JW:SuSiCMG - Sprachrhythmische Spiele

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3. Sprachrhythmische Spiele

Unter den „autonomen“ Sprachelementen des "Lalulā" befindet sich
neben dem Reim und dem Laut auch der Rhythmus. Die Strophen dieses
"Gedichtes" sind nach einem strengen Versmaß gebaut, dessen Grundeinheit
der vierfüßige Trochäus ist. Hier im Grenzfall hat sich auch der
Rhythmus aus der normalen Funktion eines formalen Stilmittels gelöst.
Im Galgenlied "Fisches Nachtgesang" begegnete darüber hinaus ein
bloßes, durch Zeichen angedeutetes Versschema. Es bleibt zu untersuchen,
wieweit auch ein autonomes Spiel des Sprachrhythmus für die Gesamtheit
der Galgenlieder typisch und gültig ist.

Rhythmus ist nach Huizinga ein Grundkennzeichen des Spieles überhaupt10.
Jeder rhythmisch gegliederte Vers kann als eine Spielform der

______________
10 Vgl. Huizinga, a. a. O. S. 153 f.

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Sprache angesprochen werden. In solchen Spielformen entfalten sich alle
Galgenlieder. Sie reichen vom einfachen zweizeiligen Vers über den
Vierzeiler bis hin zur Terzine, zum Sonett oder auch zum freien Vers.
Wieweit dabei spielerisch gegangen werden kann, zeigt folgendes Galgenlied:

"Die Trichter

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u. s.
w. (G S. 29).

Hier zeichnet sich ein eigengesetzliches Spiel des Versschemas und des
Rhythmus ab. Es gibt daneben noch eine Reihe weiterer Galgenlieder,
deren Ursprung ebenfalls allein in einer rhythmischen Sprachbewegung
zu suchen ist. Ein Beispiel dafür ist "Der Schaukelstuhl auf der verlassenen
Terrasse":

"Ich bin ein einsamer Schaukelstuhl
und wackel im Winde,
im Winde.

Auf der Terrasse, da ist es kuhl,
und ich wackel im Winde,
im Winde.

Und ich wackel und nackel den ganzen Tag.
Und es nackelt und rackelt die Linde.
Wer weiß, was sonst wohl noch wackeln mag
im Winde,
          im Winde,
                    im Winde" (G S. 43).

Ein einförmiger, "schaukelnder" Rhythmus wird sogleich spürbar und
drängt sich mit einer solchen Gewalt vor, daß die sowieso schon nicht
sehr gehaltvolle Aussage dieser Zeilen zu einem ganz sekundären Faktum
wird, das von der Aussagekraft des Rhythmus völlig überspielt wird.
Und zumindest einzelne Teile des Gedichtes scheinen auch allein diesem
Rhythmus ihr Dasein zu verdanken. So ist die dauernde Wiederholung
des "im Winde" allein rhythmisch bedingt, und auch die Assonanzen
"wackeln—nackeln—rackeln" entspringen der rhythmischen Gleichförmigkeit,
die eine ebensolche Gleichförmigkeit der Laute erzwingt. Auch
für die vielen Alliterationen ("wer weiß, was sonst wohl noch wackeln
mag, im Winde“ usw.) dürfte der Ursprung hier zu suchen sein.

Die gleiche Tendenz zur Autonomie des Sprachrhythmus liegt auch im
Galgenlied "Das Wasser" vor:

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"Ohne Wort, ohne Wort
rinnt das Wasser immerfort;
andernfalls, andernfalls
sprach es auch nichts andres als:

Bier und Brot, Lieb und Treu, —
und das wäre auch nicht neu.
Dieses zeigt, dieses zeigt,
daß das Wasser besser schweigt" (G S. 56).

Wiederum die völlige Einförmigkeit und Eintönigkeit des Rhythmus.
Das mag als eine Nachbildung der gleichförmigen Bewegung des dahinrinnenden
Wassers erklärbar erscheinen. Eine solche Erklärung trägt aber
zu kurz, denn hier ist noch deutlicher als im vorigen Gedicht zu beobachten,
wie der Rhythmus von sich aus die inhaltliche Aussage formt,
wenn nicht teilweise sogar erzeugt. So geschehen die dauernden Wiederholungen
allein um des Rhythmus willen, und auch die Alliterationen
sind nur rhythmisch bedingt. Die Vermutung muß sich nahelegen, hier sei
der Rhythmus vor dem Gedichtinhalt dagewesen, und dieser füge sich,
nur in das primäre rhythmische Spiel. Gestützt wird diese Vermutung
auch durch den inhaltlichen Verweis auf die Wortlosigkeit des dargestellten
Vorgangs: die "eigentliche" Aussage ist allein der Rhythmus einer
außerhalb der Sinnbedeutung der Sprache liegenden Bewegung.

Ein solches Überwuchern des Rhythmus ist verhältnismäßig häufig
auch in anderen Galgenliedern zu beobachten. Um des Rhythmus willen
werden einzelne Aussagen und Worte zerstückelt, oder einzelne Silben
werden verdoppelt. Wenn in einem Gedicht z. B. eine "Schildkrökröte"
auftaucht, so ist sie das Produkt eines streng durchgehaltenen rhythmischen
Spieles:

"Ich kenne nicht des Todes Bild
und nicht des Sterbens Nöte:
Ich bin die Schild- ich bin die Schild-
ich bin die Schild-krö-kröte" (G S. 83).

Dasselbe liegt in folgenden Versen vor:

"Dem Kind sind schon die Beinchen naß,
es ruft: 'Das Wass, das Wass, das Wass!'" (G S. 65).

Und:

"Und Kind und Eul,
o Greul, o Greul —
sie frissifraß der Walfafisch" (ebd.).

Alle diese Wortentstellungen sind deutlich rhythmisch bedingt. Ein
Rhythmus, ein einmal angefangenes rhythmisches Versschema wird ohne
Rücksicht auf die Einfügungsmöglichkeiten der gegebenen Worte durchgesetzt.
Rhythmus ist und bleibt das Primäre, er entfaltet sich als eigenmächtiges
Spiel, dem sich die Worte unterzuordnen haben.

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Es ist nur konsequent, wenn innerhalb der ursprünglichen Galgenlieder
dann auch ein "Galgenkindes Wiegenlied" erscheint:

"Schlaf, Kindlein, schlaf,
am Himmel steht ein Schaf;
das Schaf, das ist aus Wasserdampf
und kämpft wie du den Lebenskampf.
Schlaf, Kindlein, schlaf" (G S. 100).

Hier wird eine innere Verwandtschaft der Galgenlieder zum Kindervers
deutlich, in dem auch die formalen Elemente der Sprache eine eigenständige
Bedeutung gewinnen. Gerade die Wiegenlieder sind allein rhythmisch
bedingte und bewegte Sprachspiele, die noch jenseits einer Mitteilungsfunktion
der Sprache liegen und deren Welt sich ebenfalls aus der
Sprache und ihrer Bewegung selbst ergibt11. Wenn hier ein "Galgenkindes
Wiegenlied" erscheint, so ist das mehr als ein bloßer Zufall: es ist
der sprechendste Nachweis eines eigenmächtigen Spieles des Sprachrhythmus
in den Galgenliedern und der Entfaltungsmöglichkeit einer Sprach-
Spiel-Welt aus diesem Sprachelement.

________________
11 Vgl. dazu die Ausführungen über den Kindervers im Kapitel D II, 1a dieser
Arbeit.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten