JW:SuSiCMG - Die Mondwelt

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2. Die Mond-Welt

Größtenteils noch innerhalb der Galgenberg-Welt, aber doch eigenständig
über sie hinausgreifend kristallisiert sich noch eine weitere Sprach-Spiel-
Welt heraus, deren Ursprung im Wort "Mond" zu suchen ist. Ursprünglich
wird der Mond mit seinem "barbarischen Gefunkel" (G S. 45) ein
Teil der Beziehungsganzheit des mitternächtlich-schaurigen Galgenberges
gewesen sein, er verselbständigt sich dann aber dermaßen, daß er in gleicher
Weise wie das Wort "Galgenberg" eine völlig in sich geschlossene
eigene Welt aus sich entläßt.

So entsteht das berühmte "Mondschaf" (G S. 26), das dazu noch einmal
in lateinischer Übersetzung als "lunovis" auftritt (G S. 27). Zu diesem
Mondschaf, das mit dem Untergang des Mondes am Morgen tot
daliegt, gesellt sich das "Mondkalb" (G S. 42 u. 49). Dazu kommen ein
"Mondberg-Uhu" (G S. 50) und eine "Mondhof-Mähre" (G S. 214), und
schließlich gibt es neben dem wiederholt erscheinenden "Mondenschein"
und "Mondenlicht" (G S. 45, 238 u. 294) auch "Mondspinnweben“ (G
S. 239) und eine "Mond-Uhr", die auf "halber ilf" steht (G S. 33), ein
"Neumondweib" (G S. 42) und einen "Bogen-Mond" (G S. 237). Und in
engster Beziehung dazu steht auch das Gedicht "Der Mond", in dem der
Trabant von Gott den Beruf bekommt, beim Zu- oder Abnehmen ein
deutsches A oder Z zu formieren, und so ein "völlig deutscher Gegenstand"
wird (G S. 48).

Schon hier ist ersichtlich, wie wiederum die Sprache selbst aus sich
heraus Dinge und Gestalten schafft und in Beziehungen rückt, die normalerweise
nicht unbedingt gegeben sind. Ganz deutlich wird dieser Vorgang
aber dort, wo zu diesen Mondwesen noch zwei sehr seltsame "Mondendinge"
hinzukommen, nämlich "Tulemond und Mondamin" (G S. 49).
Hier hat die Spielregel, nach der in diesen Gedichten sprachliche Gesetzmäßigkeiten
und Möglichkeiten allein bindend sind, ihre volle Geltung
erlangt. Dem Sinne und der Bedeutung nach völlig heterogene "Dinge"
werden allein aufgrund ihres lautlichen Gleichklangs zu Teilstücken
dieser eigenen Mondwelt. Dabei werden sogar fremde Sprachen willkürlich
vermischt, denn "Tulemond" ist nichts anderes als eine Entstellung
des französischen "tout le monde".

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten