JW:SuSiCMG - Eulenspiegel

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b) Eulenspiegel

Wenn die Galgenlieder gerade immer wieder die verschiedenen Bedeutungsmöglichkeiten
einzelner Worte und Wendungen ausspielen, so beschwören
sie eine andere verwandte Erscheinung herauf, die zwar auch
in einem volkstümlichen und ursprünglich unliterarischen Bereich beheimatet
ist, die jedoch nicht mehr einer kindlichen Naivität zugerechnet
werden kann: es ist die Rede von den Schwänken Till Eulenspiegels.

Dem Leser dieses Volksbuches wird als bezeichnendster Zug aller
"Historien" der Wortwitz auffallen. Es sind jene Geschichten, die sich,
dem Volksbewußtsein als eigentliche Eulenspiegeleien eingeprägt haben,
in denen der Held die metaphorische, bildliche, übertragene Redeweise des
Alltags wörtlich nimmt, in denen er nicht auf den gemeinten Sinn, sondern
allein auf den Wortlaut achtet; und gerade in diesem Ausspielenwollen
der mehrdeutigen Sprache selbst sind auch der Ursprung und die ursprüngliche
Einheit aller dieser Schwänke zu suchen21.

Die Situation ist in diesen Geschichten durchweg folgende: Eulenspiegel
verdingt sich als Knecht bei einem Meister und führt dessen Befehle dann
so wortgetreu aus, daß diesem dadurch nichts als Schaden und Ärger entstehen.
Solche Späße enden dann regelmäßig mit einem Hinauswerfen des
sonderbaren, törichten Knechtes. Dabei tut Eulenspiegel nur, was ihm
gesagt ist, er führt das Gesagte "wahrhaft" aus, das heißt: er verwirklicht

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21 Vgl. Lutz Mackensen, Zur Entstehung des Volksbuches vom Eulenspiegel,
Germ.-rom. Monatsschrift Bd. XXIV, Jg. 1936, S. 241 ff.

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immer gerade die sprachliche Möglichkeit, die "selbstverständlich" nicht
gemeint war. Und in diesem "wahr tuen" liegt dann auch so etwas wie
eine tiefere Tragik des Eulenspiegels beschlossen: "Ist es nit ein grose plag,
ich thun alles, was man mich heisset noch kan nienen dank verdienen."22

Auch hier bricht ganz im selben Sinne wie bei Morgenstern ein Rätsel
der Sprache auf. Es ist im Grunde gar nicht Eulenspiegel, der die Leute
neckt, sondern es ist ihre Sprache selbst, die diese Menschen an der Nase
herumführt. Eulenspiegel ist nur derjenige, der die von der Sprache selbst
vorgegebenen Möglichkeiten spielerisch aufgreift, der Mit-Spieler der
Sprache, der "so tut als ob", der das jeweils andere, Nicht-Gemeinte,
aber doch auch Gesagte ins Spiel bringt. Er setzt damit genau an der Stelle
ein, wo viele Galgenlieder aus der Sprache selbst eine eigene scheinhafte
Spielwelt sprachlicher Möglichkeiten entfalten, die anders ist als alle
Realität. Diese Scheinhaftigkeit und Andersartigkeit stellt sich dann in
der Welt der Schwänke zumeist sehr handgreiflich dar: die andere Welt
der Sprache kollidiert mit der harten Wirklichkeit und führt zu einem
derb-komischen Konflikt.

Dabei ist es bemerkenswert, daß dieses Sprachspiel ursprünglich gar
keinen satirischen Zweck verfolgt zu haben scheint. Es hatte vielleicht
nicht einmal primär die Absicht des Bloßstellenwollens, noch ergab es
sich als verzweifelte Folge der Erfahrung einer sinnleeren Wirklichkeit,
sondern es scheint einer einfachen Lust und Freude am spielerischen Mißverstehen
mehrdeutiger Aussagen zu entspringen. Alle satirischen Tendenzen
sind möglicherweise nur Zusätze und Ausdeutungen späterer
Bearbeitungen und Übersetzungen aus dem Niederdeutschen23.

Im Unterschied zu den Galgenliedern allerdings entstehen aus diesem
Sprachspiel nicht selbständige dichterische Schöpfungen. Sie liegen im
Volksbuch nur in nacherzählter Form vor. Die gleiche Grundsituation
jedoch stellt sie in einen Traditionszusammenhang.

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22 Till Eulenspiegel, Neudrucke deutscher Literaturwerke des XVI. und XVII.
Jahrhunderts, No. 55/56, Halle a. S. 1884, S. 75.
23 Vgl. Mackensen, a. a. O. S. 267.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten