JW:SuSiCMG - Gingganz und Palma Kunkel

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3. Gingganz und Palma Kunkel

Mit dem Aufriß der Galgenberg-Welt und der Mond-Welt bewegten wir
uns im Rahmen der frühesten Galgenlieder. Der "Gingganz" und "Palma
Kunkel" dagegen sind vom Dichter selbst nicht mehr zusammengestellte
Nachlaß Veröffentlichungen18. Entstanden sind sie etwa in den Jahren
1904 bis 1914. Diese späteren Gedichte unterscheiden sich von den ursprünglichen
Galgenliedern grundsätzlich dadurch, daß ihr Themenkreis
sich erweitert, das heißt: die Grenzen der Galgenberg-Welt werden
gesprengt, ohne daß jedoch die Grundsituation dieser Dichtungen
sich im wesentlichen ändert. Morgenstern selbst war sich einer solchen
Entwicklung sehr genau bewußt. In einem Brief vom 5. 10. 1910
schreibt er:

"Im Übrigen würdest Du bei näherem Zusehen leicht die Entwicklungslinie
entdecken, die durch die drei Bücher geht (denn es sind eigentlich
drei).

Erstens: Die Galgenlieder.
Zweitens: Der Gingganz mit dem darauf Folgenden.
Drittens: Palmström.

Die eigentlichen 'Galgenlieder' waren... für einen kleinen Kreis jugendlich
ausgelassener Freunde bestimmt, wo sie gemeinsam gesungen und
mit einer Art von heiter-gruseligem Zeremoniell mehr oder weniger dargestellt
wurden.

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18 Diese Sammlungen haben nicht mehr ganz den geschlossenen Charakter wie
die von Morgenstern selbst herausgegebenen. Hier sind vom Herausgeber sehr
unterschiedliche Gedichte vereinigt, die teilweise sogar als offensichtliche Parodien
und Satiren der Grundhaltung der Galgenlieder widersprechen. So etwa die
Gedichte: "Schiff ,Erde'", S. 276, "Die zwei Turmuhren", S. 320, ebenso der ganze
Anhang: "Aus dem Anzeigenteil einer Zeitung des Jahres 2407", S. 321 ff.

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Der zweite Teil: Der Gingganz breitet sich denn schon viel freier und
unabhängiger von dem ursprünglich angeschlagenen Thema aus.

Und im 'Palmström' ist jene Anfangsstimmung ganz verschwunden
und die Bahn frei für jederlei Stoff und Absicht" (B S. 406 f.).

Die Anfangsstimmung schwindet, die schaurig-mitternächtliche Spielwelt
des Galgenbergs ist in den späteren Sammlungen "Gingganz" und
"Palma Kunkel" nicht mehr anzutreffen. Trotzdem aber bleibt der gemeinsame
Ursprung: das Spiel der Sprache. So wird in dem exemplarischen
Gedicht "Der Gingganz" (G S. 251) das Wort "Stiefelknecht" in
der gleichen Weise wie die Worte "Galgenberg" oder "Mond" aus sich
selbst heraus schöpferisch und entläßt aus sich eine eigene Spielwelt mit
einer eigentümlichen Spielhandlung, in der ein "Stiefel und sein Knecht"
auftreten und aus der sich dann wiederum auf allein sprachlichem Wege
als verselbständigter Teil eines Satzganzen der "Gingganz" ergibt. Im
Unterschied zu den ursprünglichen Galgenliedern zieht sich eine solche
Weltbildung aber nur selten über mehrere zyklisch gebundene Gedichte
hin. Sie bleibt jeweils auf ein Gedicht beschränkt, so daß sich eine größere
Anzahl von Themen und einzelner meistenteils nicht so sehr weit entfalteter
Sprach-Spiel-Welten ergibt. Da diese in den vorhergehenden
Kapiteln größtenteils schon dargestellt wurden, kann hier auf eine nochmalige
Aufzählung verzichtet werden. Es sei nur noch einmal an "Die
Elster", den "Lebens-Lauf" und das "Reich der Interpunktionen" erinnert.

Eine Besonderheit bildet dabei jedoch die Welt "Palma Kunkels". Hier
tritt uns noch einmal ein Zyklus von elf Gedichten entgegen, dessen rein
äußerliche Bindung jeweils in einem Bezug auf die Person Palma Kunkels
besteht und in dem sich noch einmal eine eigene Gestaltenwelt entwickelt.
Der Ursprung dieser Welt liegt wiederum in der Sprache selbst, genauer:
in einem nicht näher bestimmten Wort "Palm", mit dem Palma Kunkel
verwandt ist und aus dem sich ihr Name erklärt:

"Palma Kunkel ist mit Palm verwandt,
doch im übrigen sonst unbekannt" (G S. 181).

Daneben taucht dann noch ein "Fritz Kunkel" auf (G S. 187), der einen
jungen Hund "Lorus" (G S. 188) besitzt, während zum näheren Umkreis
Palmas ein Papagei "Lore" (G S. 187) und eine Magd "Zäzilie" (G S. 190)
gehören, die auch schon in den ursprünglichen Galgenliedern (vgl. G
S. 73 f.) erwähnt wurde. Auch "Palmström" und "Korf" spielen (wohl
über das Ursprungswort "Palm") in diese Welt mit hinein.

Als Spielraum ergibt sich einmal "Palmströms Wohnung" (G S. 190),
zum anderen aber der Kuraufenthalt Palma Kunkels, ein "einsames Forsthaus
weit hinten im Wald" (G S. 184). Dabei zeichnet sich auch eine
eigene innere Spielzeit ab: es ist eine gewisse Zeitlosigkeit, ein unbeschränktes
Zeithaben, denn von diesem Forsthaus aus wird die Post durch

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ein seltsames "Brief-Wild" befördert, das heißt: ein Brief wird dem Wild
des Jagdreviers umgehängt, wodurch er dann "in des Tieres erfolgender
Schußzeit",

"wenn audi oft spät,
auf ein Postamt und von dort an seine Adresse gerät" (G S. 184).

Die eigene Spielstimmung jedoch, wie sie die Spielwelt des Galgenbergs
so auffallend durchzog, fehlt in dieser Form. Statt dessen fällt eine
eigenartige Themenbindung auf, und das Thema, das hier spielerisch "abgehandelt"
wird, ist bezeichnenderweise die Sprache selbst, genauer: es
ist eine eigenartige Scheu vor der Sprache, vor dem Namen und dem Benanntwerden.
So wünscht Palma Kunkel "nicht bekannt zu sein", so daß
der Chronist über sie "vollkommen stumm" bleibt, denn

"schon, daß ihr Name hier lautbar ward,
widerspricht vollkommen ihrer Art" (G S. 181).

Allerdings spricht Palma Kunkel auch, aber

"nicht vom Wetter spricht sie, nicht vom Schneider,
höchstens von den Grundproblemen beider" (G S. 183).

So heißt es in dem Gedicht mit dem bezeichnenden Titel "Wort-
Kunst". Dagegen spricht ihr Papagei niemals seine Worte aus, obwohl
"deren Zahl ohne Zahl" ist (G S. 186). Dazu möchte er auch namenlos
bleiben, denn:

"Er ward einmal mit 'Lore' angesprochen —
und fiel darauf in Wehmut viele Wochen" (G S. 187).

Er wird erst wieder geheilt, als Fritz Kunkels junger Hund sich ihm
zum Trost "Lorus" taufen läßt:

"Den Namen also gleichsam auf sich nehmend —
und alle Welt durch diese Tat beschämend" (G S. 188).

Das Thema "Sprache" und damit insbesondere die Problematik des
Nennens und Benanntwerdens, die Magie des Namens, wobei deutlich
eine bevorzugte Tendenz zum eigentlich Sprachlosen, zum Stummsein
und Schweigen sichtbar wird, stiftet letzten Endes die Einheit dieser Welt
um Palma Kunkel, ja noch mehr: so wie in der Galgenberg-Welt die
Stimmung des Nächtlich-Grausigen weltbildend wurde und bestimmte
Tiere und Gestalten auf den Plan rief, so ergeben sich auch hier aus dieser
eigenartigen Sprachscheu Spielhandlungen und Spielgestalten. Das ist einmal
in dem schon zitierten Beispiel von "Lore" und "Lorus" der Fall,

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zum anderen liegt dasselbe auch vor, wenn Palma Kunkel das schon bekannte
"Exlibris" ohne Bild und Zeichen zugesandt bekommt:

"Nicht ein Strichlein ist vorhanden.
Palma fühlt sich warm verstanden" (G S. 182).

Diese seltsame wort- und namenlose Eigentumsbezeichnung, die als
Ding gar nicht existieren kann, ist ein unmittelbares Produkt dieses
Namenlos-werden-Wollens und einer Tendenz zur Entdinglichung, welche
fast stimmungsartig Palma Kunkels Welt durchziehen. Und wenn
dann der Absender dieses Exlibris auch noch ein "Anonymus" ist, so hat
auch das ganz offensichtlich den gleichen Ursprung.

Damit stellt sich aber auch die auf den ersten Blick im Vergleich zur
Galgenberg-Welt so ganz anders erscheinende Welt Palma Kunkels in
einer völlig gleichartigen Grundstruktur dar: spielerisch entfaltet sich
aus der Sprache selbst eine eigene andersartige Welt. Verändert haben
sich nur Thema und Stimmung.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten