JW:SuSiCMG - Die Literatur des Komischen und des Humors

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3. Die Literatur des Komischen und des Humors

Lag ein Haupteinwand gegen eine Einordnung der Galgenlieder in die
Tradition der grotesken und manieristischen Literatur darin, daß in einer
solchen Sicht ihr elementarer Spielcharakter unberücksichtigt blieb, so
scheint sich gerade von diesem heiteren Spielcharakter her ein anderer

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Traditionszusammenhang anzubieten: die Literatur des Komischen und
des Humors. Man ist auch weithin gewohnt, die Galgenlieder einfach als
komische und humorvolle Gedichte anzusehen. So stehen sie dann etwa
in einer Reihe mit den Dichtungen von Wilhelm Busch oder Ringelnatz.
Aber auch dabei gilt es zu differenzieren.

Zuerst einmal muß jede Literatur, die ihren Ausgangspunkt beim parodistischen,
Karikaturistischen, Ironischen und Satirischen nimmt, was
sowohl bei Busch wie auch bei Ringelnatz gerade immer wieder der Fall
ist, aus diesem Zusammenhang ausgeschieden werden. Eine solche Ausrichtung
steht im krassen Widerspruch zur Grundsituation der Galgenlieder.

Andererseits haben sie durchaus den Charakter des Nichternstes, sie
reizen zum Lachen oder besser: zu einem heiteren Lächeln. Allerdings ist
das nicht ihr Hauptanliegen, es wurde schon darauf hingewiesen, wie sie
oft Witz und Pointe geradezu verspielen. Das Komische, wie es uns in
einigen Gedichten begegnet, steht aber in keinem Widerspruch zur Grundsituation
des Sprachspiels, nur ist sein Zusammenhang mit dem Spiel
durchaus nebensächlich: "An sich ist das Spiel nicht komisch."12 Das Komische
entspringt, wie es F. G. Jünger dargestellt hat, jeweils einer Konfliktsituation
und spielt diesen Konflikt absichtlich aus13. In den Galgenliedern
kann sich solche Komik ergeben, wenn das Spiel sprachlicher
Möglichkeiten mit der Wirklichkeit in einer zum unwillkürlichen Lachen
reizenden Weise kontrastiert: "Die Möwen sehen alle aus, als ob sie
Emma hießen" (G S. 88). Aber solche Beispiele finden sich selten und liegen
gleichsam am Rande, eben weil die Grundsituation nicht allein diese
Konfliktsituation ist. Mit anderen Worten heißt das: eine Zuordnung der
Galgenlieder zur komischen Literatur würde sich nur auf eine Randerscheinung
stützen können und die Galgenlieder nicht im Zentrum treffen.
Ihre Interpretation aus der Sicht des Komischen wird von ihrer Auslegung
als Spiel her schon unterlaufen.

Ähnlich verhält es sich mit den Erscheinungen des Witzes und des
Humors. "Der Witz gehört unter den Spieltrieb. Das Spiel offenbart die
große Freiheit des Geistes", lautet eine Äußerung Goethes14. Und auch
Huizinga sieht in seiner Studie "Homo Ludens" im Witz ein letztes Element
des Spiels15. Humor ist in einem weitesten Sinne Ausdruck eines
heiteren Spieles, Ausdruck einer Loslösung und Freiheit von den bedingten
Erscheinungen der Welt, "ein Hauch über den Dingen" (B S. 401),
wie Morgenstern selbst sagt, ein "gewisses Unwägbares" (B S. 407), ein
letztlich gelassenes und versöhnendes Spiel. Dichtung, die einen solchen
Ursprung hat, muß den Galgenliedern sehr nahe liegen.

Wesentlich bleibt nur, daß der Sprachwitz der Galgenlieder nicht als
eine spezifische Erscheinung des Komischen und des Humors entsteht, sondern

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12 Huizinga, a. a. O. S. 13.
13 Vgl. dazu: F. G. Jünger, Uber das Komische, Hamburg 1936.
14 Goethes Gespräche, hrsg. von F. von Biedermann, Leipzig 1909, Bd. 2, S. 20.
15 Huizinga, a. a. O. S. 10.

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sich ganz allein aus dem Sprachspiel ergibt und von ihm her geprägt
ist. Und so ist auch eine Einordnung dieser Gedichte in die Literatur des
Komischen und des Humors letztlich immer wieder auf die Grundsituation
des Sprachspieles zurückverwiesen. Humor und Komik können nicht
allein den literarischen Standort der Galgenlieder bestimmen. Er kann
nur da liegen, wo sich in einem naiven oder sehr bewußten Sinne ein
echtes poetisches Sprachspiel ergibt, das sich allerdings mit Erscheinungen
der komischen und humoristischen Literatur durchaus decken kann.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten