Lyrik. Gustav Renner

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26. Lyrik. Gustav Renner *

        "Mir gab Natur die leere Harfe mit,
        Und erst das Leben spannte mir die Saiten,
        Wenn meine Verse ernst und düster schreiten,

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        Ist es der schweren Tag' und Nächte Tritt."
        (Gustav Renner.)

Gustav Renner war mir von Anfang an in doppelter Weise diskreditiert
worden. Einmal dadurch, daß ihn Herr Friedrich
Lange, der frühere Leiter der "Täglichen Rundschau" entdeckt

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und ihn zum "Lyriker der Zukunft" gestempelt hatte, und zum
andern, weil man ihm in Journalen als einem "Volks"dichter
ganz besondere - Ambrosianische - Ehren erwies. Trotzdem gewann
ich aus seinen "Gedichten" die Überzeugung, einem Talent
gegenüberzustehen, dessen Gedanken und Gefühle die

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Schrattenthalsche Sphäre des Volksdichterischen weit überschritten,
und dessen Einführung in die Öffentlichkeit, aus welchen
Gründen sie auch geschehen sein mochte, eine gute Tat war.
Dass freilich bereits jetzt, nach kaum einem Jahre, eine dritte Auflage
im Buchhandel erscheint, erfüllt mich fast mehr mit Sorge

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als mit Freude: denn wieweit so etwas in Deutschland mit natürlichen
Dingen zugeht und wieweit man etwa Protektion oder eine
den "Volks"dichtern entgegengebrachte modische Parteilichkeit
dahinter vermuten darf, bleibt immer eine offene Frage. Es wäre
schade, wenn auch Gustav Renner ein Opfer jener trügerischen

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und wertlosen Regeisterung würde, welche, als ein Feuer aus
Strohköpfen, verwirrt und blendet, aber nicht erleuchtet, und
ebenso jäh, wie sie aufgelodert ist, zu erlöschen pflegt. Wehe,
wenn er vom Reifall der Vielen verführt, glauben sollte, bereits
auf Lorbeeren ausruhen zu dürfen. Noch sind die Mehrzahl seiner

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Gedichte mehr Rudimente eines von energischem Seelenleben
getragenen Talents, als eigentliche Kunstwerke. Der "naturalistische"

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* Aus der Flut einlaufender, lyrischer Werke greift Morgenstern einige
Persönlichkeiten heraus. D.R.

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Lyriker, der ein reiches Innenleben, wie es in ihm
drängt, ausbrechen läßt, täusche sich nicht darüber, daß schon
die nächste Generation nicht mehr Notiz von ihm nehmen wird,
wenn er sein Menschliches nicht als Kunstwerk gegeben hat.

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Denn der Genius der Kultur ist ein eigener Gott, welcher dessen
nicht achtet, der ihm statt reinen Goldes golddurchsprengtes Gestein
opfern zu können glaubt!
Dem freilich, der zum ersten Male gibt, sei noch keine seiner
Hoffnungen geraubt, - hat er doch noch ein Leben vor sich, in

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seinen Bergwerken zu arbeiten. Und am wenigsten dem, der wie
Gustav Renner, der Buchbindergeselle, "nicht mit dem Schulsack
auf dem Rücken ins weite Reich des Geistes trat", zumal
wenn sein Stil immer noch bei weitem besser ist, als der des Juristen
Hans Benzmann und der des Literaten Paul Bornstein. Haben

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diese Lyriker - und noch wie viele andere! - nie gelesen, was
Goethe, Schopenhauer, Nietzsche über unsere Sprache gesagt
haben? Haben sie nie bedacht, daß sie ein Jahrhundert nach Lessing
und vier Jahrhunderte nach Luther leben, und daß es trotz
aller naturalistischer Phrasen ein Schimpf ist, sich in einer bereits

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so hochentwickelten Sprache nicht reiner und geschmackvoller
ausdrücken zu können? Was sind "drängend volle Straßen", wer
"lebet", "schwebet", "steiget" heute noch, wer reimt ungestraft
auf "Fittig" "litt' ich", wer wird "feigen Quark" nicht als ungenießbar
zurückweisen?

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Gustav Renner leidet noch stark an den Fehlern der Autodidakten.
Er bevorzugt, statt als Mann des Volkes die raffinierten Formen
der Kunstpoesie zu meiden, das Sonett und schwärmt zuweilen
in einem Jambenpathos, für dessen Breite wir den rechten
Ernst verloren haben. Aber er entschädigt durch interessante und

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tiefgehende Reflexionen wie in dem Zyklus "Gedanken und
Stimmungen. Bruchstücke zu einem Drama" und durch eine oft
herrliche Energie der Empfindung. Bittrer Kampf und verzweifelnde
Not sprechen aus vielen seiner Lieder und Töne des Hasses
klingen auf, die ich, beglückt, als echt empfand. Beglückt:

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denn man hört sie selten im trägen, servilen Deutschland. Es wird

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viel mit revolutionärer Tinte geschrieben, aber hier ist Blutfarbe,
hier ist Recht weil Macht zur Revolution, hier bäumt sich wirklich
einmal ein Mensch, ein Mann, ein Egoist gegen die rohe Unvernunft
seines sozialen Schicksals. "Wenn ihr" - ruft der "in Not

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und Armut lebendig Begrabene" den Salon-Pessimisten zu -

        "Wenn ihr des Lebens eiserne Galeere
        Nur rudern solltet mit den blut'gen Händen
        Und ohne Aussicht auf den sichern Port -

        Ihr würdet selbst, mit einem Flucheswort

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        Das Boot durchstoßen, um die Qual zu enden,
        Und dann versinken mit der ganzen Fähre."

Jahr um Jahr hat keiner "den dumpfen wilden Schrei" seiner
Seele gehört. "Fühllos schreiten sie alle hinweg über" sein
"Haupt, und Keiner" zieht ihn empor "an das goldne, leuchtende,

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atmende Licht - Keiner!" Und oft trennt "nur die Tat, von
Feigheit im Entstehn verschlungen, allein" ihn "noch vom Mörder,
der satt vom eklen Mahl des Lebens, selber Zuletzt sich anfüllt
und, die morsche Schale Zerbrechend, sprengt den Wein
zum Opfer aus. Als Dank den Göttern, die das Mahl gespendet,

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Freigebig, reich und prangend."
Aber, -

        "Wer mich in die dunkle Erde senkt,
        Der gebe das Messer, das scharfgeschliffen,
        Mir in die Faust,

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        ln die bleiche, die kalte, die todesstarre,
        Daß wenn uns die Auferstehung weckt
        Zur ewigen, süßen Glückseligkeit,
        Als Schäflein zu weiden auf grüner Wiese,
        Weiße Schäflein auf grüner Himmelswiese -

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        Ich einbreche in die selge Flur.
        Das Hallelujahgedudel zu stören,
        Den Tod in die fade Welt zu bringen,
        Den Tod, den düstern. im Gefolge,

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        Und die Not und die Angst und den grimmen Hunger.
        Und rinnen soll das rote Blut
        Gleich Purpurbächen auf grüner Wiese,
        Auf grüner Wiese das rote Blut."

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Es ist dies ein gewisses rhetorisches Schwelgen in wilden Vorstellungen,
aber sollte nicht gerade hierin ein Wahrheitsbeweis der
leidenschaftlichen Grundstimmung liegen? In jedem Falle redet
hier ein Mensch, der die ursprüngliche Heftigkeit seiner Gefühle
noch nicht "überwunden hat", der da weiß, dass jene Devise historisch

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Empfindender "Alles verstehen heißt alles verzeihen" allerdings
ein gutes Schlafmittel ist, aber kein Zeichen, unter dem
ein starkes, lebenbejahendes Individuum sich und seinesgleichen
durchzusetzen vermag.
Nicht dieses "feige zärtliche Gewimmer von halbem Trotz und

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halber Liebe immer: - Krieg bis aufs Messer oder stumpfer
Glaube!" predigt er "den Lauen" und schreibt dem Pöbel um
sich herum die gleiche "Absage" wie dem "Lumpen im Fracke";
denn -
        "Wenn aus den Höh'n, wo thront die Welt, die feine,

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        Verachtung stromweis mir aufs Haupt geflossen,
        Habt ihr mit schmutzigem Witze mich begossen,
        Bisst ihr aus niedrem Neid mich in die Beine".
 
Aber bei alledem liebt er seine "holde Amme, Not" und seinen
"Schmerz", der ihm den "kühnen Haß", das "eisige Verachten"

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und den "bohrenden Zweifel" gelehrt, und schließt mit einem
Triumphlied auf das "Leben, - die heiße Schlacht um Sein und
Nichtsein, um Alles und Nichts." Große Phantasien heben ihn
immer wieder von "des Tages trüben Stundentreppen" aufwärts.

        "O, einen Tritt dem kleinen Erdenball,

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        Daß er, im glühen Donnerschwindelrasen,
        Sich um die funkensprüh'nde Sonne schwingt
        Und seine Lichtspur, die er auf dem Pfad
        Zurückläßt, einholt und zum Kreis sie rundet,
        Darin die Sonn', ein trunknes Auge, lacht!

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        Daß sich in diesem schnell und schnelleren Lauf
        Zu Tagen drängen diese schleppenden Jahre
        Und sich in solchen Tages kurzem Ringe
        Die Jahreszeiten auf die Fersen treten:

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        Blüte und Frucht und Welken nacheinander.
        Daß alle Last und alles Leid, auf diesen
        So schwindelnd engen kurzen Raum gesperrt,
        Nur höher lohe und so tiefer fresse.
        O welche Fülle in der kurzen Spanne,

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        In diesem schwindelnden Minutendasein,
        Wo jeder Atemzug für Tage zählt:
        Wo kaum das Auge sieht die Nacht sich dunkeln
        Und schon der Tag auf ihren Rücken springt -
        Ein flücht'ger Blick der Tag, die Nacht ein Schatten..."

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Oder er sieht die Menschheit als "ein göttlich Wesen", einen
"Wunderbau" "bis in die Wolken reichend", er schildert den Tod
wie er auf der Kugel der Pistole reitet, träumt uns alle als die
Gedanken eines göttlichen Riesenhirns, trauert, daß er die Taten
künftiger Jahrhunderte nie schauen kann, wünscht sich vom

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Tode wie eine Tanne vom Sturm entwurzelt und beendet den Zyklus
in einem Aufschwung heißen Selbstvertrauens -

        "Nur Licht und Freiheit!
        Wie sollen dann die Schwingen sich entfalten!"...

Der diesen Stücken vorangehende Teil der Sammlung enthält

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manches Wertlose und Konventionelle. Im Hinblick auf das Buch
als Ganzes aber wiederhole ich, daß es durch eine kritische Revision,
eine Streichung, Zusammendrängung, Nach- und Umkomposition
vieler Stellen außerordentlich gewinnen könnte. Augenblickliche
Begeisterung mag vieles vergeben oder übersehen, das

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endliche Urteil der Geschichte tut dies niemals. Ich denke dabei
an Unmöglichkeiten wie: "Und, festgekreuzigt an der Jammererde,
- Voll Wunden und verachtet und gemieden, - Gellt des
gequälten Herzens heißer Schrei"; "Ich nage in Verzweiflung

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meine Hände... - Wie Gott in seinem Ebenbild sich schände";
"Ob du ein Lump im Fracke, - Ob du ein solcher in zerrißner
Jacke"; "Grausam ist die Natur im höchsten Grad", "Du
stickst den Schrei", "Der Faust, den ich heut erstmals lesen

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wollte"; "Wohin du blickst, da tauet Segen nieder, - Daß Neid
und Mißgunst nebelgleich entschwand - Und sich entwaffnet
zürnende Gebärde" usf..
Wird Gustav Renner sich in dieser Hinsicht zu vervollkommnen
und wahrhaft zu bilden vermögen, so werden auch kultur- und

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kunstsinnigere Kreise, als die politisch-ästhetischen, in welche er
geraten sein mag, seine Bücher mit edlem Gewinn lesen. Ein
skeptisches Auge aber mag gerade darin eine feine Ironie sehen,
daß ein so überaus deutschtümelnder Entdecker, der ihm doch
sicher bei der ersten Herausgabe hülfreich zur Hand gegangen,

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seine Aufmerksamkeit nicht auf die sprachliche Seite seiner
Dichtungen gelenkt hat. Denn worüber hätte ein Agitator der
"deutschen Volksseele" eifriger wachen sollen, als gerade dar-
über, daß das heiligste Gut seiner Nation, ihre Sprache, in einem
von ihm in die Öffentlichkeit lancierten Buche nur Ehre erfahre?

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Christian Morgenstern

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 97ff.