JW:SuSiCMG - Die absolute Sprache

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c) Die "absolute" Sprache

Die Sprache der Galgenlieder verläßt den Bereich des Reproduktiven und
wird aus sich selbst heraus als ein Ausschöpfen ihrer eigenen immanenten
Möglichkeiten produktiv. Aus der Bindung an eine Wiedergabe des Realen
befreit, entfaltet sie sich somit im Wortsinne unbe-dingt und wird
sozusagen "absolut" und "autonom". Diese "absolute" Sprache wird
nicht eigentlich mehr gesprochen, sondern sie spricht selbst; sie hat keine
Werkzeugfunktion für den Menschen, sondern umgekehrt wird der
Mensch ihr untertan. Diese autonom gewordene Sprache gehorcht keinem
außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck, sondern sie spricht nur, um zu
sprechen, und sie hält sich dabei weder an die Forderung nach Verständlichkeit
noch an Sinnhaltigkeit. Sie spricht ihre eigenen Möglichkeiten:
nichts anderes als sich selbst und ausschließlich mit sich selbst. Ihr Gespräch
ist ein Monolog.

Sie kann folglich auch jede Gesetzmäßigkeit aufheben und zerstören,
die außerhalb ihrer selbst liegt: so z. B. das für jede Erfahrung der Wirklichkeit
grundlegende Gesetz der Identität. Ein Gedicht Morgensterns,
das aus dem engsten Umkreis der Galgenlieder stammt, beginnt:

"Drei Hasen tanzen im Mondschein
im Wiesenwinkel am See:
Der eine ist ein Löwe,
der andre eine Möwe,
der dritte ist ein Reh."23

Die "absolute" Sprache kann hier losgelöst vom Gesetz der Identität
den Satz aussagen: der Hase ist ein Löwe. Und Morgenstern ist sich dieses
Mitsprechens solcher "absoluten" Sprachmöglichkeiten durchaus bewußt,
wenn er fortfährt:

"Wer fragt, der ist gerichtet,
hier wird nicht kommentiert,
hier wird an sich gedichtet;"

Hinter diesem Dichten "an sich" verbirgt sich in scherzhafter Form
nichts anderes als genau die Erfahrung der Sprache, die zum Ursprung
der Galgenlieder geworden ist. Diese autonome "Sprache an sich" ist
nicht primär Mitteilung, sie ist das Gegenstück zu jeder Umgangssprache,
sie gibt nicht unbedingt ein Sinngefüge wieder, sondern kann gerade,
gemessen an der empirischen Realität, als Unsinn sprechen. Darum kann
und muß auch das Unsinnigste und Widersinnigste von ihr und ihrem
Verfahren ausgesagt werden:

"Doch fühlst du dich verpflichtet,
erheb sie ins Geviert,

_______________
23 Chr. Morgenstern, Egon und Emilie, München 1950, S. 94. Die folgenden
Zitate ebd.

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und füg dazu den Purzel
von einem Purzelbaum,
und zieh aus dem Ganzen die Wurzel
und träum den Extrakt als Traum."

Ein Sich-Einlassen, eine Ent-sprechung dieser alogisch sich entfaltenden
Sprache ermöglicht dann aber die Erfahrung der anderen sprachlichen
Eigenwelt:

"Dann wirst du die Hasen sehen,
im Wiesenwinkel am See,
wie sie auf silbernen Zehen
im Mond sich wunderlich drehen
als Löwe, Möwe und Reh."

Die Sprache, die sich im "absoluten" Gespräch ihrer eigenen Möglichkeiten
bewegt, muß hier, verglichen mit der Normalsprache, den Charakter
des Irrealen und des Als-ob erhalten. Sie spricht das scheinbar Wirkliche
und das scheinbar Mögliche aus, das "in Wirklichkeit" Unwirkliche
und das Unmögliche. Damit aber kann sie auch gerade zur Sprache des
bloßen Scheins werden, zum bloßen nichtigen Spiel... Aber das ist kein
negatives Faktum, bedeutet nicht die Verneinung der Sprache, sondern im
Gegenteil die Gewinnung weiterer positiver Möglichkeiten des Wortes.
So kann die Sprache selbst plötzlich anders sein, sich verstellen, sich maskieren,
etwas vortäuschen, kurz: sie kann alle Möglichkeiten, die sie birgt,
frei ausspielen. Und so werden Gedichte möglich, über denen der Galgenliedervers
stehen kann:

"Das Wort, an sich nicht eben viel,
rüstete sich zum Fastnachtsspiel" (G S. 298).

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten