Neue Lyrik

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21. Neue Lyrik *

Ernst wie die Zeit, sind auch die Herzensoffenbarungen der meisten
ihrer Söhne. In den Stunden der Liebe allein klingen noch
helle, jubelnde Töne auf und aus Sprüchen und Parabeln lugt oft

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der alte, sonnige Schelm hervor, aber die Ensemble-Stimmung
ist tiefernst, resigniert. "Pessimistische Gedichte" nennt der eine
sein Buch, "Flugsand" ein anderer und ein dritter "Nichts!" Und
noch etwas fühlt man ergriffen heraus: Je drückender und zweifelhafter
die Außenwelt sich gestaltet, desto heiliger wird manchem

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seine Muse, desto inniger spricht er mit sich und den wenigen,
die ihm lauschen, von dem, was er erlebt und geschaut.
Gleichviel, wie er es sagt: man spürt jene schöne Redlichkeit dahinter,
die wir an den formgewandten Trobadouren glücklicherer
Dezennien häufig vermissen.

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"Flugsand" von Hans v. Unruh (Maximilian Böttcher) sind
ebenso wie Sigmar Mehrings "Nichts" Äußerungen reifer Männer,
das erste durch eine an M. v. Strachwitz gemahnende Gradheit
und strömende Empfindung sich auszeichnend, das zweite
einen geist- und kraftvollen Denker in vornehmen Versen verratend.

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Bei diesem ist alles knapp, pointiert und manchmal fast zu
sehr Form, bei Hans v. Unruh hat man mehr den Eindruck von
Tagebuchblättern, die im Lauf der Jahre sich angesammelt haben,
und in denen oft eine gewisse Breite sehr begreiflich erscheint.

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Unter seinen modernen Stoffen hat mich Perdita in Inhalt wie
Form am stärksten berührt und (neben anderem Fesselnden) der
Glückstanz mit dem Kehrreim:

_______________
* Hans v. Unruh (Maximilian Böttcher): Flugsand. Gedichte. Berlin
1894. Autorenverlag. Sigmar Mehring: Nichts. Reimklänge. Rosenbaum &

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Heut. 1895. Peter Merwin. Pessimistische Gedichte. Leipzig,
Verlag von Wilhelm Friedrich. Hugo Grothe-Harkányi: Frauenprofile.
Illusionen. Zürich 1895. Verlags-Magazin. Paul Grotowsky. Gedichte.
Grossenhain und Leipzig. Verlag von Baumert & Ronge, 1894.

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        Heissa, die Freude winkt,
        Schwing' dich im Wirbeltanz,
        Bis sich der Totenkranz
        Dir um die Stirne schlingt.

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ein Gedicht, das ich von Sattler illustriert und von einem Musiker
à la Franz komponiert haben möchte. Auch von Sentenzen und
satirischen Episteln ist vieles sehr treffend, wenn er auch hierin
die scharfe und witzige Polemik S. Mehrings nicht erreicht. In
gepanzerten Strophen greift dieser die religiösen Heuchler und

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Ketzer, "die Rücksichtsvollen", die "Moralisten", die "liberalen
Brüder" und ähnliche Lieblinge an, um darauf die Waffen fortzulegen
und in der Schellenkappe den Kampf höchst gewandt und
ergötzlich fortzusetzen. Tiefempfundene Sonette auf den Tod seiner
Mutter bilden den Schluß des Eigenen, woran noch eine

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Reihe ganz vorzüglicher Übertragungen ausländischer Lyrik sich
anfügt.
Wir Deutsche setzen uns so gern über das Formelle hinweg, wenn
uns der Inhalt dafür entschädigt. Ich bin im Grunde ein Gegner
dieser saloppen Anschauung; ich meine, daß ein wahrer Künstler

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seinen Stoff auch stets edel gestalten wird. Und dennoch bin ich
unter der Lyrik, die ich jüngst durchblätterte, am meisten über
ein Werkchen erstaunt, dessen Poemen man wahrlich keine
Formvollendung nachrühmen kann.
Als ich die "Pessimistischen Gedichte" von Peter Merwin zuerst

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aufschnitt, glaubte ich etwas in der Hand zu haben, womit man
im Freundeskreis Lacherfolge erzielen könnte. Aber während ich
einem Bekannten ein Stück daraus vorlas, überkam es mich eigen.
Die nachlässige Form, die wunderlichen, vielfach unbeholfenen
Verse und Bilder verloren immer mehr an Bedeutung, je

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mehr mich die Empfindung durchströmte, hier einen wirklichen
Dichter vor mir zu haben. Das war ja in vielen Strophen ein Volkston,
wie ich ihn sonst nur von Gottfried Bürger gehört hatte. Und
das waren leibhaftige Balladen. Und je öfter ich in jenes Buch
sehe, dem ich so bitter unrecht getan, desto fester wird meine

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Überzeugung. In Peter Merwin steckt eine urwüchsige Begabung
zur volkstümlichen Ballade, wie sie in unserer Zeit längst abhanden
gekommen zu sein schien. Das Liedchen "Die Schalmeie" in
seiner rührenden Einfachheit hätte die Fähigkeit, ein wirkliches

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Volkslied zu werden, wenn es in unserer Zeit überhaupt noch
Volk im alten Sinne gäbe. Die tragischen Ausgänge der drei Fürsten
Ludwig, Rudolf und Friedrich verwebt er in eine mitternächtge
Totenfeier -

        Da rauscht es, - wie Mann entsteigt es der Flut.

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        Breitschultrig, ein Juwel am Hut;
        In triefendem Gewände
        Treibt schwer die Gestalt zu Lande.

        Und flattert zum Schwärme in vornehmer Scheu
        Die machen ihm eine Gasse frei

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        Und beugen vor ihm sich und neigen
        In ehrfurchtsvollem Schweigen.

Das ist des Leides König. Zu ihm gesellt sich des Leides Kaisersprosse
und als dritter

        In Übergröße ein Mannsgebild

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        Mit ernstem Auge, blau und mild:
        Durch Risse flimmert der lichte
        Mondstrahl im Wolkengesichte.

        Es wallt bis zur Brust der blonde Bart:
        Ein Hell auf Dunkel nach Wolkenart:

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        Am Knauf die Hände legen
        Sich um den mächtigen Degen.

Das war des Leides Kaiser. Auch der junge Autor - man sagt mir,
er lebe in Magdeburg, von niemandem fast gekannt, ist ein heimlicher
Kaiser im großen Reich des Leides: wohin er schaut, sieht

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er den Tod. das Unglück, die Lüge in jeder Form und in tiefsinnigen
Stimmungen und Fabeln windet er aus der schwermütigen
Flora seiner Seele dunkle Kränze. Es ist ein "Spielen mit dem

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Grauenhaften", wie er es in einem seiner packendsten Stücke beschreibt;
aber was mich, trotzdem ich ihm alles als wahr empfunden
glaube, über diesen Pessimismus tröstet, ist, daß es eben
noch künstlerisch und mit hoher Eigenart gewundene und verzierte

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Kränze sind, die uns so schmerzlich anmuten, daß es kein
Verlorener ist, der in narkotischer Blütenfülle wühlend, mehr und
mehr sich erschlafft und verliert. Es ist eine ebenso häufig beobachtete
wie begreifliche Erscheinung, daß frühgereifte Jugend
aus dem Trümmerfeld zerschlagener Ideale erst nach langer Verzweiflung

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wieder auf sonnige Wege findet, aber in wem die Katastrophe
nicht den Mann gebrochen hat, der lernt vielleicht noch
einmal - um mit einem zu reden, den ich Peter Merwin gern verschreiben
möchte - über seine Gräber hinwegtanzen.
Aus einem anderen Buche, das vor mir liegt, schlägt mir jener

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schwüle, gefährliche Hauch entgegen, von dem ich soeben
sprach, jene mehr berückende als beglückende Schönheit, in der
so viel Müdigkeit ist, so viel Sehnsucht -

        "Nur einmal selig schlafen
        Und erwachen

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        In verjüngter Kraft..."

Denn von eigentümlichen Reiz sind die "Frauenprofile und Illusionen"
Hugo Grothe-Harkányis unzweifelhaft. Eine elegante,
bleiche Aristokratenhand hat diese Rhythmen geschrieben, eine
Chopinnatur die wunderbare Liebesapostrophe: "Chopin ist wie

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Dein Herz ...", "Es warf der Mond sein weiches Seidennetz ..."
und noch viele andere eigenartige und zauberhafte Stimmungsbilder,
worunter einige Naturphantasien, die stellenweise an Peter
Jakobsen erinnern, nur daß bei Grothe-Harkányi eine raffinierte
Sinnlichkeit bis in die zarten Felsen des Strandes dringt,

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daß sie, der Zackige und seine schmiegsame Genossin, im Hochzeitsbett
des Meeres einst ihre Umarmung erhoffen. Von dem interessanten
Ungarn zuletzt noch zu einem, dem "des Vaters feurig
Polenblut" in seinen Pulsen schlägt, der jedoch vom "deutschen
Mütterlein" die Gabe dazu ererbt hat. seine Leidenschaft

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in schöne Maße einzuhändigen. Paul Grotowsky, wohl der jüngste
der fünf hier genannten, ist auch der Frischeste, Reimfreudigste
von ihnen, womit jedoch nicht gesagt ist, dass er auch die meiste
Individualität besitzt. Seine Eigenart ist vorläufig noch zu sehr

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in sprudelnder Jugend versteckt, als daß man schon sagen
könnte, ob hier ein Neutöner oder nur ein gefälliger Variant alter
Weisen sich ankündet. Es sind indessen so liebenswürdige, ja
tiefempfundene Stücke darunter, daß man der Entwicklung des
Verfassers mit Interesse folgen wird.

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Alt- oder Neu-Ton! Ja, that is the question. "Was heißt überhaupt
Neu-Ton? Darf man nicht mehr in Reimen, in Strophen schreiben?
Nicht mehr von keuscher Liebe, von weichen Mondnächten,
von Nachtigallen singen?" Wer fragt da! Dürftige Leute:
Solche, denen ein stetes "darf man?" in ängstlicher Seele lauert.

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Der echte Künstler setzt vor jegliches Zeitwort sein stolzes "Ich"
und wird von allem reden, wovon ihm gerade das Herz voll ist,
und in neuen Tönen, da es seine Töne sind.

Christian Morgenstern

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 67ff.