JW:SuSiCMG - Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks

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I. DAS SPIEL DER SPRACHBEDEUTUNGEN

1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks

Ein Spiel mit den verschiedenen Bedeutungsmöglichkeiten einzelner Worte
und Wendungen setzt am auffälligsten immer dort ein, wo die Sprache in
einer übertragenen Bedeutung spricht. Hier öffnet sich eine Kluft zwischen
dem eigentlich Gesagten und dem wörtlich Gesagten, fallen Aussage und
Ausgesagtes eigentümlich auseinander. Dabei ist dem gewohnten Sprachgebrauch
eine solche bildliche Redeweise etwas durchaus Selbstverständliches
und fraglos Gegebenes. Einem plötzlichen Erstaunen aber, dem
plötzlichen Fremdwerden vertrauter Sachverhalte begegnet darin etwas

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Problematisches, ihm kann die figürliche Rede zu einem Problem werden,
das die Sprache selber stellt. Unter dem bezeichnenden Titel "Problem"
findet sich in den Galgenliedern ein auf den ersten Blick sehr unscheinbares
Gedicht:

"Es flog ein Stein so weit, so weit —
und hatte doch kein Federkleid!
Es war ihm ja zu gönnen.
Indessen rechte Seltsamkeit,
daß Steine fliegen können" (G S. 309).

Hier rückt nichts weiter als die Seltsamkeit des bildlichen Ausdrucks
"es flog ein Stein" in das Blickfeld. Die Sprache sagt etwas aus, was den
realen Gegebenheiten nicht entspricht. Sie stellt, genau besehen, eine deformierte
Real weit dar: Sprache als "zerklüftete Wirklichkeit".

Aus dieser seltsamen sprachlichen Gegebenheit, daß ein Stein "fliegt",
ergibt sich nun aber die Möglichkeit, die Aussage beim Wort zu nehmen
und als eine eigene Wirklichkeit der Sprache weiter zu entfalten. So böte
sich z. B. als sprachlich legitimierte (in diesem Gedicht allerdings nicht ergriffene)
Möglichkeit an, Steine "wirklich" mit einem Federkleid auftreten
zu lassen. Aus der Sprache heraus würde sich so eine eigenartige,
unsinnige Welt bilden. Dabei entspringt eine solche Entfaltung eines bildlichen
Ausdrucks jeweils einer ganz bestimmten Spielhaltung: die Sprache
wird so gefaßt, als ob sie einen realen Sachverhalt wiedergäbe.

Während in dem Gedicht "Problem" die Möglichkeit zur Entfaltung
einer solchen Sprach-Spiel-Welt nur gleichsam latent vorhanden ist, gibt
es aber eine ganze Reihe weiterer Galgenlieder, in denen diese Möglichkeit
ausdrücklich ergriffen und ausgesponnen wird. Ein Beispiel ist das
Gedicht "Die weggeworfene Flinte":

"Palmström findet eines Abends,
als er zwischen hohem Korn
singend schweift, eine Flinte...

Innig stellt er den Verzagten,
der ins Korn sie warf, sich vor
und beklagt
ihn von Herzen" (G S. 136).

Hier wird die von der Sprache selbst vorgegebene Möglichkeit voll
ausgenutzt. Auf diese Weise entsteht eine andere eigene Welt, in der ins
Korn geworfene Flinten gefunden werden können, eine eigene Welt, die
nicht das Produkt einer ungezügelt und frei schweifenden Phantasie ist,
sondern sich aus der Sprache selbst entfaltet, wenn ihr wie hier spielerisch
entsprochen wird. Diese sprachliche Eigenwelt hat dabei eine merkwürdige
Stellung zwischen Wirklichkeit und bloßem Schein: scheinhaft ist das,
was sich in ihr darstellt und sich in ihr vollzieht, durch ihre Herkunft aber

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bleibt sie durchaus legitim an die Sprache und ihren Wirklichkeitscharakter
gebunden. Es überspielen sich fortwährend zwei Ebenen: das Gedicht
hat einen doppelten Boden, es ist mehrdimensional. Mit anderen Worten:
es ist im eigentlichen Sinne Spiel.

Genau das gleiche liegt vor, wenn Palmström in ein "sogenanntes böhmisches
Dorf" reist. Eine scheinbar reale Dorfwelt ergibt sich aus einer
Redensart, die jeweils im übertragenen Sinne für etwas Unverständliches
gebraucht wird. Und wenn es dann in der zweiten Strophe heißt:

"Unverständlich bleibt ihm alles dort,
von dem ersten bis zum letzten Wort" (G S. 106),

so wird diese Dorfwelt auch genau in die Richtung weiter ausgesponnen,
in welche die Sprache selber verweist. Beispiele für diese Art von spielerischer
Entfaltung sprachlicher Möglichkeiten, von spielerischer Weltbildung
lassen sich in den Galgenliedern häufig finden, es bleibt dabei nur
unterschiedlich, wieweit diese Entfaltung im einzelnen geht.

So wechseln in dem Gedicht "Der Glaube" "eines Tages um viere"
plötzlich zwei Berge ihre Plätze. Die allgemeine Bestürzung darüber wird
folgendermaßen aufgeklärt:

"Doch der Bauer Anton Metzer,
weit berühmt als frommer Mann,
sprach: 'Ich war der Landumsetzer,
zeigt mich nur dem Landrat an.

Niemand anders als mein Glaube
hat die Berge hier versetzt..." (G S. 286).

Das bekannte Wort, daß der Glaube Berge versetze, ist hier gleichsam
"Tat" geworden. Dabei ist dieses Gedicht wieder ein eindringliches Beispiel
dafür, wie sich in den Galgenliedern eine deformierte Wirklichkeit
jeweils aus der Sprache selbst und ihren Möglichkeiten ergibt, und nicht
umgekehrt die Sprache die Funktion hat, eine zerstörte, sinnleere Wirklichkeit
wiederzugeben.

Im Gedicht "Tertius Gaudens" (G S. 228) wird mit dem Sprichwort
"Perlen vor die Säue werfen" in der gleichen Weise verfahren. Als sprachliche
Möglichkeit entfaltet sich folgende „reale“ Handlung: irgend jemand
warf "Perlen vor das schnöde Vieh", dessen Realitätscharakter übertrieben-
komisch betont wird:

"Die Säue waren schlechtweg Säue
von völliger Naturgetreue" (ebd.).

Doch dieses Vieh verschmäht die Perlen, und ein wie im Sprichwort
"blindes" Huhn frißt sie als lachender Dritter auf. So aber bekommt die
Welt das "Perl-Huhn" geschenkt. In diesem fortlaufenden Sprachspiel
schlagen die Ebenen des Wirklichen und des Unwirklichen mehrmals um:

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das Beim-Wort-Nehmen einer allgemein vertrauten sprachlichen Wendung
erzeugt trotz oder gerade wegen des betonten Realitätscharakters
eine Scheinwelt, aus dieser entsteht dann ebenso scheinbar das durchau
wirkliche Perlhuhn. In einem weiteren Galgenlied wird dann wiederum
das Perlhuhn wörtlich verstanden, so daß es möglich wird, daß es die
"Anzahl seiner Perlen" zählt (vgl. G S. 201).

Audi das Gedicht "Die Probe" entfaltet so aus der Sprache eine ungewöhnliche
eigene Welt, wenn es das bekannte Bibelwort, ein Kamel gehe
eher durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in den Himmel komme,
durch einen seltsamen Versuch "verwirklicht" (vgl. G S. 80).

Der der Theatersprache entstammende Ausdruck "der gestrichene Bock"
erzeugt in dem gleichnamigen Galgenlied folgende Begebenheiten: ein
"wirkliches" Wildbret muß allabendlich bei einer Hoftheateraufführung
auf ein bestimmtes Stichwort hin aus der Kulisse stürzen.

"Beim zwölften Male brach es aus
und rannte dem Souffleur ins Haus,
worauf es kurzweg — und sein Part —
von der Regie gestrichen ward" (G S. 227).

Dieser gestrichene Bock wird nun in den königlichen Wildpark zurückgebracht,
wo er dann wie ein alter Schauspieler von "Rolle", "Stichwort" und
"Applaus" träumt.

Neben diesen Sprichworten und Redensarten ist es aber sehr oft auch
nur wie in dem schon angeführten Beispiel "Perl-Huhn" ein einziges
Dingwort, das die Sprache spielerisch weltbildend entfaltet. Aus der Fülle
der Beispiele seien einige herausgegriffen: Einem "Purzelbaum" entwächst
die Beziehungsganzheit "Purzelwald", und es entsteht so ein neuer eigener
Weltzusammenhang (G S. 102). "Gänsefüßchen", die verbreitete Bezeichnung
für Anführungszeichen, werden zu Fortbewegungsmitteln von
etwas "Tellerhaftem" (G S. 218). "Drei Winkeladvokaten" entsteigen
wirklich drei Winkeln, die ihr Dreieck "wie ein Gestell" zusammenklappen
(G S. 261), oder:

"Es blökt eine Lämmerwolke
am blauen Firmament,
sie blökt nach ihrem Volke,
das sich von ihr getrennt" (G S. 319).

Palmström und Korf erstehen sich zwei Windhosen

"... aus best-
empfohlenem Nordnordwest.

So angetan wirbeln sie quer
und kreuz über Länder und Meer" (G S. 155).

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Die Sprache, die die Möglichkeit zum Kauf und zur Verwendung einer
Windhose als "Windbeinkleid" vorgibt, verwandelt hier konsequenterweise
auch Windrichtungen in Stoff arten: Worte werden mit eigentümlichen
anderen Bedeutungen belegt, werden zu Spielzeugen.

Ein nächstes Gedicht fügt zur Windhose dann noch die "Windsbraut",
und es entfaltet die einmal aufgerissene sprachliche Eigenwelt weiter,
wenn es dazu noch andere Ausdrücke der Seemannssprache verwendet,
der die Begriffe Windhose und Windsbraut ja eigentlich entstammen:

"Bei diesem Wirbel über Land und See
hat Korf zum ersten Mal das Weib erschaut,
nach dem er oft gespäht in Luv und Lee
als wie nach einer sehr erwünschten Braut.

Doch, ach, sie war die Braut bereits des Winds, —
die 'Windsbraut' wars, die seine Ruh gestört" (G S. 156).

Die dann folgende Antwort der Windsbraut, daß sie "des Winds Gespiel"
sei, ergibt sich aus einer weiteren sprachlichen Wendung, die das
Wort Wind evoziert: es ist die bekannte Redensart vom "Spiel der Winde".
Und wenn dann am Schluß des Gedichtes v. Korf "sich stumm nach
seinem Giebel" begibt, so wird auch diese ungewöhnliche Ortsbezeichnung
nur als eine weitere Entfaltung dieser sprachlichen Eigenwelt verständlich,
denn dieser Giebel entstammt nur der Erweiterung der vorstehenden
Redewendung zum "Spiel der Winde um den Giebel".

An diesem Beispiel kann das schöpferische Spiel der Sprache als Phantasie,
die "absolute" Sprache des Als-ob, sehr deutlich abgelesen werden.
Hier finden sich nicht Worte zu primär vorhandenen Vorgängen, sondern
Handlung, Dinge und Personen des Gedichtes ergeben sich ausschließlich
aus einer Spielbewegung der Sprache. Hier spricht sich die Sprache gleichsam
selber aus, hier wird nicht mit dem Werkzeug Sprache eine Wirklichkeit
bezeichnet und abgebildet, sondern hier wird einer eigenständig sich
entfaltenden Sprachwelt ent-sprochen.

Dazu sei noch ein weiteres Galgenlied angeführt, dessen gesamter
balladenartiger Handlungsablauf sich in der gleichen Weise aus der
Sprache selbst ergibt:

"Lebens-Lauf

Ein Mann verfolgte einen ändern
(aus Deutz). (Er selber war aus Flandern.)

Der Deutzer, just kein großer Held,
gibt unverzüglich Fersengeld.

Der Fläme sagt sich: 'Ei, nun gut!'
und sammelt es in seinen Hut...

Durch ganz Europa geht es so.
Sie sind bereits am Flusse Po.

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Sie sind in Algier ungefähr,
da ist der eine Millionär.

Wie — Millionär? O Allahs Güte!
Sein Schatz mißt hunderttausend Hüte.

Nein: Legionär — dies ist das Wort!
Und jener sagts ihm auch sofort.

Und beide teilen sich das Geld
und kaufen sich dafür die Welt.

- - - - - - - - - - - -

Tief in Marokko steht ein Kreuz,
da ruhn die aus Brabant und Deutz,

die beiden fremden Legionäre.
O Mensch, das Geld ist nur Schimäre!" (G S. 264 f.)

Schon im Titel des Gedichtes ist die übertragene Bedeutung des Wortes
Lebens-Lauf (die Schreibung deutet darauf hin) wörtlich zu nehmen. Der
wahrhaftige Lauf dieses Lebens ergibt sich dann aus dem Dingwort
"Fersengeld", welches wiederum wörtlich verstanden ist und so zum Ursprung
der seltsamen Welt des Gedichtes und der geschilderten Begebenheiten
wird. Eingesammeltes Fersengeld macht den Verfolger zum Millionär,
auf einmal aber verwandelt sich dieser Millionär zum Legionär.
Diese überraschende Verwandlung ist nichts anderes als der Eingriff der
Sprache als Phantasie: der Schatz des Verfolgers mißt hunderttausend
Hüte — diese "Tatsache" evoziert assoziativ die sprachliche Wendung:
der Schatz sei eine "Legion" von Hüten. Diese Legion macht ihren Besitzer
dann zum Legionär. Der Schluß des Gedichtes fällt jedoch in einer
auffallenden und befremdlichen Weise aus der so entstandenen sprachlichen
Eigenwelt wieder heraus, wenn er aus der scheinhaften und, gemessen
an der Übereinstimmung mit der Realität, unsinnigen Geschichte
eine so sinnvolle Moral zieht. Von diesem Schluß her ergibt sich somit
nochmals eine Verschiebung der Bereiche des Wirklichen und des Unwirklichen,
wenn der Wahrheitsgehalt dieser Aussage gerade an einer schimärischen
Spielwelt des Als-ob demonstriert wurde.

In allen angeführten Beispielen wurde das Spiel der Sprache mit ihren
eigenen Bedeutungsmöglichkeiten evident, aus dem sich jeweils Ansätze
zur Bildung einer eigenständigen mehrdimensionalen Sprach-Spiel-Welt
ergaben. Der Raum, in dem sich diese Weltzusammenhänge entfalteten,
war jeweils ein Sprachbereich zwischen dem eigentlich Gesagten und dem
wörtlich Gesagten. Aus der scheinbaren Realisation sprachlicher Möglichkeiten
außerhalb des Sprachraumes ergab sich ein zwischen Wirklichkeit
und bloßem Schein schwankendes Spiel mit einem doppelten Boden.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten