Japan in Berlin

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55. Japan in Berlin

"Aristokratische Kultur" - der Begriff drängt sich einem unwillkürlich
auf, wenn man in den Zimmern von Amsler und Buthardt

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vor den Stickereien aus dem fernen Osten steht. Man denkt an die
Pyramiden Altägyptens, an griechischen Tempelbau und römische
Amphitheater oder vielleicht noch mehr an griechisches
Kunstgewerbe und italische Wandgemälde und Mosaiken. Weshalb?
Das ist leichter empfunden als klar präzisiert. Die ewigen

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Denkmale der Pyramiden wären nie entstanden, wenn sich nicht
Könige hätten Gräber bauen lassen, die Heiligtümer niemals,
wenn nicht Götter zu wohnen begehrt hätten, die kostbaren Vasen
nicht, noch der Wandschmuck der Bäder, wenn nicht obere
Zehntausend sie von unteren Hunderttausend gleichsam als einen

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Tribut oder doch eine selbstverständliche Gabe gefordert
oder wenigstens herausgelockt hätten. So auch bei diesen japanischen
Stickereien. Nur ein reiches und von vornehmstem Geschmack
erfülltes Volk vermag von sich selbst eine solche Summe
von Fleiß und Hingebung zu fordern, wie sie in diesen minutiös

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gearbeiteten, feinsinnig erdachten Tapeten enthalten liegt. Der
ganze Barbarismus. der von einer konsequenten Ochlokratie der
Kunst, zumal nach ihrer gewerblichen Seite hin, droht, dürfte an
diesem Beispiel zu erkennen sein. Oder ist zu bezweifeln, daß
eine demokratische Gesellschaft völlig zufrieden gestellt sein

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wird, wenn praktisch und gefällig produzierende Fabriken den
kunstgewerblichen Bedarf nur allen gegenüber gleichmäßig zu
decken sich verpflichten? Wer wird noch eine Hand rühren, um

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dem "Bruder" unter Aufopferung eines Stück Lebens einen kostbaren
Ofenschirm zu sticken, der im andern Falle für den
"Herrn", den "Gönner", den kaufkräftigen "Auftraggeber"
ohne weiteres fertiggestellt werden würde!
Floreant singuli et pereat ars? Sollte das unserem demokratischen
Zeitalter nicht ein wenig zu denken geben? Sollte aus diesen
japanischen Kunststickereien nicht jene Kultur reden, die wir
selbst schon einmal gehabt haben, und von der wir uns heute immer
gründlicher zu entfernen scheinen?

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 132f.


Wikipedia:Ochlokratie