Prinzipien der Wirklichkeit wiedergibt, sondern handlungsmäßig

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24 Vgl. zum Folgenden: Bettina Hürlimann, Europäische Kinderbücher in drei
Jahrhunderten, Zürich und Freiburg i. Br. 1959, S. 157ff. Ferner: The Penguin-
Book of Comic and Curious Verse, Harmondsworth 1952.

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und auch sprachlich die verrücktesten Kapriolen schlägt. Mit den
Galgenliedern begegnen sie sich im wesentlichen darin, daß auch sie keinerlei
Absicht verfolgen, daß sie weder eine Aussage über den Ohne-Sinn
der Wirklichkeit machen noch etwa diese Wirklichkeit zum Zwecke der
Verspottung verzerren wollen. In ihnen spricht sich nichts weiter als eine
ganz elementare Spiellust am Unsinnigen aus, die nicht selten auch gerade
Unsinnigkeiten der Sprache selbst ins Feld führt. Klang- und Reimspiele,
das Wortspiel im weitesten Sinne spielen dabei eine große Rolle.

Die Bindung an die Sprache selbst ist jedoch nicht so unbedingt; keinesfalls
ist es so, daß es immer rein sprachliche Gegebenheiten sind, aus denen
sich die eigenwillige Spielwelt der Nonsense-Gedichte bildet. Sehr oft
liegt ihr Ursprung vielmehr vor allem in einer phantastischen irrealen
Vorstellungswelt. Wenn in einem dieser Gedichte zum Beispiel eine Ente
und eine Katze mit einem Faß Honig auf Reisen gehen und heiraten, so
sind auch hier die Beziehungen der normalen Welt verschoben, die Möglichkeit
dazu wird jedoch primär nicht so sehr durch die Sprache selbst,
als durch eine kindliche Phantasie vorgegeben. Erst sekundär kann sich
eine solche Situation dann nach rein sprachlichen Gesetzen weiterentfalten,
genau wie im echten Kindervers aus dem assoziativen Spiel der
Sprachelemente Klang, Reim, Rhythmus. Der Grund, aus dem die Nonsense-
Verse schöpfen, ist nicht so sehr eine Erfahrung der Sprache, als
eben das Spiel einer ungebundenen Phantasie. Und so fehlt ihrem Spiel
letzten Endes auch der eigentümlich tiefere Hintergrund, der in den
Galgenliedern so oft plötzlich und unvermutet durchscheint.

Trotzdem liegen diese Nonsense-Verse und Limericks, denen im deutschen
Sprachraum teilweise Witzformen wie die des Kalauers entsprechen,
gerade in ihrem zwecklosen Spielcharakter den Galgenliedern wesentlich
näher als Erscheinungen der grotesken Literatur, die eine Abgründigkeit
der Welt wiedergeben, die aufrütteln und beunruhigen wollen.

Auf eine weitere, eng verwandte Parallele hat auch schon Herbert
Schönfeld hingewiesen25. Es ist dies die eigentümliche Welt, die in Walt
Disneys Zeichentrickfilmen von der "Micky-Maus" sichtbar wird. Auch
hier wird das Unmögliche der normalen Welt möglich, ergibt sich aus
Destruktion und Deformation unserer Welt eine eigengesetzliche Spielwelt
mit ihren eigenen Spielhandlungen und -personen. Und auch diese
nimmt nicht den Charakter des Bedrohlichen an, sie will weder verfremden
noch belehren, noch moralisch bessern; Sinn, Zweck und Ziel bleiben
immanent. Als Bild ergibt sich hier weitgehend dasselbe, was in den
Galgenliedern als Sprache vorliegt.

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25 H. Schönfeld, Über Chr. Morgensterns Grotesken, Zeitschrift für deutsche
Bildung, Bd. 8, 1932, S. 225 ff.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten