JW:SuSiCMG - Die Destruktion der gewohnten Welt

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...

c) Die Destruktion der gewohnten Welt

Es gilt, die in den Galgenliedem immer wieder begegnende Destruktion
der gewohnten Welt in ihren verschiedenen Erscheinungsformen noch
näher zu kennzeichnen.

Gewissermaßen als Grundform ist das schon erwähnte einfache Herauslösen
eines Dinges aus seiner zugehörigen Beziehungsganzheit anzusehen:
Dinge werden plötzlich beziehungslos. Dabei erhöht sich der
Effekt, wenn diese Dinge bloße Relationsbegriffe wie die "Westküsten"
sind, und besonders diese Relationsbegriffe sowie rein funktionale Dingteile
scheinen auf Morgenstern einen Reiz auszuüben. So verselbständigt
und animiert er in dem gleichnamigen Gedicht ein Knie:

"Ein Knie geht einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts" (G S. 38).

Gerade ein Knie aber wird als Gelenk, als bloße Verbindung zweier
Glieder nur im Zusammenhang mit diesen begreifbar. Wenn es hier abgetrennt
von seinen Trägem und damit ausdrücklich unbezogen auf seine

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Beziehungsganzheit einsam umhergeht, so kommt das einer völligen Destruktion
der gewohnten Welt gleich. Ihr Ordnungsgefüge ist zerstört,
eine vertraute Weltorientierung versagt, und die Welt, die sich hier so
völlig andersartig entfaltet, muß seltsam anomal erscheinen: ver-rückt.

Einer ebenso ver-rückten Weitsicht entspringt auch die Möglichkeit,
einen Lattenzaun von seinem dazugehörigen Zwischenraum zu trennen
(vgl. G S. 59). Das So-und-nicht-anders-Sein eines Lattenzaunes liegt
eben darin, daß zwischen seinen einzelnen Latten ein Zwischenraum besteht.
Wird dieser nun herausgenommen wie in dem bekannten Gedicht,
so bedeutet das über das Freiwerden eines Relationsbegriffes hinaus auch
ein Zerbrechen eines Bezuges, und zwar desjenigen zwischen Ding und
umgebendem Nicht-Ding, der für die menschliche Weitsicht eine Grundvoraussetzung
bildet, so daß hier diese Weitsicht selbst, in der allein die
Dinge in ihrem So-Sein erscheinen können, in Frage gestellt ist. Und
wenn dieser Zwischenraum dann noch als eine eigene Masse genommen
wird, als Baumaterial für "ein großes Haus", so ist die Welt des Normalen
völlig in ihr Gegenteil verkehrt, und es entsteht eine ganz anders
strukturierte Welt, in der die Unterscheidung von Seiendem und Nichtseiendem
offenbar nicht mehr gilt.

Nun geschieht aber die Deformation der Beziehungsganzheiten nicht
immer als bloßes Herausstellen eines Dinges ins Beziehungslose, sondern
noch häufiger finden wir das überraschende Hineinstellen in eine fremde
Beziehungsganzheit: plötzlich erscheinen Dinge dort, wo sie nicht hingehören.
So zum Beispiel ein Huhn in einer Bahnhofshalle:

"In der Bahnhofshalle, nicht für es gebaut,
geht ein Huhn hin und her...
Wo, wo ist der Herr Stationsvorsteh’r?
Wird dem Huhn man nichts tun?
Hoffen wir es! Sagen wir es laut:
daß ihm unsre Sympathie gehört,
selbst an dieser Stätte, wo es — ,stört‘!" (G S. 87)

Das Huhn stört, weil es sich in einer ihm nicht zugehörigen Beziehungsganzheit
bewegt. Es hat seinen angestammten Bereich, der sich aus
Hühnerstall, Hühnerhof usw. zusammensetzt, verlassen und erregt in
dem Bereich des Bahnhofs und der Eisenbahn, die ausdrücklich "nicht für
es gebaut sind", Aufsehen und Befremden. Gerade deswegen aber gehört
ihm die Sympathie, kann es Gegenstand eines Galgenliedes werden, dessen
Welt sich eben in der Deformation von Dingbezügen entfaltet.

Eine ähnliche Wirkung wie das Huhn dürften auch die zwei Flaschen
hervorrufen, wenn es in dem Gedicht "Die beiden Flaschen" heißt:

"Zwei Flaschen stehn auf einer Bank,
die eine dick, die andre schlank.

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Sie möchten gerne heiraten.
Doch wer soll ihnen beiraten?" (G S. 60)

Auch hier werden in der dritten Zeile die beiden Flaschen ausdrücklich
auf eine ihnen völlig fremde, nur dem Menschen zukommende Beziehungsganzheit
bezogen.

Ein gleiches Versetzen vertrauter Dinge in unvertraute Bezüge geschieht
auch in dem Gedicht „Der Gaul“ (G S. 84), wenn das sprechende Pferd
eines Tischlers an der Türe des Professors Stein läutet und die Tür- und
Fensterrahmen bringt, ja letzten Endes liegt jeder Vermenschlichung von
Dingen, jeder animistischen Belebung von isolierten Fragmenten und
Funktionen der Dingwelt ein solches Versetzen eines Gegenstandes in eine
ihm fremde Beziehungsganzheit zugrunde. Damit zusammen hängt auch
eine weitere Form der Weltzerstörung, die in einer bloßen Umkehrung
zweier Beziehungsganzheiten besteht. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht
"Auf dem Fliegenplaneten", welches beginnt:

"Auf dem Fliegenplaneten,
da geht es dem Menschen nicht gut.
Denn was er hier der Fliege,
die Fliege dort ihm tut.

An Bändern voll Honig kleben
die Menschen dort allesamt..." (G S. 200).

In gewisser Weise gehört hierher auch die Umkehrung des Lämmergeiers
zum "Geierlamm" (vgl. G S. 231).

Etwas Ähnliches geschieht, wenn Morgenstern zwei Dinge, die jeweils
völlig verschiedenen Beziehungsganzheiten zugehören, zu einem neuen
Ding verkoppelt. So entsteht eine seltsam befremdende Mischung von
zwei gänzlich verschiedenen Bereichen. Es gibt in den Galgenliedern eine
ganze Reihe dieser Dinge, die der Natur als "neue Bildungen vorgeschlagen"
werden: so „Der Ochsenspatz, die Kamelente, der Regenlöwe, der
Walfischvogel, die Quallenwanze, der Gürtelstier" (G S. 35), ebenso das
"Löwenreh" (G S. 270) und der "Wasseresel" (G S. 294).

Eine andere Art der Weltzerstörung und Weltentfremdung findet sich
in Gedichten, die ähnlich wie das Gedicht "Der Lattenzaun" etwas, was
als Ding bisher noch gar nicht vorhanden war — oft auch eine sprachliche
Neuschöpfung —, wie selbstverständlich in eine längst bestehende und
jedermann vertraute dingliche Beziehungsganzheit einsetzen. Hierher gehört
das berühmte "Nasobem":

"Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobem
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.

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Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht" (G S. 79).

Eine sprachliche Tierneuschöpfung wird wie jedes längst vorhandene
Tier auf die bekannte Beziehungsganzheit des lexikalischen Erfassens der
Tierwelt bezogen. Die Selbstverständlichkeit, mit der das geschieht, wirkt
anomal und verfremdend.

Ein ähnlicher Fall liegt in dem Gedicht "Die Oste" vor: das Wort
"Weste" evoziert als Homonym der Himmelsrichtung "Westen" die Neuschöpfung
"Oste". Diese Oste wird nun sofort in die Beziehungsganzheit
Kleidung versetzt, wo sie als Bekleidungsstück für den Rücken Verwendung
findet. Ein anderes Gedicht "St. Expeditus" (G S. 253) stellt ein in
seinem Zusammenhang und seiner Bedeutung unverstandenes Wort in
eine bestehende und vertraute Beziehungsganzheit, aus der heraus es dann
einen ganz bestimmten Sinn erhält: ein Nonnenkloster bekommt von unbekannten
Absendern Spenden zugesandt, die in Kisten verpackt sind,
welche die Aufschrift "Espedito" tragen, was wohl spediert oder gesandt
heißen mag, obwohl die Form dieses Wortes keiner romanischen Sprache
entspricht. Das vorher nie gehörte Wort setzen die Nonnen in ihrem Bemühen,
den anonymen Spender zu ermitteln, in ein ihnen naheliegendes
Beziehungsgefüge ein, das diesem rätselhaften "Espedito" nun die Bedeutung
eines Heiligen Expeditus zuträgt, bis sich dann später herausstellt,
daß es diesen Heiligen gar nicht gibt.

Wieder eine andere Art der Destruktion der gewohnten Welt ergibt
sich aus dem Hineinstellen eines längst bekannten Dinges in eine völlig
neu geschaffene Beziehungsganzheit. Wenn ein Gedicht beginnt:

"Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen" (G S. 88),

so wird hier die Möwe in einen normalerweise nicht bestehenden Zusammenhang
von Aussehen und Heißen gerückt, das heißt: es wird versucht,
eine neue Beziehungsganzheit aufzustellen, die gerade in der Komik,
die sie hervorruft, die Möwe fremd, eben "als Andere" erscheinen
läßt. Das Gleiche ist der Fall, wenn einem Purzelbaum zugerufen wird:

"Geh heim in deinen Purzelwald,
und lästre dein Geschlecht nicht" (G S. 102).

Der Purzelbaum, eine gymnastische Übung des Menschen, wird mit
einem Gegenstand gleichgesetzt und in eine neue Beziehungsganzheit
"Purzelwald" eingesetzt. Wieder erscheint ein bekanntes "Ding" in einem
unbekannten Beziehungsgeflecht. Dieses Beispiel deutet jedoch schon auf
etwas hin, was ein nächstes Kapitel näher ausführen wird: daß nämlich
diese „neue“ Beziehungsganzheit aus der Sprache selbst gleichsam schon
vorgezeichnet ist, in der ein Baum den Begriff Wald evoziert.

Schließlich kann aber auch jeglicher Beziehungszusammenhang eines

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Dinges ausdrücklich fehlen, so daß dieses Ding selbst letzten Endes gar
nicht mehr als Ding erscheint. Palma Kunkel bekommt zum Beispiel eines
Tages ein "Exlibris" zugesandt:

"Auf demselben sieht man nichts
als den weißen Schein des Lichts.
Nicht ein Strichlein ist vorhanden.
Palma fühlt sich warm verstanden" (G S. 182).

Eine Eigentumsbezeichnung ohne Zeichen, ein Ding ohne jede Beziehung
auf etwas anderes — gerade diese befremdende Unmöglichkeit verweist
nochmals nachdrücklich auf das Beziehungsgefüge der Dingwelt.

Allen angeführten Beispielen ist eines gemeinsam und darf als Ergebnis
festgehalten werden: die Destruktion der gewohnten Welt wird bewirkt
durch eine Veränderung des Bezogenseins der einzelnen Dinge. Dabei
muß hervorgehoben werden, daß diese Dinge selbst in ihren äußeren
Proportionen erhalten bleiben. Nirgends wird in den Galgenliedern eine
Entfremdung der Dingwelt durch eine Verzerrung der Ausmaße oder
durch eine Verschiebung einzelner Dinge ins Überdimensionale erreicht.
Die Transformation der gewohnten Welt ins Grauenhafte durch die
Schöpfung von unproportionierten, übergroßen oder unverhältnismäßig
kleinen, schreckenerregend deformierten Dingen ist nirgends anzutreffen.
Die Dinge verwandeln sich hier, ohne daß sie wirklich an sich selbst verändert
erscheinen. Der Stiefel zum Beispiel behält durchaus das Aussehen
eines ganz normalen Stiefels, er erscheint nur auf einmal in einem anderen
Licht, plötzlich ist er auf etwas anderes bezogen. Eine Veränderung
seines Dingseins und seiner Dingbedeutung tritt ein, nicht eine Verzerrung
seiner äußeren Gestalt. Ein leichtes Befremden, das im Leser der
Galgenlieder hier und da aufsteigen mag, ist immer das Ergebnis einer
solchen leichten und keineswegs sofort ins Auge springenden Verschiebung
irgendeines vertrauten und sonst selbstverständlichen Dingbezuges.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten