JW:SuSiCMG - Die Galgenberg-Welt

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1. Die Galgenberg-Welt

Die Galgenberg-Welt ist sozusagen der Kern aller Galgenlieder. Sie umfaßt
die zeitlich frühesten Gedichte und ist das unmittelbare Produkt
eines Spieles, das Morgenstern nach dem Besuch eines sogenannten Galgenberges
mit einigen gleichgesinnten Freunden trieb. Ihr Ursprung liegt
allein im Wort "Galgenberg".

Dieses Wort gibt die Richtung zu einer spielerischen Entwicklung einer
eigenen Sprachwelt vor. Über den Weg der Assoziation seines Beziehungsgeflechtes,
das es als Dingwort impliziert, entläßt es einen eigenen Personen-
und Gestaltenkreis aus sich heraus. Es bildet sich die Gemeinschaft
der "Galgenbrüder" mit ihren "Galgenliedern" ["Bundeslied der "Galgenbrüder"
(G S. 19), "Galgenbruders Frühlingslied" (G S. 32), "Galgenbruders
Gebet" (G S. 33) usw.], hinzu kommen ein "Galgenkind" (G
S. 100) und des "Galgenstrickes dickes Ende" (G S. 21). Ferner gehören
zum Galgen ein "Henker" (G S. 28), das "Henkersmahl" (G S. 11) und
ein "Henkersmädel": "Sophie, die Henkersmaid" (G S. 20). Und auch
die einzelnen Namen der Galgenbrüder stehen dazu in engster Beziehung:
"Schuhu", "Verreckerle", "Rabenaas", "Veitstanz", "Gurgeljochem",
"Spinna, das Gespenst", "Stummer Hannes", "Faherüggh, mit dem Beinamen
der Unselm" (G S. 11).

Gleichzeitig gibt das Wort "Galgenberg" aber auch eine ganz bestimmte
Zeit und eine ganz bestimmte Stimmung vor: die schaurig-gespenstige
Mitternachtsstunde. Die Zahl zwölf erscheint somit mehrfach, wobei sie
mit dem Koboldwesen Elf verbunden wird, so daß das seltsame Geschöpf
des "Zwölf-Elfs" (G S. 24) entsteht. Ein Spiel mit der doppelten Wortbedeutung
(Elf = 1. Kobold, 2. Zahl) setzt auch hier ein: der Zwölf-Elf
wird durch "Addition" ein "Dreiundzwanzig" (G S. 34) oder in der Verkleinerungsform
ein "Sechs-Elf" (G S. 92). Dazu entsteht eine "Mitternachtsmaus"
(G S. 46), und die Beziehungsganzheit des Nächtlichen erschafft
sprachlich noch eine ganze Reihe weiterer solcher Nachtgeschöpfe:
den "Nachtschelm" (G S. 52), den "Nachtmahr" (G S. 24), den "Nachtwindhund"
(G S. 47), die "Nachtalp-Henne" (G S. 92) und schließlich
auch wohl "Fisches Nachtgesang" (G S. 31).

Die nächtlich-schaurige Stimmung trägt noch andere Geschöpfe hinzu:
so die "Unke" (G S. 19), die "Kröte" (G S. 33), die "Eule" (G S. 19), die
über den Weg der Assonanz das "Abstraktum" die "Greule" erzeugt, den
"Kauz", der "pardauz" schreit (G S. 19), den "Uhu" mit seiner "Uhuin"
(G S. 92), die "Hyäne" (G S. 49) und den "Raben Ralf" am "Rabenstein"
(G S. 30), der seinen Namen wiederum allein dem Sprachklang
verdankt, der konsonantischen Verbindung lf, die wiederholt in den
Galgenliedern auftaucht (vgl. Zwölf-Elf usw.) und offenbar etwas Schauriges
bezeichnen und evozieren soll17, und dem zweimal anklingenden
Ra-, welches dem Ruf des Tieres lautlich nahekommt.

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17 Vgl. Spitzer, a. a. O. S. 66.

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Neben diesen "wirklichen" Tieren erscheinen aber auch aus der gleichen
Stimmung heraus neue Sprachschöpfungen: die "Rabenmaus" (G
S. 52), der "Schluchtenhund" (G S. 24), der "Silbergaul" oder "Silbertraber"
(G S. 33), der „Höllengaul“ (G S. 46), der „Uhu-Tauber“ (G
S. 92), der „Werhund“ (G S. 94). Dazu treten Gespenster auf: „Irrlichter“
(G S. 24), "Wiedergänger" (G S. 92), die "Nebelfrau" (G S. 30) und "der
große weiße Geist" (G S. 46).

Darüber hinaus erfüllt die Sprache diese Galgenberg-Welt mit weiteren
Wesen und Gestalten, die zwar nicht mehr unbedingt der Stimmung des
Schauerlichen entwachsen, aber doch die einmal eingeschlagene Richtung
der Sprachphantasie weiterentwickeln. Zur Mitternachtsmaus und Rabenmaus
gesellt sich eine "Kartoffelmaus" (G S. 25), zur Eule eine "Auftakteule"
(G S. 37). Diese Auftakteule evoziert aus dem Bereich der
Musik, dem sie ja zum Teil angehört, eine "Fiedelbogenpflanze", einen
"Geigerich" und ein "Vierviertelschwein" (G S. 37). Mit diesem Vierviertelschwein
bildet sich dann eine weitere ganz neue Tierfamilie, der
auch das "Siebenschwein" (G S. 52) und das "Zapfenschwein" (G S. 94)
entstammen. Ferner ergibt sich aus der Stimmung des Nächtlich-Schaurigen
sozusagen neben dem Galgenberg noch ein zweiter Spielraum in
dem Gebiet von "Teich und Sumpf" (G S. 24/25 u. 92), in dem dann die
"Fingur und ihr Wasserstaat" (G S. 92 u. 294) beheimatet sind, ebenso
der "Moosfrosch" (G S. 25), die "Schleiche" (G S. 95), der "Wasseresel"
(G S. 294) und in einem weiteren Sinne auch wohl der "Kräuterdachs" (G S. 94).

Aus dem Ursprungswort "Galgenberg" ergeben sich aber nicht nur
Dingworte, die alle diese aufgeführten Wesen nennen, auch die in diesen
Gedichten verwandten Verben und Adjektive sind größtenteils schon von
ihm her vorgezeichnet. So tauchen immer wieder die Verben "verfluchen",
"zerbrechen", "schreien" (G S. 19), "pfeifen", "keifen", "heulen" (z. B.
G S. 21, 24, 49), "ächzen", "lechzen" (G S. 21), "brüllen" (G S. 46) auf;
daneben sind z. B. die bevorzugten Farbadjektiva: "schwarz" (G S. 20,
92), "rot" (oft in Verbindung mit "tot") (G S. 19, 26, 30), das als gespenstig-
schauerlich empfundene "weiß" (G S. 46) und "silbern" (G S. 19,
33), ferner "schweflig" (G S. 49).

Diesem Galgenberg-Spiel sind sämtliche formalen Kennzeichen eines
echten Spieles eigen. Es hat einen eigenen inneren Raum, den Galgenberg
und das nächtlich-schaurige Gebiet um Teich und Sumpf, und eine eigene
innere Zeit, die Mitternachtsstunde. Es entsteht innerhalb der Spielgemeinde
der Galgenbrüder und bewegt sich nach eigenen Spielregeln, die
ohne Rücksicht auf Gegebenheiten der Realität allein sprachliche Gesetzmäßigkeiten
und Möglichkeiten zulassen und ausspielen. Schließlich aber
ist das auffallendste Kennzeichen die ganz einheitliche Spielstimmung,
die diese Gedichte durchherrscht. Es ist eine seltsame Mischung aus Heiterkeit
und Grauen, eine spielerische Lust am Schaurigen — oder, um es mit
einem Wort von Morgenstern selbst zu sagen: es ist eine "freudig-schreckliche"
Stimmung (vgl. G S. 11). Und darin liegt zugleich auch die Mehrdimensionalität

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dieser Spielwelt, ihr doppelter Boden. Die Galgenlieder
sind ein Spiel mit dem Schaurigen, dem Nächtlich-Grausigen, ja selbst der
Tod wird in dieses Spiel mit hineingenommen, entscheidend aber ist, daß
hier Spieler und Leser jederzeit wissen, daß sie nur so "tun als ob". Dieses
Spiel verliert niemals seine Freiheit, das Nur-Spielerische bleibt immer
sichtbar, nirgends verwischt sich die Grenze zwischen freiem Spiel und
unentrinnbarem Ernst, kein Abgrund tut sich auf, in dem der Leser sozusagen
den Boden unter den Füßen verliert, vielmehr bleibt diese fremde,
andersartige Welt letzten Endes immer irgendwie durchschaubar und
deutbar und in ihrem eigenen Zusammenhang auch sinnvoll: als reine
Spielwelt der Sprache. Nur dort, wo die Sprache manchmal selbst ins
Unbeherrschbare und Unkontrollierbare abzugleiten und den Sprechenden
gleichsam zu überspielen und zu entmündigen droht, mag sich ein
Befremden über etwas nicht ganz Geheures einstellen, das aber eher ein
Nachdenklichwerden zur Folge hat als etwa eine Verzweiflung an der
Sinnlosigkeit der Welt. So rufen diese Gedichte auch kein beklemmendes
oder gar zynisches Gelächter beim Leser hervor, welches krampfhaft versucht,
ein übermächtig werdendes Grauen abzuschütteln, sondern ihre
Wirkung ist eine spielerisch entspannende Heiterkeit. Trotz des zufälligen
Wortanklanges sind die Galgenlieder alles andere als "schwarzer Galgenhumor".

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten