Monte Testaccio

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Auf der Römer Scherbenberg
bin ich stumm gestiegen,
sah Natur und Menschen werk
weit im Kreise liegen.

5

Eine Blume pflückt' ich rot
wie im reichsten Garten,
und die weichste Wiese bot
Stätte meinem Warten.

Luft so klar und Licht so mild -

10

Ferne duftumwoben -:
Ewigjungen Lebens Bild
grüßte mich auch droben.

Und doch, seltsam! unter mir
Scherben, nichts als Scherben.

15

Und ein Kreuz als rechte Zier
über all dem Sterben.

Schaudernd griff's mich selbst wie Tod
überm Graus der Krüge:
Auge hell und Lippen rot,

20

wärt auch ihr nur Lüge?

War' auch ich nur Scherbenbrast,
glänzend nur verkleidet,
derdem Spaten, der ihn fasst,
bald den Stich verleidet?

25

Gierig sog ich Luft und Licht.
Nein, Dämonenwerben!
Nein, noch sind wir Scherben nicht,
ging auch viel in Scherben.

Noch ist vieles ganzer Stein,

30

Urgestein voll Stärke.
Und was blüht auf meinem Rain,
sind nicht Lügenwerke. -

Saß dann lang noch, sank in mich. -
War' selbst Schutt dein Leben - -

35

selbst auf Schutt noch kannst du dich
über die Welt erheben.

 

 

Lyrik | Nachlese zu Melancholie
I: Abend im Park | Sternennacht | Musik | Nacht am Flusse | Junger, blasser, feiner Knabe | Von diesem Berg | Glockensturm im Tal | Lied an die Dämmerung | Ich trat ans Fenster | Seltsam, wie dort im Spiegel | Der kann von Liebe
II: Porto fino | Bist du, Herz, nicht trunken | Zum Abschied | An Eva P. | Vor einer Postkarte
III: Monte Testaccio | Auf den Annemonenwiesen der Villa Pamfili bei Rom | Piazza Barberini
Farnesina: Venus vor Zeus | Zug der Galatea
Von Rom zu scheiden | Pabstjubiläum 1903 | Dass es nur nicht | Frage ohne Antwort | Ich bin nicht öfter groß | Tret ich zu einer Pilgerschar | Ihr übermütigen Schellenknaben | Fiesolaner Ritornelle
IV: Ein Gedicht Walthers von der Vogelweide | Im Walther-Ton
V: Einer Jugendfreundin | Er, der uns zum Gipfel führt | Zu Nieblum will ich begraben sein | Die Heulboje | Dunkler Tag | Die Sterbende | Alles gut weil alles Gott | Sieh, des Herbstes Geisteshelle | Ich will vom Menschen nicht lassen | Genug oft
VI: Nicht noch einmal - | Leben ohne Antwort | Non veder, non sentir m'è gran ventura | Verantwortung | Durch manchen Herbst | Sei bereit | Dunkler Tropfe


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 2, S. 59f.


"Der Monte Testaccio, der achte Hügel Roms, ist nichts anderes als ein gewaltiger Müllhaufen. Wo immer die Archäologen in die Tiefe graben, finden sie Scherben von Amphoren." (1)

José Remesal, Archäologe, über den Monte Testaccio: "Der Monte Testaccio steht für die Macht Roms. Der gigantische Scherbenhaufen war ein Zeichen der Stärke Roms. Denn die Amphoren stammten aus Tributzahlungen der Provinzen. Noch im 18. Jahrhundert war es verboten, Scherben vom Monte Testaccio zu entfernen, denn das hätte dieses Symbol der römischen Macht zerstört." (2)