JW:SuSiCMG - Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt

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2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt

Durch ein eigentümliches Zugleich von Sprache und Spiel wird die Grundsituation
der Galgenlieder bestimmt. Ihre Destruktion der gewohnten
Welt ist nichts anderes als die Freigabe der Dinge für sprachlich-phantastische
Ordnungen und Bezüge eines Spieles. Dieses Sprachspiel reißt
die Dinge aus ihren vertrauten räumlichen Zusammenhängen und stellt
sie allein sprachlichen Spielregeln anheim. Es durchbricht die Homogenität
des empirischen Raumes, indem es sich eine eigene in sich geschlossene
Welt schafft: eine Sprach-Spiel-Welt mit einem immanenten Spielzweck.
Als eine solche Sprach-Spiel-Welt stellt sich das exemplarische Galgenlied
"Die Nähe" dar. Spracheigene Kräfte lösen das Wort Nähe aus seinem
angestammten Beziehungs- und Bedeutungsgeflecht, setzen es über den
Weg des Sprachklanges in ein anderes Bezugssystem ein und weisen ihm
damit einen neuen Platz zu. Das Wort Nähe untersteht hier allein der
Funktion eines Spieles der Sprache, das sich sprachschöpferisch um seiner
selbst willen vollzieht. Aus der sprachlichen Beziehung Nähe — Näherin
bildet sich dann ein eigener Weltzusammenhang, dem gerade als nur
sprachlicher Wirklichkeit ein eigentümlicher Unwirklichkeitscharakter als
reale Möglichkeit zukommt. Ebenso zeichnet sich in der Plötzlichkeit, mit
der diese ganze Verwandlung geschieht, eine eigene innere Zeit ab.

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Als echtes weltbildendes Spiel kommt so den Galgenliedern als ein
wesentliches Charakteristikum zu, daß sie nichts bedeuten wollen und bedeuten
können als das, was sie sind. Ein Wortspiel wie das des Gedichtes
"Die Nähe" hat kein außerhalb seiner selbst liegendes Um-zu. Jede Betrachtung
dieser Gedichte auf eine außerhalb ihrer selbst liegende Absicht
hin, jede Einschätzung, jede Bewertung oder Abwertung dieses Spiels von
außen her vermag das Wesen dieser Dichtungen nicht zu treffen. Das hat
Morgenstern selbst nur zu deutlich gespürt, wenn er schreibt, daß über
"Herrn Palmström" zum Beispiel nichts weiter zu sagen ist, "als was dem
Büchlein selbst entnommen werden mag" (B S. 426). Jeder Versuch, es mit
"Ulk, Parodie, Geschmacksverirrung“ (B S. 405) oder ähnlichen Klassifizierungen
zu beurteilen, kann seinen eigentlichen Gehalt darum nicht
fassen.

Das Sprachspiel ist in einem eigentlichen Sinne und mit der ganzen
Konsequenz des Wortes die Grundsituation der Galgenlieder.

Das aber bedeutet alles andere als eine Verharmlosung dieser Gedichte.
Wenn Morgenstern hier die Sprache selbst ins Spiel bringt, so setzt er sie
dabei gleichzeitig auch in einem eigentlichen Sinne aufs Spiel. Und das ist
mehr als bloße harmlose und unverbindliche Spielerei. Auch daß dieses
Sprachspiel wesentlich von der Grundstimmung einer entspannenden
Heiterkeit bestimmt ist, nimmt ihm nichts von seiner Tiefe.

Diese Tiefe darf allerdings nicht in der unmittelbaren Aussage der einzelnen
Lieder gesucht werden, sie öffnet sich aber dem mitspielenden
Leser, der sich ihrer "Art der Anschauung, der Empfindung und der Geistigkeit"
(B S. 404) hingibt. Ihm enthüllt sich gerade hier wie in jedem
menschlichen Spiel unwillkürlich und unbeabsichtigt etwas anderes, Tieferes:
das Wesen des Menschen, das ihm hier als Sprache im Spiel begegnet.
Der mitspielende Leser der Galgenlieder kann im Innersten seines
Daseins berührt werden, spielerisch und ungewollt können Einsichten in
das Gefüge von Welt, Ich und Sprache aufleuchten, nicht weil die Galgenlieder
einer philosophischen Absicht entwachsen oder humoristische Umkleidungen
weltanschaulicher Fragen sind, sondern weil sie im Spiel das
eigentliche Menschsein und damit das Ganze der Welt erfahren. "Der
Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und
er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt"39, schrieb Schiller in seinen "Briefen
über die ästhetische Erziehung des Menschen". Sprache und Spiel sind
die unmittelbarsten und vielleicht ursprünglichsten Phänomene des Geistigen
und des Menschlichen überhaupt.

In den Galgenliedern begegnet uns das ebenso erheiternde wie auch
befremdende Faktum, daß sich hier im bloßen Spiel und in einer ganz
ursprünglichen Weise ein Dichter der Sprache selbst überliefert hat. Aber
gerade und nur so entfaltet die Sprache spielerisch, geheimnisvoll und
faszinierend eine eigene Welt. Und so rücken die Galgenlieder in eine
seltsame Nähe und Übereinstimmung zu dem, was Novalis in seinem mit

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39 Friedrich Schiller, Sämtliche Werke, Stuttgart und Berlin o. J., Bd. 12, S. 59.

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dem bezeichnenden Wort "Monolog" überschriebenen Fragment ausgesprochen
hat:

"Es ist eigentlich um das Sprechen und Schreiben eine närrische Sache;
das rechte Gespräch ist ein bloßes Wortspiel. Der lächerliche Irrtum ist
nur zu bewundern, daß die Leute meinen — sie sprächen um der Dinge
willen. Gerade das Eigentümliche der Sprache, daß sie sich bloß um sich
selbst bekümmert, weiß keiner. Darum ist sie ein so wunderbares und
fruchtbares Geheimnis, — daß wenn einer bloß spricht, um zu sprechen,
er gerade die herrlichsten, originellsten Wahrheiten ausspricht. Will er
aber von etwas Bestimmtem sprechen, so läßt ihn die launige Sprache das
lächerlichste und verkehrteste Zeug sagen. Daraus entsteht auch der Haß,
den so manche ernsthafte Leute gegen die Sprache haben. Sie merken ihren
Mutwillen, merken aber nicht, daß das verächtliche Schwatzen, die unendlich
ernsthafte Seite der Sprache ist. Wenn man den Leuten nur begreiflich
machen könnte, daß es mit der Sprache wie mit den mathematischen
Formeln sei. — Sie machen eine Welt für sich aus — sie spielen
nur mit sich selbst, drücken nichts als ihre wunderbare Natur aus, und
eben darum sind sie so ausdrucksvoll — eben darum spiegelt sich in ihnen
das seltsame Verhältnisspiel der Dinge. Nur durch ihre Freiheit sind sie
Glieder der Natur, und nur in ihren freien Bewegungen äußert sich die
Weltseele und macht sie zu einem zarten Maßstab und Grundriß der
Dinge. So ist es auch mit der Sprache — wer ein feines Gefühl ihrer
Applikatur, ihres Taktes, ihres musikalischen Geistes hat, wer in sich das
zarte Wirken ihrer inneren Natur vernimmt und danach seine Zunge oder
Hand bewegt, der wird ein Prophet sein, dagegen wer es wohl weiß, aber
nicht Ohr und Sinn genug für sie hat, Wahrheiten wie diese zu schreiben,
aber von der Sprache selbst zum besten gehalten und von den Menschen,
wie Kassandra von den Trojanern, verspottet wird."40

Die Grundsituation der Galgenlieder und damit "ihre unendlich ernsthafte
Seite" ließe sich dem Sinne nach wohl nicht besser zur Sprache bringen,
als es hier in diesem „Monolog“ einer gleichen Spracherfahrung geschehen
ist. Die Grundsituation dürfte somit in ihrer ganzen Weite und
mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen abgesteckt und aufgerissen
sein. Von hier aus muß es möglich werden, die Gesamtheit der
Galgenlieder als eine eigene Sprach-Spiel-Welt im einzelnen zu interpretieren.
Wenn der folgende Teil der Arbeit diesen Versuch unternimmt,
so hat sich die Gültigkeit der herausgearbeiteten Grundsituation an dieser
Interpretation im Zirkel des Verstehens zu bewähren.

_____________
40 Novalis, a. a. O. S. 203 f.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten