München in Berlin?

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56. München in Berlin?

München ist nicht nur die Stadt der peinlichen, unliebsamen Sezessionisten:
es gibt auch noch wahre Künstler dort, vor deren
Bildern das biedere Schultesche Publikum so recht mit Behagen
und Wohlwollen vorbeipromenieren kann. Endlich einmal etwas

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Ernstes, Gediegenes nach den Klecksereien der 24er und 11er.
Endlich einmal ein Maler, der geschmackvoll nur das uns entgegenträgt,
was jeder gern sieht und vor allem: was jeder sieht. Ein
Künstler, der die Weisheit hat, der Mode entgegenzukommen
und damit mehr Freude bereitet als die eigensinnigen Einsiedler

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mit ihren tagfremden Problemen. Ja. da liegt's. Mehr Freude
wohl, im quantitativen Sinne. Aber auch nur einem einzigen eine
tiefe? Gesetzt, eine der eleganten Damen F. A. Kaulbachs stiege
aus dem Rahmen herab in den Saal, vielleicht die Schöne in dem
grünen Gewand: sie würde bewundert und umschwärmt sein -

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von den alten Herren im Zylinder, den Offizieren, den Referendaren
und allen jüngeren Semestern. Und dann käme zufällig ein
Piglheinsches Weib in den Saal. Man würde es kaum bemerken
und nur der und jener vergäße etwa die andre Frau und fühlte
sich vor der Fremden durch ein il ne saurait quoi merkwürdig

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ergriffen und trüge eine Welt von Fragen und Gedanken mit sich
fort, wie sie ihm lang nicht aufgeklungen. Und aus diesen Fragen
und Gedanken stiege irgend etwas Großes hervor, eine Tat, ein

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Kunstwerk oder auch nur eine erlösende Stimmung oder ein
Wollen und Sehnen. Indes jene andern sich auf Wochen hinaus
mit Stoff für ihre Zirkel versorgt empfänden...
F. A. Kaulbach hat in seinen verschiedenartigen Porträts stets den

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Vorzug, geschmackvoll zu sein. Eine Höflichkeit ist der anderen
wert, drum darf man ihm, ohne zu heucheln, sein Kompliment
machen. Seien wir gerecht: es gibt viele "Künstler", die uns nicht
einmal zu Komplimenten herausfordern. Wer die Linden im
März nach Kunst abgesucht hat, wird dem lachend beipflichten.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 133f.


Wikipedia:Friedrich August von Kaulbach