JW:SuSiCMG - Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum

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3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt

a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum

Vor diesem Hintergrund rückt jetzt das Galgenlied "Die Westküsten"
von neuem ausdrücklich in das Blickfeld. Die Westküsten verlassen ihr
Land und treffen sich irgendwo im Meer — mit der Aussage dieses so
einfachen, aber eben unmöglichen Vorganges hat die Sprache den Möglichkeitsraum
der Dingwelt überspielt. Gerade das ganz und gar Widersinnige,
das Unlogische und Unmögliche der Dingwelt ist im Raum der
Sprache möglich. In dieser Inkongruenz von Dingwelt und Sprachraum
tritt ein eigener sprachlicher Möglichkeitsraum in Erscheinung, der weiter
und umfassender ist als derjenige der Dingwelt, der das, was in dieser
unmöglich ist, noch mit umgreift und in dem das sachlich Unvereinbare
ohne weiteres vereint werden kann. Die Sprache wirkt hier nicht primär
als Wiedergabe einer erfahrbaren Wirklichkeit, sondern als Seinsmöglichkeit
dessen, was es "in Wirklichkeit" nicht gibt, was nur sein könnte oder
aber auch, was nicht sein könnte. Sprache ist hier über die bloße Abbildung
des Vorhandenen hinausgehende Weltschöpfung.

Das ist in einem ganz elementaren Sinne zu verstehen: Morgenstern
prangert hier nicht die Sprache an, die den Widersinn einer Küste ohne

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Land zuläßt, sondern er folgt ganz einfach nur einer sprachlichen Möglichkeit.
Die im Grunde ganz selbstverständliche Tatsache, daß die Sprache
etwas aussagen kann, was der Realität nicht entspricht, daß die Sprache
"lügen" kann, die Tatsache, daß die Sprache unwahr spricht im Sinne
einer adaequatio ad rem, tritt hier aus ihrer Selbstverständlichkeit heraus
und wird zur eigentlich schöpferischen Erfahrung. Morgenstern läßt sich
in seinen Galgenliedern auf die unendlich reichen Möglichkeiten der
Sprache ein und befreit sie so aus den Fesseln einer bloßen Wiedergabe
der empirischen Wirklichkeit. Damit aber gibt er die Sprache nicht letzten
Endes preis, er gibt sie vielmehr auf ein eigentliches Wesen hin frei. Denn:
"Erst das Wort reißt Klüfte auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sprache
ist in unsere termini übersetzt 'zerklüftete Wirklichkeit'" (ST S. 69).

Diese Kluft zwischen Ding- und Sprachraum tat sich im plötzlichen
Fremdwerden der Dingworte Westküste oder Saal oder Knie auf. In
einem solchen Fragwürdigwerden enthüllt sich die Sprache immer wieder
als ein eigener Raum, der sich mit dem der Dingwelt nicht deckt. So stehen
zum Beispiel in der Sprache die in der realen Welt so verschiedenartigen
"Dinge" wie eben eine unabgrenzbare, nie für sich allein faßbare Küste
oder ein Relationsbegriff wie ein Knie oder auch ein sehr handgreiflicher
Gebrauchsgegenstand wie ein Stiefel ununterschieden in der gleichen
sprachlichen Kategorie des Dingwortes. Wenn man aber dementsprechend
völlig gleichartige Vorgänge wie z. B. den einer Ortsveränderung auf
alle diese Dinge in gleicher Weise sprachlich überträgt, so tut sich plötzlich
eine abgründige Kluft auf, und Küste und Knie zeigen sich sozusagen als
bloße "Wort-Dinge", denen in der empirischen Realität keine an und
für sich seienden Dinge direkt entsprechen. Sie sind nur Verdinglichungen
der Sprache. Die Sprache selbst tritt hier in Erscheinung, die die Welt
des Realen eigenständig und eigenmächtig aufteilt und zerklüftet. Als
Dingworte erscheinen in der Sprache nicht nur die Benennungen von
sichtbaren realen Dingen, sondern auch bloße Relationen, Vorgänge, Tätigkeiten.
Wenn Morgenstern nun eine solche Relation entsprechend ihrer
sprachlichen Erscheinung als Ding faßt, so entfaltet sich eine "zerklüftete
Wirklichkeit", eine andere Welt, eine Eigenwelt der Sprache.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten