Komische Käuze

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...

22. Komische Käuze *

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Jeder gute Berliner wird den berühmten Reformdichter seiner
Vaterstadt Mathias Weber kennen, dessen Umdichtung der
"Glocke", dessen Lied an sein schwarzäugig Liebchen (ein Täßchen Mokka)

        "Ich sitze nun im Cafe Schiller

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        Und wälze den Gedankentriller..."

und dessen unsterbliches Gedicht "Die Welle" —

__________
* Gedichte etc. von Heinrich Pudor. Verlag von H. Pudor, München und
Carl Fr. Fleischer, Leipzig. Naturische Briefe gegen die moderne Dichtung
von P.J. Thiel. Verlag des Bibliographischen Büreaus. Berlin.

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        "Welle. Welle, Welle, du,
        Kobold auf der Wasserflut!"

mit Fug den bedeutendsten Erzeugnissen moderner Lyrik zur

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Seite gestellt werden darf. Aber es gibt noch andere Reformdichter
im Reich, und wenn ich mich auch augenblicklich nur des
Barden Friedrich Nitschke - wenn ich nicht irre - aus "Ostérode
am Harz" (wie er selbst skandiert) namentlich entsinne, so lehrt
doch jeder Blick in die "Briefkästen" des Kladderadatsch und

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ähnlicher Blätter, wie groß die Zahl jener ursprünglichen Talente
ist, von denen Unland so schön sagt: sie singen "wie der Vogel
singt". Nämlich: "der ihnen im Kopfe wohnet". Als neuestes Mitglied
dieser herrlichen Sängerzunft verriet mir jüngst ein dünnes
Büchlein auch den großen Heinrich Pudor, dessen strotzende

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Genialität bereits auf allen Gebieten moderner Kunst, wie man
weiß, ihre bedeutsamen Spuren hinterlassen hat. Während ein
Mathias Weber noch, als Rhapsode, hauptsächlich in Cafés und
Varietés sein Publikum sich suchen muß — was ein grelles Licht
auf die literarische Indifferenz der oberen Zehntausend wirft —,

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hat Heinrich Pudor den originellen Einfall gehabt, sich die Kunst
Gutenbergs zunutze zu machen und auf diesem Wege seinem
Verehrerkreise den stammelnden Reichtum seiner Seele darzubieten.
"Tragödie" nennt er mit Recht die trüben Beklagungen
"seines Geschickes des heur'gen", seines Liebesunglücks, das

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ihn "mit Flammen, mit feurigen" ganz leergebrannt hat. Und wie
weiß Heinrich Pudor zu lieben!

        "Ich liebe Dich, weil ich Dich leiden mag
        Weil ich bin Dir so herzlich gut.
        Weil ich Niemand Anderem das Gleiche sag',

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        Was ich sag' Dir mit fröhlichem Mut.

        Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß,
        Weil ich füglich nicht anders kann,
        Ich liebe Dich, weil Du ja gar so lieb,
        Weil Deine Lieb' ich gewann."

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"Wie die sieben Regenbogenstrahlen zerrinnen in das weiße
Licht", so zerrinnen auch diese sieben "weil" in dem großen circulo
vitioso "Ich liebe Dich, weil ich Dich liebe!"
Aber ach! selbst ihr lieblicher Schimmer vermag dem düsteren

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Hereinbrechen der Tragödie nicht zu wehren.

        "Ich hatt' mir die Frauen als Engel gedacht.
        Der Wahn, der ist nun zerstört,
        Aus Lüge sind alle Weiber gemacht,
        Darüber bin ich belehrt."

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Und mit drei schauerlichen "Flüchen" dröhnt das "Schicksalsspiel"
aus. Ihm folgt noch ein Anhang: "Lady Tryon. Dramatisches
Stück in einem Akt", dessen dreizehn Szenen uns den
Schleier der Schwermut noch dichter ums Haupt winden. Lady
Tryon hält heute nach ihrer Niederkunft den ersten Empfangstag.

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Ihr Gatte Eduard ist als Kommandant der Viktoria im Mittelmeer
auf Manöver. Das Glück des jungen Ehepaares ist zu groß.
Es liegt etwas in der Luft. Während die Gäste tanzen, kommt eine
Depesche: Das Schiff ist untergegangen. Miss Connaught, eine
frühere Rivalin der Lady teilt mit kaltem Triumph dieser den Inhalt

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des Schreibens mit. Ein Schrei, Lady Tryon sinkt entseelt zu
Boden und haucht nur noch das Wort "Eduard".
"Miss Connaught (kniet neben ihr nieder, betrachtet sie, sieht auf
ihre Augen): Auch ihr letztes Wort "Eduard". Nun - (sie steht
befriedigt auf). (Da erscheint Lord Taylor, der Bruder der Lady,

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erblickt seine Schwester, schreit auf, faßt sich an den Kopf, begreift
alles, springt auf Miss Connaught zu): Sie — Furie! (Diese
eilt nach dem Hintergrund; als sie am offenen Fenster vorüber
will, fällt ein Blitzstrahl auf sie; sie fällt tot nieder - Lord Taylor
wankt entsetzt zurück — der Vorhang fällt schnell)."

                                                  *

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Von demselben Verfasser liegen noch weitere Publikationen
vor mir. Da sind zunächst "11 Lieder für eine Singstimme mit
Begleitung des Pianoforte" (Opus ii ), welche ich mir von einem

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Tenor und einem Bass zugleich habe vorsingen lassen, da sie bis
zum hohen H hinauf- und bis zum tiefen G hinabgehen. Als die
Perle dieser unbeschreiblichen Gesänge möchte ich "Das Samenkorn"
bezeichnen, über dessen Vortrag der Komponist selbst den

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Wink gibt: "Ein einfaches Lied will ich hören..." und dessen
Text allein schon Musik ist: -

        "Es fiel ein Samenkorn
        In mein Herz hinein,
        Das Samenkorn

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        Der Liebe.

        Es trieb das Samenkorn
        Blatt und Stengel hervor.
        Das Samenkorn
        Der Liebe.

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        Es trieb das Samenkorn
        Blumen und Blüte hervor.
        Das Samenkorn
        Der Liebe.

        Aus dem Herzen auf

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        Brach die Knospe auf,
        Und es blühet
        Die Liebe."

Nun kommt aber das Wunderbare, was niemand glaubt. Das
steckt in zwei andern Büchern, die derselbe Heinrich Pudor geschrieben

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hat: In den "Französischen Reiseskizzen (einschließlich
Riviera und Kanalinseln)" und in einer Schrift mit dem klassischen
Titel: "Hohe Schule des Sinnenlebens. Beiträge zu derselben."

In den Reiseskizzen ist er nämlich - wenn man seine stilistische

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Naivetät ihm nicht übel nimmt - ein meist sehr amüsanter und
anregender Plauderer und Beobachter, der mit künstlerischen
Augen in Natur und Leben blickt und eine frische, ansteckende

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Freude an aller Erdenschönheit hat. Sein Bicycle, das ihm beständig
kaputt geht, schleppt er zwar bis auf die normannischen
Inseln mit, seine dilettantische Originalitätswut aber hat er fast
ganz zuhause gelassen und gibt sich in seinen Empfindungen

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einfach wie ein empfänglicher Mensch vor einer großen, überwältigenden
Natur. Es muß herrlich sein auf diesen romantischen,
Historie-umklungenen Felseilanden Guernsey, Sark,
Herm, Alderney und Jersey: das glaubt man ihrem glücklichen
Besucher nur allzugern.

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Das zweite Buch, von dem ich sprach, enthält ebenfalls viel Dankenswertes
und Befruchtendes. Seine vortreffliche Tendenz ist, in
den Reichen (zunächst) des Gefühls, des Geruchs und des Geschmacks
auf die unendlichen Möglichkeiten hinzuweisen, welche
der Verfeinerung unserer Sinne und damit einer hochgradigen

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Steigerung des Lebensgenusses offen stehen oder doch eröffnet
werden könnten. "Ich verstehe" sagt der Autor "unter genußfreudigem
Sinnenleben das Gleichgewicht in der Ausbildung
und Verfeinerung aller Sinne, also das mit allen Sinnen gleichzeitige
Empfinden der Schönheit des Lebens und der Natur. Ein

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naheliegendes Beispiel: es ergeht sich an einem lauen Juniabend
jemand im Walde. Ist er ein Geruchsmensch, so riecht er zwar den
herrlichen Tannenduft, aber der Vogelsang und das Lichtgeflimmer
entgeht ihm. Ist er ein bloßer Gourmand, so entgeht ihm
augenblicklich alles und er denkt nur an die nächste Mahlzeit.

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Und so fort. Und ihnen allen entgeht vielleicht noch die Wollust
des Genusses, über den weichen Moosteppich dahinzugehen, hin und
wieder nur einen dürren Ast zerbrechend.« Er predigt Seide
contra Wolle, da diese den Gefühlssinn des Körpers durch die
beständige Berührung und Reibung abstumpfe, er polemisiert -

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mit so viel Recht! - gegen die deutschen Betten, Stühle, Sofas, wie
die ganze Einrichtung unserer Wohnräume. Und zuletzt kramt er
noch über die Art des ehelichen Zusammenlebens von Mann und
Weib sehr feine Wahrheiten aus. Dann geht er auf den Geruchssinn
über, auf Odeure und Desinfektionsmittel, auf den Tabak,

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von da auf Geschmackslehre und Kochkunst, von da auf die

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Ästhetik der Wohnräume und die Ästhetik - des Klosetts und der
Badestube.
Was will man schließlich mehr?

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"Ja ... was ... möchten wir nicht Alles!" steht schon auf dem

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"Wunderfabelbuch" des schalkhaften Paul Scheerbart, in weiser
Erkenntnis, daß das Mehr-und-immer-Mehr-Wollen tiefer im
Menschen sitzt, als moderne Staats-Schulweisheit sich träumen
lässt, welche in der Unzufriedenheit nur eine sozialdemokratische
Erfindung erkennen kann.

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Ja ... was ... möchten wir nicht Alles, Herr Peter Johannes Thiel
aus Elberfeld! Wir möchten noch mehr, wie eine Ästhetik der
Badestube, wir möchten so etwas wie die Ästhetik einer kommenden
Kunst gefunden haben, nicht wahr?
Und dazu mußten wir "15 Naturische Briefe gegen die moderne

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Dichtung" versenden und viele gute und viele schlechte Gedanken
unter den unsäglichsten Verrenkungen äußern. Das ging nun
einmal nicht anders. Denn wir sind offenbar noch sehr jung und
konnten uns einmal einen tollen Streich coram publico nicht verkneifen ...

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Was tut's am Ende? Man braucht es ja nicht zu lesen und der
junge Sprudelkopf hat seinen Spaß gehabt. Aber dies soll nicht
mein letztes Wort sein. Denn ich merke aus dem Ganzen sehr
wohl die Absicht heraus, und bin - nicht verstimmt. Denn die
Absicht ist redlich: es sollten uns ja über die moderne Kunst die

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Augen geöffnet werden. Aber wer andre Augen öffnen will, muß
vor allem selber die Augen schon offen haben. Und das hat der
Verfasser dieser Briefe noch nicht: er phantasiert noch im leichten
Morgenschlaf der Jünglingsjahre, er hört schon das verworrene
Treiben der Welt durchs offne Fenster hereinraunen, aber ohne

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schon völlig erwacht zu sein und die Stimmen recht unterscheiden
zu können.
Er hat ein bißchen in die Moderne hineingeguckt, er tut so, als ob
er Ibsen, Zola, Hauptmann u. ähnl. auswendig wüte, er hält sich

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bei Tovote auf, wirft beständig mit Décadence und Fin de siècle
um sich und spricht von Axel Delmars wundersüßer Novelle 'El
Baheira'. Es ist nur eines an diesen Überzeugungen, in welchen
noch keine Ahnung von dem großen Wollen und Ringen der

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heute ernst Schaffenden dämmert, bemerkenswert, und das ist
die kecke, burschikos überschwengliche Art und Form, in der sie
vorgetragen werden.
Es liegt etwas Jean Paulisches in diesem Stil, etwas sehr Deutsches
im vielfältigsten Sinne. Und es steckt eine verheißungsvolle

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Phantasie dahinter.
Bis jetzt ist mir jedoch Peter Johannes Thiel nur erst ein komischer
Kauz. Wenn er mit einer eigenen Kunstschöpfung in die
moderne literarische Bewegung eingetreten sein wird, wird man
erkennen, ob er die Kraft und die Zucht dazu hat, aus der Reihe

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der komischen Käuze hinüberzutreten in die - der originellen
Künstler.*

Christian Morgenstern

___________
* Zur Erklärung des Ausdrucks "naturisch" und zugleich als Stilprobe
sei nachstehender Satz aus dem Schlussbriefe "Ist Mutter Natur natürlich

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oder naturisch?" mitgeteilt: Der Fortschritt zu höheren, mißbildungsfreien,
gesunden, lebendigen, schöneren Formen, ist die Sehnsucht, der
Lebenstrieb, das innerste Wesen der Mutter Natur, ist ihre entzückende
Lichtseite, ist natürlich. Der Rückschritt zu tieferen, mißgebildeten,
kranken und toten und häßlichen Formen ist ihre böse Rückerinnerung,
ist nur das notwendige Sprungbrett ihres Lebenstriebes, ist ihre häßliche
Schattenseite, ist naturisch.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 71ff.