JW:SuSiCMG - Etymologie und falsch angesetzte Grammatik

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   S. 76
...

4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik

Für ein Spiel der Wortbedeutungen muß sich noch ein anderer Spielraum
geradezu anbieten: die Klärung der ursprünglichen Bedeutung und des
geschichtlichen Bedeutungswandels einzelner Worte, die Etymologie. In
scheinbar etymologischen Erklärungen kann sich die Sprache als Phantasie
voll ausspielen.

Das ist in einem beschränkten Maße z. B. schon der Fall, wenn eine
Gedichtzeile des Galgenliedes "Die Fingur" lautet: "Und Raben rufen
Kolk" (G S. 92). Das Wort Kolkrabe wird scheinbar etymologisch erklärt
aus einem eigenartigen Ruf des Tieres, wie es beispielsweise beim Kuckuck
der Fall sein mag. Hier kommt dieser "Erklärung" keinerlei Realwert zu,
sie bleibt spielerische Möglichkeit, aber — und das ist wiederum entscheidend
— eine Möglichkeit, die die Sprache selbst vorgibt. Ein sehr viel
ausgeprägteres Beispiel liegt dagegen in dem Gedicht "Anto-logie" vor:

   S. 77
"Im Anfang lebte, wie bekannt,
als größter Säuger der Gig-ant.

Wobei gig eine Zahl ist, die
es nicht mehr gibt, — so groß war sie!

Doch jene Größe schwand wie Rauch.
Zeit gabs genug — und Zahlen auch.

Bis eines Tags, ein winzig Ding,
der Zwölef-ant das Reich empfing.

Wo blieb sein Reich? Wo blieb er selb? —
Sein Bein wird im Museum gelb.

Zwar gab die gütige Natur
den Elef-anten uns dafür.

Doch ach, der Pulverpavian,
der Mensch, voll Gier nach seinem Zahn,

erschießt ihn, statt ihm Zeit zu lassen,
zum Zehen-anten zu verblassen...

Wie dankbar wird der Ant dir sein,
läßt du ihn wachsen und gedeihn, —

bis er dereinst im Nebel hinten
als Nulel-ant wird stumm verschwinden" (G S. 76 f.).

Der Kern des Gedichtes ist eine "Etymologie" des Elefanten. Dieser
Elefant ist nur eine Entwicklungsstufe innerhalb der großen Geschichte
der "Anten", die hier aus unvordenklichen Zeiten bis in unausdenkbare
Zukunft verfolgt wird und die, recht besehen, nur eine sprachliche Wurzel
hat: aus Gigant und Elefant wird, ähnlich wie es schon beim "Zwi" der
Fall war, ein "Ant" abstrahiert. Die noch verbleibende Hälfte des Wortes
Elefant evoziert als Klangparallele die Zahl elf, und so erhält in Analogie
dazu das "Gig" des Giganten die Bedeutung einer Zahl, und zwar
konsequenterweise die einer übergroßen und nicht mehr existierenden.
Daraus kann sich nun die scheinbare Etymologie ergeben: die Entwicklungslinie
führt vom Gig-anten über den Zwölef-anten zum Elef-anten
und von hier aus weiter über den Zehen-anten zum Anten und schließlich
zum Nulel-anten. Das ganze Sprachspiel tritt dabei schon in der Überschrift
in Erscheinung: die "Geschichte der Anten" evoziert die, vom
Bedeutungszusammenhang her gesehen, unsinnige Bezeichnung "Anto-
logie" als eine reine Parallele des Wortklanges.

So wie hier die Etymologie zum Spielraum der Sprache geworden ist,
können auch andere Kategorien der Sprache ins Spiel geführt werden:
so z. B. die der Grammatik. Das war schon im Gedicht "Die Nähe" der
Fall, wo ein „kategorischer Komparativ“ spiel- und sprachschöpferisch
eingriff, und das findet sich nochmals in sehr ausgeprägter Form im
Galgenlied "Der Werwolf":

   S. 78
"Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: 'Bitte, beuge mich!'...

'Der Werwolf', sprach der gute Mann,
'des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie mans nennt,
den Wenwolf, — damit hats ein End.'"

Der Wolf fühlt sich geschmeichelt und bittet dann*noch um die Deklination
der Mehrzahl, doch davon weiß der Lehrer nichts:

"Zwar Wölfe gäbs in großer Schar,
doch 'Wer' gäbs nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind —
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben" (G S. 90 f.).

Auch die fiktive und phantastische Szenerie dieses Galgenliedes hat
allein einen sprachlichen Ursprung. Sie erwächst aus einer falsch angesetzten
Grammatik. Das Wort Werwolf wird so verstanden, als ob es eine
Zusammensetzung eines Interrogativpronomens und eines Substantivs
sei, und dementsprechend dekliniert. Dabei ergibt sich, daß eine solche
Deklination allein im Singular durchführbar ist, im Plural versagt diese
sprachliche Möglichkeit. Und dann geschieht etwas sehr Seltsames: plötzlich
öffnet sich hinter dem Versagen einer sprachspielerischen Fiktion eine
Abgründigkeit. Plötzlich klafft hier ein Riß zwischen Sprache und Dingwelt.
Eine Mehrzahl von Werwölfen, die es als Familie des Werwolfes
doch "tatsächlich" gibt, existiert sprachlich nicht, sie ist namenlos. Aber
es ist für die Galgenlieder bezeichnend und charakteristisch, daß diese
aufgerissene Tiefendimension letztlich doch in der Dimension des spielerisch
erzeugten Scheins verbleibt. Keineswegs erscheint am Ende des
Gedichtes eine entfremdete Wirklichkeit, vielmehr bleibt die letztliche
Versöhnung des Spiels. Die Unheimlichkeit, die in der Sprache selbst
plötzlich aufreißt, bleibt getragen und gehalten in der Heiterkeit des
Sprachspiels.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten