JW:SuSiCMG - Die andere Welt als Eigenwelt der Sprache

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b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache

Die Sprache selbst ist die Bedingung der unmöglichen, empirisch nicht
erfahrbaren Vorgänge in den Galgenliedern. Sie ist ebenso Bedingung und
Möglichkeitsgrund für das Erscheinen von Dingen, die es in der Wirklichkeit
überhaupt nicht gibt, wie z. B. ein Nasobem, oder für die Verkoppelung
disparater Dinge zu einem einzigen neuen Ding wie der Ochsenspatz
oder das Polizeipferd. Ebenso liegt in der Vernichtung eines Dinges in
der Sprache (Saaldiebstahl oder Exlibris ohne Bild und Zeichen) jeweils
ein unüberhörbarer Verweis auf die Eigentümlichkeit ihres Wesens.
Wenn Totes lebendig erscheint (Knie, Stiefel, Flasche) oder wenn Immaterielles
materialisiert wird (der Zwischenraum eines Lattenzaunes

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als Baumaterial für ein Haus), so rückt immer wieder die Sprache selbst
in das Blickfeld. In allen diesen Fällen ist sie ausdrücklich aus einer Funktion
einer bloßen Wiedergabe der bestehenden Dingwelt, aus jedem abbildenden
Verfahren herausgelöst, sie nimmt in keiner Weise mehr Rücksicht
auf das empirisch Wirkliche, sondern entfaltet sich frei und im Wortsinne
unbe-dingt, sie überläßt sich ihren eigenen Möglichkeiten und Bewegungen.
Die Destruktion der gewohnten Welt ist die Wirksamkeit der
Sprache, die aus der Deformation der Beziehungsganzheiten der Dinge
entstehende "andere Welt" ist der auf die Fülle seiner Möglichkeiten abgehorchte
und ausgeschrittene Eigenbereich der Sprache.

Von hier aus schlägt sich ein Bogen zum Anfang der Untersuchung zurück:
"Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht
andere Dinge als Andere." Diese anders gesehene Welt ist eine reine Wort-
Welt, die nicht den Wirklichkeiten der Dingwelt, sondern den Möglichkeiten
der Sprache entspricht, in der sich nicht Worte zu realen Dingen
und Vorgängen finden, sondern umgekehrt Dinge und Vorgänge zu Worten:
eine Welt, die gleichsam nur von Gnaden der Sprache existiert. Ihr
Ursprung liegt in einer unmittelbaren Erfahrung der Sprache, die nicht
primär eine wirklichkeitsabbildende Funktion hat, sondern sich schöpferisch
und der Herrschaft des Menschen weitgehend entgleitend entfaltet.

Das alles aber hat folgende Konsequenz: Die Destruktion der gewohnten
Welt ist in den Galgenliedern weder Selbstzweck, noch Endzweck,
noch letzte Absicht dieser Dichtungen. Sie kann auch nicht Ausdruck
einer Verzweiflung an einer sinnlos gewordenen Wirklichkeit sein,
die Morgenstern etwa durch die Wiedergabe einer entfremdeten und zerstörten
Dingwelt darstellen will. Ganz abgesehen davon, daß sich für
eine solche Weltentfremdung und Sinnentleerung in Morgensterns heilem,
von einer Gottheit durchwaltetem und getragenem Weltbild keinerlei Anzeichen
finden lassen, würde eine solche Interpretation auch immer wieder
voraussetzen, daß die Sprache hier als bloßes Mittel einer Darstellung
von äußeren Dingen oder inneren Vorgängen gefaßt würde. Ebenso hieße
das in jedem Falle, Morgenstern wolle irgend etwas mit seinen Galgenliedern
bezwecken. Ein Sich-Einlassen auf eine Sprache aber, die nicht
im Besitz des Menschen steht, sondern umgekehrt den Menschen in ihre
Herrschaft zwingt, kann auch nicht mehr allein einer menschlichen Absicht
oder einem für ihn sinnvollen Zweck gehorchen. Jeder außerhalb der
Sprache und damit außerhalb ihrer selbst liegende Zweck liegt diesen Gedichten
völlig fern. Kategorien wie Sprachkritik, Parodie, Satire oder
Karikatur der Sprache müssen versagen. Die Deformation der Beziehungsganzheiten
der Dinge, die "Zerklüftung" der Wirklichkeit sind
nichts anderes als ein integrierender Bestandteil einer ganz bestimmten
Spracherfahrung: sie sind der Vollzug der Sprache in ihren Möglichkeiten.
Die Destruktion der Dingwelt verfolgt hier keinen eigenen Zweck,
sondern ist zugleich immer die Konstruktion einer Eigenwelt der Sprache.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten