JW:SuSiCMG - Die Sprachkritik und ihre Grenzen

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...

d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen

Es ist mehrfach versucht worden, das Wesen der Galgenlieder als Kritik
an der Sprache, als Anprangerung ihrer Unlogik und Sinnwidrigkeit zu
fassen12 und Morgenstern in einen Zusammenhang mit Fritz Mauthner
zu stellen, dessen dreibändiges Werk "Beiträge zu einer Kritik der Sprache"
in den Jahren 1901/02 erschien. Diese Zuordnung wird aber dem
Wesen der Galgenlieder und der ihnen zugrunde liegenden und sich in
ihnen aussprechenden Spracherfahrung nicht gerecht.

Morgenstern selbst hat Mauthners Werk gekannt und eingehend gelesen,
allerdings erst gegen Ende des Jahres 1906, als die ursprünglichen
Galgenlieder bereits veröffentlicht waren. Am 29. 12. 1906 schrieb er an
seinen Freund Friedrich Kayssler: "Meine Aufmerksamkeit für sein
(Mauthners) Thema geht... bis in meine Bekanntschaft mit Nietzsche
zurück und hat mich immer davon abgehalten, ein Wortgläubiger zu werden.
Du kannst dir demnach denken, mit welchem Interesse ich den Ausführungen
Mauthners folgte, die sich als Ausführungen eines verteufelt
gebildeten und scharfsinnigen Mannes dokumentieren und sich letzten
Endes mit keinem geringeren Problem herumzuschlagen haben als dem:
Kann uns Sprache überhaupt zu irgendeiner wirklichen Erkenntnis verhelfen?"
(B S. 235)

Mauthner wollte mit seinem Werk radikal das Vertrauen auf die
Sprache als Mittel zur Welterkenntnis erschüttern. "Die ganze Untersuchung
dieses Buches ist der Frage gewidmet, ob menschliche Sprache ein
nützliches Werkzeug sei für die Welterkenntnis."13 Mauthners Antwort

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12 So vor allen Dingen in den Arbeiten von Leo Spitzer und Mally Untermann.
13 Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. I, Stuttgart 1901,
S. 67.

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lautet: "Sprache ist untauglich für Welterkenntnis."14 Der Weg der
Sprachkritik ist daher der der völligen Destruktion: "Will ich emporglimmen
in der Sprachkritik, die gegenwärtig das wichtigste Geschäft der
denkenden Menschheit ist, so muß ich die Sprache hinter mir und vor mir
und in mir vernichten von Schritt zu Schritt."15 Das Ziel dieses Weges
liegt in einer Befreiung des Menschen aus jeglicher sprachlichen Bindung:
"Die Kritik der Sprache muß Befreiung von der Sprache als höchstes Ziel
der Selbstbefreiung lehren."16

Schon diese wenigen Zitate zeigen, daß die Grundintention dieser
Sprachkritik sich wesentlich von der Spracherfahrung Morgensterns unterscheidet.
Ganz im Gegensatz zu Morgenstern sucht Mauthner letzten
Endes einen Ausweg aus der Sprache; er läßt sich nicht auf sie ein, sondern
verharrt in einer Gegenposition. Darüber hinaus faßt er die Sprache
auch ausschließlich als Werkzeug und Erzeugnis des Menschen: "So ist
auch die Sprache nicht ein übermenschliches Wesen, welches nebenbei und
zufällig Nutzen bringt; sie ist vielmehr wesentlich eine nützliche Erfindung."17
Sprache ist für Mauthner Erkenntniswerkzeug und nichts außerdem.
Als solche wird sie zum Gegenstand einer Untersuchung und kann
mit dem Maßstab der Erkenntniskraft nach Nutzen und Wert gemessen
werden. Die Vollkommenheit des Erkenntniswerkzeuges Sprache wäre
für Mauthner dann gegeben, wenn sie zur vollkommenen Wiedergabe,
zur Photographie der Welt werden könnte18. Da sie aber "statt der Erkenntnis...
dem Menschen nichts geschenkt (hat) als Worte zu den Dingen,
Etiketten zu leeren Flaschen"19, sinkt sie herab zu einem "Scheinwert
wie eine Spielregel, die um so zwingender wird, je mehr Mitspieler sich
ihr unterwerfen, die aber die Wirklichkeit weder ändern noch begreifen
will"20.

In einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1907, in der sich Morgenstern
kritisch mit Mauthner auseinandersetzt, greift er genau dieses Bild auf:
"'Kritik der Sprache' ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. Es gibt
kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn ergäbe.
Wer sich außerhalb der Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl mehr.
Er kann nicht einmal mehr sagen: nun weiß ich wenigstens, daß Wissen
Unmöglichkeit ist. 'Wissen' ist so gut eine Spielmünze wie 'sein', wie
'Unmöglichkeit', wie 'Sprache', wie 'außerhalb'. Es ist dafür gesorgt, daß
wir die 'Welt' nicht in die Luft sprengen. Ich nenne diese widerspruchslose
Ohnmacht in Dingen wirklicher, nicht nur scheinbarer Erkenntnis manchmal
bei mir: die Selbstversicherung Gottes. Sie ist eines Gottes würdig"
(ST S. 250). Morgensterns Kritik an Mauthner erwächst folgerichtig aus
seiner eigenen Erfahrung der Sprache. Jeder Versuch, der Sprache kritisch
gegenüberzutreten, bedeutet für ihn ein Abgleiten ins Bodenlose. Die
Sprache ist das Wesen des Menschen selbst, jeder Angriff auf sie entbehrt
von vornherein des notwendigen Abstandes von Angreifer und angegriffenem

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14 Ebd. S. 216.
15 Ebd. S. 2.
16 Ebd. S. 657.
17 Ebd. S. 75.
18 Vgl. ebd. S. 46.
19 Ebd. S. 82.
20 Ebd. S. 28.

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Objekt. Und selbst die rücksichtsloseste Kritik bleibt für Morgenstern
als bloße Gegenposition noch im selben Maße an die Sprache
gebunden wie ein einfaches kritikloses Gerede. Nicht der Widerspruch
bestimmt daher Morgensterns Verhältnis zur Sprache, sondern eine
"widerspruchslose Ohnmacht", was aber wiederum nicht ein Ausgesetztsein
an eine unfaßbare Es-Macht bedeutet, sondern auch diese Ohnmacht
bleibt getragen und geborgen in Gott.

Das alles besagt jedoch weder, daß es zwischen Morgenstern und
Mauthner gar nichts Gemeinsames gibt noch daß Morgenstern sich völlig
kritiklos zur Sprache verhielte. Mauthners Einsichten in die Relativität
und Mehrdeutigkeit aller Worte wird Morgenstern mit größtem Interesse
begegnet sein; Sätzen wie dem folgenden wird er ohne weiteres zugestimmt
haben: "Gemeinsam ist die Muttersprache wie etwa der Horizont
gemeinsam ist; es gibt keine zwei Menschen mit gleichem Horizont,
jeder ist der Mittelpunkt seines eigenen."21 Es mögen sich leicht noch mehrere
Übereinstimmungen finden lassen: es bleiben aber immer Übereinstimmungen
über peripherische Merkmale der Sprache. Sie können und
dürfen nicht über die wesenhaft verschiedenen Grundintentionen Mauthners
und Morgensterns hinwegtäuschen. Von einer Beeinflussung Morgensterns
dürfte darüber hinaus schon aus rein chronologischen Gründen (erstes
Erscheinen der ursprünglichen Galgenlieder 1905, erstes Bekanntwerden
mit Mauthners Werk Ende 1906) kaum zu sprechen sein.

Morgensterns eigene Kritik an der Sprache wird aus zahlreichen Aufzeichnungen,
die in seinem Aphorismenbuch "Stufen" enthalten sind,
deutlich. Sie richtet sich aber im Gegensatz zu Mauthners Kritik niemals
gegen die Sprache als Ganzes, sondern jeweils nur gegen einen ganz bestimmten
Aspekt: gegen ihre Vernutzung im konventionellen Gerede.
Gemeinplätze, Redensarten, leeres Geschwätz als "Konversation" sind
die Ziele seines Angriffs; denn "wer konversiert, der spricht nicht" (ST
S. 73). „Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinplätze und Redensarten.
Jede Redensart ist eine Fratze eigener Gedanken, ein 'Mitesser' im Zellengewebe
des Denkers“ (ST S. 74). Oder: "Seit Friedrich Schillers 100.
Todestag habe ich diesen Dichter für mich Max Zottuk getauft; so sehr
haben mir Presse und Publikum jeden Buchstaben dieses einst teuren
Namens verleidet" (ST S. 49).

Gerade in diesen Redensarten und im alltäglichen Geschwätz aber fühlt
sich der bürgerliche Mensch geborgen. Darum stellt sich Morgenstern eine
Aufgabe: "Unter bürgerlich verstehe ich das, worin der Mensch sich bisher
geborgen gefühlt hat. Bürgerlich ist vor allem unsere Sprache: Sie zu
entbürgerlichen die vornehmste Aufgabe der Zukunft" (ST S. 69). Letzten
Endes aber weiß er dabei nur allzu gut, daß selbst im Falle des Gelingens
einer solchen Sprachreform sie am Wesen der Sprache nichts ändern würde
und sollte.

Mauthner und Morgenstern verfolgen im Grunde zwei diametral entgegengesetzte

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21 Ebd. S. 19.

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Richtungen: Mauthner geht gegen die Sprache an, Morgenstern
läßt sich auf sie ein; Wider-spruch und Ent-sprechung stehen sich
gegenüber. Morgensterns Spracherfahrung läßt weder eine Kritik, noch
eine Parodie, eine Satire oder eine Ironisierung der Sprache als solcher
zu. Dazu fehlt der Abstand, das Darüberstehen, der Punkt außerhalb,
von dem aus eine solche Haltung zur Sprache erst möglich würde. Nichts
liegt Morgenstern in den Galgenliedern ferner als ein kritischer Angriff
auf die Sprache, als der Kampf gegen ihre unzureichende Erkenntniskraft,
ihren fehlenden Sinn oder ihre mangelnde Logik; nichts hat er mit
dem Mauthnerschen Anspruch gemein, der die "Welt von der Tyrannei
der Sprache zu erlösen"22 versuchen will.

Mangelnde Erkenntniskraft, Unsinn und Unlogik sind für Morgenstern
nicht abwertende Kriterien, die es zu bekämpfen und schließlich zu
überwinden gilt, sondern es sind schöpferische Möglichkeiten der Sprache,
Elemente, aus denen sich ebenso wie aus Sinnhaltigkeit und Logik eine —
wenn auch eigentümlich andere — Welt konstituieren kann, wenn man
ihnen nicht wider-spricht, sondern sich ent-sprechend auf sie einläßt.
Gerade aus der fehlenden Erkenntniskraft empfängt die Sprache so eine
Eigenständigkeit in einer besonderen Freiheit von der Realwelt. Diese
Freiheit aber ist gleichzeitig eine Freiheit zur Entfaltung ihrer eigenen
Möglichkeiten, zur Schöpfung einer sprachlichen Eigenwelt.

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22 Ebd. S. 1

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten