JW:SuSiCMG - Die Sprache

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...

c) Die Sprache

Über die im Hintergrund der Galgenlieder als letztliche Bedingungsmöglichkeit
stehende Spracherfahrung lassen sich anhand des bisher Herausgearbeiteten
bereits einige privative Aussagen machen.

Weil es für Morgenstern keine an und für sich seiende Dingwelt gibt,
kann die Sprache nicht die Funktion haben, Dinge zu bezeichnen, die
außerhalb des Sprachraums längst als solche vorhanden sind, um sie im
Gedächtnis festzuhalten und anderen Menschen mitteilen zu können. In

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einem solchen Falle wären die Worte bloße Zeichen, und das Wesen der
Sprache würde allein in einer Mitteilungsfunktion liegen. In Morgensterns
Weltbild aber, das Mensch und Ding nicht in einer Subjekt-Objekt-
Relation stehend begreift, kann die Sprache nicht ein Instrument sein, mit
dem ein Subjekt die Objekte der Außenwelt erfaßt oder mit dem sich
mehrere Subjekte über ihre jeweilige Objektwelt verständigen. Sie kann
nicht nur ein Hilfsmittel oder eine Eigenschaft des Menschen sein, die
ihm neben anderen auch noch zukommt, um die Außenwelt zu beherrschen
und zu verstehen. Mensch und Sprache müssen in einem anderen
Verhältnis stehen als in dem von Besitzer und Werkzeug, Erzeuger und
Erzeugnis.

Die Sammlung "Mensch Wanderer" enthält ein Nachlaßgedicht Morgensterns,
das in diesem Zusammenhang äußerst aufschlußreich ist. Es ist
überschrieben "Der Sprachkritiker" und beginnt:

"Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist.
So wenig wie ein Aar je ausforscht, wie er 'heißt'.
Geist ist nur heißen; Heißt, so schrieb sich besser Geist.
Der Heißt heißt alle Ding (doch Ding ist auch nur Heißt)."7

Die erste Gedichtzeile gewinnt ihre besondere Bedeutung durch den
Vergleich des zweiten Verses, der sie in eine unmittelbare Beziehung zur
Sprache setzt: ein Aar, ein Wesen der den Menschen umgebenden Welt,
kann sein Heißen, seinen Namen, das Wort, mit dem ihn der Mensch benennt,
nicht selber erkennen. Seinem Wesensgrund kommt er damit ebensowenig
nahe wie der Mensch: was diesem das "Innere der Natur" ist, ist
jenem das benennende Wort. Die zweite Strophe geht nun näher auf dieses
"Heißen" ein, d. h. auf die Sprache: sie wird in einer Identität mit
dem Geist gesehen. Sofern der Mensch Geist ist, ist sein Wesen die Sprache.
Das eigentliche menschliche Wesen liegt im Nennen der Dinge, im
"Heißt". Weil aber dieses Nennen keineswegs ein bloßes Mit-Namen-Belegen
einer an und für sich schon seienden Dingwelt ist, sondern die Dinge
als Dinge überhaupt erst in ihr Wesen bringt, ist auch das Sein der Dinge
ebenfalls als "Heißt" anzusehen. Das letztliche Einssein von Mensch und
Ding, die Ganzheit der Welt, liegt in diesem "Heißt". Das Wesen des
Menschen und damit das Wesen der Welt ist die Sprache.

Damit aber verliert jede Auffassung der Sprache als eine bloße Eigenschaft
des Menschen ihre Geltung. Das Benennen der Dinge ist mehr als
nur eine Fähigkeit des Menschen, es entspringt weder einer Anmaßung
noch gar einer launischen Willkür, der er je nach Belieben nachgeben kann
oder nicht.

Als Wesen des Menschen ist die Sprache aber auch zugleich eine letzte
Begrenzung des menschlichen Daseins. "Geist ist nur Heißen", sagt das
Gedicht, und diesem Heißt ist das Innere der Natur versagt. Das bedeutet
einmal, daß der Mensch gerade sein innerstes Wesen, die Sprache selbst,

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7 Chr. Morgenstern, Mensch Wanderer, München 1928, S. 43 f.

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nicht begreifen und erfassen kann: die Sprache bleibt ihm das Rätsel. Zum
anderen bedeutet es überhaupt eine grundsätzliche Beschränkung für jedes
auf eine absolute Erkenntnis gerichtete menschliche Streben. Denn sowenig
es für Morgenstern objektiv erkennbare Dinge gibt, sondern ein
Ding wesensmäßig immer ein so-gesehenes ist, so wenig gibt es auch ein
"objektives" Wort, das eine solche Erkenntnis zur Sprache bringen könnte.
Jede menschliche Erkenntnis muß eine aus einer jeweiligen Weitsicht getroffene
Entscheidung bleiben: "Wird man nie begreifen, daß Worte nur
Entscheidungen sind, nicht Erkenntnisse?" (ST S. 203). Damit aber steht
der Mensch nicht herrschend über der Sprache, sondern eher in einer
wesensmäßigen Abhängigkeit.

Wenn die Welt in der Sprache begriffen liegt und der Begriff Welt
immer schon eine Pluralität von Weltsichten impliziert, so muß sich daher
auch in jedem einzelnen Wort diese Pluralität von Sinn- und Bedeutungszusammenhängen
finden: "Der sogenannte eigentliche Sinn des Gesagten
ist nicht sein einziger Sinn" (ST S. 74). Und: "Es gibt gar keine Worte,
die bloß Worte wären, sondern jedes Wort ist von vornherein ein —
höchst individuelles — Urteil. Man glaubt, a sei gleich a. Eine vollkommene
Ungeheuerlichkeit" (ST S. 73). Ein Wort, auch wenn es scheinbar
gleich gebraucht wird, kann niemals das Gleiche zweimal aussagen: es ist
"nicht einmal dasselbe Wort in deinem Munde je dasselbe" (ST S. 265).
Es gibt keine identischen Worte: "Jedes Wort (ist) in dem Augenblick,
wo es gedacht, gesprochen, geschrieben wird, ein Individuum für sich und
nicht einmal demselben — vor oder nachher geborenen — Wort desselben
Mundes, desselben Gehirnes je irgendwie gleich. Wenn einer sagt, ich
glaube dies und das, und sein Nachbar hört das, so kann das sein, als ob
der eine sagte: Himalaya, und der andere hörte: Schneehaufen" (ST S. 72).
Deshalb kann es auch keine Tautologie geben (vgl. ST S. 72), und "nicht
nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede Gleichung" (ST S. 72).

Jedes Wort ist zu jedem Zeitpunkt seines Gesprochenwerdens ein ganz
anderes. Die Sprache kann also nie als etwas Fertiges und Abgeschlossenes
vorliegen, sondern nur ein sich dauernd in sich wandelnder Prozeß sein:
"Die gleichen Worte sind einander nicht gleich... Sondern alles ist processus"
(ST S. 72). Unter der Überschrift "'Die Axt' (Fundamentalsätze)"
findet sich die lapidare Zusammenstellung: "Sprache — Prozeß"
(ST S. 266). Und mehr als einmal begreift Morgenstern — manchmal mit
deutlichen Anklängen an Nietzsche — die Sprache als "eine ungeheure
fortwährende Aufforderung zur Höherentwicklung" (ST. S. 74). Sprache
ist Dynamik, Verwandlung und Entwicklung, sie ist niemals ein in sich
abgeschlossener und zur Benutzung freigegebener Gebrauchsgegenstand,
sondern immer im Sprechen und Hören schöpferischer Prozeß: "Jedes
einmal ins Licht getretene Wort... fordert, sobald es nur sichtbar wird,
zur Produktion heraus. Man kann kein Wort lesen oder hörend aufnehmen,
ohne es zugleich aus seinen Schrift- oder Ton-Elementen wieder zu
schaffen" (ST S. 74).

Wenn der Sprechende jedes Wort im Augenblick des Aussprechens als

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ein "höchst individuelles Urteil" neu erschafft, so muß es auch von hierher
nochmals eine tiefe Verkennung des Wesens der Sprache bedeuten, wenn
man mit ihrer Hilfe zu objektiven Erkenntnissen gelangen zu können
glaubt. Jede Philosophie, die sich als eine verbindliche und gültige Welterkenntnis
ausgibt, vermag auch die Welt nur in einer solchen Sprache zu
fixieren. Sie klammert sich gleichsam an Worte und schwimmt in Wahrheit
über einer unergründlichen Tiefe: "Philosophien sind Schwimmgürtel,
gefügt aus dem Kork der Sprache" (St S. 72). Eine objektive, auch außerhalb
eines jeweils individuellen menschlichen Bereiches gültige Welterkenntnis
würde zuerst einmal einen Punkt außerhalb der Sprache voraussetzen,
von dem aus sowohl die Welt wie auch die Sprache überschaubar
würden. Aber die Welt liegt in der Sprache begriffen, und die Sprache ist
der Mensch selbst. "Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken
zu wollen! Man ist ja — diese Worte selbst" (ST S. 73). Ein archimedischer
Punkt außerhalb der Sprache, der zugleich ein Punkt außerhalb des
menschlichen Wesens wäre, ist unerreichbar. Wenn der Mensch versucht,
zu Erkenntnissen über Sprache und Welt zu gelangen, so steht er schließlich
immer nur wieder vor sich selbst: "Der Mensch ist ein in einem Spiegelkerker
Gefangener" (ST S. 199).

Diese wesensmäßige Beschränkung des menschlichen Erkenntnisvermögens
durch die Sprache aber ist für Morgenstern kein bloßes Negativum
und noch weniger ein unvollkommener Zustand, den es in irgendeiner
Weise zu bekämpfen und zu überwinden gilt. Wie sich die Revolution
der Westküsten aus einer tieferen Einsicht aufhebt, so muß sich auch
jeder Angriff auf die Sprache in sich selbst aufheben, da es keinen Punkt
außerhalb gibt und folglich die Sprache gar keine Angriffsfläche bieten
kann. Nicht die Grenzen der Sprache gilt es zu sprengen, sondern es geht
um die Einsicht, daß sich allein innerhalb ihres Bereiches und ihrer Beschränkung
menschliches Wesen verbirgt und entfalten kann: es gibt nur
den Weg in die Sprache hinein. "Wenn ich wüßte, welches Wort der Erde
keine Vorstellung enthielte, so würde ich es dazu gebrauchen, das Wort
Vorstellung zu überwinden. Aber dieses Wort Vorstellung bleibt zuletzt
als einziges auf dem obersten Siebe liegen, das alle anderen passiert haben.
Nur glaube man nicht, damit etwas anfangen zu können. Denn wenn ich
sage: Die Welt ist meine Vorstellung, so sage ich damit nichts anderes als:
eine Vorstellung ist meine Vorstellung. Es gibt keinen Weg hinaus, es gibt
nur einen Weg hinein" (ST S. 206).

Trotzdem bieten sich scheinbar zwei Wege an, die ein Entrinnen aus der
Sprache ermöglichen. Der eine ist die Erfindung eines neuen Wortes, der
andere das Schweigen. Aber ein neues Wort ist etwas Unmögliches, denn
es bliebe doch immer in irgendeiner Weise, und sei es selbst als sinnloses
Wort, an die bisherige Sprache und ihren Sinn gebunden:

"Du suchst nach neuem Wort; so bild’s doch Philosoph!
Du bleibst so oder so Narr an der Sprache Hof!"8

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8 Ebd.

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fährt das schon zitierte Gedicht "Der Spradikritiker" fort. Und auch das
Schweigen kann nicht die Erlösung von der Sprache bringen. Zwar enthält
jedes Wort gewissermaßen als Pol auch das Wortlose: "Jedes Wort
ist notwendig Pol. Im Innern sind wir nur als Wortlose, sind wir nur,
sobald wir bloß sind, unser Sein bloß fühlen“ (ST S. 191). Aber gerade
als Verstummen, als ein Wortlos-Werden ist das Schweigen eine bloße
Negation der Sprache und bleibt ihr so zutiefst verhaftet:

"Und schweigst du ganz, so war dein Schweigen auch nur Wort."9

Das alles zeigt, daß Morgenstern die Sprache nicht primär als Erkenntniswerkzeug
faßt, das zwar unvollkommen ist, das der Mensch aber zur
freien Verfügung hat. Die Erkenntniskraft der Sprache ist für ihn nur
ein peripherisches Merkmal, worin keineswegs das alleinige Wesen der
Sprache zu fassen ist. Die Sprache hat keinen irgendwie gearteten Werkzeugcharakter;
der Mensch ist im Grunde so wenig Herr der Sprache, wie
er Herr seiner selbst ist. Denn letzten Endes ist es auch nicht einmal der
Mensch selbst, der spricht, sondern die Sprache spricht für ihn und durch
ihn. "Wie die Sprache für uns denkt und dichtet..." (ST S. 218) beginnt
eine Aufzeichnung aus dem Jahre 1906. Nicht der Mensch ist der Erzeuger
und Erfinder der Sprache, die er als sein Erzeugnis in seiner Macht hält,
sondern es verhält sich umgekehrt: der Mensch ist eine Kreatur der Sprache.

"Du zeugtest nicht das Wort; das Wort — es zeugte dich."

So lautet die Schlußzeile des Gedichtes "Der Sprachkritiker". Damit
aber ist die Sprache als letztliche eigentliche Schöpfungsmacht erfahren.
In einem ganz uranfänglichen Sinne meint Sprache hier Weltschöpfung,
in einem selben Sinne vielleicht, wie das für Morgensterns religiöses Erleben
so bedeutungsvoll gewordene Johannesevangelium sagt: im Anfang
war das Wort.

Zugleich aber bedeutet das, daß der Mensch als Sprechender immer im
Bereich einer Übermacht steht: "Wir sind alle Besessene, man muß
das Wort nur wörtlich genug verstehen" (ST S. 182), schreibt Morgenstern,
und im Galgenlied "Der Purzelbaum" heißt es vom Menschen:

"Nun, auch für uns besteht der Satz:
Wir schießen nicht, es schießt uns" (G S. 102).

Irgendeiner übermächtigen Es-Macht ist der Mensch gerade als Sprechender
ausgeliefert und ausgesetzt. Wer ist diese Es-Macht oder was verbirgt
sich hinter ihr?

Im Kapitel "Weltbild" findet sich eine Aufzeichnung in Morgensterns
Bekenntnisbuch "Stufen": "Betrachte den Sternenhimmel — alles versinkt
um dich her. Wer ist er, wer bist du. Dein Denken schweigt. Du
fühlst dich wie hinweggehoben, zerflattern ... Wer bist du, wer ist er,

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9 Ebd.

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wenn nicht — Es. Das unfaßbare Selbst, Gott, das Mysterium"
(ST S. 220). Offenbar ist dieses Es eine namenlose, mehr oder weniger
mystisch empfundene Gottheit, die den Menschen wie das Universum
durchwaltet und hält. Die Transzendenz im Morgensternschen Weltbild
ist keineswegs sinnentleert, sondern gerade dort, wo Ohnmacht und
Grauen zutiefst empfunden werden, tritt sie als das letzthin Bergende in
Erscheinung. So birgt auch gerade die Sprache als Wesen des Menschen
einen besonderen Bezug zur Gottheit in sich: "Kein Wort der Erde, das
sich mir im Wort 'Gott' nicht löste ... Es gibt also zuletzt nur eine Grenzvorstellung,
nur ein 'Urwort'. Dieses Urwort muß uns gelassen bleiben,
wollen wir Menschen bleiben" (ST S. 252).

Der Mensch ist der unfaßbaren Übermacht der Sprache ausgeliefert,
aber eben nur, solange er nur Mensch ist. Hier, inmitten der Dingwelt, ist
ihm jedes Schweigen verwehrt, aber über dieses Dasein hinaus öffnet sich
in einer mystischen Einheit mit der ewigen Gottheit ein ding- und begriffloser
Bereich des endgültigen, über die Sprache hinausgekommenen
Schweigens:

"Erst wer auf immer schweigt, erfährt der Wahrheit Port."10

Und eine weitere Notiz lautet: "Was sagt Meister Ekkehart anders als:
zerbrich alle Sprache und damit alle Begriffe und Dinge; der Rest ist
Schweigen. Dies Schweigen aber ist — Gott" (ST S. 249).

Es ist für die Weitsicht, aus der heraus die Galgenlieder erwachsen,
wesentlich, daß dieses Es, das den Menschen in seiner Herrschaft hält,
zwar eine impersonale, unbegreifbare und unfaßbare Macht, aber als
Gottheit keineswegs sinnentleert ist. Die Welt ist weder ein sinnloses
Spiel, noch ist der Mensch ein willenloses Spielzeug fremder Mächte; vielmehr
trägt eine letzte Gewißheit das menschliche Dasein auch und gerade
da, wo es mit dem Grauenhaften, dem Schrecklichen und dem eigenen Abgrund
konfrontiert wird11, so daß es charakteristisch für Morgensterns
Weltbild ist, wenn er sagt: "Ich will den Menschen nicht schiffbrüchig
sehen, aber er sollte sich dessen bewußt sein, daß er auf einem Meere
fährt" (St S. 242).

Denn gerade auch als "Besessener" bleibt dem Menschen noch Raum für
ein eigenes Entfalten: "Wir sind alle Besessene ... Aber zugleich können
wir auch Mehrer dieses uralten Besitzstandes sein, den wir 'unseren Geist'
nennen, zugleich auch Besitzergreifende" (ST S. 182).

"Unser Geist" aber ist "Heißt", ist Sprache. Es gibt keinen Weg hinaus
aus der Sprache, aber es gibt den Weg hinein: der Mensch kann, gerade
weil er ein "Besessener" der Sprache ist, diesen "Besitzstand" ergreifen
und mehren, indem er sich auf sie einläßt, indem er der Sprache ent-spricht.

Die Erfahrung der Sprache außerhalb einer bloßen Verständigungsfunktion,

_____________
10 Ebd.
11 Vgl. dazu: Epigramme und Sprüche, a.a.O. S. 112 und S. 154, ferner ST
S. 138.

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die Erfahrung einer Sprache, die nicht die sichtbare Welt nachbildet,
sondern Welt und Dinge erst sichtbar werden läßt, die sich als
schöpferischer Prozeß und als eigenständige Übermacht dem menschlichen
Herrschaftsbereich entzieht, ist der eigentliche Hintergrund und damit zugleich
Möglichkeitsbedingung und Ursprung der Galgenlieder. Das in
ihnen evident werdende Gefüge von Welt, menschlichem Dasein und
Sprache erweist sich letzten Endes als eine unauflösliche Einheit. Die Erfahrung
der Welt ist nur eine Form der Erfahrung des Menschen, die Erfahrung
von Mensch und Ding letztlich eine Erfahrung der Sprache. Die
Destruktion der gewohnten Welt ist auch immer eine Destruktion der gewohnten
Sprache und umgekehrt. So kann im Staunen das Fragwürdigwerden
eines Wortes Perspektiven aufreißen, in denen plötzlich Welt
und Sprache zugleich einzustürzen drohen, muß das plötzliche Fremdwerden
eines sonst selbstverständlichen Begriffes unwillkürlich Fragen
nach den letzten Grundlagen unseres Daseins stellen. Aus einem Sich-Einlassen
auf eine solche Erfahrung der Sprache und der Welt, aus dem Entsprechen
dieser Sprache erwächst die andere Welt der Galgenlieder.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten