JW:SuSiCMG - Frage- und Aufgabenstellung

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   S. 7
Die Sprache ist Delphi.
   Novalis

Ob man mit grünen, lila und blauen Steinen
spielt oder ob man dichtet, das ist
ganz dasselbe.
   Else Lasker-Schüler
   in einem Brief an Karl Kraus

   S. 8
leer
   S. 9
A.
Frage- und Aufgabenstellung


Sprache und Spiel — die Worte weisen in den Ursprung aller Poesie:
dichterisches Sagen ist in der Spielsphäre geboren und bleibt, solange es
echt und sich selber treu bleibt, in ihr zu Hause. "Dichtung ist zunächst
eine in sich geschlossene Spielsphäre, eine völlig eigene Welt mit ihren
eigenen Gesetzen, unterschieden von aller Realität."1 "Sie steht jenseits
vom Ernst, auf jener ursprünglichen Seite, wo das Kind, das Tier,
der Wilde und der Seher hingehören, im Felde des Traums, des Entrücktseins,
der Berauschtheit und des Lachens."2 In frühen Stadien der Kultur sind
solche Berührungen von Kunst und Spiel deutlich sichtbar und faßbar,
in späteren Epochen können sie oftmals der Dichtung selbst und auch ihrer
Auslegung hinter anderen Anliegen und Ansprüchen aus dem Blick kommen.
Der unbedingte Ausweis echter Dichtung sind aber nicht ernsthaftes
Anliegen und Bedeutsamkeit, sondern das Leben im Spielraum einer eigenen
Welt. Künstlerisches Sich-Äußern im Wort muß nicht primär einem
Zweck oder einer Idee entspringen, die außerhalb des Gesagten selbst zu
suchen sind, es muß nicht einmal primär der Mitteilung sinnbezogener
Gehalte dienen, sondern es entspringt wesentlich einem allein in sich
selber sinnvollen Spiel. Als Spiel aber berührt es nicht jeweils nur Verstand,
Schönheitsgefühl oder Ethik, sondern Fundamentaleres: das Wesen
des Menschen selbst, der sprechend und spielend sich und seine Welt erfährt.

Aus diesem weitesten Horizont möchte die Intention der vorliegenden
Arbeit verstanden sein. Sie ist eine Einzelinterpretation der "Galgenlieder"
Christian Morgensterns. An diesen „jenseits vom Ernst“ stehenden
Gedichten soll dichterische Sprache in ihrem ursprünglichen Spielcharakter
beobachtet werden.
_______________

Die in den Zitatbelegen innerhalb des Textes verwendeten Abkürzungen
bedeuten:

G = Chr. Morgenstern, Alle Galgenlieder, Wiesbaden 1947.
ST = Chr. Morgenstern, Stufen, München 1946.
B = Chr. Morgenstern, Ein Leben in Briefen, Wiesbaden 1952.

1 Wolfgang Kayser, Die Wahrheit der Dichter, Hamburg 1959, S. 54.
2 Johan Huizinga, Homo Ludens, Hamburg 1956, S. 118.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten