JW:SuSiCMG - Umdeutung und Bedeutungswandel

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3. Umdeutungen und Bedeutungswandel

Das Spiel der Sprache mit ihren Bedeutungsmöglichkeiten wurde bisher
allein dort verfolgt, wo es sich an mehrdeutigen oder als mehrdeutig
empfundenen Worten und Redensarten entzündete. Es hat aber auch die
Möglichkeit, in ihrem Bedeutungsgehalt eindeutig feststehende Worte in
einer eigentümlichen Weise umzudeuten. Sie werden nicht als das genommen,
was sie normalerweise sind und benennen, sondern anders gefaßt,
so daß sie eben „als Andere“ erscheinen, ohne direkt im Klangbild oder
in der Buchstabenfolge deformiert zu sein. Im Akt dieses eigentümlichen
Umdeutens und Verwandelns eines Wortes und damit eines Dinges werden
Worte und Dinge unmittelbar zu Spielzeugen der Sprache, aus denen
sich eigene spielweltliche Zusammenhänge konstituieren.

Das ist in den erwähnten Ausgangsbeispielen "Westküste", "Saal" und
"Knie" der Fall und wird jeweils dort am auffälligsten sichtbar, wo
Dinge und Tiere als Menschen erscheinen. Auch diese selbständigen Wesen
können aus einer Entfaltung bildlicher Ausdrücke entstehen wie z. B. ein
Stiefel und sein Knecht aus dem Wort "Stiefelknecht"2, sie können aber
auch ihr "anderes Sein", ihr Sein-als-ob, einer einfachen willkürlichen
Umdeutung verdanken, wie es im Galgenlied "Der Seufzer" der Fall ist:

"Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß
glänzten die Stadtwallgebäude.

Der Seufzer dacht an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein —
und er sank — und ward nimmer gesehen" (GnS. 39).

Hier ist ein Abstraktum spracheigenmächtig so umgedeutet worden,
daß es "als Mensch" Schlittschuh laufen und eine eigenartige Gefühlsaufwallung
erleben kann, die ihm allerdings auf seltsame Weise zum Verhängnis
wird: eine Spielhandlung in einer eigenen Welt des Als-ob.

Eine ebensolche Sprach-Spiel-Welt findet sich in dem Gedicht "Kronprätendenten":

_____________
2 Vgl. G S. 251.

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"— 'Ich bin der Graf von Réaumur
und haß euch wie die Schande!
Dient nur dem Celsio für und für
ihr Apostatenbande!'

Im Winkel König Fahrenheit
hat still sein Mus gegessen.
— 'Ach Gott, sie war so schön, die Zeit,
da man nach mir gemessen!" (G S. 63.)

Die balladenhaft anmutende Welt des Gedichtes hat ihren Ursprung
in der Umdeutung der Namen Celsius, Réaumur und Fahrenheit, die als
Bezeichnung für verschiedene Thermometerskalen bekannt sind. Diese
Namen mögen von sich aus über den Weg des Sprachklanges und vielleicht
auch rhythmisch die hier auf gerissene ritterliche Welt evozieren: in den
Anklängen Graf von Réaumur — Graf von Ségur oder König Fahrenheit
— König Drosselbart3. Das Ergebnis ist wiederum eine Spielwelt,
die deutlich nur auf einen immanenten Spielzweck ausgerichtet ist, denn
es wird geradezu absurd, und es erinnert an die "Deutungen" des Dr.
Jeremias Mueller, wenn man diesem Gedicht irgendeinen außerhalb seiner
selbst liegenden Zweck unterlegen wollte, etwa den, sich für eine Réaumurskala
auf dem Thermometer einzusetzen. So muß auch die Frage, die Leo
Spitzer zu diesem Gedicht stellt, ob es die zunehmende Demokratisierung
der Welt belächeln wolle, aufs Entsdiiedenste verneint werden. Gerade
der allein immanente Sinn und Zweck des Gedichtes ist wesentlich. Es
liegt auch keine Parodie einer Ballade vor, eher eine spielerische Paraphrase
dieser poetischen Form.

Eine weitere Spielwelt tritt uns in noch ausgeprägterer Form in dem
Gedicht "Im Reich der Interpunktionen" entgegen:

"Im Reich der Interpunktionen
nicht fürder goldner Friede prunkt:

Die Semikolons werden Drohnen
genannt von Beistrich und von Punkt.

Es bildet sich zur selben Stund
ein Antisemikolonbund.

Die einzigen, die stumm entweichen
(wie immer), sind die Fragezeichen.

Die Semikolons, die sehr jammern,
umstellt man mit geschwungenen Klammern

und setzt die so gefangnen Wesen
noch obendrein in Parenthesen.

Das Minuszeichen naht, und — schwapp!
da zieht es sie vom Leben ab ..." (G S. 266).

_______________
3 Vgl. Leo Spitzer, Die groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Chr. Morgensterns,
Leipzig 1918, S. 63.

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Dieser Kampf der Interpunktionen ist noch lange nicht zu Ende. Für
unseren Zusammenhang ist aber in erster Linie wesentlich, daß hier ausdrücklich
ein "Reich" der Interpunktionen entfaltet wird, d. h. ein eigenes
Spielfeld, auf dem eine eigene Spielhandlung abläuft. Ihr doppelter Boden
liegt darin, daß hier trotz der Umdeutungen auch die ursprünglichen
Bedeutungen teilweise beibehalten werden und immer wieder durchscheinen,
so daß sich eine imaginäre und eine wirkliche Ebene dauernd überspielen:
so, wenn z. B. die Satzzeichen Klammern und Parenthese die personifizierten
Semikolons gefangensetzen oder wenn das Minuszeichen
diese "vom Leben abzieht". Dabei liegt diesem Gedicht jeder satirische
Gesamtaspekt fern, sondern auch hier ist eine andersartige, in sich geschlossene
Spielwelt entstanden, in der Worte und Dinge spielerisch in
andere Bezüge gestellt sind.

Es ließen sich noch viele Galgenlieder mit einer solchen sich wie absichtslos
sprachlich entfaltenden Spielwelt anführen4, es sei hier jedoch
nur noch auf eine dieses Spiel noch weiter treibende Variante verwiesen,
die dort in Erscheinung tritt, wo Morgenstern aus dem Bedeutungsgehalt
einzelner Wortteile und Silben neue Worte bildet. Ein Musterbeispiel
dafür ist das Gedicht "Der Vergeß":

"Er war voll Bildungshung, indes,
soviel er las
und Wissen aß,
er blieb zugleich ein Unverbeß,
ein Unver, sag ich, als Vergeß;
ein Sieb als Glas,
ein Netz aus Gras, ein Vielfreß —
doch kein Haltefraß" (G S. 254).

Am Anfang steht hier das Wort "Bildungshung", was wohl als ein
Anklang an die Abstraktbildung auf -ung zu verstehen ist. Aus seiner
Wortbedeutung entfalten sich stufenweise die weiteren sprachlichen Bilder:
mit "Bildungshung" ist das "Wissenessen" gegeben, dieses wird
jedoch durch ein Vergessen wieder aufgehoben, so daß ein "Vergeß" entsteht,
der, weil er sich nicht ändert, gleichzeitig als Substantivierung eines
Adjektivs ein "Unverbeß" ist und schließlich ganz allgemein als "Unver"
bezeichnet werden kann. Dieses Wort ist nun allein aus dem Bedeutungsgehalt
einzelner Silben entstanden, und bleibt auch als Neubildung an
diesen ursprünglichen Bedeutungsgehalt gebunden. Der "Vergeß" evoziert
das sprachliche Bild vom Gedächtnis "wie ein Sieb", welches ähnlich beschaffen
wie ein „Netz“ ist, und schließlich ergibt sich sozusagen als
Quintessenz des Gedichtes der "Vielfreß" (jetzt auch eine Anologiebildung
zu "Vergeß"), der aber kein "Haltefraß" ist, also das Wissen, das
er aufnimmt, nicht behält.

________________
4 So die Galgenlieder: "Unter Zeiten", S. 72, "Golch und Flubis", S. 259, "Die
Glocke", S. 268, "Die Lampe", S. 273.

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Auch dieses Sprachspiel spielt sich innerhalb eines eindeutigen Bedeutungsbereiches
ab, es wird schöpferisch, indem es einzelne Worte zerreißt
oder neubildet. Das kann so weit gehen, daß bloße Vorsilben verselbständigt
werden und in einer substantivierten Form zu Wort-Dingen
einer seltsamen Sprachwelt werden.

So wird auch in dem Galgenlied "Der Zwi" aus den Worten zwiefach,
Zwietracht, Zwielicht usw. die bedeutungstragende Silbe "zwie" gewissermaßen
abstrahiert, so daß als neues Wort und Ding ein "Zwi" entsteht,
ein "wunderlicher Tropf", der außer seinem Kopf noch einen zweiten
Kopf am Knie trägt. (Vgl. G S. 232.)

Ähnlich wie zum "Zwi" kommt es auch zur Bildung des "Gingganz",
nur daß hier nicht einzelne Wortsilben, sondern Teile eines Satzganzen
verselbständigt werden. Aus der Aussage: "Ich Ging Ganz in Gedanken
hin" (G S. 251) werden die Worte "ging" und "ganz" herausgelöst und
zu einer neuen selbständigen Sprachbildung vereinigt, die auch folgerichtig
ihre spezifische Bedeutung erhält: "Ein Gingganz bedeutet damit fortan
ein in Gedanken Vertiefter, Verlorener, ein Zerstreuter, ein Grübler,
Träumer, Sinnierer" (G S. 250).

Spielerische Umformung der Sprache um eines bestimmten Bedeutungsgehaltes
willen liegt auch in dem Gedicht "Lieb ohne Worte" vor:

"Mich erfüllt Liebestoben zu dir!
Ich bin deinst,
als ob einst
wir vereinigst...

Achst, achst, schwächst schwadist arms Wortleinstche, was? —
Genug denn, auch du, auch du liebsest.
Fühls, fühls ganzst ohne Worte: sei Meinstlein!
Ich sehne mich sprachlosestest" (G S. 255).

Hier spielt die Sprache mit dem Superlativ, und zwar so, daß selbst
Substantive, Verben und Adverben in dieser Form erscheinen. Der Ursprung
des Spiels liegt in einer Bedeutung, die das Wort Liebe birgt, insofern
diese nämlich aus einer bestimmten Stimmung heraus die ganze
Welt in einer höchsten Steigerungsform wahrnimmt. Dabei stößt die
Sprache, die ein solches "Liebestoben" auszudrücken versucht, zugleich
spielerisch an ihre Grenze. Sie spricht "Lieb ohne Worte", sie versagt, sie
wird sprachlos, wobei hier dieses Sprachloswerden am Ende noch einmal
spielerisch in den Superlativ erhoben wird.

Schließlich gehören zu dieser Spielform auch viele Analogieformen,
soweit sie nicht auf reinen Klangparallelen beruhen: Wortneubildungen,
die einer oft willkürlich erscheinenden und befremdenden Bedeutungsparallele
entstammen. So wird zum "Werwolf" sprachlich ein "Werfuchs"
erschaffen, zur "Nachtigall" eine "Tagtigall", zum "Windspiel" ein
"Sturmspiel", zum "Rhinozeros" ein "Rhinozepony", zum "Affenbrotbaum"
ein "Menschenbrotbaum" (G S. 35), zum "Klabautermann" die

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"Klabauterfrau" und das "Klabauterkind" (G S. 271), zum "Igel" ein
"Agel" (G S. 89). Das "Sitzfleisch" erzeugt als analoges Gegenstück einen
"Sitz-Geist" (G S. 252), neben dem normalen Museum, das jeweils Beispiele
für bestimmte Sachgebiete enthält, entsteht ein "Museum der Gegenbeispiele"
(G S. 165), zum "Lämmergeier" findet sich ein "Geierlamm"
(G S. 231), ein "Exerzierplatzvogel" wird analog zu Wortabkürzungen,
wie sie im militärischen Bereich üblich sind, zum "E. P. V." (G
S. 289). Ebenso kann es etwa neben etwas Essenziellem auch etwas "Wesenzielles"
geben (G S. 6), ein Teil eines Wesens wird analog etwa zum
Zwanzigstel ein "Wesenstel" (G S. 12), neben anderen Falles gibt es "umgekehrten
Falles" (G S. 167), zu obig entsteht ein "untig" (ebd.) oder ein
"nebig" (G S. 168), zu Obiges ein "Umiges" (G S. 206) und aus einem
Vagabund wird im Diminutiv ein "Vagabündel" (G S. 99).

Daneben tritt noch vereinzelt eine ähnlich gelagerte Sprachspielerei auf,
die sich jeweils an Fremdworten entzündet und so wiederum durch Verwandlung
der Wortbedeutungen überraschende Effekte erzielt. In der
Einleitung der Galgenlieder steht das Wort "Symbild" (G S. 11), in den
Galgenliedern selbst begegnen die "Käseglocke, die Glocke Çekesla" (G
S. 268) und das latinisierte Mondschaf "Lunovis" (G S. 27).

Schließlich ergeben sich auch befremdend neue Bedeutungen durch eine
einfache Verkoppelung mehrerer Worte zu regelrechten Wortungeheuern:
so das schon erwähnte "Kurkonzertbierterrassenereignis" (G S. 237) oder
"zukunftswetterschwangervoll" (G S. 11) oder "Weltauffasserraumwortkindundkunstanschauung"
(G S. 13). Und darüber hinaus kann auch noch
eine besondere Form des Bedeutungswandels durch die Ähnlichkeit zweier
Worte im Schriftbild bewirkt werden. Ein "Nilpferd" liest sich z. B. eines
Tages in der deutschen Schrift "statt mit groß N mit groß ST". Dieser
Trugschluß macht es dann als "Stilpferd" zu einem Wappentier (G.
S. 222).

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten