JW:SuSiCMG - Die Phantasie

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...

1. Die Phantasie

Das bestimmende Element dieses Galgenliedes ist eine Verwandlung. Das
Abstraktum "die Nähe" wird so gefaßt, als bezeichne dieses Dingwort
ein reales Ding, als sei es ein Konkretum. Dieses so erhaltene Ding wird
animiert, in die Beziehungsganzheit des Menschlichen eingesetzt und erscheint
somit "als Anderes" in einem ganz bestimmten Möglichkeitsraum.
Innerhalb dieses neuen Möglichkeitsraumes haftet ihm aber noch die Bedeutung
des ursprünglichen Abstraktums an ("sie kam nie zu den Dingen
selber"), wodurch die Bereiche seltsam vermischt bleiben. In der zweiten
Strophe vollzieht sich dann plötzlich eine weitere Wandlung: eine in
Analogie zu einem Begriff der Kantschen Philosophie neugebildete
sprachlich-grammatische Kategorie "steigert" diese Nähe, ermöglicht
durch eine Homonymie, zum "Näher" und schließlich unter Beibehaltung
des ursprünglichen Geschlechtes zur "Näherin". Damit hat die Sprache
gleichsam selbst eingegriffen, ein sprachlicher Eigenraum ist entstanden,
sprachliche Möglichkeiten haben die Möglichkeiten der realen Dingwelt
überspielt. Die letzte Strophe jedoch fällt gewissermaßen durch eine Rückverwandlung
wieder aus diesem Raum heraus und setzt die soeben als
sprachliche Möglichkeit erschaffene Näherin wieder in den Möglichkeitsraum
der Dingwelt zurück, wo sie jetzt Frau Nolte heißt und durch das
Nähen von Putz ausdrücklich in ein reales Beziehungsgefüge eingeordnet
ist. In dieser normalen und vertrauten Welt muß sie dann "all Obiges
für Spaß" halten.

Die Sprache destruiert die gewohnten Weltbezüge und entfaltet eine
sprachliche Eigenwelt — so weit fügt sich auch dieses Gedicht in den
Rahmen, der bisher abgesteckt wurde. Darüber hinaus aber fällt noch
etwas anderes auf: das scheinbar völlig willkürliche Vermischen und Umschlagen
der einzelnen Bereiche und das eigenartige Spiel, das sich sprachlich
ergibt, das Wortspiel: Nähe — Näher — Näherin. Es stellt sich die

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Frage nach der Kraft, die diese Verwandlung bewirkt und dieses Spiel in
Bewegung setzt.

Es gibt einen Vers Morgensterns, betitelt "Ad Galgenlieder":

"Ich habe die Welt zu Flugsand zerdacht,
doch könnt ich das Kind in mir nicht töten,
so hab ich es endlich kaum weiter gebracht
als zum Schnitzen von Weidenflöten."24

Dieser Vers beschreibt eine gleichsam zweistufige Entstehung der Galgenlieder:
einem Zerdenken der Welt, dem Zerlegen, Deformieren und
Destruieren folgt notwendig ein zweiter Teil des Schöpfungsprozesses,
der bisher vorläufig als Entfaltung der sprachlichen Eigenwelt gefaßt
wurde und den Morgenstern hier als ein kindliches Schnitzen von Weidenflöten
umschreibt. Diese Umschreibung enthält einen entscheidenden
Hinweis für die Beantwortung der oben gestellten Frage, denn sie beschwört,
wenn sie ein Spielzeug zur Verdeutlichung heranzieht, zwei Phänomene
herauf: die Phantasie und das Spiel.

Wenn die Sprache der Galgenlieder die Grenzen der empirischen Wirklichkeit
sprengt und eine andere Welt zur Erscheinung bringt, dann muß
hier in der Sprache selbst eine Kraft wirksam sein, die über den sinnlich
erfahrbaren Möglichkeitsraum der Dingwelt hinaus neue Räume jenseits
des Wirklichen zu erschließen vermag. Diese kreative Kraft ist die
menschliche Einbildungskraft: die Phantasie.

Fragen wir nämlich dem Verfahren der Phantasie nach, so stoßen wir
auf längst Bekanntes. Von Baudelaire stammt der Satz: "Die Phantasie
zerlegt (décompose) die ganze Schöpfung; nach Gesetzen, die ihr im
tiefsten Seeleninnern entspringen, sammelt und gliedert sie die (dadurch
entstandenen) Teile und erzeugt daraus eine neue Welt."25 Es ist verblüffend,
wie genau sich das hier geschilderte Verfahren der Phantasie
mit der bisher herausgearbeiteten Grundsituation und auch mit der
Aussage des Verses „Ad Galgenlieder“ deckt. Auch in den Galgenliedern
ist es die Phantasie, die die Realwelt verändert und verwandelt, die
Gesetzmäßigkeiten des Normalen zerstört, die Gegebenheiten ver-rückt
und zugleich daraus eine neue, andere, eigenständige Welt erstellt.

Dabei ist es ein Hauptmerkmal dieser Phantasie, daß sie sich niemals
ganz von der Realwelt ablöst, sondern gerade in der Destruktion bewahrt
sie immer noch einen Bezug zur gewohnten Dingwelt, die Elemente
ihrer neuen Welt bleiben Bruchstücke der alten Wirklichkeit. Ihre
Welt schwebt nicht bodenlos in einem irrealen Raum, so daß Morgenstern
folgerichtig sagen kann: „Und ich habe noch keine Phantasie gehabt, die
nicht eine — wenn auch noch so verborgene Nabelschnur zur Wirklichkeit
gehabt hätte“ (B S. 175). Die in den Galgenliedern immer wieder geübte

______________
24Morgenstern, Epigramme und Sprüche, a. a. O. S. 93.
25Zitiert nach Hugo Friedrich, Die Struktur der modernen Lyrik, Hamburg 1956, S. 41.

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Deformation der Dingwelt erscheint so als der durchaus positiv und bejahend
aufzufassende erste Teil eines Schöpfungsaktes der Phantasie,
welcher eine notwendige Voraussetzung dieser Dichtungen ist, weil er erst
die Bausteine für die Bildung ihrer Eigenwelt freigibt.

Mit der Deformation der Beziehungsganzheiten entrealisiert die
Phantasie gleichsam die wirkliche Dingwelt. Das ist ein Akt der Befreiung.
Die Phantasie sprengt die Bindungen der Realität und erweitert den
Radius ihrer Möglichkeiten nach eigenen Gesetzen. Ihr eigentliches Reich
ist das empirisch Unmögliche, das Reich des Scheins. Sie errichtet es mit
Hilfe ihres Vermögens zur praktisch unbegrenzten Verwandlung. Diese
Verwandlungskraft liegt in jedem Falle ihrer Verfahrensweise zugrunde.
Sie verändert das real Gegebene und versetzt es in einen irrealen Raum.
Sie läßt die Dinge plötzlich "als Andere" erscheinen. Sie hebt unverwischbare
Unterschiede auf wie zum Beispiel im vorliegenden Gedicht den zwischen
Abstraktem und Konkretem. Sie überspielt alle Grenzen und verkehrt
jegliche Ordnungen. Sie ist zugleich Befreierin und gleichsam omnipotente
Schöpfungsmacht. Ihre Geschöpfe bewegen sich unabhängig und
losgelöst, irreal und absolut nach eigenen Gesetzen in einem eigenen
Raum.

Es sind eben diese Gesetze der Phantasie, nach denen sich die sprachliche
Welt der Galgenlieder entfaltet. Ihre "autonome" Sprache des Irrealen
und des Als-ob ist die Sprache als Phantasie. Als Phantasie vermag die
Sprache sich aus einer Bindung an eine Wiedergabe der Realität zum
Zwecke der Mitteilung und Verständigung zu lösen, vermag sie ihre
Eigenwelt als eine Welt phantastischer sprachlicher Möglichkeiten zu entfalten,
zu denen in erster Linie die Möglichkeit zur plötzlichen sprachlichen
Verwandlung gehört. Als Phantasie gewinnt die Sprache eine fast
unbegrenzte kreative Kraft.

Dabei ist es jedoch sehr wesentlich, daß die Rolle der Phantasie in den
Galgenliedern nicht so verstanden wird, als ob die Sprache hier statt realer
Gebilde nun Geschöpfe und Vorgänge der Phantasie darstelle, als ob
sie, aus der Wiedergabe der Wirklichkeit befreit, nun die neue Funktion
habe, ein Reich der Phantasie abzubilden und mitzuteilen. Eben das ist
nicht der Fall. Wenn sich im vorliegenden Gedicht die "Nähe" zur "Näherin"
wandelt, so ist das der unmittelbare Vollzug der aus den Bindungen
an eine Wiedergabe der Realität entfesselten Sprache und nicht —
was ein wesentlicher Unterschied ist — die sprachliche Darstellung einer
entfesselten Wirklichkeit oder phantastischen Scheinwelt. Die Sprache
bildet weder die Phantasie nach noch beschreibt sie etwas Phantastisches,
sondern sie spricht als Phantasie. Es ist gewissermaßen eine sprachimmanente
Phantasie. Denn die Möglichkeit zur Verwandlung wird der
Sprache nicht von der Phantasie vorgegeben, sondern die Sprache schöpft
diese Möglichkeit allein aus sich selbst. Die "Steigerung" der Nähe zur
Näherin ist nicht das Produkt einer phantastischen Vorstellung, welche
die Sprache nur nachträglich benennt und darstellt, wie sie z. B. ein erfundenes
phantastisches Geschöpf einer nur in der Einbildung existierenden

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Welt darstellen könnte, sondern die Sprache vollzieht hier eigene
Möglichkeiten, wenn sie gleichlautende Worte identisch setzt und damit
ohne Rücksicht auf die Gesetze der Realität, auf das, was benannt wird,
eben allein nach den Gesetzen der Phantasie verfährt. Die Sprache wird
als Phantasie allein aus sich selbst heraus schöpferisch: als Phantasie der
Sprache und als Sprache der Phantasie.

Morgenstern selbst hat in zahlreichen Äußerungen über die Galgenlieder
immer wieder auf die tragende Rolle der Phantasie verwiesen. So,
wenn er z. B. das Gedicht "Gebet" (G S. 22) erläutert: "In den Rehlein
dagegen standen Sinn für Phonetik, Phantasie und simple Naturbetrachtung
Pate" (B S. 400). Oder er schreibt: "Wenn diese zwei, drei Bücher
(Galgenlieder, Palmström) nur ein bißchen geistige Leichtigkeit, Heiterkeit,
Freiheit verbreiten, die Phantasie beleben... so ist es genug"
(B S. 404). Morgenstern will „die heute so beengte und zurückgedrängte
Phantasie auf einen höchst erwünschten Tummelplatz" (B S. 405) locken,
denn, so schreibt er an anderer Stelle: "Schließlich und endlich: was vermisse
ich unter meinen Mitmenschen am meisten: Wirkliche, wirkliche
Phantasie" (ST S. 154).

Morgensterns ganzem Wesen, seinem Denken und seiner, wie er sie
selber nennt, "dilettantischen" Philosophie26 liegen Systematik und bloße
Rationalität vollkommen fern. Er denkt nicht erkenntnistheoretisch, sein
Weltbild widerstrebt jeder Wissenschaftlichkeit, seine Spekulationen über
Welt, Mensch, Sprache, Gott sind in einem eigentlichen Sinne Phantasie.
Herbert Giffey schreibt über "Morgenstern als Mystiker": "Phantasie ist
der Hauptbestandteil seines erkennenden Denkens. Phantasie führt ihn
beim Philosophieren 'an den Rand des Wahnsinns' — und Phantasie ist
es, die ihn hindert, seine Philosophie zur wissenschaftlichen zu machen."27

Dabei weiß Morgenstern sowohl um die destruktive wie um die konstruktive
Macht der Phantasie. Ihre destruktive Seite steht deutlich hinter
Äußerungen wie dieser: "Mir fällt in aller bisherigen Philosophie eins
auf: Sie hat nie recht genug — Phantasie. Sie zerbrach nie ihre Begriffe —
aus Phantasie“ (ST S. 207). Als konstruktive, weltbildende Macht erfährt
er sie vor allem in seiner Lieblingsidee des "Zollstockspiels". Im
Gediditband "Melancholie" steht der Vers:

"Tragikomödie eines Phantasten.

Ich schnelle meinen Zollstock mit der Hand —
und halbe Welt entwächst den dürren Sparren.
Ich schnelle meinen Zollstock mit der Hand —
und Ihr, was seht ihr? Nichts plus einen Narren."28

Diese weltschöpferische Macht der Phantasie bildet für Morgenstern
eine grundlegende Erfahrung und ist ihm immer wieder eine unerschöpfliche

___________
26 Vgl. dazu ST S. 146 und 149.
27 Herbert Giffey, Morgenstern als Mystiker, Bern 1931, S. 29.
28 Chr. Morgenstern, Melancholie, Berlin 1906, S. 80.

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 Erlebnisquelle20. So ist es auch keineswegs ein Zufall, daß das Zollstockspiel
in den Galgenliedern als Thema auftaucht. Palmström weist
Korf eine "Art von Zollstock":

"'Siehst du diesen Zollstock', spricht er; —
,dieser Zollstock ist ein Dichter:
Brich mit Kunst ihn hin und wieder,
nütze seine vielen Glieder,
und ein Baum erwächst daraus
und ein Kirchturm und ein Haus...
"Wirklichkeit" zwar schaust du nie,
doch es jauchzt die Phantasie'" (G S. 120).

Wenn Morgenstern in seiner Einleitung der Galgenlieder von der
"Galgenpoesie" sagt: "Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten,
Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht", wenn er "die Quadrate
des Unsinnlichen über den drei Seiten des Sinnlichen" errichten will und
wenn er dann schreibt: "Betrachten wir den 'Galgenberg' als ein Lugaus
der Phantasie ins Rings. Im Rings befindet sich noch viel Stummes"
(G S. 14), so sieht auch er diese Gedichte ausdrücklich aus einem Zusammenwirken
von Sprache und Phantasie erwachsen. Die Sprache vermag
hier als Phantasie das zu sagen, was bisher stumm war, kann das zur Erscheinung
bringen, was es bisher noch nicht gab, vermag eine neue Wortwelt
zu erschaffen, in der Nichtseiendes ebenso zu leben scheint wie das,
was ist.

______________
29 Morgensterns erstes Buch, auf dessen eigene Problematik hier nicht näher eingegangen
werden kann, trägt den bezeichnenden Titel: In Phanta’s Schloß. Ein
Zyklus humoristisch-phantastischer Dichtungen.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten