JW:SuSiCMG - Methodischer Ansatz

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1. Methodischer Ansatz

Die "Galgenlieder" erschienen erstmals im Jahre 1905. Im Jahre 1910
folgte die Sammlung "Palmström", nach dem Tode des Dichters wurden
die Sammlungen "Palma Kunkel" und "Gingganz" 1916 bzw. 1919 von
Margareta Morgenstern herausgegeben. Eine Gesamtausgabe dieser vier
Bücher erschien im Jahre 1933, um weitere 15 Gedichte aus dem Nachlaß
vermehrt, unter dem Titel "Alle Galgenlieder". Sie wurde 1938 nochmals
erweitert und ist in einem unveränderten Neudruck von 1947 dieser
Arbeit zugrunde gelegt3.

Im Jahre 1941 erschien dann aber aus dem Nachlaß Morgensterns noch
ein weiteres Buch mit dem Titel:

Das aufgeklärte Mondschaf. 28 Galgenlieder und deren gemeinverständliche
Deutung durch Jeremias Mueller, Dr. phil4.

Es ist dies nichts anderes als ein schon vom Dichter selbst verfaßtes
Stück Sekundärliteratur, eine Interpretation der Galgenlieder, die zu
eigenartigen Ergebnissen gelangt: das bekannte Galgenlied "Ein Knie
geht einsam durch die Welt...“ wird hier beispielsweise von einem —
wie es heißt — tieferen Bedeutungsgehalt her sichtbar gemacht als "das
rastlose Schreiten des guten Prinzips nach sich selbst". Das Lied vom
"Raben Ralf, dem niemand half" wird aufgeschlüsselt als eine Charakterisierung
der Sozialdemokratie, die "Mitternachtsmaus" ist in Wahrheit
die sittliche Weltordnung, der wortlose Vers "Fisches Nachtgesang" muß
nur folgerichtig als das "tiefste deutsche Gedicht" gelten. Dazu werden
pedantisch-sachliche Erklärungen gegeben wie "Mondschaf = Mundschaf
= etwa Sancta Simplicitas (Heilige Einfalt)", und die seltsame Handlung
um den schlittschuhfahrenden Seufzer, der erglühend stehenbleibt und
unter dem die Eisbahn einschmilzt, erklärt sich selbstverständlich und einleuchtend
aus der einfachen Tatsache, "in Wirklichkeit wird der Gute in
ein Fischloch gefahren sein".

Man sieht: Witz, parodistische und karikaturistische Schärfe dieser
Deutungen des Dr. Jeremias Mueller entspringen einem Mißverhältnis
von Interpretation und interpretiertem Objekt: eine ursprüngliche Unsinnigkeit
der Galgenlieder wird durch eine erklärende pseudowissenschaftliche
Einsinnigkeit nur potenziert, ihr eigentlicher Unernst erscheint
in der Perspektive ernster Sachlichkeit nur deutlicher. Die Verflechtung
von Sinn und Unsinn scheint unauflöslich und mündet ins Absurde.

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3 Wenn im folgenden der Übersichtlichkeit und der Einfachheit halber allgemein
von den Galgenliedern die Rede ist, so ist jeweils die Gesamtheit der vier einzelnen
Bände gemeint. Wenn in einigen Fällen dagegen in einem engeren Sinne
die ursprüngliche Sammlung der „Galgenlieder“ gemeint ist, so ist darauf besonders
verwiesen.
4 Christian Morgenstern, Das aufgeklärte Mondschaf, Leipzig 1941. Dieses Buch
ist eine erweiterte Neuauflage von Chr. Morgenstern, Über die Galgenlieder,
Berlin 1921.

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Die eigenartige Tatsache, daß schon vom Dichter selbst in der Form
der Karikatur und Parodie eine Interpretation vorliegt, zwingt jede
literaturwissenschaftliche Bemühung um die Galgenlieder vorweg vor die
entscheidende Frage, ob sie nicht grundsätzlich in einer gleichen Situation
steht und zwangsläufig nur auf anderen Wegen und Umwegen zu gleichen
letztlich unfruchtbaren und unsinnigen Ergebnissen führen muß. Sie muß
sich fragen, ob ihr nicht von vornherein jeder Boden schon entzogen ist.
Eine Antwort darauf kann nur die grundlegende Klärung des methodischen
Ansatzpunktes geben.

Der Ansatz der "Morgenstern/Muellerschen" Interpretation läßt sich
am besten und deutlichsten mit der ganz einfachen Fragestellung umreißen:
was will der Dichter mit seinen Dichtungen eigentlich sagen? Das
Ziel dieses Ansatzes ist Erklärung und Deutung. Er setzt fraglos voraus,
daß die Galgenlieder jeweils eine ganz bestimmte inhaltliche Bedeutung
und Aussage haben und daß sie nach Bedeutungsgehalt, Sinn und Absicht
aufgeschlüsselt werden können. Aber aus seinen absurden Ergebnissen
wird deutlich ersichtlich, daß eine auf Bedeutsamkeit und tieferes Anliegen
ausgerichtete Interpretation diese Gedichte nicht trifft. Die karikaturistische
und parodistische Verzerrung ihrer wissenschaftlichen Auslegung
muß einem falschen methodischen Ansatz entspringen, der im Buchtitel
schon mit dem Wort "Deutung" angegeben ist.

Eine Untersuchung, die dagegen zu sinnvollen Ergebnissen führen soll,
hat sich methodisch anders zu orientieren: ihre Fragestellung kann sich
nicht auf Herausarbeitung und Erklärung dessen richten, was die Galgenlieder
sagen wollen, sondern nur auf das, was sie sind. Sie kann nicht eine
verborgene dichterische Absicht deuten wollen, sondern muß sich darauf
beschränken, Grundlagen und Gefüge dieser Dichtungen sichtbar zu
machen. Vorausgesetzt wird dabei weder ein hinter der Dichtung stehendes
Anliegen noch ein versteckter Zweck, sondern nur das Faktum, daß es
sich hier um in sich sinnvolle Sprachgebilde und um eine echte Möglichkeit
dichterischer Gestaltung handelt.

Auf diesen Weg ist die Untersuchung nicht nur durch die absurden
Deutungen des Dr. Mueller verwiesen, sondern auch durch andere, briefliche
Äußerungen Morgensterns. So beantwortet er einmal die immer wieder
an ihn gestellte Frage, was er mit den Galgenliedern eigentlich bezweckt
habe, mit der einfachen Forderung, "sich wirklich Rechenschaft
von dem Vorhandenen zu geben“ (B S. 402). "Die Art der Anschauung,
der Empfindung, der Geistigkeit, aus der sie hervorgegangen sind" (B
S. 404), muß nachempfunden und zu begreifen versucht werden.

Das alles aber bedeutet mit anderen Worten: eine literaturwissenschaftliche
Untersuchung der Galgenlieder fordert von ihrem Objekt her in
aller Schärfe einen methodischen Ansatz, wie ihn Emil Staiger dem Sinne
nach formuliert hat: beschreiben statt erklären! Untersuchung der Dichtung
selbst, nicht dessen, was dahinter liegt5.

_________________
5 Emil Staiger, Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters, Zürich 1953, S. 13.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten