JW:SuSiCMG - Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung

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D.
Versuch einer literarhistorischen Standortbestimmung

Hatte der erste Teil der Arbeit den Ursprung der Galgenlieder zu fassen
gesucht und hatte der zweite Teil diese Dichtungen selbst in ihrem besonderen
Gefüge-Charakter ins Blickfeld gestellt, so möchte sie der dritte
Teil aus der Isolierung, in der sie bisher notwendigerweise gesehen wurden,
herausrücken und einen Traditionszusammenhang sichtbar machen,
in welchem auch diese Gedichte stehen, so einmalig und abseitig sie zuerst
erscheinen mögen.

Dabei kann es jedoch grundsätzlich nicht darum gehen, Abhängigkeiten
oder Beeinflussungen der Galgenlieder durch ältere oder zeitgenössische
Dichtung aufzuweisen etwa in der Weise, daß gewisse Anverwandlungen
literarischer Vorlagen aufgezeigt und Eigentümlichkeiten der Galgenlieder
daraus "erklärt" werden. Gerade als ursprüngliches Sprachspiel
bleiben sie wie jedes Spiel in einer ganz bestimmten Weise ungeschichtlich
und zeitlos. Ihre Entstehung wie auch ihre Aufnahme durch ein
lesendes Publikum bleiben eigentümlich unberührt und abseits von literarischen
Zeitströmungen und sind nicht durch einen Zeitgeschmack bestimmt.
Als echtes Spiel sind sie jederzeit wiederholbar und nachvollziehbar,
sie "veralten" nicht, solange die Sprache, die sich in ihnen ausspricht,
lebendig bleibt. Die Tatsache, daß die Galgenlieder das eigentlich Bleibende
des Morgensternschen Gesamtwerkes sind und daß das gesamte
"ernste" dichterische Schaffen Morgensterns schon heute, 50 Jahre nach
dem Tode des Dichters, aus dem allgemeinen Bewußtsein weitgehend verschwunden
und vergessen ist, mag neben anderem von hier aus zu erklären
sein. Ihre Abseitigkeit von sonstiger Literatur betonte schon Morgenstern
selbst, wenn er sich entschieden dagegen verwahrte, in ihnen zum
Beispiel Parodien auf zeitgenössische Lyrik, etwa auf Dehmel, George,
Hofmannsthal oder auch Nietzsche sehen zu wollen: "Sich die Sache so
oder anders zu denken ist natürlich jedermanns Recht. Aber man verdirbt
sich wirklich das Beste an den Sachen, wenn man in solcher Weise
literarische Beziehungen herstellen zu müssen trachtet. Sie sind ganz abseits
von allem literarischen Geist entstanden und haben nie auch nur im
Traum eine Verspottung oder dergleichen zeitgenössischer Lyrik sein
wollen. Ich darf mich endlich einmal dagegen verwehren, daß diese Dinge
ein 'Literat' in die Welt gesetzt habe" (B S. 339 f.).

Die Galgenlieder entwachsen nicht unmittelbar einer literarischen Zeit-

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Strömung und sie orientieren sich auch nicht direkt an einem Vorbild in
der älteren Literatur. Trotzdem stehen sie aber als eine besondere Spiel-
Art der Poesie in einer Tradition, die von den noch unliterarischen Anfängen
der Dichtung überhaupt bis in die heutige Moderne reicht. Es ist,
grob umrissen, die Tradition eines poetischen Sprachspieles, das sich jenseits
der bloßen Mitteilungsfunktion der Sprache allein um seiner selbst
willen entfaltet. Um diese Tradition und damit einen literarhistorischen
Standort der Galgenlieder sichtbar machen zu können, ist es vorerst unumgänglich,
sie von den Ergebnissen der Einzelinterpretation her gegen
andere ähnlich gerichtet erscheinende Literaturströmungen abzugrenzen,
denen sie von der Forschung bisher teilweise zugewiesen und zugeordnet
wurden.

 

 

Jürgen Walter: Sprache und Spiel in Christian Morgensterns Galgenliedern. 1966
A. Frage- und Aufgabenstellung
          1. Methodischer Ansatz | 2. Abgrenzung | 3. Der Aufriß der Untersuchung
B. Die Grundsituation
     I. Die Erfahrung der Sprache:
          1. Die andere Welt der Galgenlieder: a) Das Staunen als Welterfahrung | b) Das Gefüge der Dingwelt |c) Die Destruktion der gewohnten Welt | d) Der Einbruch des gewohnten Raumes
          2. Welt und Sprache: a) Die Dinge und das menschliche Dasein | b) Das Ding-Wort | c) Die Sprache | d) Die Sprachkritik und ihre Grenzen
          3. Die Entfaltung einer sprachlichen Eigenwelt: a) Die Inkongruenz von Ding- und Sprachraum | b) Die "andere Welt" als Eigenwelt der Sprache | c) Die "absolute" Sprache
     II. Das Erlebnis des Spiels: 1. Die Phantasie | 2. Das Phänomen des Spiels | 3. Das Spiel als unmittelbarer Ursprung der Galgenlieder
     III. Das Sprachspiel: 1. Das Spiel der Sprache | 2. Die Entfaltung der Sprach-Spiel-Welt
C. Die Sprach-Spiel-Welt
     I. Das Spiel der Sprachbedeutungen: 1. Die Entfaltung des bildlichen Ausdrucks | 2. Das Spiel der Homonyme | 3. Umdeutung und Bedeutungswandel | 4. "Etymologie" und falsch angesetzte Grammatik | 5. Bedeutungslose Worte
     II. Das Spiel der Sprachelemente: 1. Das Reimspiel | 2. Das Klangspiel | 3. Sprachrhythmische Spiele | 4. Wiederholung und Gleichklang. Sprachornament und Arabeske
     III. Der Aufriß der einzelnen Sprach-Spiel-Welten: 1. Die Galgenberg-Welt| 2. Die Mondwelt | 3. Gingganz und Palma Kunkel | 4. Die Welt Palmströms
D. Versuch einer literaturhistorischen Standortbestimmung
     I. Abgrenzung gegen die Zuordnung zu scheinbar gleichgerichteten Literaturströmungen: 1. Die Literatur des Grotesken | 2. Literarischer Manierismus | 3. Die Literatur des Komischen und des Humors
     II. Aufriß einer Tradition der Galgenlieder:
          1. Das Sprachspiel in vor- und unliterarischen Formen: a) Das Kinderlied | b) Eulenspiegel | c) Der Nonsense
          2. Literarische Erscheinungen des Sprachspiels: a) Johann Fischart | b) Die Barocklyrik | c) Clemens Brentano | d) Der Dadaismus und Hans Arp
     III. Ergebnisse
E. Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees|Schlußbetrachtung: Die Sprachwelt der Galgenlieder Christian Morgensterns und die Bildwelt Paul Klees
Literaturverzeichnis


Fußnoten