JW:SuSiCMG - Literarischer Manierismus

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2. Literarischer Manierismus

Die Tradition, der die Galgenlieder vom Grotesken her zugeordnet wurden,
ließe sich aber noch weiter verfolgen. Sie würde letzten Endes über
das Groteske hinaus, das als Wort gegen Ende des 15. Jahrhunderts in
Italien aufkommt und als literarischer Stilbegriff zuerst bei Montaigne
erscheint, bis an den Anfang der abendländischen Kultur überhaupt zurückreichen
und auf die schon im 5. vorchristlichen Jahrhundert in Kleinasien
entstandene Stilerscheinung des "asianischen Stiles" verweisen.
Gustav René Hocke hat in einer Weiterführung der Forschungen E. R.
Curtius' diese Stilerscheinung sowohl in der bildenden Kunst wie auch
in der Literatur bis hin zur jüngsten Moderne verfolgt und als "Manierismus"
bestimmt5. Diesen Manierismus, dem gerade auch die Erscheinung
des Grotesken zurechnet, versteht er als eine menschliche "Ausdrucksgebärde",
die als antiklassische und antinaturalistische Konstante,
als Kunst des Irregulären die europäische Geistesgeschichte durchzieht.

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5 Gustav René Hocke, Die Welt als Labyrinth, Hamburg 1957; ders., Manierismus
in der Literatur, Hamburg 1959.

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Grundtendenzen einer manieristischen Literatur sind "affektvolle Übersteigerung
oder kälteste Reduzierung des Ausdrucks, Verbergung und
Überdeutlichkeit, Verästelung und Evokation, Chiffrierung und ärgerniserregende
'Offenbarung'"6. Diese deformierten, "künstlichen, gesuchten,
verblümten, übersteigerten oder untertriebenen Ausdrucksformen"7 sind
"ästhetische Erscheinungsformen der psychischen Struktur des problematischen
Menschen"8 und treten in erster Linie in Krisenzeiten auf, in
denen eine sinngebende Ordnung und ein geschlossenes Weltbild zerbrechen.
Wiederholte Hinweise auf Morgensterns Galgenlieder9 zeigen,
daß Hocke auch sie dem manieristischen Traditionszusammenhang zurechnet.
Im Grunde ist gegen eine solche Zuordnung dasselbe zu sagen,
was schon gegen die Zuordnung der Galgenlieder zur Literatur des Grotesken
gesagt wurde. In beiden Fällen ist eine destruktive Seite der Gedichte
überbetont, während die andere Seite des Spielerisch-Heiteren
unberücksichtigt bleibt oder gar nicht gesehen wird. Hocke reißt die
Galgenlieder aus ihrer Spielposition jenseits des Ernstes heraus, wenn er
sie so als manieristische Literaturerscheinungen sieht, die sprachlich bewußt
verfremden, verschlüsseln, schockieren und Effekte erhaschen wollen,
die auf bloße Verfremdung abzielen und deren Zweck dann erreicht
ist, wenn den Leser Grauen oder sogar Ekel befällt, die zu diesem Zweck
monströse Wesen aus heterogensten Weltteilen erschaffen und mit unsinnigen
Wortspielen und sinnleeren Wortfolgen die Sinnlosgikeit der
Welt adäquat sichtbar zu machen versuchen. Möglich wird eine solche
Interpretation dadurch, daß wieder ohne Blick auf die größere zyklisch
gebundene Ganzheit einzelne Gedichte wie der "Gingganz" herausgegriffen
werden. Dazu wird die Perspektive einfach falsch, wenn Hocke
aus einer Aufzeichnung Morgensterns über Meister Ekkehart10 völlig
sinnentstellend das "Zitat" herauslöst, Morgenstern wolle mit seinen
Galgenliedern "die Sprache zerbrechen"11. Es kann hier nicht der Ort
sein, zu untersuchen, ob und wieweit Hocke nicht überhaupt den Begriff
Manierismus überspannt und überdehnt, es kann nur festgestellt werden,
daß den Galgenliedern die einfache Zuordnung in diesen Traditionszusammenhang
selbst in einem weitesten Sinne nicht gerecht wird.

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6 Hocke, Manierismus, a. a. O. S. 301.
7 Ebd.
8 Ebd. S. 302.
9 Ebd. S. 39, 90 und 120.
10 Zitiert auf S. 39 dieser Arbeit.
11 Hocke, Manierismus, a. a. O. S. 39.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten